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Roßdorf (Amöneburg)

Stadtteil von Amöneburg

GeographieBearbeiten

Der Ort, 213 m über NHN, liegt im Amöneburger Becken, einer Beckenlandschaft von erheblicher Ausdehnung, die westlich von den Lahnbergen bei Marburg, östlich von der Wasserscheide und dem Herrenwald bei Stadtallendorf, im Süden vom Vorderen Vogelsberg und nördlich von Kirchhain vom Randgebiet des Burgwaldes umsäumt wird. Der Rulfbach durchfließt den Ort in nordöstlicher Richtung, wo er nahe der Brücker Mühle bei Amöneburg in die Ohm (Alte Ohm) mündet. Markantester Punkt außerhalb der Ortslage ist ein Hügel mit dem Flurnamen Auf der Warte, 234 m über NHN.

GeschichteBearbeiten

 
Die Kirche

Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort im Urkundenbuch des Klosters Fulda unter dem Namen Rostorf bzw. Ruesdorf, was dem Jahr 750 oder 779 zugeschrieben wird.[1]

Die katholische Pfarrkirche St. Marien steht unter dem Patrozinium von Mariä Geburt und Johannes der Täufer. Die Konsekration erfolgte am 27. Juni 1706. Es handelt sich um einen Saalbau mit dreiseitig geschlossenem Chor. In das Kirchendach integriert ist ein dreistöckiger Haubendachreiter mit vier Glocken, während das Innere der Kirche mit reichhaltigen Stuckaturen aufwartet, sowie einem spätbarocken mit Figuren besetzten Hochaltar. Bei den beiden Altarfiguren handelt es sich um Kaiser Heinrich II. und dessen Gemahlin Kunigunde. Das zentrale große Deckengemälde zeigt die Aufnahme Mariens in den Himmel und die übrigen Gemälde weitere Hochfeste der Gottesmutter Maria.

Die Kirche wurde 1695/1696 in spätgotischem Stil erbaut und 1728 in westlicher Richtung erweitert und gleichzeitig barockisiert. Der Umbau dürfte nach kirchlichen Aufzeichnungen bis 1739 angedauert haben. Aber auch in der Folgezeit erfolgten stetig Erhaltungs- und Umgestaltungsarbeiten. Umgeben ist das Gotteshaus von einem Wehrkirchhof und einer Wehrmauer mit Schlüsselscharten. Auf dem Kirchhof befinden sich mehrere historische Grabsteine sowie ein Kriegerehrenmal.

Nach der Schlacht an der Brücker Mühle zu Amöneburg (21. September 1762) wurde ein Massengrab französischer Gefallener angelegt. An diese Toten des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) erinnert seit 2014 eine zweisprachige Gedenktafel.

Neben mehreren Bildstöcken und Hochkruzifixen, die innerhalb des Dorfes und der Gemarkung Zeichen katholischen Glaubens symbolisieren, sind zwei Heiligenhäuschen (im oberhessischen Dialekt, sg.: Helchehäusche) besonders erwähnenswert. Dabei handelt es sich um kleinere, sandsteinerne, mehreckige Gebäude, die sich vom Baustil sehr ähneln, begehbar sind und die jeweils über ein schiefergedecktes Zeltdach verfügen. Auf der Dachspitze tragen sie ein Kreuz. Im schlichten Inneren befinden sich Heiligenstatuen. Beide Sakralbauten sind Unikate in der Umgebung von Amöneburg.

Kirchenhistorisch ist noch anzumerken, dass im Jahr 1820 die Pfarrei Schröck aufgelöst wurde und bis 1884 als Filialgemeinde der Pfarrei Roßdorf zugeordnet wurde.

Am 31. Dezember 1971 wurde die Gemeinde Roßdorf im Zuge der Gebietsreform in Hessen als Ortsteil in die Gemeinde Amöneburg eingegliedert.[3]

Die ehemalige Schule wurde 2005 zum Haus der Vereine umgebaut. Seit 2013 befindet sich im Obergeschoss das Dorf- und Trachtenmuseum Roßdorf. Die einzigartige Sammlung zeigt die örtliche katholische Tracht.

