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EntstehungBearbeiten

Mit dem baden-württembergischen Jugendstrafvollzugsgesetz ist Jugendstrafvollzug in freien Formen als dritte Vollzugsform neben geschlossenem und offenen Vollzug verankert (§ 7 JVollzG IV -Ba-Wü). Im sächsischen und im rheinland-pfälzischen Jugendstrafvollzugsgesetz ist Jugendstrafvollzug in freien Formen ebenso als dritte Vollzugsform verankert (§ 13 Abs. 3 SächsJStVollzG/LJSTVollzG Rheinland-Pfalz). Nach den Entwürfen der meisten anderen Bundesländer kann Jugendstrafvollzug in freien Formen als Vollzugslockerung durchgeführt werden.

Seit 1953 bietet § 91 Abs. 3 des Jugendgerichtsgesetzes (JGG) einen Weg für einen innovativen Jugendstrafvollzug zwischen geschlossenem und offenem Jugendstrafvollzug: den Jugendstrafvollzug in freien Formen. Diesen Weg ist erstmals das Justizministerium Baden-Württemberg unter dem Justizminister Ulrich Goll gegangen.

Seit 2003 gibt es zwei solcher Alternativen zum Jugendstrafvollzug in Deutschland: das „Projekt Chance“ in Creglingen (Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e. V.) und das Seehaus Leonberg. Seit 2008 betreibt das EJF das Modellprojekt „Leben Lernen“ in Brandenburg. Im September 2011 hat der Verein Seehaus e. V. eine weitere Einrichtung in Sachsen eröffnet, das Seehaus Störmthal. Seit 2012 gibt es eine solche Alternative zum Jugendgefängnis auch in Nordrhein-Westfalen im Raphaelshaus in Dormagen. Seit 2014 betreibt das Seehaus den Arbeitszweig Opferhilfe, eine Opferberatungsstelle für Betroffene und ihren Angehörigen im Haus der Diakonie in Leonberg.

Der Verein ist Mitglied bei Prison Fellowship International, einem internationalen Zusammenschluss von rund 120 Mitgliedsorganisationen im Bereich der freien Straffälligenhilfe.

Die EinrichtungBearbeiten

Im Seehaus Leonberg erwartet die Jugendlichen ein durchstrukturierter und harter Arbeitsalltag. Um 5:45 Uhr beginnt der Tagesablauf mit Frühsport. Bis 22:00 Uhr sind die Jugendlichen in ein konsequent durchgeplantes Erziehungsprogramm eingebunden. Hausputz, Schule, Arbeit, Berufsvorbereitung, Sport, gemeinnützige Arbeit, Täter-Opfer-Ausgleich, soziales Training und die Vermittlung christlicher Werte und Normen sind fester Bestandteil des Konzepts. Sie dienen dazu, dass die Jugendlichen lernen, Verantwortung zu übernehmen und sich als gesetzestreue Bürger in die Gesellschaft wiedereingliedern können.

WiedergutmachungBearbeiten

Im Seehaus Leonberg sollen die Jugendlichen beginnen, den von ihnen angerichteten Schaden wiedergutzumachen. In Seminaren und Gruppengesprächen werden sie mit der Opferperspektive konfrontiert und werden aufgefordert, einen Täter-Opfer-Ausgleich durchzuführen. Durch gemeinnützige Arbeit leisten sie einen symbolischen Ausgleich der Gesellschaft gegenüber.

Das Prinzip FamilieBearbeiten

Eine Mitarbeiterfamilie wohnt mit jeweils fünf bis sieben Jugendlichen familienähnlich zusammen. Auf diese Weise soll Familienleben, das die meisten der Jugendlichen nicht kennen, vorgelebt und vermittelt werden.

Positive GruppenkulturBearbeiten

Die Jugendlichen sollen Verantwortung füreinander übernehmen und einander anleiten. Dadurch sollen sie lernen, für andere da zu sein und sich gegenseitig zu helfen.

Konsequentes Erziehungs- und TrainingsprogrammBearbeiten

In einem durchstrukturierten Tagesablauf werden die Jugendlichen konsequent gefordert. Sie müssen Leistung erbringen. Gleichzeitig werden sie in allen Bereichen (Schule, Arbeit, Sport, Musik, …) gefördert und sollen sich so später in allen Bereichen in der Gesellschaft einbringen können. In der Seehaus-Schule haben sie die Möglichkeit, sich auf den Schulabschluss vorzubereiten. Sie absolvieren ein Berufsvorbereitungsjahr oder das 1. Lehrjahr in den Bauberufen.

Vermittlung von Werten und TugendenBearbeiten

Im Seehaus Leonberg wollen die Mitarbeiter christliche Normen und Werte vermitteln. Auf dieser Grundlage aufbauend, werden Grundtugenden wie Fleiß, Ehrgeiz, Ordnung, Disziplin, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein und Selbstbeherrschung abverlangt und eingeübt.

Bürgerschaftliches EngagementBearbeiten

Mit dem Jugendstrafvollzug in freien Formen wird ein neuer Weg im Jugendstrafvollzug beschritten. Durch eine enge Kooperation von Landesregierung, Landesstiftung Baden-Württemberg, einem gemeinnützigen Verein der Jugendhilfe, der freien Wirtschaft, der Kirchen und vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen entstand ein innovatives Konzept für einen modernen Jugendstrafvollzug. Auch viele Einzelpersonen setzen sich ehrenamtlich im Jugendhof Seehaus ein oder unterstützen das Projekt finanziell.

NachsorgeBearbeiten

Die Jugendlichen werden auch über ihren Aufenthalt im Seehaus hinaus begleitet, z. B. durch Betreuung durch ehrenamtliche Paten, betreutes Jugendwohnen und eine Verselbständigungs-Wohngemeinschaft.

LeitungBearbeiten

Seit 2001 ist Tobias Merckle geschäftsführender Vorstand und Projektleiter des Seehauses.

Das SeehausBearbeiten

Das Seehaus ist ein bedeutendes Kulturdenkmal. Es liegt an der Solitude-Rennstrecke bei Leonberg. Es hat seinen Namen vom Eltinger See, der die dortigen Seewiesen bedeckt hat.

GeschichteBearbeiten

 
Seehaus im Forstlagerbuch von Andreas Kieser, 1681

Der Eltinger See wurde schon 1442 erwähnt, trocknete aber während des Dreißigjährigen Krieges aus. 1523 wurde dort ein kleines Haus erwähnt, das als Wohnung eines Forstknechts diente.

Der herzogliche Baumeister Heinrich Schickhardt erbaute dort 1609 das Seehaus. Auftraggeberin war Sibylla von Anhalt, die Mutter von Herzog Johann Friedrich von Württemberg. Sie wohnte von 1608 bis 1614 als Witwe im Leonberger Schloss. Das Seehaus diente wohl als Jagd- und Landsitz. Im Jahre 1609 erbaute Schickhardt „Vorst- und Seehaus Eltingen“ mit Mittelbau, Stallungen, im Westflügel das „Haus des Forstknechts“, im Ostflügel den herrschaftlichen Wohnraum über dem Pferdestall. Nach dem Tode Sybilles von Württemberg im Jahre 1614 wurde es ein beliebtes Ziel für den Landaufenthalt der Fürstlichen Herrschaft.

1679 wurde die Seewiesenscheune gebaut. 1680 wurde der Sitz des Forstknechtes vom Seehaus nach Eltingen verlegt. Im Westflügel wurde eine Melkerei eingerichtet. 1723 wurde der Seehof an Hanß Jerg Weber verpachtet. 1786 wurde der „sehr baufällige“ Westflügel abgerissen. Nach positivem Gutachten des Landesbaumeisters Etzel erteilte der Herzog im Jahre 1796 die Genehmigung zur Aufstockung des Mittelbaus. Das Dach wurde abgenommen, ein zweites Stockwerk aufgebaut und das alte (Schickhardt´sche) Dach wieder aufgesetzt.

1833 wurde mit Einwilligung des Herzogs das Gut an die Gemeinde Eltingen verkauft, die es 1845 an Freiherrn von Röder veräußerte, um vom Erlös den Neubau des Rathauses in Eltingen zu finanzieren. Dieser erweiterte das Gut um Stallungen, Küchenanbau und Kammern. 1906 gibt er es an seine Tochter ab.

1933 ließ die neue Eigentümerin, Frau von Vischer-Ihingen, einen neuen Westflügel bauen. Die Scheune wurde direkt an den Mitteltrakt angesetzt – im Sinne von Schickhardt als hufeinsenförmige Anlage. Es folgte der Anbau von Wohnungen im Mitteltrakt und im Ostflügel in Bauphasen bis 1942. 1984 kaufte Familie Seitter das Gut Seehaus.[1]

2003 erwarb Seehaus e. V. (vormaliger Vereinsname Prisma e. V.) das Gut Seehaus und nutzt das Seehaus Leonberg als Jugendstrafvollzug in freien Formen.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten