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Jorinde und Joringel

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[[Johann Heinrich Jung-Stilling]] beginnt seine Autobiographie ''[[Heinrich Stillings Jugend]]'' mit dem Heiratswunsch seines Vaters, wobei zwei Nachtigallen erwähnt werden, die ''wechselseitig auf das allerliebste'' singen. Das Elternhaus steht am Fuße des ''Geisenberges'', auf dem das ''Geisenberger Schloss'' steht, eine Ruine, um die der Geist des einäugigen Räubers ''Johann Hübner'' spukt. Es ist die [[Ginsburg]] auf dem Ginsberg (heute bei Grund, Stadtteil von [[Hilchenbach]]). Stillings Vater und seine Frau Dortchen gehen dort während der Hochzeit und nach der Geburt ihres Sohnes spazieren. Dabei wird jeweils ein bedeutungsschweres Lied wiedergegeben, deren ersteres vom ''Ritter mit dem schwarzen Pferd'' Motive des Märchens wie Vogel, Mond, Ring und Gifttod vorwegnimmt. Dortchen fühlt sich krank und freudlos und stirbt später, worauf ihr Mann untröstlich immer wieder im Wald herumgeht.
 
Das Märchen selbst wird an späterer Stelle von Tante Mariechen erzählt. Währenddessen sucht der Großvater Holz und hat eine Vision seines bevorstehenden Todes, in der das verstorbene Dortchen ''„wie eine Jungfrau“'' aus der Tür eines Schlosses tritt. Im letzten Satz des Buches werden nochmal ein Paar einsame Täubchen auf dem Grab des Großvaters erwähnt, die sich zwischen den Blumen liebkosen. Auch in der Fortsetzung ''[[Heinrich Stillings Jünglingsjahre]]'' gibt es immer wieder Rückblicke zu Mutter und Großvater bei der Schlossruine, wobei auch in eigenen Gedichten von untergehender Sonne, Tauben, Mond und Morgentau die Rede ist. Die übrigen Teile enthalten keine Anspielungen mehr. Jung-Stilling verdichtet hier mythologischen Stoff unter moralischer Intention, worauf er später offenbar aus autobiographischer oder theologischer Gewissenhaftigkeit verzichtet. Trotzdem erscheint in seinem Roman ''[[Die Geschichte des Herrn von Morgenthau]]'' wieder eine Waldruine als melancholischer Zufluchtsort des Trauernden, der nach Rettung durch den Helden kommentiert, er habe da ''„unter Zichim und Ochim gewohnt“'' (vgl. ''Zachiel'' im Lied der Hexe). Die Szene wird wieder mit Mond, Abend- und Morgensonne, klagender Musik, Turteltaube, Tautropfen, [[Rosen|Rose]] und [[Königskerzen]] beschrieben.<ref>Johann Heinrich Jung-Stilling: ''Die Geschichte des Herrn von Morgenthau.'' In: ''Johann Heinrich Jung genannt Stilling. Sämmtliche Schriften.'' Band VI 9. Olms, Hildesheim, New York, 1979, ISBN 3-487-06816-8, S. 435–436, 450–453. Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1835–1838. Dem Nachdruck liegen die Exemplare der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart zugrunde. Signatur: Misc. oct 1304)</ref> Jung-Stillings Hauptwerk ''[[Das Heimweh]]'' kreist besonders um den Gedanken von Wiedergeburt aus Tränen. Die Initiationsrituale des Helden erinnern an antike [[Mysterienkult]]e, in denen göttliche Wahrheit gesehen wird.<ref>Johann Heinrich Jung-Stilling: ''Das Heimweh.'' Vollständige, ungekürzte Ausgabe nach der Erstausgabe von 1794–1796 herausgegeben. Eingeleitet und mit Anmerkungen und Glossar versehen von Martina Maria Sam. Im Anhang: Jung-Stillings «Schlüssel zum Heimweh». Am Goetheanum, 1994, ISBN 3-7235-0741-7, S. 287.</ref>
 
Jung-Stilling schrieb seine Jugendbiographie 1772 nach seinem Medizinstudium. Sein Studienfreund [[Johann Wolfgang von Goethe]] kürzte und veröffentlichte sie 1777 als ''Henrich Stillings Jugend. Eine wahrhafte Geschichte''. Der Verfasser blieb trotz verfremdeter Personen- und Ortsnamen nur kurze Zeit unerkannt und wurde dann nach der Hauptperson ''Jung-Stilling'' genannt. Nach seiner Aussage hatte Goethe dem Buch keine "Verzierungen" hinzugefügt. Die Fortsetzung (1778) und die übrigen Bücher veröffentlichte er selbst.<ref>Dieter Cunz. In: Johann Heinrich Jung-Stilling: ''Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben.'' Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1997, ISBN 3-15-000662-7, S. 367–368, 377–378, 398.</ref> Es lässt sich nicht nachprüfen, ob er das Märchen wirklich von seiner Tante gehört hat oder inwieweit es sich sonst um ein [[Volksmärchen]] handelt. Die sorgfältige Textkomposition spricht für literarische Bearbeitung höchstwahrscheinlich durch Jung-Stilling selbst. Nach heutigen Erkenntnissen müsste er es auf der Grundlage verschiedener Einflüsse erfunden haben, da direkte Vorläufer fehlen.