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Schaftrieb über den Ötztaler Alpenhauptkamm

Alpenländisches Brauchtum
Schaftrieb auf dem Hochjoch (2018)
Niederjochferner und Similaun

Der Schaftrieb über den Ötztaler Alpenhauptkamm ermöglicht es Schafhaltern aus dem Vinschgau im italienischen Südtirol, ihre althergebrachten Weiderechte im hinteren Ötztal in Österreich zu nutzen. Dazu werden Schafe und Ziegen über drei verschiedene, teilweise vergletscherte Passrouten Anfang Juni in nördlicher und Mitte September in Gegenrichtung getrieben.

Diese grenzüberschreitende Transhumanz wurde 2011 in Österreich als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt und ins Nationale Verzeichnis der Österreichischen UNESCO-Kommission aufgenommen.

RoutenBearbeiten

 
Schild beim Hirtenfest in Vernagt

Schafe aus dem Vinschgau werden zu ihren Weiden oberhalb von Vent über zwei verschiedene Routen getrieben. Die eine führt über das Niederjoch (3019 m ü. A.), die andere über das weiter westlich und (trotz des Namens) niedriger gelegene Hochjoch (2770 m ü. A.). Die Schafe stammen zum größten Teil aus dem Vinschgau, aus dem sie zunächst von Kortsch/Schlanders aus durch das Schlandrauntal und über das Taschenjöchl/Taschljoch nach Vernagt im Schnalstal bzw. Kurzras am Schluss des Schnalstals gelangen.

Schafe aus dem Passeier nördlich von Meran erreichen über das Timmelsjoch (2474 m ü. A.) ihre Weiden oberhalb von Obergurgl. Bis 1962 erfolgte der letztgenannte Schaftrieb über den Gurgler Ferner, wobei der Alpenhauptkamm am Gurgler Eisjoch (3151 m ü. A.) überschritten wurde.

In der ersten Septemberhälfte werden die Schafe auf den gleichen Wegen zurück nach Südtirol getrieben. Die Ankunft in Vernagt bzw. Kurzras wird zum Anlass eines Hirtenfestes genommen.

GeschichteBearbeiten

Dass die Routen der Schaftriebe schon seit mindestens 6000 Jahren genutzt werden, gilt heute als belegt. Auch der Fund der Eismumie „Ötzi“ am Tisenjoch, das nur ca. 1 km westnordwestlich des Niederjochs liegt, kann in diesem Zusammenhang gesehen werden.[1]

Die Weiderechte von Schnalser Bauern auf den Almen des Rofenbergs werden bereits in einem Dokument des Jahres 1357 bestätigt. Aus dem Jahr 1415 stammt ein das Niedertal betreffender Weiderechtsvertrag für den Zeitraum Mitte Juni bis Mitte September.[2]

Bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden sogar Rinder über die Pässe getrieben. Auch nach der Teilung Tirols am Ende des Ersten Weltkriegs blieb die Tradition des Schaftriebs erhalten.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Schaftriebe hat allerdings nachgelassen. Heute werden ungefähr 3.500 Schafe aus Südtirol in die beiden Venter Täler getrieben, während es 1977 noch doppelt so viele waren.

Im Oktober 2011 wurden die Tradition unter der Bezeichnung Transhumanz – Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen von der Österreichischen UNESCO-Kommission in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Als Begründung wurde dabei neben der ökologischen vor allem die kulturelle Bedeutung genannt, die in grenzüberschreitenden Ritualen und Bräuchen (Festlegen der Weideplätze, gemeinsamer Kirchgang, …) und einer dadurch entstehenden „gemeinsamen regionalen Identität“ zum Ausdruck kommt.[1] Die italienische UNESCO führt ein solches Verzeichnis vorerst nicht.

BilderBearbeiten

Schaftrieb über das HochjochBearbeiten

Schaftrieb über das NiederjochBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Schaftrieb über den Ötztaler Alpenhauptkamm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Transhumanz – Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen. Österreichische UNESCO-Kommission: Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich. immaterielleskulturerbe.unesco.at, abgerufen 19. Februar 2012.
  2. Der Schaftrieb im Ötztal, zusammengestellt von T. Schmarda (Memento vom 26. September 2014 im Internet Archive)