Hauptmenü öffnen
Modell des russischen Projekts

Russische schwimmende Kernkraftwerke (russisch плавучая атомная теплоэлектростанция малой мощности, ПАТЭС ММ, deutsche wörtliche Übersetzung „schwimmendes Kernheizkraftwerk mit geringer Leistung“) sind von der Föderalen Agentur für Atomenergie Russlands geplante selbstständige Kernkraftwerke mit vergleichsweise geringer Kapazität auf einer schwimmenden Plattform. Die Anlagen sind für die Serienproduktion in Werften konzipiert worden. Nach Fertigstellung sollen die Kraftwerke an Bestimmungsorte in küstennahen Gewässern in der Nähe von Städten oder Industrieanlagen geschleppt werden. Ein erstes realisiertes Projekt ist die Akademik Lomonossow, die im Mai 2018 von einem Schlepper nach Murmansk gebracht wurde.[1]

DetailsBearbeiten

Es handelt sich um ein Konzept der dezentralen Energieversorgung durch Kernkraftwerke. Neben der Strom- und Wärmeerzeugung soll die Anlage bei Bedarf auch zur Meerwasser-Entsalzung eingesetzt werden. Es können dann 240.000 m³ Süßwasser pro Tag erzeugt werden. Die nicht selbstfahrende Plattform ist 144 Meter lang, 30 Meter breit und wiegt 21.500 Tonnen.

AusstattungBearbeiten

Die Anlage ist mit zwei Kernreaktoren des Typs KLT-40 bestückt, die auch in russischen Atomeisbrechern der Taymyr-Klasse und im russischen Frachter Sevmorput im Einsatz sind. Jeder Reaktor der Version KLT-40S liefert eine Bruttoleistung von 35 MW elektrisch, die Nettoleistung beträgt 32 MW.[2] Die Reaktoren sollen eine thermische Leistung von 150 MW haben. Die Anlagen sind für eine Laufzeit von 40 Jahren ausgelegt. Die Reaktoren müssen erst nach 12–15 Jahren mit neuen Brennelementen bestückt werden.[3] Es ist geplant, das komplette Kraftwerk zum Brennelementewechsel in die Werft zu schleppen, die die Plattform hergestellt hat.

EntwicklungBearbeiten

Ein erster Prototyp, das Kernkraftwerk Akademik Lomonossow, wurde in Sankt Petersburg gebaut.[4] Die Indienststellung ist für 2019 geplant.[5]

Laut Pressemitteilung der russischen Prüf- und Genehmigungsbehörde Glavgosexpertiza wurde Anfang 2018 die Betriebsgenehmigung für die Akademik Lomonossow erteilt.[6] Ende April 2018 wurde die Akademik Lomonosov aus ihrem St. Petersburger Dock geschleppt: das erste schwimmende AKW der Welt wurde über Ost- und Nordsee und den Nordatlantik nach Murmansk jenseits des Polarkreises gezogen. Dort liegen die größten Teile der russischen Nordflotte, auch die meisten russischen Atom-U-Boote. Die Kernreaktoren sollen dort mit nuklearen Brennelementen bestückt werden.[7][8][9] Nach Ankunft in Murmansk lud der staatliche Konzern Rosatom am 19. Mai 2018 zu einer Feierstunde. Dazu hieß es: „Nun haben wir das erste Referenzprojekt einer mobilen atomaren Energiequelle. Für die nächsten Jahre erwarten wir eine sehr hohe Nachfrage.“ Bereits jetzt (Sommer 2018) hätten einige Inselstaaten ihr Interesse bekundet.[1]

Das Projekt wird wegen damit gesehener Risiken für die Ozeane von Umweltschützern wie Greenpeace heftig kritisiert.[10]

Sieben weitere Anlagen sind in Planung: Fünf davon sollen auf Offshore-Bohrinseln auf den Halbinseln Kola und Jamal für Gazprom zum Einsatz kommen. Weitere Anlagen sollen Städte im fernen Osten und Sibirien mit Strom und Wärme versorgen. Je eine Anlage wurde bereits in Auftrag gegeben für Pewek auf der Tschukotka-Halbinsel, eine andere für die Region Kamtschatka.[11]

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

QuellenBearbeiten

  1. a b Bernhard Clasen: Strahlender Exportschhlager. In: Neues Deutschland, 23. Mai 2018.
  2. Power Reactor Information System der IAEA: Russian Federation: Nuclear Power Reactors (englisch)
  3. Russia commences construction of floating nuclear power plants (RIA Novosti 15. Juli 2007) (englisch)
  4. Russland baut schwimmendes Kernkraftwerk, Der Spiegel, 15. Juni 2006.
  5. WR-Work starts on on-shore infrastructure for russian floating plant
  6. Erstes schwimmendes Kernkraftwerks in Russland genehmigt – russland.CAPITAL. Abgerufen am 9. Juni 2018 (deutsch).
  7. Silke Bigalke: Russland schickt ein Atomkraftwerk aufs eisige Meer. In: sueddeutsche.de. 2018, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 9. Juni 2018]).
  8. Kurs auf Murmansk: Russlands schwimmendes AKW sticht in See. In: Spiegel Online. 28. April 2018 (spiegel.de [abgerufen am 9. Juni 2018]).
  9. Atomkraft: Russland lässt schwimmendes Atomkraftwerk vom Stapel. In: ZEIT ONLINE. (zeit.de [abgerufen am 9. Juni 2018]).
  10. Silke Bigalke: Putins schwimmendes Atomkraftwerk. In: Tages-Anzeiger, Tages-Anzeiger. 29. Mai 2018, ISSN 1422-9994 (tagesanzeiger.ch [abgerufen am 9. Juni 2018]).
  11. WNA Report Nuclear Power in Russia, Mai 2007 (englisch)