Singvögel

Unterordnung der Ordnung Sperlingsvögel (Passeriformes)
Singvögel
Tigerwaldsänger (Setophaga tigrina)

Tigerwaldsänger (Setophaga tigrina)

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
ohne Rang: Neornithes
Unterklasse: Neukiefervögel (Neognathae)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
ohne Rang: Eupasseres
Unterordnung: Singvögel
Wissenschaftlicher Name
Passeri
Linnaeus, 1758

Die Singvögel (Passeri oder auch Oscines) sind in der Ornithologie eine Unterordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes). Die größte der etwa 5000 Arten[1] ist mit über 60 cm Körperlänge der Kolkrabe.

EntwicklungsgeschichteBearbeiten

Molekularphylogenetische Studien[2][3] und der Fossilbericht[4] weisen darauf hin, dass die Singvögel ihren Ursprung in Australien haben.[5] Im Eozän vor etwa 33 Millionen Jahren entstanden und entwickelten sich dort viele unterschiedliche Arten. Im nachfolgenden, deutlich kälteren Oligozän bildeten sich durch das Absinken des Meeresspiegels Inseln und Landbrücken, über die die Singvögel sich weiter nach Asien und die anderen Kontinente ausbreiten konnten. In dieser Zeit kam es zu einer regelrechten „Artenexplosion“.[6][5]

AnatomieBearbeiten

Der Körper der Singvögel ist auf das Fliegen und somit eine schnelle Fortbewegung in der Luft ausgerichtet. Zudem ist ihr Körperbau auch auf das Singen spezialisiert.

Das Skelett ist sehr leicht und trotzdem stabil gebaut. Viele Knochen, darunter auch der kräftige Schnabel, sind innen hohl, so dass in sie Ausstülpungen der Luftsäcke hineinragen. Sie werden deshalb „pneumatisierte Knochen“ genannt. Die schweren Körperteile, vor allem Flug- und Beinmuskeln, liegen eng am Brustkorb und an der Wirbelsäule an, so dass der Vogel im Flug sehr gut das Gleichgewicht halten kann.

Die Flugmuskulatur mit ihrem äußerst aktiven Stoffwechsel gilt als effizienteste Skelettmuskulatur aller Wirbeltiere. Jedoch setzt ein Singvogel im Flug 15-mal so viel Energie um wie im Ruhezustand.

Die Lungen sind etwa 10-mal leistungsfähiger als bei etwa gleich großen Säugetieren, aber auch erheblich kleiner. Auch in großen Höhen können sie der Luft noch Sauerstoff entnehmen. Von den Lungen aus erstrecken sich mehrere Luftsäcke in den Bauchraum zwischen die großen Flugmuskeln und andere Körperteile. Die Luftsäcke sind direkt oder indirekt mit den Bronchien verbunden und nehmen bis zu einem Fünftel des Körpervolumens ein. Der Kanarengirlitz atmet durch Heben und Senken des Brustbeins. Die Luftsäcke sorgen vor allem für Kühlung, damit die Muskeln des Vogels nicht überhitzen. Zudem dienen sie als Luftreservoir und helfen beim Druckausgleich. Außerdem verringert sich durch die Luftsäcke das spezifische Gewicht des Vogels.

Der Gesang der Singvögel wird im unteren Kehlkopf (Syrinx) gebildet, wo sich die Luftröhre in die beiden Hauptbronchien gabelt. Beim Singen reckt das Männchen seinen Hals, holt tief Luft und singt aus „voller Kehle“. Die Töne werden erzeugt, indem Membranen angespannt und in Schwingungen versetzt werden. Dies geht nur beim Ausatmen.

Dass Kanarien scheinbar weitersingen können, ohne zwischendurch Luft zu holen, liegt daran, dass sie rasch und schwingend mit einer Frequenz von 25 Hertz Luft ausstoßen. Indem sie die beiden Membranen an ihrem Stimmorgan, der Syrinx, unabhängig voneinander schwingen lassen, könnten sie im Duett mit sich selbst singen.

SinnesleistungenBearbeiten

Die Augen befinden sich seitlich am Kopf und ermöglichen so ein sehr weites Gesichtsfeld von 300° bis 320°. Dadurch sind sie in der Lage, alles wahrzunehmen, was vor ihnen, seitlich und schräg hinter ihnen passiert. Singvögel vermögen Farben zu unterscheiden.

Der Hörsinn der Singvögel ist sehr ausgeprägt. Sie können Frequenzen zwischen 1500 Hz und 29000 Hz wahrnehmen. Manche Vertreter dieser Unterordnung können zudem sehr schnelle Tonfolgen unterscheiden, im Gedächtnis speichern und wiedergeben. Das Tonunterscheidungsvermögen der Singvögel ist so ausgeprägt, dass sie Töne unterscheiden können, die nur um 0,3 Prozent in der Höhe voneinander abweichen (das sind etwa 5 Cent). Auch die Schallrichtung können sie auf etwa 20° genau erkennen.

Singvögel haben ein empfindliches Gleichgewichtsorgan mit Sitz im Innenohr. Dies ist zur Stabilisierung des Gleichgewichts auf dünnen Ästen und beim Flug wichtig.

