Sonderaktion Krakau

Verhaftung von Krakauer Hochschullehrern und anschließender Deportation in  Konzentrationslager

Die Sonderaktion Krakau war eine Aktion der deutschen Nationalsozialisten zu Beginn der deutschen Besetzung Polens. Am 6. November 1939 wurden 183 Krakauer Hochschullehrer verhaftet und anschließend 168 von ihnen in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau verschleppt. 15 der Deportierten starben während der Lagerhaft in den nächsten Monaten, andere nach ihrer Freilassung an den Folgen der Haftbedingungen, weitere wurden erneut deportiert und überlebten diesmal nicht.

Erinnerungstafel von 1999 zum 60. Jahrestag
Collegium Novum (1930)
Täter: SS-Obersturmbannführer Bruno Müller (zeitgenössisch)
Entlassungskarte aus dem KZ Dachau: Bogusław Leśnodorski (1940)

Reinhard Heydrich und sein Vorgesetzter Heinrich Himmler erklärten 1940 in internen Rückblicken, dass es das Ziel der Aktion war, Tausende von führenden Polen zu erschießen.[1]

VerlaufBearbeiten

Die FalleBearbeiten

Am 6. November 1939, zwei Monate nach Beginn des Überfalls auf Polen und der Besetzung Krakaus durch die Wehrmacht, kündigte sich der Jurist und Obersturmbannführer Bruno Müller, Leiter des SS-Einsatzkommandos 2/I, als Redner zu einem Vortrag über den „deutschen Standpunkt in Wissenschafts- und Hochschulfragen“ an der Jagiellonen-Universität an. Es kamen Professoren und Assistenten sowie einige Studenten, auch von der Bergakademie Krakau und der Handelsakademie Krakau. Der vermeintliche Vortrag entpuppte sich allerdings als Falle. Alle Teilnehmer der Versammlung, insgesamt 183 Personen, wurden von einem Kommando der deutschen Sicherheitspolizei unter Leitung Müllers verhaftet und in das Krakauer Gefängnis Montelupich gebracht. 15 der Verhafteten kamen nach kurzer Zeit wieder frei.

OpferBearbeiten

168 Wissenschaftler wurden am 9. November 1939 in drei Breslauer Gefängnisse und von dort Ende November in das KZ Sachsenhausen verbracht. Unter den 168 Deportierten waren Aleksander Birkenmajer, Franciszek Górski, Henryk Ferdynand Hoyer, Zdzisław Jachimecki, Władysław Konopczyński und Leon Wachholz. Zwölf Deportierte starben nach kurzer Zeit wegen der Haftbedingungen, drei weitere (jüdische) Hochschullehrer wurden in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet.[2]

ÜberlebendeBearbeiten

Einige Monate nach der Verschleppung wurden 43 Hochschulangehörige, die unter 40 Jahre alt waren, ins KZ Dachau verlegt; sie überlebten zunächst alle.[2] Sie und die Überlebenden aus dem KZ Sachsenhausen, wo zwölf[2] zu Tode gekommen waren, wurden wegen internationaler Proteste – sogar Mussolini ließ sich zu einer Intervention überreden – bis Oktober 1941 wieder freigelassen.

Unter den Überlebenden waren Aleksander Birkenmajer, Franciszek Górski, Henryk Ferdynand Hoyer (starb bereits 1947), Zdzisław Jachimecki, Władysław Konopczyński.

