Eine Risikoaggregation ist – vereinfacht ausgedrückt – eine Zusammenfassung aller Risiken, nicht jedoch deren einfache Addition. Zielsetzung der Risikoaggregation ist die Bestimmung der Gesamtrisikoposition eines Unternehmens oder Projektes, die durch ein festzulegendes Risikomaß ausgedrückt wird. Oft wird ergänzend die relative Bedeutung von Einzelrisiken ermittelt; mit Bezug auf die Unternehmensentwicklung. Dabei sind stochastische Abhängigkeiten der Risiken, z. B. erfassbar durch Korrelationen bzw. Copulas (Wechselwirkungen), durch Risikosimulationsverfahren explizit zu berücksichtigen. Die Risikoaggregation ist insbesondere notwendig, um mögliche "bestandsgefährdende Entwicklungen" eines Unternehmens aus Kombinationseffekten von Einzelrisiken zu erkennen (was § 91 AktG / KonTraG fordert). Hier wird untersucht, mit welcher Wahrscheinlichkeit es zur Verletzung von Mindestanforderungen an das Rating oder von Kreditvereinbarungen kommt, weil solche Szenarien eine drohende Illiquidität anzeigen können und somit als "bestandsgefährdend" zu interpretieren sind.

Anwendung in der PraxisBearbeiten

In der Praxis werden die Wirkungen von Einzelrisiken auf die Unternehmensplanung (z. B. Plan-GuV) abgebildet; eine Vorgehensweise, die die Verbindung zwischen Risikomanagement und „traditioneller“ Unternehmensplanung ermöglicht. So werden risikoadjustierte Kapitalkostensätze (Risk Adjusted Profitability/Performance Measure (RAPM)) oder durch Risiken verursachte „Streuungsbänder“ der zukünftigen Gewinne oder Cash-Flows ermittelt ("Bandbreitenplanung"). Dies trägt zu einer fundierten Beurteilung der Zuverlässigkeit der Planung bei und zeigt die Planungssicherheit sowie den Eigenkapital- und Liquiditätsbedarf (ausdrückbar z. B. durch das Risikomaß Value at Risk). Die Aggregation der Risiken ist eine der wesentlichsten Aufgaben des Risikomanagements und Gegenstand der Prüfung von Risikofrüherkennungssystemen (siehe den IDW Prüfungsstandard 340 und den DIIR Revisionstandard Nr. 2 zum Risikomanagement von 2018). Die Risikoaggregation ist Grundlage für die Messung von Risikotragfähigkeit und Risikotoleranz (siehe IdW PS 981).

Monte-Carlo-SimulationBearbeiten

Ein numerisches Verfahren zur Risikoaggregation ist die Risikosimulation mithilfe der Monte-Carlo-Simulation. Aus den ermittelten Realisationen der Zielgrößen ergeben sich aggregierte Häufigkeitsverteilungen. Aus diesen können Erwartungswerte von Cashflow und Gewinn sowie der zugehörige Value at Risk (VaR) als ein realistischer Höchstschaden, der mit beispielsweise 95%iger oder 99%iger Wahrscheinlichkeit nicht überschritten wird. Für die Aggregation von Risiken mit Bezug auf die Unternehmensplanung gibt es keine Alternative zur Monte Carlo Simulation, wenn Risiken durch unterschiedliche Wahrscheinlichkeitsverteilungen beschrieben werden.

Im Rahmen einer Monte-Carlo-Simulation werden die Wirkungen von Einzelrisiken in einem Unternehmensmodell abgebildet und hinsichtlich ihres Einflusses auf die entsprechenden Posten der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) und/oder der Bilanz bewertet. Solche Wirkungen von Einzelrisiken auf Positionen in der GuV oder in der Bilanz werden im Modell durch Wahrscheinlichkeitsverteilungen beschrieben (siehe Risikoquantifizierung). In unabhängigen Simulationsläufen wird so zur Bestimmung des Gesamtrisikoumfangs mit Hilfe der Monte-Carlo-Simulation ein Geschäftsjahr mehrere Tausend Mal simuliert und die Wirkung einer zufällig eingetretenen Kombination der potenziellen Risiken auf die GuV und/oder die Bilanz bestimmt. Um mögliche "bestandsgefährdende Entwicklungen" erkennen zu können, werden die Auswirkungen der Risiken auf Covenents und das zukünftige Rating analysiert. Dabei ist eine Simulation über mehrere Planjahre sinnvoll (siehe den IDW Prüfungsstandard 340 und Grundsätze ordnungsgemäßer Planung).

 
Risikoaggregation in die Unternehmensplanung.

Durch die Nutzung von Simulationsverfahren wird das komplexe Problem der analytischen Summierung von einer Vielzahl unterschiedlicher Risiken, insbesondere bei dieser Vorgehensweise, durch eine numerische Näherungslösung ersetzt. Im Prinzip wird durch diese Simulation eine repräsentative Stichprobe aller möglichen Risiko-Szenarien eines Unternehmens generiert und analysiert.

Die folgende Grafik zeigt die Häufigkeitsverteilung der Eigenkapitalquote, die sich in der Simulation aus der Konsolidierung von Gewinnen und Verlusten mit dem Eigenkapital ergibt. Mit dieser Verteilungsfunktion ist es unmittelbar möglich, die Angemessenheit der Eigenkapitalausstattung eines Unternehmens (bei gegebenem Risiko) zu beurteilen. In dem Beispiel zeigt sich, dass das Eigenkapital (unter Berücksichtigung der betrachteten Risiken des Unternehmens) in 3,2 % aller Fälle negativ wird; das Unternehmen also in diesen Fällen überschuldet wäre. So kann basierend auf der Unternehmensplanung und der Risikoanalyse auf ein angemessenes Ratingurteil geschlossen werden und es können Ratingprognosen erstellt werden.

 
Verteilung der Eigenkapitalquote.

LiteraturBearbeiten

  • W. Gleißner, F. Romeike: Risikomanagement – Umsetzung, Werkzeuge, Risikobewertung. Haufe, 2005, ISBN 3-448-06209-X.
  • W. Gleißner: Die Aggregation von Risiken im Kontext der Unternehmensplanung. In: Zeitschrift für Controlling & Management. 5/2004, S. 350–359.(PDF auf: werner-gleissner.de)
  • W. Gleißner: Risikoanalyse, Risikoquantifizierung und Risikoaggregation, in: WiSt, 9/2017, S. 4 – 11 [1] auf: werner-gleissner.de
  • Christian Cech: Copula-based top-down approaches in financial risk aggregation. (= Working Paper Series by the University of Applied Sciences of bfi Vienna. No. 32.) (PDF-Datei; 6,04 MB). auf: fh-vie.ac.at, Dezember 2006.
  • W. Gleißner: Bandbreitenplanung, Planungssicherheit und Monte-Carlo-Simulation mehrerer Planjahre, in: Controller Magazin, Ausgabe 4, Juli/August 2016, S. 16–23
  • C. Grisar, M. Meyer, M.: Use of simulation in controlling research: a systematic literature review for German-speaking countries, in: Management Review Quarterly, online erschienen: 26. Oktober 2015, S. 1–41
  • E. Kamaras, M. Wolfrum: Software für Risikoaggregation: Gängige Lösungen und Fallbeispiel, in: Risikomanagement und Controlling, 2017, S. 289–314
  • M. Hempel, M., J. Offerhaus,: Risikoaggregation als wichtiger Aspekt des Risikomanagements, in: Deutsche Gesellschaft für Risikomanagement (Hrsg.): Risikoaggregation in der Praxis, 2008, S. 3–13

WeblinksBearbeiten