Sainte-Chapelle

Kirchengebäude in Paris

Die Sainte-Chapelle (französisch [sɛ̃t ʃapɛl], deutsch Heilige Kapelle) ist die frühere Palastkapelle der ehemaligen königlichen Residenz Palais de la Cité auf der Île de la Cité in Paris (1. Arrondissement).

Sainte-Chapelle
Chor

Chor

Daten
Ort Paris
Bauherr Ludwig IX. von Frankreich
Baustil Hochgotik
Baujahr ca. 1244 bis 1248
Höhe 42 m
Koordinaten 48° 51′ 19″ N, 2° 20′ 42″ OKoordinaten: 48° 51′ 19″ N, 2° 20′ 42″ O
Besonderheiten
frühere Palastkapelle

Erbaut von etwa 1244 bis 1248 (Weihe), steht sie beispielhaft für den hochgotischen Stil der Mitte des 13. Jahrhunderts. Ihr Bau entstammte dem Bedürfnis, in Paris eine im gotischen Stil erbaute Replik der namenstiftenden sogenannten „Heiligen Kapelle“ (Pharos-Palastkapelle) im Großen Palast der byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel zu stiften, aus deren Bestand nach dem Vierten Kreuzzug die Passions-Reliquien aus erworben worden waren.[1][2]

GeschichteBearbeiten

 
Westfassade
 
Das Innere mit der restaurierten Ausmalung
 
Decke der Oberkapelle
 
Decke der Unterkapelle

PalastkapelleBearbeiten

Die Kapelle wurde zwischen (spätestens) 1244 und 1248 (Weihe) im Auftrag König Ludwigs IX. des Heiligen erbaut, um die kostbaren Passionsreliquien („Christi Dornenkrone“ und Teile des „Wahren Kreuzes“) sowie die Spitze der Heiligen Lanze aufzunehmen, welche in der Pharos-Kapelle im Großen Palast in Konstantinopel aufbewahrt wurden.[2] Der König hatte sie 1237 dem lateinischen Kaiser Balduin II. für eine astronomisch hohe Summe abgekauft.

Am 26. April 1248 wurde die Kapelle der Heiligen Jungfrau Maria geweiht. Als möglicher Architekt wird neben anderen auch Pierre de Montreuil genannt; hier konnte aber keine Klarheit gewonnen werden. Der Schrein der die Passionsreliquien aufnahm, besaß sechs verschiedene Schlösser. Das Schlüsselrecht des Reliquienkastens befand sich in den Händen des französischen Königs, der an hohen Feiertagen die Heiltumsweisung selbst verrichtete. Weitere Reliquien lagerten in der Sakristei. Kurz nach der Fertigstellung der Sainte-Chapelle entstand nördlich von ihr, anstelle des heutigen Palais de Justice, ein neues zweistöckiges Gebäude, das als Schatzkammer diente.

Um 1485 bis 1490 beauftragte Karl VIII. einen unbekannten Meister das Glas der Fensterrose zu erneuern.[3] Möglicherweise wurde unter der Herrschaft Heinrich II. in der Oberkapelle eine neue Schranke mit Zugang zum Chor errichtet, vor der zwei Altäre standen. Diese Abtrennung existierte bis in das 18. Jahrhundert. Außerhalb des Chores befand sich ein kleiner Friedhof des Klerus. Der Chor war außen von Verkaufsläden umringt, deren Handel bis ins 19. Jahrhundert dort betrieben wurde. Nach den Bränden von 1630 und 1776 wurde die Kapelle restauriert. Das Hochwasser im Winter 1689/90 fügte den Wänden der Unterkapelle enormen Schaden zu.

ProfanierungBearbeiten

Nachdem die Kapelle während der Französischen Revolution schwer beschädigt worden war, hing am Giebel jahrelang ein Schild mit dem Text „Nationaleigentum zu verkaufen“. 1790 sollte sie abgerissen werden, was verhindert werden konnte. Nach einer Verordnung wurden 1793 der Dachreiter abgetragen und die Ausstattung, darunter das Chorgestühl und die Orgel, vollständig entwendet. Die Reliquien kamen in die Kathedrale von Saint-Denis, wo sie teilweise verloren gingen. Ein Teil des Schatzes wurde eingeschmolzen.[2]

Das profanierte Gebäude diente zeitweise als Lokal, Lager und Mehlspeicher. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts nutzte man die Unterkapelle wieder für Gottesdienste, die Oberkapelle als Aktenarchiv.[4] Die Hälfte der Dornenkronen-Reliquie lagerte nach der Revolution eine Zeit lang in der Bibliothèque nationale. Später übergab sie Napoleon I. der Kathedrale Notre-Dame. Der andere Teil gelangte während der Revolution zum Schutz in den Vatikan.

