Solidarische Landwirtschaft

Kooperation von Landwirten und lokalen Verbrauchern in einer regionalen Vertragslandwirtschaft

Solidarische Landwirtschaft (kurz Solawi; auch Landwirtschaftsgemeinschaft, Versorgungsgemeinschaft, in Österreich auch Gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft (GeLaWi) oder – speziell in der Schweizregionale Vertragslandwirtschaft sowie in den USA Community-supported agriculture bzw. kurz CSA) bezeichnet eine Organisationsform in der Landwirtschaft, bei der eine Gruppe von Verbrauchern auf lokaler Ebene mit einem oder mehreren Partner-Landwirten kooperiert. Die Verbraucher geben eine Abnahmegarantie für die Produktion (etwa für eine halbe oder eine ganze Saison) und werden im Gegenzug auf verschiedene Weise in die Produktion einbezogen. In der Regel gibt es die Möglichkeit, den Erzeugerbetrieb regelmäßig zu besuchen und sich durch Mitarbeit wie durch Mitsprache einzubringen.

Wochenanteil an Gemüse und Obst eines Community-Supported Agriculture-Projektes in den USA.

Einige Initiativen setzen einen monatlich fix zu zahlenden Betrag fest. In anderen Fällen kann der gezahlte Betrag der monatlichen Abnahme oder der eigenen finanziellen Situation angepasst werden. Häufig geben einzelne oder alle Mitglieder Darlehen an die Erzeuger, um größere Investitionen wie den Aufbau des Hofes oder die Umstellung auf ökologische Produktion zu ermöglichen.

Merkmale von Solawi-Kooperativen:

  • Sie arbeiten ressourcenschonend, da die Produkte aus der Region stammen, die Transportwege relativ kurz sind und die Mitglieder auch Produkte abnehmen, die den optischen Ansprüchen der konventionellen Angebote nicht genügen oder mehr Aufwand bei der Verarbeitung erfordern, als die im Supermarkt angebotene Ware. Verderb und Verwurf von genießbaren Produkten können durch den direkten Vertrieb minimiert werden.
  • Sie sind ökologisch, da vergleichsweise wenig Düngemittel und kaum oder keine Pestizide ausgebracht werden. Die Begegnungen sowie die Besuche der Mitglieder auf den Höfen ermöglichen Einblick in die Produktion und schaffen Bindung und gegenseitige Verantwortung. Die Erzeuger sind nicht dem Konkurrenzdruck und Zwängen des Markts unterworfen. Durch die garantierte Abnahme auch kleinster Mengen und nicht kommerziell vermarktbarer Produkte können sich die Landwirte an den individuellen Wünschen der Abnehmergemeinschaft orientieren und müssen nicht wie die konventionelle Landwirtschaft vorwiegend in Monokulturen produzieren, um den Betrieb langfristig erhalten zu können.
  • Sie tragen zum Erhalt alter und seltener Pflanzensorten und Nutztierrassen bei, da die Landwirte nicht an die Standards des konventionellen Handels gebunden sind und keine Rücksicht auf Lagerfähigkeit und Eignung zur maschinellen Verarbeitung nehmen müssen.
  • Sie unterliegen einer relativ hohen Fluktuation bei den aktiven Mitgliedern[1] „Zu den häufigsten Austrittsgründen gehören Schwierigkeiten, das SoLaWi-Prinzip im Alltag umzusetzen, aber auch Unzufriedenheit mit dem Produktangebot….. Die Netzwerkanalyse zeigt, dass zwei Problemkomplexe im Zentrum stehen: einerseits Zeitprobleme und andererseits ein Produktangebot, das nicht zu den persönlichen Vorlieben passt.“[2]

Die Abnehmergemeinschaft (Konsum-Kooperative) einer Solawie kann mit einer Konsumgenossenschaft verglichen werden. Manche Erzeuger arbeiten als Produktionsgenossenschaft zusammen. Solawi-Gemeinschaften können im weitesten Sinne als Form des kollaborativen Konsums (engl. collaborative consumption) und der Sharing Economy gesehen werden, obwohl diese Begriffe meist nur für Formen des Handels genutzt werden, bei denen die Verteilung der Produkte dezentral stattfindet oder die Konsumenten zugleich auch Anbieter von Waren sind.

Geschichte und RegionenBearbeiten

Das Konzept entstand in den 1960er Jahren zunächst in Japan.[3] 2015 beteiligten sich fast jeder vierte Haushalt an einem Teikei (提携, deutsch „Partnerschaft“).[4] 1978 entstand im Zuge der modernen westlichen Umweltbewegung bei Genf in der Schweiz die Kooperative Les jardins de Cocagne („Schlaraffengärten“).[5][6][7] Bald darauf entwickelte sich in den USA seit etwa 1985 die dort CSA genannte Wirtschaftsweise in einem von der Anthroposophie beeinflussten Kreis um den Landwirt Trauger Groh und durch den aus der Schweiz eingewanderten Jan VanderTuin. 2005 bestanden in den USA etwa 1700 Gruppen,[8] während 2011 in Altstetten bei Zürich mehrere Initiativen und Einzelpersonen den Verband regionale Vertragslandwirtschaft (RVL) gründeten.[9]

In Deutschland vertritt der Verein Solidarische Landwirtschaft das gleichnamige Konzept.[10] Er entstand um den biologisch-dynamischen Betrieb „Buschberghof“ in Fuhlenhagen, der die Idee 1988 einführte.[11] 2018 enthielt ein Vertragsentwurf der CDU/CSU-SPD-Bundesregierung den Begriff:[12] „Wir wollen im Rahmen der Modell- und Demonstrationsprojekte (Best-Practice) Vorhaben zur regionalen Wertschöpfung und Vermarktung fördern, z. B. Netzwerk Solidarische Landwirtschaft (Solawi).“ 2019 umfasste die 2012 gegründete Münchner Genossenschaft Kartoffelkombinat als eine der größten rund 1.800 Anteile; sie bewirtschaftet seit 2017 eine eigene Gärtnerei in Spielberg in der Gemeinde Egenhofen.[13][14] Bis 2020 entstanden über 250 Gemeinschaften.[15]

In Österreich entstand 2011 die Initiative GeLa Ochsenherz[16] um den gleichnamigen Demeter-Gärtnerhof (gegründet 2002) in Gänserndorf, der als einer der ersten den Begriff Solidarische Landwirtschaft verwendete. Anfang 2021 waren in Österreich über 40 Betriebe in diesem Sinne aktiv.[17]

In Frankreich existiert das Konzept unter dem Namen „Association pour le maintien de l’agriculture paysanne“, kurz AMAP (Verbrauchervereinigung für die Beibehaltung der bäuerlichen Landwirtschaft). Es handelt sich dabei um regional agierende Vereine, die der gesicherten Abnahme landwirtschaftlicher Produkte aus deren Herkunftsregion dienen. Typische Produkte sind Früchte, Gemüse, Eier, Käse, Fleisch und weitere Erzeugnisse.[18][19]

In Italien wird die Idee unter verschiedenen Begriffen wie Agricoltura civica, Agricoltura civile oder Agricoltura sociale propagiert.

2001 war CSA eines der favorisierten Konzepte des Weltsozialforums in Porto Alegre (Brasilien).

Die weltweit größte Organisation der solidarischen Landwirtschaft ist die südkoreanische Genossenschaft Hansalim. Sie zählte 2019 2.300 landwirtschaftliche Betriebe und 644.000 Haushalte zu ihren Mitgliedern und versorgte rund zwei Millionen Menschen.[20][21]

Seit 2020 bietet ein Weingut in Merzhausen Solidarischen Weinbau an.[22]

Rechtliche ModelleBearbeiten

Grundgedanke der solidarischen Landwirtschaft ist, dass die Verbraucher das unternehmerische Risiko des landwirtschaftlichen Erzeugers mittragen. Rechtlich kann dies auf verschiedene Arten geschehen:[23]

  • Einzelverträge (SoLaWi Typ 1): Kooperationsverträge des Erzeugers mit jedem einzelnen Abnehmer (als Fortführung des Prinzips der landwirtschaftlichen Direktvermarktung)
  • Abnehmerkorporation (SoLaWi Typ 2, SoLaWi im engeren Sinn): Zusammenschluss der Abnehmer (z. B. als Verein oder Genossenschaft); dieser schließt einen Kooperationsvertrag mit einem oder mehreren Erzeugern und übernimmt die Verteilung der Erzeugnisse
  • Mitunternehmerschaft (SoLaWi Typ 3): gesellschaftsrechtliche Beteiligung der Abnehmer an einem Erzeugerunternehmen. Die Mitunternehmerschaft kann von einem bereits bestehenden Erzeugerunternehmen ausgehen oder von einem Zusammenschluss der Abnehmer, die zum Beispiel ein Verteilungsunternehmen aufbauen.

