Hauptmenü öffnen

René König (* 5. Juli 1906 in Magdeburg; † 21. März 1992 in Köln) war ein deutscher Soziologe. Neben Theodor W. Adorno und Helmut Schelsky gilt er als der bekannteste deutsche Vertreter seines Faches in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Seit 1949 war er Professor an der Universität zu Köln und entwickelte sich zum Haupt der Kölner Schule der Soziologie. Von 1955 bis 1985 gab er die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie heraus und von 1962 bis 1966 war er Präsident der International Sociological Association (ISA), die er 1949 mitgegründet hatte. Das von ihm herausgegebene Fischer-Taschenbuchlexikon zur Soziologie wurde mit einer Auflage von über 400.000 zum Bestseller, mit dem ebenfalls von ihm herausgegebenen 14bändigem Handbuch der empirischen Sozialforschung trug er wesentlich zur Professionalisierung der bundesrepublikanischen Nachkriegssoziologie bei.

LebenBearbeiten

Kindheit, Jugend, Studium, FamilieBearbeiten

René König wuchs zweisprachig auf[1], seine Mutter Marguerite Godefroy (1877–1961) war Französin, sein Vater Gustav König (1876–1952) Deutscher, später Direktor und technischer Leiter der Halleschen Maschinenfabrik und Giesserei. Vor dem Ersten Weltkrieg hielt er sich ebenso häufig in Paris wie in Magdeburg auf und besuchte in beiden Städten die Schule. Königs Offenheit für andere Sprachen wurde auch dadurch angeregt, dass er sich als Kind mit der Familie für längere Zeit in Italien und in Spanien aufhielt. Von 1914 bis 1922 lebte die Familie in Halle an der Saale, wo König das Gymnasium besuchte. 1922 folgte der Umzug nach Danzig, wo der Vater Angestellter des Völkerbundes war. In Danzig schloss König 1925 das humanistische Gymnasium Danzig mit dem Abitur ab. Danach studierte er an der Universität Wien, vor allem Philosophie und Psychologie, aber auch semitische Sprachen. Bis 1927 besuchte er mehrfach die Türkei. Dann wechselte er an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, wo er Philosophie sowie Kunst- und Kulturwissenschaften bei Max Dessoir und Eduard Spranger sowie Ethnologie bei Richard Thurnwald und Romanistik bei Eduard Wechssler studierte. Dort wurde er 1930 mit einer Arbeit über Die naturalistische Ästhetik in Frankreich und ihre Auflösung promoviert. 1933/35 war König Lektor im Berliner Verlag „Die Runde“. 1936 meldete er sich bei Alfred Vierkandt in Berlin zur Habilitation an, zu der es aber nicht mehr kam. Nachdem König zunächst an Großbritannien gedacht hatte, emigrierte er Anfang 1937 nach Kontaktaufnahmen zu ihn unterstützenden Personen in die deutschsprachige Schweiz. Sein Sohn war der Historiker Mario König.

EmigrationBearbeiten

König wurde kontrapunktisch zur Festigung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems 1934/35 zum politischen Gegner der Nationalsozialisten. Er versuchte 1933 zunächst, geistigen Widerstand zu leisten. Nachdem sein Buch Vom Wesen der deutschen Universität 1935 kurz nach dem Erscheinen verboten und er vom SS-Sicherheitsdienst als „feindlicher Intellektueller“ beobachtet worden war, nutzte König 1937 den Kölner Karnevalstrubel zur Emigration in die Schweiz. Dort habilitierte er sich an der Universität Zürich 1938 im Fach Soziologe.[2]

Professor in KölnBearbeiten

Nach schwierigen Zeiten als Privatdozent und einer Tätigkeit als außerordentlichem Professor in Zürich wurde René König 1949 als ordentlicher Professor für Soziologie an die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln berufen. Trotz Berufungen an andere Hochschulen blieb er dort bis zu seiner Emeritierung 1974. Gastprofessuren führten ihn in die USA und an Hochschulen in Europa, Afrika sowie im Rahmen der Aufbauhilfe an die Universität Kabul in Afghanistan.

LeistungenBearbeiten

König beschäftigte sich intensiv mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft und setzte sich nachhaltig für die empirische Sozialforschung in Deutschland ein. Dabei grenzte er sich von einer sozialphilosophisch geprägten dialektischen Soziologie ab, wie sie Theodor W. Adorno und die Frankfurter Schule betrieben. Er wandte sich angesichts seiner Erfahrung mit jugendbewegten Nazis an der Universität auch scharf gegen eine Überbetonung des Begriffs ‚Gemeinschaft‘. Diese Haltung Königs wurde im Schweizer Exil in den 1940er Jahren bestärkt.[3] Königs Skepsis gegenüber einer sozialwissenschaftlichen Verwendung des Begriffs Gemeinschaft bewog ihn auch zu einer kritischen Deutung des Ansatzes von Ferdinand Tönnies.[4] König stand zunehmend auch dem Soziologen Helmut Schelsky kritisch gegenüber. Ferner war er an der Debatte über die Soziologie im Nationalsozialismus beteiligt.

René König machte die französischen Klassiker der Soziologie (Émile Durkheim, Marcel Mauss, Maurice Halbwachs u. a.) in Deutschland wieder bekannt. Er veröffentlichte und edierte zudem viele Untersuchungen auf den Gebieten der Gemeinde-, Familien-, Kriminal-, Entwicklungs- und Industriesoziologie, namentlich aber auch Methodisches im Bereich der empirischen Sozialforschung.

René König war auch als pointiert liberal argumentierender Publizist, mehrsprachiger Essayist und als literarischer Übersetzer tätig, etwa des sizilianischen Romanciers Giovanni Verga, zu dessen 1880 erschienenem Roman Die Malavoglia er ein anregendes literar-soziologisches Nachwort zur kulturellen Bedeutung von Fremdheit, Marginalität, Auswanderung und Rückkehr (Re/Migration) veröffentlichte.

Sein populärstes, in der Bundesrepublik Deutschland seinerzeit bahnbrechendes Buch war das zuerst 1958 erschienene Fischer Lexikon Soziologie (erweiterte Neuausgabe Frankfurt/Main: Fischer, 1967, 394 p. [= Fischer Lexikon 10]). Es erreichte – so König in seiner erst 1980 erschienenen Autobiographie Leben im Widerspruch – eine Gesamtauflage von 410.000 verkauften Exemplaren (19. Auflage 1979).

Die René-König-Gesellschaft wurde 1993 in Köln gegründet. Sie gibt eine (Text-) Gesamtausgabe der Schriften René Königs heraus.

Kölner SchuleBearbeiten

In erster Linie auf Königs methodologischen Einfluss geht die sogenannte „Kölner Schule“ der Soziologie zurück (als deren Vertreter z. B. Erwin K. Scheuch, Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, Rolf Ziegler, Karl-Dieter Opp, Jürgen Friedrichs, Franz Urban Pappi, Erich Weede, Heinz Sahner oder Peter Kappelhoff gelten).

EhrungenBearbeiten

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

MonographienBearbeiten

  • Die naturalistische Ästhetik in Frankreich und ihre Auflösung. Ein Beitrag zur systemwissenschaftlichn Betrachtung der Künstlerästhetik. Noske, Leipzig 1930, zugleich Dissertationsschrift, Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin 1930.
  • Vom Wesen der deutschen Universität. Die Runde, Berlin 1935.
  • Niccolo Machiavelli. Zur Krisenanalyse einer Zeitenwende. Rentsch, Erlenbach-Zürich 1941.
  • Sizilien. Ein Buch von Städten und Höhlen, von Fels uund Lava und von der großen Freiheit des Vulkans. Büchergilde Gutenberg, Zürich 1943.
  • Materialien zur Soziologie der Familie. Francke, Bern 1946.
  • Soziologie heute. Regio-Verlag. Zürich 1949.
  • Grundformen der Gesellschaft. Die Gemeinde. Rowohlt, Hamburg 1958 (rowohlts deutsche enzyklopädie, Band 79).
  • Die Situation der emigrierten deutschen Soziologen in Europa. Westdeutscher Verlag, Opladen 1959.
  • Kleider und Leute. Zur Soziologie der Mode. Fischer-Bücherei, Frankfurt am Main/Hamburg 1967.
  • Macht und Reiz der Mode. Verständnisvolle Betrachtungen eines Soziologen. Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien 1971, ISBN 978-3-430-15550-2.
  • Indianer, wohin? Alternativen in Arizona. Skizzen zur Entwicklungssoziologie. Westdeutscher Verlag, Opladen 1973, ISBN 978-3-531-11200-8.
  • Emile Durkheim zur Diskussion. Jenseits von Dogmatismus und Skepsis. Hanser, München/Wien 1978, ISBN 978-3-446-12513-1.
  • Leben im Widerspruch. Versuch einer intellektuellen Autobiographie. Hanser, München/Wien 1980, ISBN 978-3-446-13157-6.
  • Menschheit auf dem Laufsteg. Die Mode im Zivilisationsprozess. Hanser, München/Wien 1985, ISBN 978-3-446-14407-1.
  • Soziologie in Deutschland. Begründer, Verfechter, Verächter. Hanser, München/Wien 1987, ISBN 978-3-446-14888-8.

