Scherenschnitt

kunsthandwerkliches Verfahren

Der Scherenschnitt, auch Schattenriss oder Schwarzbild genannt, ist ein kunsthandwerkliches Verfahren (Psaligraphie[1]), das aus China und Persien kommend, im 17. Jahrhundert auch in Europa Einzug hielt. Zugleich steht der Begriff auch für das künstlerische Ergebnis der Technik. Beim Scherenschnitt wird Papier oder ein anderes flaches Material mittels einer Schere oder anderer spezieller Schnittinstrumente (z. B. für Ausschnitte) so bearbeitet, dass entweder der verbleibende Umriss oder die Ausschnitte oder beides ein anschauliches Bild ergeben, das realistisch oder schematisch (Ornamente) sein kann. Dabei gibt es

  • die klassische Silhouette, bei der ein ungefaltetes Blatt (oder mehrere übereinanderliegende) zerschnitten wird. Diese Scherenschnitte sind meist schwarz und werden vor einem kontrastierenden hellen Untergrund gezeigt. Sind sie hell, werden sie vor einem kontrastierenden dunklen Grund gezeigt. Benannt ist sie nach dem französischen Finanzminister Étienne de Silhouette (1709–1767), einem Liebhaber von Scherenschnitten.
  • die Faltschnitttechnik, bei der ein zu Hälften, Vierteln oder noch kleineren Teilen zusammengefaltetes Blatt beschnitten wird. Nach dem Auseinanderfalten der bearbeiteten Papiervorlage ergibt sich ein ein- oder mehrfach axialsymmetrisches Bild.
Georg Melchior Kraus: Goethe mit Scherenschnitt, 1775/1776 (Goethe-Museum, Frankfurt am Main).
Bernhard Albrecht Moll: Porträt der Mutter, Wien 1783 (Royal Ontario Museum, Toronto).
Chinesischer Scherenschnitt
Propaganda im Ersten Weltkrieg: Die deutschen Frauen in der Kriegszeit (1916).
Volkskunst: Werk eines anonymen Scherenschneiders aus Łowicz (Polen), um 1980.
Stand des Düsseldorfer Weltmeisters im Scherenschnitt Jacques Maté, 2010
Szene aus dem Scherenschnitt-Animationsfilm Zwerg Nase von Edeltraud Engelhardt
Pancraz Körle: Ein junger Mann schneidet die Silhouette einer Dame (neobarockes Gemälde von 1857)

GeschichteBearbeiten

Der Scherenschnitt, ursprünglich in Nordchina beheimatet, ist eine der ältesten Volkskünste Chinas. Nach der Jahrhundertwende hatte er zunächst an Bedeutung verloren, da Glas das Fensterpapier, an das man Scherenschnitte zu kleben pflegte, ersetzte. Jede Provinz hat ihren bestimmten Stil und ihre spezifische Farbgebung.

In Deutschland war der 1677 in Regensburg verstorbene österreichische Emigrant Rudolf Wilhelm von Stubenberg ein früher Künstler des Scherenschnitts, von dessen Werken noch einige im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg erhalten sind. Während der Goethezeit und im 19. Jahrhundert war der Scherenschnitt sehr beliebt. Im norddeutschen Raum hat der Silhuetteur Johann Caspar Dilly mit einer einzigartigen Mischtechnik aus Scherenschnitt und Malerei besondere Bedeutung erlangt. Dillys Werke zeigen Familientafeln, Verlobungs- und Hochzeitspaare, Kinderporträts sowie Stuben- und Gartenszenen und seine Scherenschnitte bilden „detailgetreu und profilscharf“ die Wohn- und Kleidungskultur der Bauernfamilien und ländlichen Oberschichten Nordwestdeutschlands zwischen 1800 und 1840 ab.

Auf den künstlerischen Scherenschnitt spezialisiert hat sich Paul Konewka. Ein bedeutender Vertreter des Scherenschnitts im Jugendstil ist der Illustrator Marcus Behmer, der seine Scherenschnitte teils auch als Vorlage für ornamentale Gestaltungen herangezogen hat. Der Deutsche Scherenschnittverein e. V. widmet sich der Pflege dieser Kunst und der Archivierung von Künstlerbiographien und Werkbeispielen.

