Spaziergang

Gehen zum Zeitvertreib und zur Erbauung

Ein Spaziergang (im 15. Jahrhundert entlehnt von italienisch spaziare „sich räumlich ausbreiten, sich ergehen“) ist das Gehen (Ambulieren, Flanieren, Promenieren, Lustwandeln) zum Zeitvertreib und zur Erbauung.

Ein Spaziergang unter Kirschbäumen (Japan, 2011)
Spaziergang (Gemälde von Auguste Renoir, um 1875)

Man kann beispielsweise im Wald, in Parks oder den Deich entlang, aber auch in Geschäftsvierteln der Stadt als Flaneur oder zum Schaufensterbummel spazieren. Spaziergänge können der Entspannung, der Erholung oder der beobachtenden und gedankenvollen Muße dienen. Menschen gehen auch wegen der Sonne, der frischen Luft, Bewegung und zum „Tapetenwechsel“ spazieren. Ein Spazierstock erleichtert und beschwingt das Gehen.

HistorischesBearbeiten

Der Ursprung des Spaziergangs ist das aristokratischeLust­wandeln“ in Gärten und Barockparks, später kam eine soziale Komponente hinzu (Kontakte knüpfen, ungestört Gespräche führen). Die Entwicklung von Parks oder Promenaden hängt unmittelbar mit dem Spaziergang zusammen. Unter Bürgerlichen ist er im 18. Jahrhundert in Mode gekommen. Als Brauch war er zu bestimmten Zeiten in Deutschland sehr verbreitet – so der Osterspaziergang (vgl. dazu Goethes Faust I) oder Pfingstspaziergang.

Manche Orte mit touristischer Bedeutung, Kurorte und Seebäder, haben Promenaden, auf denen man spaziert (promeniert oder flaniert). In Kurorten wurden hierfür eigens Rundwege angelegt, die Spaziergänge genannt wurden. Das langsame Gehen war ein wichtiger Bestandteil der Trinkkur.

Spaziergänge werden bisweilen auch getätigt, um der Abhörung durch Dritte zu entgehen: Während vertrauliche Gespräche relativ leicht abgehört werden können, wenn die Gesprächspartner sitzen, gestaltet sich dies bei Spaziergängen schwierig.

Der Spaziergang in Literatur und Bildender KunstBearbeiten

Ein berühmter Spaziergänger war Goethe (Ich ging im Walde | so für mich hin,| und nichts zu suchen,| das war mein Sinn.).[1] An seiner bevorzugten Ruhebank im Frankfurter Stadtwald wurde später der Goetheturm errichtet.

 
Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer (um 1817)

Literarisch bedeutsam wurde Der Spaziergang durch Friedrich Schillers Elegie (so der ursprüngliche Titel), worin Schiller anhand des Beobachtens und Nachsinnens des bergauf Ziehenden seine eigene Natur- und Geschichtsphilosophie entfaltet. Das Gedicht schließt mit der befreienden Zeile Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns. Zum Beispiel eines solchen damals noch üblichen Riesenspaziergangs das romantische Gemälde von Caspar David Friedrich.

Ein viel gelesener Reisebericht des leidenschaftlichen und beobachtungsstarken Weltdurchwanderers Johann Gottfried Seume war sein Spaziergang nach Syrakus im Jahr 1802. Der Titel ist allerdings ironisch zu verstehen, da es sich bei Seumes Reise gerade nicht um einen lockeren Spaziergang, sondern um eine fast einjährige, teilweise gefährliche Wanderung über 6.000 Kilometer handelte. Ebenso ironisch bzw. untertreibend ist der Alpenspaziergang (1988) von Karl Lukan über seine fünf Monate lange Wanderung von Wien nach Nizza (mit seiner Frau Fritzi).

Auch haben dem Spaziergang z. B. Eichendorff (O Täler weit, o Höhen, | o schöner grüner Wald, | du meiner Lust und Wehen | andächt’ger Aufenthalt)[2] und Adalbert Stifter (Der Waldgänger) in ihren Werken viel Raum gegeben. Franz Kafka schrieb u. a. eine Parabel mit dem Titel Der plötzliche Spaziergang und verarbeitete das Motiv des Spaziergangs in einem Kapitel seines Werkes Beschreibung eines Kampfes. Robert Walser war ein begeisterter Spaziergänger und verarbeitete dies in seiner Prosaarbeit Der Spaziergang. Ein monologischer Lobgesang auf den Spaziergang ist der 2010 erschienene Roman Spaziergänger Zbinden von Christoph Simon.

 
Carl Spitzweg:
Der Sonntagsspaziergang (1841)

Der deutsche Maler Carl Spitzweg malte Mitte des 19. Jahrhunderts mehrmals Familien auf Sonntagsspaziergang. Auch das Gemälde Der Spaziergang von Pierre-Auguste Renoir zeigt eine Frau mit zwei Kindern in Sonntagskleidung.

SpaziergangswissenschaftBearbeiten

Die an der Universität Kassel durch den Soziologen Lucius Burckhardt etablierte Promenadologie (Spaziergangswissenschaft) plädiert für langsames Wahrnehmen.[3]

RedewendungBearbeiten

Die Redewendung nach einer erfolgreichen Schlacht, Aufgabe oder Prüfung Das war ein Spaziergang soll ausdrücken, dass es eine leicht zu bewältigende Angelegenheit darstellte. Oder umgekehrt Das wird kein Spaziergang, sagt etwa ein Politiker vor einem Wahlkampf.

VerdauungsspaziergangBearbeiten

Verdauungsspaziergang ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für mäßige körperliche Betätigung, für Gehen an frischer Luft nach dem Essen. Er findet häufig nach dem Besuch von Gaststätten und im gehobenen Alter seine Fürsprecher. Zweck des Verdauungsspaziergangs ist eine Anregung der Darmtätigkeit. Die Bewegung unterstützt die Peristaltik des Verdauungstraktes. Entsprechend der Ausgiebigkeit einer Mahlzeit empfiehlt der Volksmund: Nach dem Essen sollst du ruh’n oder tausend Schritte tun. Die antiken Römer dachten bereits in gleicher Weise: Post cenam recreabis vel mille passus meabis.

Politisch motivierte SpaziergängeBearbeiten

Eine Vorläufer politisch motivierter „Spaziergänge“ findet sich im „Bummel“ nationalistischer Corpsstudenten in Deutschland und Österreich zwischen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Stefan Zweig beschreibt in Die Welt von Gestern seine Begegnungen mit Wiener Corpsstudenten:

„Bei jedem ‚Bummel‘ (so hieß jener Samstag der Studentenparade) floß Blut. Die Polizei, die dank dem alten Privileg der Universität die Aula nicht betreten durfte, mußte von außen tatenlos zusehen, wie diese feigen Radaubrüder wüteten, und durfte sich ausschließlich darauf beschränken, die Verletzten, die blutend von den nationalen Rowdies die Treppe hinab auf die Straße geschleudert wurden, fortzutragen.“

Stefan Zweig (1944)

Im Rahmen von Protesten gegen die Überwachungs- und Spionageaffäre kam es 2013 zu Kundgebungen vor einer nachrichtendienstlichen Anlage der USA bei Darmstadt, die anfänglich als „Spaziergänge“ deklariert waren und dann auf Drängen der Polizei als Demonstration angemeldet wurden.[4][5]

Die fremdenfeindliche Bewegung Pegida bezeichnete ihre ab 2014 veranstalteten Kundgebungen als „Spaziergang“, meldete sie aber als Demonstration an.[6] Diese sind regelmäßig von Gegendemonstrationen begleitet.[7][8]

Etwa seit Dezember 2021 versammeln sich in Deutschland und Österreich Gruppen zu sogenannten „Corona-Spaziergängen“, um gegen staatliche Maßnahmen vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie zu demonstrieren, jedoch bei Umgehung des Versammlungsrechts, das heißt, ohne die Demonstration als solche anzumelden. Dabei kam es wiederholt zu Gewalttaten gegen Ordnungskräfte.[9] Der Staatsrechtler Johannes Hillje bezeichnete die sprachlich verharmlosende Verwendung des Spaziergang-Begriffs als politisch motiviertes Framing[10]. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte im Januar 2022, der Spaziergang habe „seine Unschuld verloren“.[11]

Siehe auchBearbeiten

 
Studenten auf dem Weender Bummel (Postkarte um 1910)

LiteraturBearbeiten

  • Kirsten Krepelin, Thomas Thränert: Die gewidmete Landschaft. Spaziergänge und verschönerte Landschaften um Dresden. Werner-Verlag, Worms 2011, ISBN 978-3-88462-296-4, S. 303.
  • Gudrun M. König: Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs. Spuren einer bürgerlichen Praktik 1780–1850 (= Kulturstudien. Sonderband 20.) Böhlau, Wien 1996, ISBN 3-205-98532-X (zugl. Dissertation, Universität Tübingen 1994).
  • Martina Lauster: Walter Benjamin's Myth of the "Flâneur". In: The Modern Language Review, Band 102 (2007), No. 1, Januar, S. 139–156. ISSN 0026-7937

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Johann Wolfgang von Goethe: Gefunden
  2. Joseph von Eichendorff: Abschied. Im Walde bei Lubowitz, Volltext
  3. Gunnar Lammert-Türk: Wer geht, sieht mehr In: Deutschlandfunk Kultur, 28. Juli 2021, abgerufen am 1. August 2021.
  4. Judith Horchert: Daniel Bangert lädt zum Dagger Complex nach Griesheim. In: Der Spiegel. 19. Juli 2013, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 16. Februar 2022]).
  5. Hanning Voigts: Wenn der Staatsschutz zweimal klingelt. In: Frankfurter Rundschau. 16. Juli 2013, abgerufen am 16. Februar 2022.
  6. Marcus Lütticke: "Pegida" ins Netz gegangen. In: Deutsche Welle. 12. Dezember 2014, abgerufen am 16. Februar 2022 (deutsch).
  7. Hunderte protestieren in Dresden gegen Björn Höcke und Pegida. In: Tagesspiegel. 17. Februar 2020, abgerufen am 16. Februar 2022.
  8. Kassian Stroh: Kein Spaziergang. In: Süddeutsche Zeitung. 10. November 2015, abgerufen am 16. Februar 2022.
  9. Marcel Fürstenau: Von der Demo zum "Spaziergang" In: Deutsche Welle, 4. Januar 2022, abgerufen am 15. Januar 2022.
  10. Alexandra Friedrich: Corona-"Spaziergänge": Eine uralte Strategie radikaler Kräfte In: NDR.de, 30. Dezember 2021, abgerufen am 15. Januar 2022.
  11. www.bundespraesident.de: Der Bundespräsident / Reden / Gespräch zu Hass und Gewalt in der Pandemie. Abgerufen am 27. Januar 2022.