Nicht besonders gut ausgeprägt, wenn auch von Art zu Art verschieden, ist der Geruchssinn und damit auch der Geschmackssinn. Ob Nahrung zum Verspeisen geeignet ist, entscheiden sie mit den Augen und speziellen Tastkörperchen an den Schnabelrändern.

SystematikBearbeiten

Die Singvögel sind mit über 90 beschriebenen Familien und etwa 5000 Arten das mit Abstand umfangreichste Taxon der Vögel (ausgenommen höhere Taxa, die die Singvögel enthalten), gefolgt von ihrem Schwestertaxon, den Schreivögeln. Zusammen mit diesen und den Maorischlüpfern bilden die Singvögel die Ordnung der Sperlingsvögel.

Die innere Systematik der Singvögel lag lange Zeit im Dunkeln und ist noch heute im Fluss. Sibley und Ahlquist veröffentlichten 1990 eine auf DNA-Hybridisierung beruhende neue Vogelsystematik,[7] in der sie die Singvögel in zwei Hauptlinien teilten, die „Corvida“, benannt nach den Rabenvögeln (Corvidae), und die „Passerida“, die nach den Sperlingen (Passeridae) benannt wurden, zusätzlich wurden diese Hauptlinien von ihnen in mehrere Überfamilien unterteilt. Die „Corvida“ teilten sie in die Überfamilien „Menuroidea“, Meliphagoidea und Corvoidea, die neben den Rabenvögeln vor allem im australoasiatischen Raum lebende Familien enthalten, zu denen Arten von größerem Wuchs gehören. Zu den Passerida, die sie in die Überfamilien Muscicapoidea, Sylvioidea und Passeroidea einteilten, gehören Singvogelfamilien mit eher kleinwüchsigen Arten wie Finken, Meisen, Drosseln und andere. Die Sibley-Ahlquist-Taxonomie wurde allerdings wegen methodischer Schwächen heftig kritisiert und konnte sich nicht durchsetzen, jedoch wurde bis auf die Menuroidea, die von ihnen definierten Überfamilien der Singvögel in anderer Zusammensetzung beibehalten.[8][9][10][11]

Durch eine Reihe von phylogenetischen Untersuchungen auf molekulargenetischer Grundlage wurde in den folgenden Jahren nachgewiesen, dass die von Sibley und Ahlquist vorgeschlagene Gruppe der „Corvida“ kein Monophylum ist, sondern neben einem monophyletischen Kern auch etliche im Stammbaum der Singvögel basal stehenden Familien enthält. Auch die Zusammensetzung ihrer Überfamilien wurde nur teilweise bestätigt, so auch der Corvoidea, daher werden von neueren Autoren[12][13][14][15] unter den Corvoidea, in Abgrenzung zum ursprünglichen Umfang bei Sibley und Ahlquist 1990 auch 'Crown Corvoidea' genannt, nur noch die Rabenvögel und ihre nächst verwandten Familien vereinigt, die basalen Familien jedoch separat geführt. Die Passerida erwiesen sich dagegen als monophyletische, d. h. von einem gemeinsamen Vorfahren abstammende und all dessen Nachkommen enthaltende Gruppe.

Der Ursprung der Singvögel scheint in der späten Kreidezeit (ermittelt mit Hilfe der molekularen Uhr) im australisch-ozeanischen Raum zu liegen, da nur dort die basalen Familien vorkommen. Nachdem sich Australien im Zuge der Kontinentaldrift Südostasien genähert hatte, breiteten sie sich nach Norden aus. Die Passerida sind das Ergebnis einer Radiation von Singvögeln auf den Nordkontinenten.[16][12][13]

Die basalen australisch-ozeanischen FamilienBearbeiten

 
Graurücken-Leierschwanz
(Menura novaehollandiae)
 
Prachtstaffelschwanz
(Malurus cyaneus), Pärchen

Sibley und Ahlquist[7] rechneten diese Familien noch zu den „Corvida“ und damit zu den Überfamilien „Menuroidea“, Meliphagoidea und Corvoidea. Sie sind in Australien, Neuguinea und den naheliegenden Inseln östlich der Wallace-Linie endemisch oder nur mit wenigen Arten darüber hinaus verbreitet. Alle Familien sind relativ artenarm.

CorvoideaBearbeiten

Nach Ausgliederung der basalen Familien bilden die Corvoidea eine monophyletische Einheit. Sie werden in der englischsprachigen Literatur häufig als 'Core Corvoidea' oder 'Crown Corvoidea' bezeichnet.

