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Reserve (Militärwesen)

militärische Kräfte als Gesamtheit der Reservisten
Die Reservisten des Jahrgangs 1913 des 5. Kompanie des 1. Ostpreußische Grenadierregiment Nr. 1 „Kronprinz“ mit den üblichen Utensilien: Reservistenpfeife, Reservistenstock, Reservistenkrüge und Reservistenflaschen.

Als Reserve bezeichnet man im Militärwesen im Allgemeinen alle organisatorischen, materiellen, infrastrukturellen und personellen Maßnahmen, die einen Aufwuchs des Militärs ermöglichen,[1] sowie im Speziellen die Gesamtheit der Staatsbürger eines Staates, die Wehrdienst geleistet haben und im Alarmfall zur personellen Verstärkung wieder zum Wehrdienst eingezogen werden können.

Reserven im FriedenBearbeiten

Im Frieden zählt zur Reserve jede wehrpflichtige und wehrfähige Person, bezeichnet als Reservist oder Reservistin. In Deutschland umfasst dies alle wehrfähigen ehemaligen Soldaten und Soldatinnen sowie alle wehrfähigen ungedienten Männer. Im Falle einer Mobilmachung treten diese Personen zu Reserve-Truppenteilen. In den meisten Ländern bestehen die Reserve-Truppenteile auch im Frieden in unterschiedlichen Bereitschaftsgraden.

Als Beispiel umfassender Planung kann die Reserve-Gliederung der Bundesrepublik Deutschland in den 1980er Jahren gelten:

  • Aufwuchsbataillone, die zum größeren Teil aus aktiven Soldaten bestanden und nur ergänzt werden mussten (nach der Endziffer sog. 1er Bataillone der Brigaden)
  • Mobilmachungs-Reserve 1 aus ausgebildeten Soldaten, die ständig an den periodischen Wehrübungen teilnahmen und fest in Mobilmachungstruppenteilen eingeplant waren. Das Material der Verbände (Waffen, Fahrzeuge, Munition usw.) lag eingelagert bereit und konnte sofort ausgegeben werden, eine Einkleidung war nicht erforderlich, da alle so Eingeplanten ihre Bekleidung schon zu Hause hatten.
  • Mobilmachungs-Reserve 2 aus ausgebildeten Soldaten, die seit einigen Jahren keine Wehrübungen mehr gemacht hatten. Nach Einberufung wurden diese Reservisten zunächst in Feldausbildungstruppenteilen eingekleidet und nachgeschult, um danach entweder als Personalersatz für Ausfälle in aktive oder Reserve-Truppenteile nachgeführt zu werden.
  • Ersatz-Reserve aus nicht ausgebildeten wehrpflichtigen Männern, die zunächst in Feldausbildungstruppenteilen ausgebildet werden sollten.

In allen modernen Streitkräften spielen Reservisten eine wichtige Rolle. Von Land zu Land unterschiedlich sind jedoch die konkrete Ausgestaltung und die Aufgaben von Reservekomponenten. Oft anzutreffen sind Konzepte, in denen Reservisten den Schwerpunkt der (häufig infanterielastigen) territorialen Verteidigungsstruktur bilden. Beispiele hierfür sind die Nationalgarde der Vereinigten Staaten von Amerika oder die britische Territorial Army. Hauptaufgabe der entsprechend eingeplanten Reservisten ist in diesem Fall das Sicherstellen der Operationsfreiheit in rückwärtigen Gebieten für die regulären Streitkräfte. Es gibt auch Streitkräfte, die aufgrund ihrer Verteidigungsdoktrin in ihrer Gesamtheit als territoriale Verteidigungsstreitkräfte einzuordnen sind, d. h. dass das gesamte Staatsgebiet als strategisches Mittel zur Aufrechterhaltung der staatlichen Souveränität genutzt wird. Solche Armeen bestehen oft zum größten Teil aus Reservisten, so z. B. die Schweizer Armee.

Reservisten sind darüber hinaus aber auch in strategisch und operativ eingesetzten Formationen vertreten, also dem Feldheer. Hier dienen sie in erster Linie dem Personalersatz und steuern damit einen entscheidenden Beitrag zur Durchhaltefähigkeit im Gefecht bzw. im Einsatz stehender Truppenteile bei. Reine Reserveverbände mit operativem Auftrag sind selten, vereinzelt aber anzutreffen.

In letzter Zeit kristallisiert sich eine weitere Rolle von Reservisten in modernen Streitkräften immer stärker heraus: das Beisteuern wichtiger (im Zivilleben erworbener) Kenntnisse und Fähigkeiten zu den regulären Streitkräften. Die Aufgabe und Funktion des einzelnen Reservisten in den Streitkräften ist dabei eng an seine zivile Ausbildung und seinen zivilen Beruf angelehnt. Damit tragen viele Streitkräfte gesamtgesellschaftlichen Tendenzen zu einer stärkeren Professionalisierung und einer vermehrten Schwerpunktsetzung auf Bildung und Ausbildung Rechnung.

Im weiteren Sinne werden zu den nationalen Reserven auch Rohstoff- und Gütervorräte gezählt, die die Importabhängigkeit im Kriege mildern sollen.

Preußen/Deutsches ReichBearbeiten

In Preußen wurde die erste militärische Reserve nach 1807 gebildet, um die Heeresbeschränkung nach dem Frieden von Tilsit zu umgehen. Gleichzeitig wurde die Wehrpflicht eingeführt. Das Krümpersystem von General Scharnhorst sah den Kurzwehrdienst von Rekruten (Krümpern) vor, die im Kriegsfall einberufen werden konnten.[2]

Das moderne Reservesystem entwickelte sich aber erst aus der Preußischen Heeresform mit der Heeresvergrößerung unter Kriegsminister Albrecht von Roon seit Anfang der 1860er Jahre. Die gegenüber der ersten Jahrhunderthälfte wesentlich stärkere Durchsetzung der Wehrpflicht im späteren Deutschen Kaiserreich ging letztendlich darauf zurück.

Ausscheidende Soldaten erhielten eine Beorderung mit genauen Anweisungen für den Kriegsfall. Sie wurden zu regelmäßigen Wehrübungen eingezogen. Im Ersten Weltkrieg wurden die aktiven Streitkräfte nach der Mobilmachung durch Millionen von Reservisten, Landwehrleuten, Ersatzreservisten, Landsturmleuten und Kriegsfreiwilligen verstärkt. Insgesamt dienten über 13 Millionen Mann im Heer und der Marine.

Infolge des Versailler Vertrages war die Reichswehr als Berufsarmee organisiert und verfügte weder über Wehrpflichtige noch über Reservisten. Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im Dritten Reich wurde ab 1935 wieder ein Reservepotential aufgebaut. Insgesamt dienten im Zweiten Weltkrieg ca. 18 Millionen Soldaten. Reservisten bildeten das Rückgrat der Wehrmacht. Allerdings war der Anteil weißer Jahrgänge mit nur kurzer Ausbildung sehr hoch, da vor dem Krieg nur die vier Geburtsjahrgänge 1915–1918 zum 1- bzw. 2-jährigen Wehrdienst eingezogen wurden.

BundeswehrBearbeiten

In Deutschland sind gemäß § 1 des Reservistengesetzes Reservisten alle früheren Soldaten der Bundeswehr, die ihren Dienstgrad nicht verloren haben, sowie Personen, die aufgrund einer mit dem Bund eingegangenen Verpflichtung zu einer Wehrdienstleistung nach dem Vierten Abschnitt des Soldatengesetzes herangezogen werden können.[3]

ÖsterreichBearbeiten

Gemäß Artikel 79 B-VG ist das Bundesheer nach einem Milizsystem einzurichten, wonach es in Friedenszeiten nur zu Übungen und in geringerer Mannstärke zusammentritt. Die Wehrpflichtigen gehören für die Dauer ihrer Wehrpflicht dem Präsenzstand, dem Milizstand oder dem Reservestand an.

Alle Wehrpflichtigen, die weder dem Präsenzstand noch dem Milizstand angehören, sind definitionsgemäß Reservisten. Sie können außerhalb des Bundesheeres ihren Dienstgrad nur mit dem Zusatz „dRes“ („des Reservestandes“) führen. Sie sind unter den Voraussetzungen des § 35 Wehrgesetz zum Tragen der Uniform auch in Nichtübungs- oder Einsatzzeiten berechtigt. Im Frieden sind Reservisten keiner Einsatzorganisation unmittelbar zugeteilt, können aber in besonderen Bedarfssituationen zusätzlich bzw. ersatzweise herangezogen werden. Sie können in den Fällen eines Einsatzes des Bundesheeres nach § 2 Abs. 1 lit. a bis c Wehrgesetz (militärische Landesverteidigung, Assistenzeinsatz) – nach Maßgabe des Bedarfs und ihrer Eignung für eine Verwendung in der Einsatzorganisation – in den Milizstand versetzt werden, womit sie zum Beispiel ersatzweise eine planmäßig vordefinierte Funktion in der Einsatzorganisation erhalten.

Von den mehr als 1.000.000 ausgebildeten Wehrpflichtigen im Alter von 18 bis 50 (bzw. 65) Jahren stehen circa 935.000 im Reservestand.

SchweizBearbeiten

Die Schweizer Armee beruht auf dem Milizsystem. Die Mannschaftsstärke wurde von 400.000 (Armee 95) auf rund 200.000 Armeeangehörige reduziert. Davon sind 120.000 in aktive Verbände und 80.000 in Reserve-Einheiten eingeteilt.

Die 120.000 Aktiven leisten jedes Jahr drei (für Soldaten) bzw. vier (für Kader) Wochen Wiederholungskurs (FDT, Fortbildungsdienst der Truppe). Die Reserve-Einheiten leisten in der Regel keine Wiederholungskurse, können aber bei veränderter Sicherheitslage durch Bundesratsbeschluss dazu verpflichtet werden.

Teilweise existiert die Ausrüstung dieser Reserve-Einheiten jedoch nur auf dem Papier. Zwar verfügt die Schweizer Armee aufgrund der Halbierung des Bestandes über eine Vielzahl an modernem und funktionsfähigem Material, wie Kampfpanzer vom Typ Pz 87 Leopard 2, doch werden bei Neuanschaffungen Reserve-Einheiten nur verzögert oder gar nicht ausgerüstet. Aufgrund der Budget-Begrenzungen sind diese Reserve-Einheiten also nur bedingt einsatzbereit.

FrankreichBearbeiten

Nach Aussetzung der Wehrpflicht bestehen die französischen Streitkräfte aus Vollzeit-Berufssoldaten. Aktuell verfügt das Land nur über 21.650 Reservisten, die auch im Heimat- und Katastrophenschutz eingesetzt werden. Daneben können auch bei der Gendarmerie nationale Reservisten einberufen werden.[4]

GroßbritannienBearbeiten

Die British Army besteht aus den zwei Komponenten:

  • den Land Forces aus Vollzeit-Berufssoldaten
  • der Army Reserve aus freiwilligen Reservisten, bis 2014 Territorial Army

Im Jahr 2020 soll die British Army 120.000 Soldaten umfassen, davon 35.000 Reservisten.

USABearbeiten

Die Reserveverbände der Vereinigten Staaten (englisch: Reserve Component[5]) umfasst alle militärischen Organisationen in den Vereinigten Staaten, auf die die Bundesregierung bei Bedarf zur Ergänzung ihrer Berufsstreitkräfte zurückgreifen kann:

Reservistenkomponente Mannstärke
Bundesreserve
United States Army Reserve 180.000
United States Air Force Reserve Command 74.000
United States Navy Reserve 70.000
United States Marine Corps Reserve 39.000
United States Coast Guard Reserve 9.000
Nationalgarde
Army National Guard 340.000
Air National Guard 105.000

Andere StaatenBearbeiten

In einer Vielzahl anderer Länder existieren Reserveeinheiten, um im Verteidigungsfall das eigene Militär aufwachsen zu lassen. China, Indien (1.155.000) und Russland (1.500.000) verfügen dabei über eine hohe Anzahl von Reservisten. In Nordeuropa bestehen teilweise eigene, meist milizartig organisierte Reserveeinheiten, die oft als Heimwehr oder Nationalgarde bezeichnet werden.

Staat Name der Reserve
Dänemark Hjemmeværnet
Estland Kaitseliit
Lettland Zemessardze
Norwegen Heimevernet
Schweden Hemvärnet
Ukraine Nationalgarde

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Reserve – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Zentralrichtlinie A2-1300/0-0-2 – Die Reserve. (PDF) In: http://www.reservisten.bundeswehr.de/. SKA KompZResAngelBw, 7. September 2018, S. 9, abgerufen am 22. Dezember 2018.
  2. Jan Heitmann: Reaktion auf Tilsit 1807. Um Heeresbeschränkung zu umgehen, wurde die Reserve erfunden. Preußische Allgemeine Zeitung, 28. November 2009
  3. Konzeption der Reserve der Bundeswehr, Anl. 1, Definitionsverzeichnis, Begriff Reservisten
  4. bundesheer.at: Militär International – Frankreich
  5. vgl. Sapolsky, Harvey M. et al.: US Defense Politics – The Origins of Security Policy, New York und Abingdon: Routledge 2009, S. 31. ff