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Kategorien von patientenorientierten Studien[1]

Retrospektive Studie (lateinisch retrospectare, deutsch ‚zurückblicken‘) ist ein Begriff aus der klinischen Forschung. Es handelt sich dabei um eine Studie aus der Hauptgruppe der Beobachtungsstudien und der dortigen Untergruppe der Längsschnittstudien. Hier wird eine Studie dann als retrospektiv bezeichnet, wenn die Datenerhebung schon vor Beginn der Studie stattgefunden hat. Im Gegensatz dazu werden bei einer prospektiven Studie die Daten nach Beginn der Studie eigens für diese Studie neu erhoben.

Das gemeinsame Ziel dieser beiden Arten von Längsschnittstudien ist die Beschreibung eines möglichen statistischen Zusammenhangs zwischen bestimmten Einflüssen – wie etwa genetischen Abweichungen, Schadstoffen, Lebensgewohnheiten, Medikamenten oder medizinischen Behandlungen – auf der einen Seite und bestimmten, danach aufgetretenen, gesundheitlichen Veränderungen, wie Erkrankung, Besserung, oder Gesundung auf der anderen Seite.

Im Zuge der inzwischen weit verbreiteten Entstehung von sehr umfangreichen digitalisierten medizinischen Datenbanken, insbesondere auch von (anonymisierten) Patientendaten, hat die Leistungsfähigkeit und daher die Bedeutung von retrospektiven Studien stark zugenommen.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Retrospektive Studien haben eine nahezu gleich lange Geschichte wie prospektive. Ein frühes Beispiel ist eine Untersuchung von 1933 mit Hilfe der Daten von 132 Familien einer Kleinstadt in Tennessee/USA, bei der ein Zusammenhang zwischen Lungentuberkulose und Familienkontakten in Abhängigkeit von Altersklassen beschrieben wurde.[2][3]

Haupttypen retrospektiver StudienBearbeiten

Neben den nachfolgend beschriebenen drei Haupttypen retrospektiver Studien gibt es auch Kombinationen derselben, deren Erschließung im konkreten Fall in der Regel anhand der Kenntnis der Haupttypen möglich ist.[4][5]

Fall-Kontroll-StudieBearbeiten

Fall-Kontroll-Studien (case–control studies) werden wie folgt durchgeführt. Man wählt Probanden aus, bei denen das zu untersuchende Ereignis, etwa eine bestimmte Krankheit oder gesundheitliche Störung vorliegt (Fall-Gruppe). Zusätzlich wird eine Vergleichsgruppe von Probanden gewählt, bei denen dieses Ereignis nicht vorliegt (Kontroll-Gruppe). Dabei ist zu beachten, dass diese bei wichtigen Eigenschaften, wie etwa Alter und Geschlecht, denen der Fall-Gruppe entsprechen sollte. Dies wird als Matching bezeichnet. Anschließend werden die Probanden daraufhin untersucht und/oder befragt, ob und wie stark sie möglichen ursächlichen Faktoren ausgesetzt waren. Mit Hilfe statistischer Methoden wird anschließend analysiert, ob diese Faktoren in der Fall-Gruppe eventuell häufiger oder seltener als in der Kontroll-Gruppe auftraten. Gibt es statistisch signifikante Unterschiede, so lassen sich daraus möglicherweise wichtige Hypothesen zu den Ursachen der Krankheit oder der gesundheitlichen Störung entwickeln – etwa bezüglich der Auswirkungen von bestimmten Umweltgiften oder von bestimmten Ernährungs- und Lebensgewohnheiten.

Retrospektive KohortenstudieBearbeiten

Im Gegensatz zur Fall-Kontroll-Studie wird in der retrospektiven Kohortenstudie von einem möglichen Faktor ausgegangen – etwa einer bestimmten medizinischen Behandlung. Aus den Patientenakten der untersuchten Gruppe (Kohorte) wird dann herausgefiltert, ob bestimmte erwünschte – oder auch unerwünschte – Veränderungen (Ereignisse) nach einem oder mehreren Zeitabschnitten verzeichnet sind. Derartige Veränderungen in der Zeit, sofern sie innerhalb der Kohorte statistisch signifikant sind, und auch Nichtveränderungen sind geeignet, grundlegende Hypothesen zu Wirkungen und Nebenwirkungen von Behandlungen entweder zu bekräftigen oder zu entkräften. Auch können sie Anstoß zur Entwicklung neuer Hypothesen sein.

Eingebettete Fall-Kontroll-StudieBearbeiten

Bei eingebetteten Fall-Kontroll-Studien (nested case–control studies) sind sowohl die Fall-Gruppe als auch die Kontroll-Gruppe Teilmengen einer meist sehr großen Kohorte. Der gemeinsame Ursprung in einer Kohorte garantiert bereits eine grobe Ähnlichkeit (Vergleichbarkeit) von Fall- und Kontrollgruppe. In der Regel wird dieses grobe Matching noch verfeinert durch genaue Entsprechungen nach Alter, Geschlecht, etc. Auch ist es üblich, zum Zwecke einer weiter verbesserten Entsprechung der Gruppen für jede Person der Fall-Gruppe mehrere – z. B. vier – gleichartige (matched) Personen in die Kontrollgruppe aufzunehmen. Die Ergebnisse dieses dritten Haupttyps der retrospektiven Studien gelten als besonders zuverlässig und haben seit der explosionsartigen Zunahme von sehr großen digitalisierten medizinischen Datenbanken stark an Bedeutung gewonnen.

Bedeutung für genetische StudienBearbeiten

Retrospektive Studien vom Typ Fall-Kontroll-Studie sind die Grundlage der meisten Untersuchungen zu möglichen genetischen Einflüssen bei der Entstehung von Krankheiten und gesundheitlichen Störungen, sowie zum Zusammenwirken von Erbanlagen und Umwelt (Gen-Umwelt-Interaktion). Die wichtigsten Verfahren hierbei sind genomweite Assoziationsstudien[6] und die epidemiologische Beschreibung von Kopienzahlvariationen (copy number variations, CNV) im menschlichen Erbgut.[7]

Vorteile retrospektiver StudienBearbeiten

  • Geeignet bei seltenen Vorkommnissen: Zur Erfassung und Aufklärung seltener, aber gefährlicher, Nebenwirkungen von Medikamenten oder Behandlungen sind sehr große Datenbanken notwendig, und retrospektive Studien sind in der Regel die beste oder gar die einzige Möglichkeit, hier zu Ergebnissen zu gelangen.[5]
  • Geeignet bei schädlichen Einflüssen: Mögliche Risiken von Umweltgiften oder bislang übersehenen Schadstoffen in Nahrungs- und Genussmitteln lassen sich nur durch retrospektive Studien erfassen, da eine gezielte Verabreichung solcher Substanzen nicht vertretbar ist.[8]
  • Unbeeinflusste Datenerhebung: In der Regel wurden die Daten erhoben und aufgezeichnet, ohne dass eine spätere zusätzliche Nutzung durch eine retrospektive Studie bekannt war. Eine direkte oder indirekte Beeinflussung der Datenerhebung durch Ziele der späteren Nutzung kann deshalb in den Fällen ausgeschlossen werden.
  • Unmittelbare und schnelle Durchführbarkeit: Zum Zeitpunkt des Beginns der Studie sind bereits alle zu verwendenden Daten erhoben und aufgezeichnet.
  • Geringe Kosten: Erhebung und Aufzeichnung der Daten sind zu Beginn der Studie in der Regel im Rahmen anderer (früherer) Projekte oder Behandlungen bereits abgerechnet. Eine nachträgliche Kostenbeteiligung wegen erneuter Nutzung der Daten ist nicht üblich.
  • Einschaltung von Ethikkommissionen entfällt: Die sonst übliche Beantragung einer Genehmigung der Studie durch eine Ethikkommission entfällt, da deren Aufgabenbereiche nicht berührt werden. Die zu verwendenden Daten sind bereits aufgezeichnet, und es muss nur ihr anonymisierter Gebrauch gewährleistet werden.[9]

Nachteile retrospektiver StudienBearbeiten

Da retrospektive Studien jedoch grundsätzlich nicht-interventionelle Studien sind, haben sie bedeutende erkenntnistheoretische Nachteile:

  1. Sie können nur zur Erstellung von Hypothesen dienen, oder empirische Evidenz zur Stärkung von Hypothesen liefern, sie liefern jedoch keine Kausalzusammenhänge.
  2. Man kann die Richtung eines Kausalzusammenhangs nicht endgültig klären.[10][11] Es ist stets zu überlegen, ob das vermeintliche Ergebnis in Wirklichkeit die vermeintliche Ursache bewirkt hat, oder eine dritte Sache beides verursacht hat (der so genannte Confounder).
  3. Da oft nicht erkennbar ist, welche Beweggründe in eine Therapieentscheidung eingeflossen sind, die Studienteilnehmer also nicht zufällig den Vergleichsgruppen zugewiesen wurden, ist das Ergebnis der retrospektiven Studien mit Vorsicht zu bewerten.[12]
  4. Da man auf die Erinnerung des Patienten und alte Unterlagen angewiesen ist, sind solche Studien sehr anfällig für Fehler. Hat der Patient vielleicht einfach ein ursächliches Ereignis vergessen, oder die Reihenfolge durcheinandergebracht? So vergessen Patienten etwas, das sie nicht in einen ursächlichen Zusammenhang mit ihrer Erkrankung bringen eher oder erinnern sich nicht so gut daran (Recall Bias). Andererseits wurden in alten Unterlagen vielleicht bestimmte Daten nicht oder nicht so zuverlässig erhoben, weil die erhebende Person sich der späteren Bedeutung nicht im Klaren war (und sein konnte).

Retrospektive Studien können zur Optimierung der Patientenversorgung nur wenig gehaltvolle Informationen bereitstellen.[13]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Richard Doll: Cohort studies: history of the method. II. Retrospective cohort studies. In: Sozial- und Praventivmedizin. Band 46, Nummer 3, 2001, S. 152–160, PMID 11565444, PDF.
  • Gaus, Wilhelm; Muche, Rainer: Medizinische Statistik. Angewandte Biometrie für Ärzte und Gesundheitsberufe, 2., überarbeitete Auflage, Schattauer Verlag, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7945-3241-4.
  • J. M. Gamble: An introduction to the fundamentals of cohort and case-control studies. In: The Canadian journal of hospital pharmacy. Band 67, Nummer 5, September 2014, S. 366–372, PMID 25364019, PMC 4214579 (freier Volltext).
  • A. M. Euser, C. Zoccali, K. J. Jager, F. W. Dekker: Cohort studies: prospective versus retrospective. In: Nephron. Clinical practice. Band 113, Nummer 3, 2009, S. c214–c217, doi:10.1159/000235241, PMID 19690438 (Review).
  • D. A. Grimes, K. F. Schulz: Cohort studies: marching towards outcomes. In: The Lancet. Band 359, Nummer 9303, Januar 2002, S. 341–345, doi:10.1016/S0140-6736(02)07500-1, PMID 11830217, PDF.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. C. M. Seiler: Patientenorientierte Forschung in der Chirurgie. In: Manfred Georg Krukemeyer, Hans-Ullrich Spiegel (Hrsg.): Chirurgische Forschung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-13-133661-3, S. 205–212 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. W. H. Frost: Risk of Persons in Familial Contact with Pulmonary Tuberculosis. In: American journal of public health and the nation's health. Band 23, Nummer 5, Mai 1933, S. 426–432, PMID 18013728, PMC 1558187 (freier Volltext).
  3. Richard Doll: Cohort studies: history of the method. II. Retrospective cohort studies. In: Sozial- und Praventivmedizin. Band 46, Nummer 3, 2001, S. 152–160, PMID 11565444, PDF.
  4. D. I. Sessler, P. B. Imrey: Clinical Research Methodology 1: Study Designs and Methodologic Sources of Error. In: Anesthesia and analgesia. Band 121, Nummer 4, Oktober 2015, S. 1034–1042, doi:10.1213/ANE.0000000000000815, PMID 26378703 (Review), PDF.
  5. a b D. I. Sessler, P. B. Imrey: Clinical Research Methodology 2: Observational Clinical Research. In: Anesthesia and analgesia. Band 121, Nummer 4, Oktober 2015, S. 1043–1051, doi:10.1213/ANE.0000000000000861, PMID 26378704 (Review), PDF.
  6. Y. Y. Teo: Common statistical issues in genome-wide association studies: a review on power, data quality control, genotype calling and population structure. In: Current opinion in lipidology. Band 19, Nummer 2, April 2008, S. 133–143, doi:10.1097/MOL.0b013e3282f5dd77, PMID 18388693 (Review), PDF.
  7. E. R. Riggs, D. M. Church, K. Hanson, V. L. Horner, E. B. Kaminsky, R. M. Kuhn, K. E. Wain, E. S. Williams, S. Aradhya, H. M. Kearney, D. H. Ledbetter, S. T. South, E. C. Thorland, C. L. Martin: Towards an evidence-based process for the clinical interpretation of copy number variation. In: Clinical genetics. Band 81, Nummer 5, Mai 2012, S. 403–412, doi:10.1111/j.1399-0004.2011.01818.x, PMID 22097934, PMC 5008023 (freier Volltext) (Review).
  8. D. A. Grimes, K. F. Schulz: Cohort studies: marching towards outcomes. In: The Lancet. Band 359, Nummer 9303, Januar 2002, S. 341–345, doi:10.1016/S0140-6736(02)07500-1, PMID 11830217, PDF.
  9. Gaus, Wilhelm; Muche, Rainer: Medizinische Statistik. Angewandte Biometrie für Ärzte und Gesundheitsberufe, 2., überarbeitete Auflage, Schattauer Verlag, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-7945-3241-4, S. 39.
  10. Renate Deinzer: Allgemeine Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens in der Medizin: Ein Leitfaden für die empirische Promotion und Habilitation. W. Kohlhammer Verlag, 2007, ISBN 978-3-17-018447-3, S. 27–28 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. Regina Rettenbach, Claudia Christ: Psychotherapie-Prüfung: Kompaktkurs zur Vorbereitung auf die Approbationsprüfung nach dem Psychotherapeutengesetz mit Kommentar zum IMPP-Gegenstandskatalog. Schattauer Verlag, 2016, ISBN 978-3-7945-3186-8, S. 7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  12. Christel Weiß: Basiswissen Medizinische Statistik. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-642-34261-5, S. 286 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. M. Lukas-Nülle et al.: Retrospektive versus prospektive Krankheitskostenstudien. Eine Analyse am Beispiel chronischer Schmerzpatienten. In: Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement. Band 12, Nr. 4, 2007, S. 247–252, doi:10.1055/s-2007-962905.