Auch heutzutage haben klassische und moderne Scherenschnitte ihren Liebhaberkreis in der Kunstszene. Bekannte Vertreter der Moderne sind die Scherenschnitt- und Papier-Künstlerin Brigitte Prommegger-Weilguni, der Schweizer Papierschneider Adam Dario Keel und der Schweizer Ernst Oppliger, der sich seit Jahrzehnten dem Papierschnitt widmet.[2] Die Schweizerische Post hat im Herbst 2007 vier Briefmarken mit Motiven von Schweizer Scherenschnitt-Künstlern herausgegeben.

Das vom Schweizerischen Verein Freunde des Scherenschnitts dreimal im Jahr herausgegebene Bulletin "Schnittpunkt"[3] stellt regelmäßig Künstlerinnen und Künstler und ihre unterschiedlichen Techniken einem breiteren Publikum vor. Überdies organisiert der Verein regelmäßig Ausstellungen, die das Schaffen seiner Mitglieder dokumentieren.

Weltmeister als schnellster Scherenschnittkünstler (Guinness-Buch der Rekorde 1982) ist der gebürtige Franzose Jacques Maté (eigentlich Jacques Matéos; * 1937). In den 1980er Jahren nahm er an vielen Fernsehshows teil und hatte prominente Modelle, wie Brandt und Kohl, zuletzt porträtierte er noch mit Schere und Papier auf Jahrmärkten und Weihnachtsmärkten. Für 2010 hatte er angekündigt, zum Ende des Dortmunder Weihnachtsmarktes sein Geschäft zu verkaufen. Nach dem Verkauf zog er mit seiner Ehefrau von seinem bisherigen Wohnsitz in Düsseldorf in das mecklenburgische Warin.[4]

In Polen werden die farbenprächtigen Łowiczer Scherenschnitte geschnitten.

ScherenschnittkünstlerBearbeiten

SonstigesBearbeiten

Lemgo (Detmold). Silhouetteur Friedrich macht seinem hochzuverehrenden Publikum bekannt, daß er eines Jedes Silhouette, sowohl in Brustbild, in persönlicher Größe, als auch in anderer Positur, in Zeit von 3 bis 4 Minuten, auf das allergnaueste und in der größten Aehnlichkeit auszuschneiden verspricht. Er bittet um geneigten Zuspruch. Sein Logis ist bey den Herrn Wippermann (Brüggemeyer im Weißen Roß) hieselbst.“

Anzeigen in den Lippischen Intelligenzblättern Nr. 37 (38) vom 10. (17.) September 1808.

LiteraturBearbeiten

  • Ernst Biesalski: Scherenschnitt und Schattenrisse. Kleine Geschichte der Silhouettenkunst. Callwey, München 1964, OCLC 2475294.
  • Ursula Kirchner, Otto Kirchner (Hrsg.): Unterwegs Wie und Wohin? Das Motiv der Fortbewegung im Scherenschnitt. August Dreesbach, München 2010, ISBN 978-3-940061-40-9
  • Naomi Feuchtwanger, Wilfried Knauer: Jüdische Scherenschnitte von Archie Granot (= Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums, Band 51). Braunschweiger Landesmuseum, Braunschweig 1988 DNB 891275738.
  • Judith Steinheider: Schattenbild und Scherenschnitt als Gestaltungsmittel der Buchillustration: Geschichte und Bibliografie (= Kontext Kunst – Vermittlung – kulturelle Bildung, Band 11), Tectum, Marburg 2013, ISBN 978-3-8288-3251-0 (Dissertation Universität Paderborn 2012, 311 Seiten).
  • Julia Sedda: Antikenrezeption und christliche Tradition im Scherenschnittwerk der Luise Duttenhofer (1776-1829) [1]
  • Julia Sedda: Geschichte des Scherenschnitts. In: Schnittpunkt, Zeitschrift des Schweizerischen Scherenschnittvereins, Nr. 61, Nr. 62, Nr. 63, 2017

WeblinksBearbeiten

Commons: Scherenschnitt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. von griech. ψαλίδια (psalidia): Schere
  2. Website des Künstlers Ernst Oppliger. Abgerufen am 29. Mai 2017.
  3. Bulletin "Schnittpunkt". Schweizerischer Verein Freunde des Scherenschnitts, abgerufen am 29. Mai 2017.
  4. www.svz.de Ines Engelbrecht: Scherenschnittkünstler Jacques Matéos – Genie mit Chirurgenschere ist jetzt Wariner. Schwerin 23. Dezember 2011. Abgerufen 28. September 2017.