Historische NamensformenBearbeiten

In erhaltenen Urkunden wurde Roßdorf unter den folgenden Ortsnamen erwähnt (in Klammern das Jahr der Erwähnung):[1]

  • Rostorf und Ruesdorf (750/779, nach Abschrift des 12. Jahrhunderts) [Urkundenbuch des Klosters Fulda 1, Nr. 106, 116][4]
  • Rostorp (781)
  • villa Rostorph (781) [Historisches Ortslexikon für Kurhessen, in VHKH, Bd. 14][5]
  • Rosdorf (1200/1220)
  • Rosdorf (um 1248)
  • Resdorf (um 1248)
  • Rorsdorp (um 1248)
  • Rastorf (1255)
  • Rorstorf (1260)
  • major Rostorpf (1308)
  • Rosdorph (1324) [Amöneburger Kellerei-Rechnungen][6]
  • Obern Rustorp (1349)
  • Obern Roizdorf (1335)
  • Großen Rosdorff (1368)

Territorialgeschichte und VerwaltungBearbeiten

Die folgende Liste zeigt im Überblick die Territorien, in denen Roßdorf lag, bzw. die Verwaltungseinheiten, denen es unterstand:[1][7]

BevölkerungBearbeiten

EinwohnerentwicklungBearbeiten

 Quelle: Historisches Ortslexikon[1]

• 1580: 90 Hausgesessene
• 1664: 62 Hausgesessene
• 1838: 56 nutzungsberechtigte, 35 nicht nutzungsberechtigte Ortsbürger, 10 Beisassen.
Roßdorf: Einwohnerzahlen von 1747 bis 1967
Jahr  Einwohner
1747
  
285
1834
  
639
1840
  
656
1846
  
675
1852
  
620
1858
  
641
1864
  
611
1871
  
566
1875
  
573
1885
  
620
1895
  
660
1905
  
656
1910
  
679
1925
  
652
1939
  
730
1946
  
988
1950
  
984
1956
  
825
1961
  
828
1967
  
890
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: [1]

ReligionszugehörigkeitBearbeiten

 Quelle: Historisches Ortslexikon[1]

• 1861: 610 römisch-katholisch, 2 evangelisch-lutherisch, 19 jüd.Einwohner
• 1885: 10 evangelische (= 1,61 %), 597 katholische (= 96,29 %) und 13 jüdische (= 2,10 %) Einwohner
• 1961: 34 evangelische (= 4,11 %), 788 römisch-katholische (= 95,17 %) Einwohner

ErwerbstätigkeitBearbeiten

 Quelle: Historisches Ortslexikon[1]

• 1838: Familien: 49 Ackerbau, 37 Gewerbe, 14 Tagelöhner.
• 1961: Erwerbspersonen: 193 Land- und Forstwirtschaft, 176 Produzierendes Gewerbe, 25 Handel und Verkehr, 29 Dienstleistungen und Sonstiges.

Regelmäßige VeranstaltungenBearbeiten

Seit 2009 findet im September die erfolgreiche Wiederauflage der Kirmes statt. Besonders am Freitagabend tanzen mehrere Tausend Besucher zu Musik, die von DJs aufgelegt wird. Eine riesige Schneekanone sorgt hier für Abkühlung.[8]

Wirtschaft und InfrastrukturBearbeiten

VerkehrBearbeiten

Der öffentliche Personennahverkehr wird durch die Buslinie MR-94 des Regionalen Nahverkehrsverbandes Marburg-Biedenkopf (RNM) und den Linienbusverkehr des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) sichergestellt. Durch den Ort führt die Landesstraße 3289, die sich nordwestlich von Roßdorf mit der Landesstraße 3048 trifft. Nach Marburg sind es ca. 20 Minuten, auf die Lahnberge ins Uniklinikum ca. 15 Minuten und nach Gießen ca. 30 Minuten.

Öffentliche EinrichtungenBearbeiten

Im Ort gibt es einen Kindergarten, eine Mehrzweckhalle.

GrundversorgungBearbeiten

Es gibt einen tegut-Markt, eine Metzgerei (mit eigener Schlachtung), ein Bäcker sowie ein Friseur und eine Bankfiliale.

LiteraturBearbeiten

  • Klaus Lang, Heinrich Ried, Andreas Seim: Vergänglicher Lobpreis Gottes ...: Festschmuck des Fronleichnams im Amöneburger Becken. Jonas Verlag, 2005
  • Festschrift zum 80 jährigen Bestehen des RSV 1924 Roßdorf e. V. vom 10.07.2004 bis 18.07.2004. Hrsg.: RSV 1924 Roßdorf e. V.
  • Brunhilde Miehe: Der Tracht treu geblieben. Studien zu den letzten regionalen Kleidungsformen in Hessen. Zusammenfassung: Amöneburger Becken S. 204–211 und Katharina Hofmann S. 212–219. Verlag: Brunhilde Miehe Haunetal, Wehrda, 1995.
  • Rudolf Grenz: Chronik von Roßdorf. Nach Urkunden und Aufzeichnungen aus dem Dorf. Stadt Amöneburg (Copr.), 1990.
  • Wir armen, reichen Kinder. Erzählungen über gelebtes Brauchtum und Kindheitserlebnisse. Hrsg.: Renate Schütz (Hrsg.), Roßdorf 1989.
  • Alfred Schneider: Zur Geschichte der Pfarrkirche St. Marien in Roßdorf. Festschrift zum 250 jährigen Bestehen der barocken Pfarrkirche im Jahre 1982. Hrsg.: Katholische Kirchengemeinde Roßdorf, Roßdorf 1982.
  • Literatur über Roßdorf in der Hessischen Bibliographie

WeblinksBearbeiten

  Commons: Roßdorf – Sammlung von Bildern

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f g h Roßdorf, Landkreis Marburg-Biedenkopf. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 23. März 2018). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  2. Die Zahl entstammt myheimat.de und ist kompatibel mit dem auf diesen Zeitpunkt referenzierten Wert für den Ortsteil Erfurtshausen aus: Dorferneuerungsplan Erfurtshausen, August 2011 (PDF; 4,2 MB)
  3. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 403.
  4. Edmund Ernst Stengel u. a.: Urkundenbuch des Klosters Fulda. Die Zeit der Äbte Sturmi und Baugulf. Hrsg.: Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. Marburg 1958.
  5. Heinrich Reimer: Historisches Ortslexikon für Kurhessen, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. 1., 2. Auflage 1974, unveränderter Neudruck der 1. Ausgabe Marburg 1926. Band 14, S. 406. N. G. Elwert Universitätsbuchhandlung, Marburg, ISBN 3-7708-0510-0.
  6. Ingrossaturbuch im StA Würzburg 42/112 und Alfred Schneider (1989). Stadt und Amt Amöneburg. Hessische Heimatbücher, 2. Auflage. Roßdorf wurde in dieser Zeit auch als >Großroßdorf< bezeichnet, d. h. der Ortsname enthielt den Zusatz maior bzw. superior. Damit erfolgte die namentliche Abgrenzung zu dem etwa 2 Kilometer nordöstlich gelegenen >Kleinroßdorf<, das neben dem Ortsnamen die Bezeichnung minor bzw. inferior trug. Im Jahr 1494 genehmigte der Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg (1484-1504), dass die Bewohner beider Roßdorfs sich in >Großroßdorf< vereinten, was bedeutet, dass >Kleinroßdorf< von seinen Bewohnern aufgegeben wurde.
  7. Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. Land Hessen. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006).
  8. Roßdorf feiert Kirmes, Oberhessische Presse, 12. September 2014 (Bezahlschranke).