Unter dem Bürgerkönig Louis-Philippe wurde der Bau Mitte des 19. Jahrhunderts umfassend saniert. Das stellt einen Wendepunkt in den öffentlichen Vorstellungen über mittelalterliche Kirchenräume dar, denn man war bis dahin eher schlichte weiß gestrichene Räume gewohnt. Jetzt wurden unterschiedliche Farben verwendet, was öffentliche Empörung auslöste.[5] Die Bauleitung übernahm bis 1849 der Architekt Félix Duban. Sein Nachfolger wurde der Architekt Jean-Baptiste Lassus. Neben der Ergänzung der in der Revolution zerstörten Glasfenster, erhielt die Kapelle 1853 einen neuen Dachreiter.[6] 1863 waren die Bauarbeiten abgeschlossen.[7]

Jüngere GeschichteBearbeiten

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden die Glasfenster der Sainte-Chapelle entfernt. In den 1990er Jahren wurde die Restauration einzelner Lanzettfenster in Angriff genommen. Von 2008 bis 2014 erfolgte eine umfassende Restauration aller Buntglasfenster. Das 10 Millionen Euro teure Vorhaben wurde mit Hilfe der dänischen Velux-Stiftung und privater Spenden finanziert.[8] Die feierliche Wiedereröffnung fand 2015, anlässlich des 800. Geburtstags von König Ludwig IX. statt.[9]

BeschreibungBearbeiten

Es handelt sich um eine zweistöckige Palastkapelle mit einer niedrigen Unterkapelle und einer hohen Oberkapelle. Diese war Aufbewahrungsort der Reliquien und blieb dem einfachen Volk verschlossen. Der größte Teil ihrer Wände wird von kostbaren Buntglasfenstern eingenommen, wodurch der hohe Raum von unirdisch wirkendem Licht durchflutet wird.

Hier lässt sich auch demonstrieren, dass die Tendenz der Hochgotik, den ehemaligen Steinraum in einen farbigen Glasschrein aufzulösen und die Wände fast vollkommen in mehrbahnige Maßwerkfenster zu verwandeln, nicht dazu führt, dass der Innenraum wesentlich heller wird. Stattdessen war die ergreifende Wirkung des farbigen Lichts, die leuchtende Wand, das Ziel, das Aufgehen der irdischen Existenz in einem mystischen Farbraum.

Ein Teil der lebensgroßen Apostelfiguren an den Wänden, der Altarbaldachin, etwa ein Drittel der Glasfenster, die Verzierungen auf der Innenseite des Westwerks, der Dachreiter, die Figuren der Eingangsportale sowie die Empore im Eingangsbereich wurden rekonstruiert. Trotzdem kann die Besonderheit dieses Raumes im Hinblick auf seine farbige Gesamtwirkung nicht deutlich genug hervorgehoben werden. Angeblich sind insgesamt noch 720 von den insgesamt 1134 Fensterfeldern original.[10]

An einigen Stellen sind vor den Pfeilern Konsolen angebracht, auf denen Standbilder der zwölf Apostel aufgestellt sind, denen ebenfalls die originale Farbigkeit wieder verliehen wurde. Sie ist das Ergebnis einer gründlichen und für die damalige Zeit wagemutigen Restaurierung in den 1840er und -50er Jahren. Die Fensterlanzetten sind 12 Meter hoch. Die Fenster erstrecken sich auf 600 m² Fläche, zwei Drittel von ihnen stammen noch aus dem 13. Jahrhundert, ein Drittel sind Erneuerungen des 19. Jahrhunderts.

