Rhonegletscher

Der Rhonegletscher (manchmal auch Rottengletscher genannt) ist ein Talgletscher im Quellgebiet der Rhone im äussersten Nordosten des Kantons Wallis in den Zentralalpen der Schweiz. Er ist knapp acht Kilometer lang, weist eine durchschnittliche Breite von ungefähr zwei Kilometer auf und bedeckt eine Fläche von ungefähr 15 km². Der Gletscher war vor allem im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner damals noch weit ins Tal bei Gletsch hinunterreichenden Zunge eine grosse Touristenattraktion. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts schmilzt er kontinuierlich. Möglicherweise wird er um das Jahr 2100 beinahe vollständig verschwunden sein.[7]

Rhonegletscher
Luftbild vom Rhonegletscher im September 2011

Luftbild vom Rhonegletscher im September 2011

Lage Kanton Wallis, Schweiz
Gebirge Urner Alpen
Typ Talgletscher
Länge 7,7 km (2013)[1]
Fläche 14,64 km² (2018)[2]
Exposition Süd
Höhenbereich 3620 m ü. M. – 2208 m ü. M. (2005)[3]
Neigung ⌀ 9° (16 %) [4]
Breite ⌀ 2 km [5]
Eisdicke max. 350 m [5]
Eisvolumen 2,11 ± 0,38 km³ (2007)[6]
Koordinaten 672316 / 161776Koordinaten: 46° 36′ 12″ N, 8° 22′ 57″ O; CH1903: 672316 / 161776
Rhonegletscher (Kanton Wallis)
Rhonegletscher
Entwässerung Rhone

LageBearbeiten

 
Gletschersee Juli 2012

Der Rhonegletscher entsteht am verhältnismässig flachen Südwesthang des Winterbergmassivs am Dammastock auf rund 3600 m ü. M. Auf den ersten 2,5 km trägt das Eisfeld den Namen Eggfirn und überwindet eine Höhendifferenz von etwa 600 m. Auf 3080 m ist der Gletscher durch die firnbedeckte Untere Triftlücke mit dem nördlich angrenzenden Triftgletscher verbunden. Der Rhonegletscher fliesst nun mit leichten Windungen und einem Gefälle von durchschnittlich 16 % nach Süden, flankiert vom Tieralplistock (3383 m) und den Gärstenhörnern (3189 m) im Westen sowie vom Galenstock (3586 m) im Osten. Die Gletscherzunge befindet sich derzeit knapp über 2200 m oberhalb eines steilen Felshangs. Hier entspringt die Rhone. Aufgrund des stetigen Rückzugs des Gletschers begann sich in den Jahren 2006/2007 hinter der Schwelle des Steilhangs ein kleiner See zu bilden. Dieser Gletscherzungensee wird sich bei weiterem Abschmelzen des Rhonegletschers noch deutlich vergrössern.

Entwicklung seit dem 19. JahrhundertBearbeiten

Während des Hochstadiums der Kleinen Eiszeit im 19. Jahrhundert und noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts reichte der Rhonegletscher über den Steilhang unterhalb der heutigen Zunge hinunter bis in die Talebene von Gletsch auf rund 1800 m, und zwar zeitweise bis kurz vor die Hotels von Gletsch. Die maximale Ausdehnung im Jahre 1856 ist noch heute gut zu erkennen anhand der glattgeschliffenen kahlen Felsen sowie des abgelagerten Moränenmaterials. Seitdem verkleinert sich der Gletscher stetig und wird möglicherweise bis zum Ende des 21. Jahrhunderts bis auf die höchstgelegenen Firnfelder zurückgehen.[8]

Wissenschaftliche UntersuchungenBearbeiten

 
Längenveränderung des Rhonegletschers seit 1880. Die dünne rote Linie stellt die jährliche und die dicke grüne die kumulierte Veränderung dar

Der Rhonegletscher ist einer der am besten erforschten Gletscher; mit ersten geodätischen Messungen begann der Ingenieur Gosset im Jahr 1874.[9] Seither existiert eine fast durchgehende Beobachtungsreihe, sowohl Längen- als auch Eisdickenänderungen wurden systematisch erfasst. Auch die Fliessgeschwindigkeiten und die Fliessrichtungen in den verschiedenen Abschnitten des Gletschers wurden untersucht. Ein Ergebnis der frühen Gletscheruntersuchungen ist das 1916 erschienene Buch Vermessungen am Rhonegletscher 1874–1915 von Paul-Louis Mercanton (1876–1963), ein Standardwerk der Gletscherkunde. Im Durchschnitt hat sich der Rhonegletscher seit 1874 jährlich um 8,5 m zurückgezogen und dabei ebenfalls jährlich etwa 25 cm an Eisdicke eingebüsst.

Im Rahmen einer Projektstudie des Geographischen Instituts der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wurde im August 2008 ein Testwindfang errichtet, mit dem folgende These untersucht werden sollte: Bei Strahlungswetterlagen fliessen sogenannte katabatische Fallwinde (kalte Fallwinde) über das Gletschereis talabwärts. Wenn es mit einem Windfang gelingen würde, diese kalten Fallwinde aufzustauen, müsste ein Kaltluftpolster entstehen, welches die Gletscheroberfläche abkühlen soll. Die Projektstudie konnte von dem Forscherteam um den physischen Geographen Hans-Joachim Fuchs als Erfolg verzeichnet werden. Der Windfang erzielte die Kühlwirkung. Über sechs Tage lang sammelten elf Messstationen um den Windfang herum rund 100.000 Einzelmesswerte. Diese belegen eine maximale Kühlwirkung des Windfanges von 3 °C. Im Bereich des Windfanges wurde ein Kaltluftpolster erzeugt.[10]

Entwicklung des Gletschers[1]
Jahr 1850 1973 1999/2000 2013
Fläche (km²) 20,2 17,6 16,1 14,64 (2018)[2]
Länge (km) 9,2 8,0 7,9 7,7
Flächenentwicklung des Rhonegletschers[1][2]

ErschliessungBearbeiten

Im Tal von Gletsch kennzeichnen etwa 1,5 m hohe pyramidenförmige Säulen mit Jahreszahlen (ab 1815) den Gletscherschwund im 19. Jahrhundert. Weil der Rhonegletscher an der Furkapassstrasse liegt, einer klassischen Reiseroute durch die Schweizer Alpen, ist er der am leichtesten zugängliche Gletscher der Schweiz. Vom seit 2015 geschlossenen Hotel Belvédère an der Passstrasse ist die Gletscherzunge durch einen wenige Hundert Meter langen kostenpflichtigen Fussweg erreichbar. Hier kann man eine Eisgrotte besuchen.[11] Um diese zu erhalten, wird versucht, den weiteren Rückzug des Gletscherendes hinauszuzögern, indem man dieses mit weissen Planen abdeckt, um es vor Sonneneinstrahlung zu schützen.[12]

Der eiszeitliche RhonegletscherBearbeiten

 
Blick auf den Rhonegletscher im Jahr 2007
 
Blick auf den Rhonegletscher im Jahr 2012

Während der Eiszeiten erreichte der Rhonegletscher zusammen mit seinen Seitengletschern jeweils die grösste Eismasse aller alpinen Gletscher. Er füllte das gesamte Walliser Rhonetal mit einer bis zu 2000 m mächtigen Eismasse und vereinigte sich mit den Gletschern, die aus den Walliser Seitentälern, aus dem Mont-Blanc-Massiv und aus den Freiburger und Berner Alpen strömten. Im Bereich des Genfersees teilte er sich in zwei Arme, von denen der eine weiter rhonetalabwärts bis in die Gegend östlich von Lyon reichte. Der andere Arm dehnte sich über die Höhen des Jorat nach Nordosten aus, wobei er das ganze westliche Mittelland mit Eis bedeckte und sich in der Region Bern mit dem Aaregletscher vereinigte. Während der Hochstadien der Riss- und Würmeiszeit wurde zum Teil auch die dem Schweizer Mittelland am nächsten gelegene Jurakette im Bereich des Mont Tendre vom Eis des Rhonegletschers überdeckt. In der Würmeiszeit stiess der Rhonegletscher bis in die Gegend von Wangen an der Aare zwischen Solothurn und Langenthal vor, was durch Überreste einstiger Moränen und frühe Bauwerke aus alpinem Gestein wie bei der Kirche von Oberdorf und dem Burgturm von Halten bezeugt wird. Findlinge bestehend aus Granit oder Gneis der Walliser Alpen sind im westlichen Mittelland verbreitet anzutreffen. An ihre Standorte konnten sie nur durch einen Gletscher transportiert werden, weshalb sie ein Hauptargument für die Begründung der Eiszeittheorie (u. a. durch Louis Agassiz) lieferten.[13]

LiteraturBearbeiten

  • Armin Baltzer: Beiträge zur Kenntnis des diluvialen Rhonegletschers. In: Eclogae geologicae Helvetiae, 6 (1899/1900), S. 378–391
  • Emilie Boré: La naissance de l’iconographie du glacier au siècle des Lumières. Le cas du glacier du Rhône. In: Annales valaisannes, 2013, S. 9–47
  • Fritz Müller (u. a.): Combined ice, water and energy balances of a glacierized basin of the Swiss Alps. The Rhonegletscher project. In: Geographica Helvetica, 35 (1980), S. 57–69
  • Fritz Müller (Hrsg.): Der Rhonegletscher und seine Umgebung. Ein Beitrag zur Gletscher- und Klimaforschung des Geographischen Institutes der ETH Zürich, Zürich 1980

WeblinksBearbeiten

Commons: Rhonegletscher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Die grössten Gletscher. (xlsx) Bundesamt für Statistik, Raum und Umwelt, 12. Dezember 2014, abgerufen am 7. November 2020.
  2. a b c Factsheet Rhonegletscher. In: GLAMOS - Glacier Monitoring in Switzerland. Abgerufen am 7. November 2020.
  3. WGMS: Fluctuations of Glaciers Database. World Glacier Monitoring Service, Zurich 2013 (DOI:10.5904/wgms-fog-2013-11), abgerufen am 11. Dezember 2013
  4. Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich: Aletschgletscher. In: Naturgefahren Gletscher. Archiv der ETH, 2018 (online, auch als PDF, abgerufen am 6. Februar 2013).
  5. a b oberwaldgletsch.ch: Sehenswürdigkeiten Furkapass (Memento des Originals vom 5. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.oberwaldgletsch.ch
  6. Daniel Farinotti, Matthias Huss, Andreas Bauder, Martin Funk: An estimate of the glacier ice volume in the Swiss Alps. In: Global and Planetary Change. 68: 225–231, 2009 (online; PDF; 756 kB).
  7. TagesAnzeiger: In 90 Jahren ist der Rhonegletscher fort. 29. Oktober 2008, abgerufen am 7. November 2020.
  8. WWF Schweiz: Klimapolitik des Bundesrats kostet uns den Rhonegletscher In: wwf.ch, 15. Juni 2018, abgerufen am 23. Juni 2018
  9. Eduard Hagenbach-Bischoff: Über die physikalisch-topographische Aufnahme des Rhonegletschers durch Herrn Ingenieur Gosset in den Jahren 1874-1876. In: Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, 59, 1876, S. 158–166
  10. Projektstudie 2008: Auswirkungen des Klimawandels an den Schweizer Alpengletschern - Windfang am Rhône-Gletscher (Memento des Originals vom 12. Juli 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.staff.uni-mainz.de
  11. Martin W. Carlen: Der Rhonegletscher und seine Eisgrotte. Belvedere am Furkapass, 1994
  12. Michèle Schell: Mit Planen gegen die Eisschmelze – der Rhonegletscher schmilzt im Rekordtempo. In: nzz.ch. Neue Zürcher Zeitung, 20. Juni 2018, abgerufen am 29. Januar 2019.
  13. Walter Moser: Findlinge im Kanton Solothurn, Zeugen zweier Eiszeiten. In: Jahrbuch für Solothurnische Geschichte, 67. 1994, S. 137–151