HerausgeberschaftenBearbeiten

  • Handbuch der empirischen Sozialforschung, Band 1, Enke, Stuttgart 1962.
  • Handbuch der empirischen Sozialforschung, Band 2, Enke, Stuttgart 1967.
  • Das Interview. Formen, Technik, Auswertung. 7. Auflage, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1974.
  • Das Fischer-Lexikon, Teil: 10., Soziologie. Umgearbeitete und erweiterte Neuausgabe, 406. – 410. Tsd., Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1980, ISBN 978-3-596-40010-2 (Ersterscheinung 1958).

„René König Schriften“Bearbeiten

27 Bände seit 1988, darunter:

  • Kritik der historisch-existenzialistischen Soziologie. Ein Beitrag zur Begründung einer objektiven Soziologie. Habilitationsschrift (Universität Zürich, 1938) neu hrgg. von Hans-Joachim Hummel, Leske und Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-663-10571-7.
  • Zur Konstitution moderner Gesellschaften. Studien zur Frühgeschichte der Soziologie. Hrgg. von Heine von Alemann. Leske und Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2202-0.
  • Familiensoziologie. Aufsatzsammlung hrgg. von Rosemarie Nave-Herz, Leske und Budrich, Opladen 2002, ISBN 978-3-8100-3307-9.
  • Materialien zur Kriminalsoziologie, hrgg. von Aldo Legnaro und Fritz Sack, VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, ISBN 978-3-8100-3306-2.
  • Strukturanalyse der Gegenwart. Aufsatzsammlung hrgg. von Michael Klein, VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-531-14783-3.
  • Soziologische Studien zu Gruppe und Gemeinde. Aufsatzsammlung hrgg. von Kurt Hammerich, VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-531-14665-2.
  • Schriften zur Kultur- und Sozialanthropologie. Aufsatzsammlung hrgg. von Dieter Fröhlich, VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15023-9.
  • Soziologie als Oppositionswissenschaft. Zur gesellschaftskritischen Rolle der Soziologie. Aufsatzsammlung hrgg. von Heine von Alemann, VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-15026-0.
  • Schriften zur Grundlegung der Soziologie. Theoretische und methodische Perspektiven. Aufsatzsammlung hrgg. von Hans-Joachim Hummel, VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-15024-6.
  • Aufgaben des Soziologen und die Perspektiven der Soziologie. Schriften zur Entwicklung der Soziologie nach 1945. Aufsatzsammlung hrgg. von Michael Klein, VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-531-15025-3.

LiteraturBearbeiten

  • Soziologie in weltbürgerlicher Absicht. Festschrift für René König zum 75. Geburtstag. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1981, ISBN 978-3531115474.
  • Stephan Moebius: René König und die 'Kölner Schule'. Eine soziologiegeschichtliche Annäherung. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3658081812.
  • Stephan Moebius: René König. Wegbereiter der bundesrepublikanischen Soziologie. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11208-0.
  • Volker Kruse: »Geschichts- und Sozialphilosophie« oder »Wirklichkeitswissenschaft«?: Die deutsche historische Soziologie und die logischen Kategorien René Königs und Max Webers. suhrkamp wissenschaft, Frankfurt a. M. 1999, ISBN 351829007X.
  • Klaus Veddeler: Rechtsnorm und Rechtssystem in René Königs Normen- und Kulturtheorie. Schriften zur Rechtstheorie, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 978-3428096596.
  • Richard Albrecht: Leben im Widerspruch und Überleben als Widerspruch. Soziologische Fachgeschichte der „Kölner Schule“ und ihres Doyen als subjektwissenschaftliche Kulturgeschichte des „kurzen“ Jahrhunderts. In: Auskunft 35 (2015) I, S. 39–67.

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Die biografischen Angaben beruhen auf den Daten zum Lebenslauf und dem Nachruf In memoriam René König von Rolf Ziegler, beides in: Michael Klein/Oliver König (Hgg.), René König, Soziologe und Humanist. Texte aus vier Jahrzehnten, Opladen: Leske + Budrich, 1998.
  2. Vgl. Richard Albrecht: „Einmal Emigrant - immer Emigrant“ - René König; in: soziologie heute, 3 (2010) 10, S. 30–33. Eine Kurzfassung kann auf der Webseite der Zeitschrift heruntergeladen werden: http://soziologieheute.wordpress.com/2010/03/09/rene-konig-1906-19
  3. Vgl. Markus Zürcher, Der Mythos der Gemeinschaft: René König als Emigrant in der Schweiz; in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 47 (1995) 1, S. 157–165.
  4. Vgl. Eduard Georg Jacoby, Die moderne Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Denken von Ferdinand Tönnies, Enke, Stuttgart 1971, und Peter-Ulrich Merz-Benz, „Das Paradoxon der institutionalisierten Dauerreflexion“, in: Ders./Gerhard Wagner (Hgg.), Soziologie und Anti-Soziologie, Konstanz 2001, S. 95 f.