Netzwerk Solidarische LandwirtschaftBearbeiten

Im deutschsprachigen Raum bildet das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft die Plattform für den Austausch und die Beratung der Solidarischen Landwirtschaften. In dem von Solawi-Betrieben gegründeten Verband sind über 150 Betriebe und Initiativen Mitglied. Das Netzwerk und seine Regionalgruppen organisieren Beratungsseminare für den Aufbau und die betriebswirtschaftliche Führung neuer Solawis sowie Fortbildungen zu landwirtschaftlichen Themen.[24]

Die genossenschaftlich organisierten Betriebe bildeten 2019 das Netzwerk der Solawi-Genossenschaften innerhalb des Verbandes.[25]

RezeptionBearbeiten

In Deutschland und weiteren Ländern wurde das Konzept einem breiteren Publikum erstmals 2005 durch den Dokumentarfilm Farmer John – Mit Mistgabel und Federboa bekannt.[26] Im Frühjahr 2013 wurde der Dokumentarfilm Die Strategie der krummen Gurken über ein Projekt Solidarischer Landwirtschaft in Deutschland, der Gartencoop Freiburg, vom alternativen Filmkollektiv Cine Rebelde veröffentlicht.[27] Das Bayerische Fernsehen stellte im Oktober 2019 unter dem Titel Ernten und Teilen – solidarische Landwirtschaft ein Projekt vor.[28] Die Dokumentation Bauer sucht Crowd aus dem Jahr 2015 porträtierte verschiedene Höfe in Österreich.[29] Das Schweizer Fernsehen SRF strahlt 2021 den Dokumentarfilm 'Fürs Essen auf den Acker' aus.[30]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Phillip Bietau u. a.: Solidarische Landwirtschaft - eine soziale Innovation? Eine empirische Studie aus soziologisc. Abgerufen am 8. Juni 2021.
  2. Gesa Maschkowski1, Alice Barth2, Alexandra Köngeter3: SOLIDARISCHE LANDWIRTSCHAFT – AUSTRITTSGRÜNDE AUS PERSPEKTIVE EHEMALIGER MITGLIEDER. Abgerufen am 8. Juni 2021.
  3. "TEIKEI" system, the producer-consumer co-partnership and the movement of the Japan Organic Agriculture Association (1993)
  4. Stefan Mann: Socioeconomics of agriculture (2015), S. 76
  5. Bettina Dyttrich: Und was essen wir morgen? In: woz.ch. 17. September 2015, abgerufen am 23. Januar 2020.
  6. Leben in der Stadt, essen wie auf dem Land. In: handelszeitung.ch. 4. Juli 2016, abgerufen am 23. Januar 2020.
  7. cocagne.ch, abgerufen am 2. Januar 2012
  8. "History of Community Supported Agriculture, Part 1" (2005), Rodale Institute, abgerufen am 10. September 2019.
  9. http://www.regionalevertragslandwirtschaft.ch/verband/index.php/verband
  10. https://www.solidarische-landwirtschaft.org/das-konzept/
  11. Hartmut Netz: Solidarische Landwirtschaft in Deutschland. In: nabu.de. August 2015, abgerufen am 10. Mai 2019.
  12. http://www.tagesspiegel.de/downloads/20936562/4/koav-gesamttext-stand-070218-1145h.pdf Fassung vom 7. Februar 2018, Seite 85
  13. Ingrid Hügenell: Egenhofen: Regional, saisonal, solidarisch. In: sueddeutsche.de. 12. April 2019, abgerufen am 5. Mai 2019.
  14. Kartoffelkombinat e. G.: Was bisher geschah. Kartoffelkombinat e. G., abgerufen am 6. September 2018.
  15. Liste der Höfe auf solidarische-landwirtschaft.org
  16. ochsenherz.at, abgerufen am 4. Mai 2017.
  17. Solidarisch landwirtschaften in Österreich. In: Solawi.life (abgerufen am 8. Mai 2021)
  18. Kurznotiz auf RFI International (abgerufen am 19. Januar 2010)
  19. Site national des AMAP (französisch) (abgerufen am 19. Januar 2010)
  20. https://www.one-world-award.de/hansalim-korea.html
  21. https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/marketing/hansalim-zu-tisch-genossen
  22. Gemeinde Merzhausen. In: PRESSEMITTEILUNG – Nr. 10/2020. 11. Mai 2020, abgerufen am 21. Mai 2020.
  23. Thomas Rüter, Matthias Zaiser: Rechtsfragen der solidarischen Landwirtschaft (2015)
  24. Überblick :: Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. Abgerufen am 8. November 2020.
  25. Netzwerk der Solawi-Genossenschaften – Das Netzwerk der solidarischen Landwirtschafts-Genossenschaften. Abgerufen am 8. November 2020 (deutsch).
  26. Dokumentarfilm „Farmer John - Mit Mistgabel und Federboa“ (Memento vom 17. September 2011 im Internet Archive)
  27. Der Dokumentarfilm Die Strategie der krummen Gurken ist auf der Homepage von Cine Rebelde zu sehen.
  28. BR Mediathek. Abgerufen am 27. Oktober 2019 (deutsch).
  29. Dokumentarfilm Bauer sucht Crowd von Nina Rath
  30. Dokumentarfilm Fürs Essen auf den Acker von Dani Heusser