SonstigesBearbeiten

Palastkapellen dieses Typs entstanden im späteren Mittelalter auch an anderen Residenzen des französischen Königshauses und seiner Nebenlinien in den Herzogtümern. Sie werden nur dann ebenfalls als Saintes-Chapelles bezeichnet, wenn sie mit Passionsreliquien ausgestattet waren und einer bestimmten Liturgie folgten. Zu diesen gehören die Kapellen in Vincennes, Riom, Châteaudun, Aigueperse, Champigny-sur-Veude und Vic-le-Comte. Verschwunden sind die Saintes-Chapelles von Gué de Maulny, Vivier-en-Brie, Bourbon-l’Archambault und von Bourges.[11][12]

Eine ganz ähnliche Kapelle gibt es im Schloss Saint-Germain-en-Laye (Département Yvelines). Die Schlosskapelle in Versailles wird als barocke Variation der Sainte-Chapelle betrachtet. Als Nachfolgebauten der Sainte-Chapelle außerhalb Frankreichs gelten die gotischen Palastkapellen von Aachen und Prag. Aus dem Inventar der Sainte-Chapelle stammt auch das Evangeliar der Sainte-Chapelle, eine der bedeutendsten Handschriften der ottonischen Buchmalerei. Die vom Gregormeister gefertigte Prunkhandschrift gelangte nach der Revolution in die Bibliothèque nationale de France (Signatur Lat. 8851).

GalerieBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Meredith Cohen: The Sainte-Chapelle and the construction of sacral monarchy royal architecture in thirteenth-century Paris, New York 2015 (grundlegend).
  • Camilla Cavicchi: Origin and Dissemination of Images of the Saint Chapel. In: Music in Art: International Journal for Music Iconography. 44, Nr. 1–2, 2019, ISSN 1522-7464, S. 57–77.
  • Julia Droste-Hennings, Thorsten Droste: Paris. DuMont, Köln 2003, ISBN 3-7701-6090-8, S. 109–116.
  • Louis Grodecki: Sainte-Chapelle. Caisse Nationale des Monuments Historiques et des Sites, Paris 1975.
  • Robert Branner: St. Louis and the court style in gothic architecture, 1965 (von der späteren Forschung in Teilen revidiert).
  • Denise Jalabert: La Sainte Chapelle. Nefs et clochers, Les Éditions du Cerf, Paris 1960.
  • Dieter Kimpel, Robert Suckale: Die gotische Architektur in Frankreich 1130–1270. Hirmer Verlag, München 1985, ISBN 3-7774-4040-X, S. 400–405.
  • Ruth Wessel: Die Sainte-Chapelle in Frankreich. Genese, Funktion und Wandel eines neuen Raumtyps. Dissertation Düsseldorf 2003 (Digitalisat).

WeblinksBearbeiten

Commons: Sainte-Chapelle (Paris) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Henry Maguire: Byzantine court culture from 829 to 1204. Dumbarton Oaks 2004, ISBN 978-0-88402-308-1, S. 56–57
  2. a b c Alexei Lidov: A Byzantine Jerusalem. The Imperial Pharos Chapel as the Holy Sepulchre. In: Annette Hoffmann, Gerhard Wolf (Hrsg.): Jerusalem as narrative space -Erzählraum Jerusalem (= Visualising the Middle Ages Bd. 6). Brill, Leiden-Boston 2012, S. 63–103, hier S. 82 (Digitalisat).
  3. Ina Nettekoven: Der Meister der Apokalypsenrose der Sainte Chapelle und die Pariser Buchkunst um 1500 (= Ars nova. Studies in Late Medieval and Renaissance Nothern Painting and Illumination. Bd. 9). Brepols, Turnhout 2004, ISBN 2-503-52195-9.
  4. Bayerische Akademie der Wissenschaften Jahrbuch 1977, Festvortrag Die Sainte-Chapelle du Palais Ludwigs des Heiligen
  5. siehe Die Farbe in mittelalterlichen Kirchen im Artikel „Gotik“.
  6. Trudi Diehl: Paris – Sainte Chapelle. In: frankreich-in-wort-und-bild.de. Abgerufen am 7. Juni 2021.
  7. Ruth Wessel: Die Sainte-Chapelle in Frankreich. Genese, Funktion und Wandel eines neuen Raumtyps. Dissertation Düsseldorf 2003.
  8. Callum Tyler: Ein Insider-Leitfaden zu Sainte-Chapelles Buntglasfenstern. In: tiqets.com. 11. September 2020, abgerufen am 7. Juni 2021.
  9. Kim Willsher: Sainte-Chapelle stained glass window restoration completed. 20. Mai 2015, abgerufen am 7. Juni 2021 (englisch).
  10. Das Bild Samsons Kampf mit dem Löwen (Musée Cluny Paris) befindet sich heute im Musée national du Moyen Âge.
  11. Claudine Billot: Les Saintes-Chapelles royales et princières. Paris 1998, ISBN 2-85822-247-9.
  12. Ruth Wessel: Die Sainte-Chapelle in Frankreich. Genese, Funktion und Wandel eines neuen Raumtyps. Dissertation Düsseldorf 2003.