 
Eichelhäher
(Garrulus glandarius)
 
Raggi-Paradiesvogel
(Paradisaea raggiana)

PasseridaBearbeiten

 
Sattelvogel (Philesturnus carunculatus)
 
Bartmeise (Panurus biarmicus)
 
Rauchschwalbe
(Hirundo rustica)
 
Seidenschwanz
(Bombycilla garrulus)
 
Rotkehlchen
(Erithacus rubecula)
 
Buchfink
(Fringilla coelebs palmae)

Die Passerida sind sehr wahrscheinlich ebenfalls eine monophyletische Gruppe, die weit artenreicher ist als alle basalen und Corvoidea-Familien zusammen. Mit Ausnahme des Pirols (Oriolus oriolus), der Würger und der Rabenvögel gehören alle europäischen Singvögel zu den Passerida.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Catalogue of Life - 2019 Annual Checklist : Taxonomischer Baum. Abgerufen am 26. August 2019.
  2. F. K. Barker, A. Cibois u. a.: Phylogeny and diversification of the largest avian radiation. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 101, Nummer 30, Juli 2004, S. 11040–11045, doi:10.1073/pnas.0401892101. PMID 15263073, PMC 503738 (freier Volltext).
  3. P. G. Ericson, L. Christidis u. a.: A Gondwanan origin of passerine birds supported by DNA sequences of the endemic New Zealand wrens. In: Proceedings. Biological sciences. Band 269, Nummer 1488, Februar 2002, S. 235–241, doi:10.1098/rspb.2001.1877. PMID 11839192, PMC 1690883 (freier Volltext).
  4. Gerald Mayr: The age of the crown group of passerine birds and its evolutionary significance – molecular calibrations versus the fossil record. In: Systematics and Biodiversity. 11, 2013, S. 7–13, doi:10.1080/14772000.2013.765521.
  5. a b R. G. Moyle, C. H. Oliveros u. a.: Tectonic collision and uplift of Wallacea triggered the global songbird radiation. In: Nature Communications. Band 7, August 2016, S. 12709, doi:10.1038/ncomms12709. PMID 27575437, PMC 5013600 (freier Volltext).
  6. Judith Hartl: Alle Singvögel sind Aussies – Wissen & Umwelt. In: dw.com. 30. August 2016, abgerufen am 26. Oktober 2016.
  7. a b C. G. Sibley, J. E. Ahlquist: Phylogeny and classification of birds. Yale University Press, New Haven, Conn 1990, ISBN 0-300-04085-7.
  8. K. A. Jønsson, J. Fjeldså: A phylogenetic supertree of oscine passerine birds (Aves: Passeri). In: Zoologica Scripta,. Band 35, 2006, S. 149–186, doi:10.1111/j.1463-6409.2006.00221.x (researchgate.net [PDF; abgerufen am 20. Oktober 2015]).
  9. a b Janet L.Gardner, John W.H.Trueman, Daniel Ebert, Leo Joseph und Robert D. Magratha: Phylogeny and evolution of the Meliphagoidea, the largest radiation of Australasian songbirds. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. Juni 2010, doi:10.1016/j.ympev.2010.02.005, PMID 20152917.
  10. Silke Fregin, Martin Haase, Urban Olsson, Per Alström: New insights into family relationships within the avian superfamily Sylvioidea (Passeriformes) based on seven molecular markers. In: BMC Evolutionary Biology. 12(1), 157, 2012, S. 1–12.
  11. Gerald Mayr: A previously unnoticed vascular trait of the middle ear suggests that a cranial heat-exchange structure contributed to the radiation of cold-adapted songbirds. In: Journal of Ornithology. Bd. 160, Nr. 1, 2019, S. 173–184, doi:10.1007/s10336-018-1588-2.
  12. a b F. Keith Barker, George F. Barrowclough, Jeff G. Groth: A phylogenetic hypothesis for passerine birds: taxonomic and biogeographic implications of an analysis of nuclear DNA sequence data. In: Proc. R. Soc. Lond. B, 2002. PMC 1690884 (freier Volltext)
  13. a b F. Keith Barker, Alice Cibois, Peter Schikler, Julie Feinstein, Joel Cracraft: Phylogeny and diversification of the largest avian radiation. In: PNAS. Vol. 101, no. 30, 27. Juli 2004. (PDF)
  14. P. Beresford, F. K. Barker, P. G. Ryan, T. M. Crowe: African endemics span the tree of songbirds (Passeri): Molecular systematics of several evolutionary "enigmas". In: Proc. R. Soc. Lond. B 272, 2005, S. 849–858. (PDF)
  15. P. G. P. Ericson, L. Christidis, M. Irestedt, J. A. Norman: Systematic affinities of the lyrebirds (Passeriformes: Menura), with a novel classification of the major groups of passerine birds. In: Mol. Phylogen. Evol. 25, 2002, S. 53–62 (PDF)
  16. P. G. P. Ericson, L. Christidis, A. Cooper, M. Irestedt, J. Jackson, U. S. Johansson, J. A. Norman: A Gondwanan origin of passerine birds supported by DNA sequences of the endemic New Zealand wrens. In: Proceedings of the Royal Society of London. Series B, 269, 2002, S. 235–241. PMC 1690883 (freier Volltext)
  17. a b c d e f g h David W. Winkler, Shawn M. Billerman, Irby J. Lovette: Bird Families of the World - An Invitation to the Spectacular Diversity of Birds. Lynx Edicions and the Cornell Lab of Ornithology, 2015, ISBN 978-84-941892-0-3. Seite 10 u. 11.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Passeriformes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Singvogel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen