Satz von Nielsen-Schreier

mathematischer Satz

Der Satz von Nielsen-Schreier ist ein grundlegendes Ergebnis der kombinatorischen Gruppentheorie, eines Teilgebiets der Mathematik, das sich mit diskreten (zumeist unendlichen) Gruppen beschäftigt. Der Satz besagt, dass in einer freien Gruppe jede Untergruppe frei ist. Neben dieser qualitativen Aussage stellt die quantitative Fassung eine Beziehung her zwischen dem Index und dem Rang einer Untergruppe. Dies hat die überraschende Konsequenz, dass eine freie Gruppe vom Rang Untergruppen von jedem beliebigen Rang und sogar von (abzählbar) unendlichem Rang hat.

Der Satz kann besonders elegant und anschaulich mit Hilfe algebraisch-topologischer Methoden bewiesen werden, mittels Fundamentalgruppe und Überlagerungen von Graphen.

Aussage des SatzesBearbeiten

Ist   eine freie Gruppe, dann ist jede Untergruppe   von   ebenfalls frei.

Hat die Untergruppe endlichen Index, so gilt zusätzlich folgende quantitative Aussage:

Ist   eine freie Gruppe vom Rang   und ist   eine Untergruppe von endlichem Index  , dann ist   frei vom Rang  . Dies ist auch für   richtig.

BeweiseBearbeiten

Der Satz lässt sich wahlweise mit algebraischen oder topologischen Argumenten beweisen. Ein rein algebraischer Beweis findet sich im unten angegebenen Lehrbuch von Robinson.[1] Der topologische Beweis gilt als besonders elegant und soll im Folgenden skizziert werden. Er benutzt auf raffinierte Weise die Darstellung freier Gruppen als Fundamentalgruppen von Graphen und ist ein Paradebeispiel für die fruchtbare Wechselwirkung zwischen Algebra und Topologie.

Freie Gruppen als Fundamentalgruppen von GraphenBearbeiten

 
Graph mit Spannbaum (schwarz) und verbleibenden Kanten (rot). Letztere erzeugen frei die Fundamentalgruppe des Graphen. Als Beispiel gelb eingezeichnet ist der zur Kante   gehörige Erzeuger.

Sei   ein zusammenhängender Graph. Diesen realisieren wir als topologischen Raum, wobei jede Kante einem Weg zwischen den angrenzenden Ecken entspricht. Die entscheidende Feststellung ist nun, dass die Fundamentalgruppe   eine freie Gruppe ist.

Um dieses Ergebnis explizit zu machen und damit auch zu beweisen, wählt man einen maximalen Baum  , also einen Baum, der alle Ecken von   enthält. Die verbleibenden Kanten   liefern eine Basis von  , indem man für jede Kante   einen Weg   wählt, der vom Fußpunkt   im Baum   bis zur Kante   läuft, diese überquert und anschließend in   wieder zum Fußpunkt zurückkehrt. (Man wählt als Fußpunkt zweckmäßigerweise eine Ecke von  ; diese liegt dann automatisch in jedem maximalen Baum  .) Die Tatsache, dass die Homotopieklassen   mit   eine Basis von   bilden, kann man mittels kombinatorischer Homotopie beweisen, oder durch explizite Konstruktion der universellen Überlagerung des Graphen  .

Dieses Ergebnis können wir quantitativ fassen, wenn   ein endlicher Graph mit   Ecken und   Kanten ist. Er hat dann die Euler-Charakteristik  . Jeder maximale Baum   enthält dann genau   Ecken und   Kanten, und hat insbesondere die Euler-Charakteristik  . Es verbleiben die Kanten   und deren Anzahl ist  . Die Fundamentalgruppe   ist demnach eine freie Gruppe vom Rang  .

Topologischer Beweis des Satzes von Nielsen-SchreierBearbeiten

Qualitative Fassung: Jede freie Gruppe   lässt sich darstellen als Fundamentalgruppe   eines Graphen  . Zu jeder Untergruppe   gehört eine Überlagerung  . Der Überlagerungsraum   ist dann wieder ein Graph, also ist die Gruppe   frei.

Quantitative Fassung: Jede freie Gruppe   von endlichem Rang   lässt sich darstellen als Fundamentalgruppe   eines endlichen Graphen   mit Euler-Charakteristik  . Zu jeder Untergruppe   von Index   gehört dann eine  -blättrige Überlagerung  . Der überlagernde Graph   hat also die Euler-Charakteristik  , und die Gruppe   ist demnach frei vom Rang  .

Geometrischer Beweis des Satzes von Nielsen-SchreierBearbeiten

Eine Gruppenoperation auf einem ungerichteten Graphen, also ein Homomorphismus in die Automorphismengruppe eines Graphen, heißt frei, wenn jedes vom neutralen Element verschiedene Gruppenelement frei operiert. Letzteres bedeutet, dass kein Knoten und keine Kante bei der Operation erhalten bleiben. Im geometrischen Beweis zeigt man, dass eine Gruppe genau dann frei ist, wenn sie eine freie Gruppenoperation auf einem Baum besitzt. Der Satz von Nielsen-Schreier ist nun ein einfaches Korollar, denn diese Charakterisierung freier Gruppen überträgt sich offenbar auf Untergruppen.[2]

FolgerungenBearbeiten

Untergruppen der ganzen ZahlenBearbeiten

Für den Rang   ist   die triviale Gruppe, die nur aus dem neutralen Element besteht, und die Aussage des Satzes ist leer.

Die erste interessante Aussage finden wir im Rang  . Hier ist   die freie abelsche Gruppe, und wir finden die Klassifikation der Untergruppen von   wieder: Die triviale Untergruppe   ist frei vom Rang  , jede andere Untergruppe   ist von der Form   vom Index   und selbst wieder frei abelsch vom Rang  . Diese einfache Aussage kann auch ohne den Satz von Nielsen-Schreier bewiesen werden, zeigt aber, was im Spezialfall   in ihm steckt.

Untergruppen nicht-abelscher freier GruppenBearbeiten

Für eine freie Gruppe   vom Rang   folgt aus dem (quantitativen) Satz von Nielsen-Schreier, dass   freie Untergruppen von beliebigem endlichen Rang enthält. Es genügt, dies für die von 2 Elementen erzeugte Gruppe   zu zeigen, da diese in allen von   Elementen erzeugten freien Gruppen enthalten ist. Bildet man die beiden Erzeuger von   auf den Erzeuger der zyklischen Gruppe   ab, so erhält man aus der definierenden Eigenschaft der freien Gruppe einen surjektiven Gruppenhomomorphismus  . Nach dem Homomorphiesatz ist  , das heißt die Untergruppe   hat den Index  . Sie ist nach der quantitativen Aussage des Satzes von Nielsen-Schreier daher isomorph zur von   Elementen erzeugten freien Gruppe.

Man kann in   sogar eine Untergruppe von abzählbar unendlichem Rang konstruieren.

Diese erstaunliche Eigenschaft steht im Gegensatz zu freien abelschen Gruppen (wo der Rang einer Untergruppe stets kleiner oder gleich dem Rang der gesamten Gruppe ist) oder Vektorräumen über einem Körper (wo die Dimension eines Unterraums stets kleiner oder gleich der Dimension des gesamten Raums ist).

Untergruppen endlich erzeugter GruppenBearbeiten

Der Satz von Nielsen-Schreier handelt zwar zunächst nur von freien Gruppen, seine quantitative Fassung hat aber auch interessante Konsequenzen für beliebige, endliche erzeugte Gruppen. Ist eine Gruppe   endlich erzeugt, von einer Familie mit   Elementen aus  , und ist   eine Untergruppe von endlichem Index  , dann hat auch   ein endliches Erzeugendensystem mit höchstens   Elementen.

Wie schon im Fall freier Gruppen muss man im Allgemeinen also damit rechnen, dass eine Untergruppe   mehr Erzeuger benötigt als die gesamte Gruppe  .

GeschichteBearbeiten

Der Satz ist benannt nach den Mathematikern Jakob Nielsen und Otto Schreier und verallgemeinert einen Satz von Richard Dedekind[3], dass Untergruppen freier abelscher Gruppen freie abelsche Gruppen sind, auf den nicht-abelschen Fall. Er wurde 1921 von Nielsen bewiesen[4], zunächst allerdings nur für freie Untergruppen von endlichem Rang (endlich erzeugte freie Untergruppen). Schreier konnte diese Einschränkung 1927 aufheben, und den Satz auf beliebige freie Gruppen verallgemeinern.[5]Max Dehn erkannte die Beziehungen zur algebraischen Topologie und gab nach dem Nachruf auf Dehn von Ruth Moufang und Wilhelm Magnus als erster einen topologischen Beweis des Satzes von Nielsen-Schreier (unveröffentlicht).[6] Eine Darstellung des Beweises mit Hilfe von Graphen gibt auch Otto Schreier in seiner Abhandlung von 1927 (wobei er den Graphen Nebengruppenbild nennt und ihn als Erweiterung des Dehnschen Gruppenbildes von 1910 auffasst)[7]. Weitere topologische Beweise stammen von Reinhold Baer und Friedrich Levi[8] und Jean-Pierre Serre.[9] Kurt Reidemeister stellte die Verbindung freier Gruppen mit geometrischer Topologie 1932 in seinem Lehrbuch über kombinatorische Topologie dar.[10]

LiteraturBearbeiten

  • D. L. Johnson,: Topics in the Theory of Group Presentations, London Mathematical Society lecture note series, 42, Cambridge University Press, 1980 ISBN 978-0-521-23108-4.
  • Wilhelm Magnus, Abraham Karrass, Donald Solitar: Combinatorial Group Theory, 2. Auflage, Dover Publications 1976.
  • John Stillwell: Classical Topology and Combinatorial Group Theory, Graduate Texts in Mathematics, 72, Springer-Verlag, 2. Auflage 1993.

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. D.J.S. Robinson: A Course in the Theory of Groups, Springer-Verlag 1996, ISBN 978-1-4612-6443-9, Satz 6.1.1: The Nielsen-Schreier-Theorem
  2. Clara Löh: Geometric Group Theory, Springer-Verlag 2017, ISBN 978-3-319-72253-5, Theorem 4.2.1 und Korollar 4.2.8
  3. D. L. Johnson, Topics in the Theory of Group Presentations, London Mathematical Society lecture note series, 42, Cambridge University Press 1980, S. 9
  4. Nielsen, Om regning med ikke-kommutative faktorer og dens anvendelse i gruppeteorien, Math. Tidsskrift B, 1921, S. 78–94
  5. Otto Schreier: Die Untergruppen der freien Gruppen. In: Abhandlungen aus dem Mathematischen Seminar der Universität Hamburg. 5, 1927, S. 161–183. doi:10.1007/BF02952517.
  6. Siehe Wilhelm Magnus, Moufang, Ruth: Max Dehn zum Gedächtnis. In: Mathematische Annalen. 127, Nr. 1, 1954, S. 215–227. doi:10.1007/BF01361121. SUB Göttingen, siehe S. 222
  7. Schreier, 1927, S. 163, S. 180ff
  8. Baer, Levi, Freie Produkte und ihre Untergruppen, Compositio Mathematica, Band 3, 1936, S. 391–398
  9. Serre, Groupes discretes, Paris 1970
  10. Kurt Reidemeister: Einführung in die kombinatorische Topologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972 (Nachdruck des Originals von 1932).