Weitere OpferBearbeiten

Einige der Verschleppten starben kurz nach der Freilassung an den Folgen der Lagerhaft (z. B. Arnold Bolland) oder wurden erneut verhaftet, wieder ins KZ deportiert und dort umgebracht, beispielsweise:

ErinnerungBearbeiten

  • Zur Erinnerung an die Opfer der „Sonderaktion Krakau“ gibt es im Collegium Novum der Jagiellonen-Universität eine Gedenktafel. Darüber hinaus werden jedes Jahr am 6. November schwarze Fahnen an den Gebäuden der Jagiellonen-Universität angebracht und vom Rektor Kränze an den Gräbern der Opfer niedergelegt.
  • Am 21. November 2009, 70 Jahre nach den Vorfällen, wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen eine Ausstellung eröffnet: Vergessene Vernichtung? Polnische und tschechische Intelligenz in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück zu Beginn des Zweiten Weltkrieges[3]

LiteraturBearbeiten

 
Jochen August Sonderaktion Krakau 1997, Inhaltsverzeichnis, 1
 
Jochen August Sonderaktion Krakau 1997, Inhaltsverzeichnis, 2
  • Jochen August (Hrsg.): „Sonderaktion Krakau“. Die Verhaftung der Krakauer Wissenschaftler am 6. November 1939. Hamburger Edition, Hamburg 1997, ISBN 3-930908-28-X.
  • Henryk Pierzchała: Wyrwani ze szponów Państwa-SS. Krakau : Poligrafia Kurii Prowincjalnej Zakonu Pijarów, 1998.
    • Henryk Pierzchała: Den Fängen des SS-Staates entrissen. Die „Sonderaktion Krakau“. Vorwort Roman M. Zawadzki. Übersetzung. Krakau : H. Pierzchała, 1998.
  • Henryk Pierzchała: Mechanizmy eksterminacji krakowskich uczonych w "Akcji Specjalnej Kraków" – "Sonderaktion Krakau" : 1939 - 1945. Krakau: Wydawn. i Poligrafia Kurii Prowincjonalnej Zakonu Pijarów, 2007, ISBN 978-83-7269-264-1.
  • Irena Paczyńska: Aktion gegen Universitäts-Professoren (Kraków, 6 listopada 1939 roku) i okupacyjne losy aresztowanych. Krakau : Wydawnictwo Uniwersytetu Jagiellońskiego, 2019, ISBN 978-83-233-9973-5.
  • Maria Wardzyńska: Był rok 1939 : operacja niemieckiej policji bezpieczeństwa w Polsce Intelligenzaktion. Warschau : Inst. Pamie̜ci Narodowej, Komisja Ścigania Zbrodni Przeciwko Narodowi Polskiemu, 2009, ISBN 978-83-7629-063-8.
  • Jan Gwiazdomorski: Wspomnienia z Sachsenhausen. Dzieje uwięzienia profesorów Uniwersytetu Jagiellońskiego, 6 XI 1939 – 9 II 1940. Krakau: Wydawnictwo Literackie, 1975.
  • Günter Morsch, Agnes Ohm (Hrsg.): Vergessene Vernichtung? : polnische und tschechische Angehörige der Intelligenz im Konzentrationslager Sachsenhausen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Ausstellung. Berlin : Metropol, 2013 ISBN 9783863310936
  • Jan Zaborowski, Stanisław Poznański: Sonderaktion Krakau : w dwudziestą piątą rocznicę 6 listopada 1939. Warschau: Związek Bojowników o Wolność i Demokrację, 1964
  • Stanisław Pigoń: Erinnerungen an Sachsenhausen (1939-1940). Übersetzung Gisela Kowol. Wien: Werk Janineum, 1988²

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Rede Himmlers am 7. September 1940, in: Dokumente zum Nürnberger Prozess, zitiert bei Jochen August: „Sonderaktion Krakau“. Die Verhaftung der Krakauer Wissenschaftler am 6. November 1939. Hamburg 1997, ISBN 3-930908-28-X, S. 19.
  2. a b c Uwe von Seltmann: Jagd auf die Besten. In: Der Spiegel (ursprünglich: einestages). 6. November 2009, abgerufen am 9. September 2020.
  3. Die gezielte und vergessene Vernichtung der Elite (Memento vom 7. Juli 2014 im Internet Archive). In: Basler Zeitung, 20. November 2009, abgerufen am 10. September 2020.