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Solidar Suisse (bis 2011 Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH) ist eine Schweizer Nonprofit-Organisation, die sich weltweit für faire Arbeit und demokratische Mitbestimmung einsetzt. Solidar ist in 14 Ländern mit über 50 Projekten präsent. In der Schweiz führt das Hilfswerk Sensibilisierungskampagnen. Es hat 180 Mitarbeiter.[1]

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

1932 wurde die Proletarische Kinderhilfe als Hilfsorganisation für Kinder von Schweizer Arbeitslosen gegründet. Ab 1933 organisierte das Hilfswerk, geleitet von Regina Kägi-Fuchsmann, unter dem neuen Namen Arbeiterkinderhilfe der Schweiz Erholungsaufenthalte für französische Arbeiterkinder und weitete seine Aktivitäten zudem auf Frankreich und Österreich aus.

1936 gründeten der Schweizerische Gewerkschaftsbund und die Sozialdemokratische Partei der Schweiz das Schweizerische Arbeiterhilfswerk.[2] Ihr Ziel war es, bedürftige Arbeiterfamilien im In- und Ausland zu unterstützen. Die neue Organisation leistete zudem humanitäre Hilfe im Spanischen Bürgerkrieg. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Organisation in der Flüchtlingshilfe aktiv. Im Rahmen der Aktion «Colis Suisse» verschickte das SAH in Zusammenarbeit mit zahlreichen freiwilligen Helfern Lebensmittelpakete in die Flüchtlingslager Europas. Damit unterstützte es zehntausende von Kriegsflüchtlingen.

Erstmals engagierte sich das SAH 1947 politisch im Rahmen einer Abstimmungskampagne in der Schweiz, nämlich zu Gunsten der Einführung der Alters- und Hinterlassenenversicherung. Ab 1949 leistete das SAH – als eines der ersten Schweizer Hilfswerke – internationale Entwicklungshilfe, u. a. in Griechenland, Palästina/Israel und Jugoslawien und nach dem Algerienkrieg auch in Algerien und Tunesien. 1951 wurde das SAH Gründungsmitglied des Internationalen Arbeiterhilfswerks IAH, welches sich 1995 in SOLIDAR umbenannte. Zusammen mit der Österreichischen Volkshilfe leistete das SAH beim Volksaufstand 1956 umfangreiche Hilfe an die ungarischen Flüchtlinge. Die Besetzung der Tschechoslowakei nach dem Prager Frühling, der Bürgerkrieg in Biafra und die Unterdrückung Oppositioneller durch das Militärregime in Griechenland bewirkten die Flucht von tausenden politisch Verfolgten, die vom SAH Unterstützung erhielten. Nach dem Volksaufstand in Nicaragua entstand in Europa in den 1970er-Jahren eine grosse Solidaritätsbewegung für Zentralamerika. Das SAH entsandte Freiwillige nach Nicaragua und führte eine gross angelegte Alphabetisierungskampagne durch. In Nicaragua wurde 1986 der Hilfswerksmitarbeiter Yvan Leyvraz von Contras ermordet.

Die Organisation hat seither ihre Entwicklungszusammenarbeit laufend ausgebaut:

  • 1974 wurde das erste Brunnenbau-Projekt in Obervolta (heute Burkina Faso) durchgeführt.
  • Nach der Machtübernahme durch das Pinochet-Regime in Chile und dem Militärputsch in der Türkei stiegen die Asylgesuche in der Schweiz an. Ab 1984 engagierte sich das SAH gegen die regelmässigen Verschärfungen des Asylrechts.
  • Nach dem Zusammenbruch der Berliner Mauer 1989 folgte ein rasanter Umbruch in Osteuropa. In Zusammenarbeit mit Gewerkschaftsverbänden vor Ort begann das SAH in Rumänien mit arbeitsmarktlichen Massnahmen und Bildungsprogrammen für Gewerkschaften.
  • 1990 begann das Engagement des SAH in Südafrika.

Zu Beginn der 1990er-Jahre war die Schweiz mit einem für sie neuen Problem konfrontiert: Die Erwerbslosigkeit stieg von bisher unter einem auf plötzlich fünf Prozent. Das SAH entwickelte daraufhin Erwerbslosenprogramme. Die Regionalstellen des SAH wurden ausgebaut und 2005 in selbständige Vereine umgewandelt. Diese regionalen SAH-Vereine in der Schweiz blieben unter dem bisherigen Namen bestehen. Die Vereine sind auch heute weiterhin unter dem Namen Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH tätig. Sie sind von Solidar Suisse unabhängige Organisationen.

Die humanitäre Hilfe wurde weiter ausgebaut: So engagierte sich das SAH u. a. nach den Kriegen auf dem Balkan (1991–2001) in Bosnien und Kosovo, nach dem Hurrikan Mitch (2000) in Zentralamerika, nach dem Tsunami in Südostasien (2004), nach den verheerenden Überschwemmungen in Pakistan (2010) und nach dem Taifun Hayan (2013) auf den Philippinen für die Opfer. Die Organisation leistete kurzfristige Nothilfe und engagierte sich über Jahre auch beim Wiederaufbau. Weiter leistete Solidar Suisse Nothilfe nach dem Erdbeben in Nepal, für die Rohingya in Bangladesch und die Opfer des Erdbebens auf Sulawesi.

Seit 2008 engagiert sich das heutige Solidar Suisse mit politischen Kampagnen auch in der Schweiz. Zu den bekannteren Kampagnen seither gehören «Kehr$eite – keine Ausbeutung mit unseren Steuergeldern» (2008), «An$toss - keine Ausbeutung bei der Fussball-WM» (2010), «Solidar-Gemeinderating – global denken, lokal handeln» (2011, 2013 und 2016), «Fair Trade – what else?» (2011) sowie zwei Kampagnen für faire Arbeitsbedingungen bei der Produktion von Pfannen und Spielwaren (2016, 2017, 2018).

Internationale ArbeitBearbeiten

 
Projektländer von Solidar Suisse

Gegenwärtig ist Solidar Suisse in Bangladesch, Benin, Bolivien, Bosnien, Burkina Faso, China, El Salvador, Indonesien, Libanon, Kambodscha, Kosovo, Mosambik, Nepal, Nicaragua, Pakistan, Serbien und Südafrika tätig.

Die Arbeitsschwerpunkte sind:

Faire ArbeitBearbeiten

Gemeinsam mit lokalen Partnern setzt sich Solidar Suisse für Arbeitsrechte und sozialen Ausgleich ein.

Demokratie und PartizipationBearbeiten

Die Organisation vertritt die Auffassung, dass ohne Demokratie keine inklusive Entwicklung stattfinden kann. So setzt sich das Hilfswerk für die Stärkung demokratisch legitimierter Organisationen der Zivilgesellschaft ein.

Humanitäre HilfeBearbeiten

Mit dem humanitären Hilfe-Programm zielt die Organisation auf eine sofortige und nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation der Opfer von Naturkatastrophen oder Kriegen ab.

KampagnenarbeitBearbeiten

Um Armut zu überwinden, braucht es ein Umdenken – auch in den reichen Industrienationen des Nordens. Mit Kampagnenarbeit macht Solidar Suisse in der Schweiz darauf aufmerksam, wie sich das westliche Konsumverhalten auf die Menschen in Entwicklungsländern auswirkt.

OrganisationBearbeiten

VernetzungBearbeiten

Die Organisation versteht sich als politisch linkes Hilfswerk: Gründer- und Trägerorganisationen sind die Sozialdemokratische Partei der Schweiz und der Schweizerische Gewerkschaftsbund. Solidar Suisse setzt viele seiner Programme im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit der Schweizer Regierung um. Das Hilfswerk ist Partnerorganisation der Glückskette und Mitglied des europäischen Netzwerkes Solidar,[3] das 60 Hilfswerke mit sozialdemokratischem und gewerkschaftlichem Hintergrund umfasst.

Die Organisation ist ZEWO-zertifiziert und setzt mit seiner Auslandsarbeit jährlich knapp 20 Millionen Franken um. Davon stammt etwa ein Drittel aus privaten Spenden und Mitgliederbeiträgen, die anderen zwei Drittel sind Zuwendungen von Staat, Kantonen und Gemeinden sowie Beiträge der Glückskette. In der Schweiz beschäftigt die NGO rund 35 (ca. 20 Vollzeitstellen), im Ausland etwa 150, grösstenteils lokale Mitarbeitende.

PräsidentenBearbeiten

Jahr Präsidenten (Trägerorganisation/Funktion)
1936–1940 Adolf Lüchinger (SP, Stadtpräsident Zürich)
1940–1955 Paul Wieser
1955–1970 Adolf Maurer (SP, Stadtrat Zürich)
1970–1976 Louis Joye (SEV, SGB)
1976–1990 Karl Aeschbach (GBH, SGB)
1990–1996 Hans-Jakob Mosimann (vpod)
1996–2003 Regine Aeppli (SP, Regierungsrätin)
2003–2008 Ruedi Winkler
2008–2018 Hans-Jürg Fehr (SP, Nationalrat)
Ab 2018 Carlo Sommaruga (SP, Nationalrat)

Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH in der SchweizBearbeiten

 
Die regionalen SAH-Vereine in der Schweiz

In der Schweiz engagieren sich zehn unabhängige regionale SAH-Vereine (Basel, Bern, Freiburg, Genf, Schaffhausen, Tessin, Waadt, Wallis, Zentralschweiz, Zürich) in 16 Kantonen mit rund 900 Mitarbeitenden für benachteiligte Menschen. Sie bieten Bildungs-, Beschäftigungs- und Arbeitsintegrationsprogramme für erwerbslose und ausgesteuerte Menschen an und unterstützen Asylsuchende, Flüchtlinge und Migranten mit Beratung und Begleitung.[4]

Das SAH ist Träger der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) und engagiert sich in zahlreichen Verbünden für soziale und politische Anliegen in der Schweiz.

LiteraturBearbeiten

  • Björn Erik Lupp: Von der Klassensolidarität zur humanitären Hilfe. Die Flüchtlingshilfe der politischen Linken 1930–1950. ISBN 3-0340-0744-2.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten