Reinhard Schult

deutscher Politiker, MdA

Reinhard Schult (* 23. September 1951 in Berlin-Spandau) ist ein deutscher Bürgerrechtler und Politiker.

Reinhard Schult (2007)

LebenBearbeiten

"Als Kind war er in die Fluchtpläne seiner Mutter, einer Krankenschwester in Berlin-Kaulsdorf, eingeweiht. Die Ausreise der Familie, die für den 13. August 1961 geplant war, scheiterte am Stacheldrahtzaun."[1] Er beteiligte sich in der Jungen Gemeinde. Da Reinhard Schult wegen „mangelnder gesellschaftliche Tätigkeit“ keine Zulassung zur Erweiterten Oberschule erhalten hatte, wählte er die Ausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur. Danach studierte er einige Monate Theologie am Sprachenkonvikt Berlin.

Politisch-subversives Engagement bis zur Revolution 1989 in der DDRBearbeiten

Er verweigerte den Waffendienst in der NVA und war von 1976 bis 1978 Bausoldat[2] beim Kommando der Grenztruppen.[3] Ab 1978 engagierte er sich in verschiedenen oppositionellen Gruppen. 1979/80 verbüßte er aufgrund von „Verbreitung illegaler Literatur“ eine achtmonatige Freiheitsstrafe.

 
Stasi-Besetzung im September 1990.
Hinten, fünfter von links: Reinhard Schult
Außerdem: Bärbel Bohley & Ingrid Köppe

In einem Bericht vom 1. Juni 1989 wird Reinhard Schult vom Ministerium für Staatssicherheit zum „harten Kern“ seiner Gegner gezählt:

„Etwa 600 Personen sind den Führungsgremien zuzuordnen, während den sogen. harten Kern eine relativ kleine Zahl fanatischer, von sogen. Sendungsbewußtsein, persönlichem Geltungsdrang und politischer Profilierungssucht getriebener, vielfach unbelehrbarer Feinde des Sozialismus bildet. Dieser Kategorie zuzuordnen sind ca. 60 Personen, u. a. die Pfarrer EPPELMANN, TSCHICHE und WONNEBERGER sowie Gerd und Ulrike POPPE, Bärbel BOHLEY und Werner FISCHER; die Personen RÜDDENKLAU, SCHULT, Dr. KLEIN und LIETZ. Sie sind die maßgeblichen Inspiratoren/Organisatoren politischer Untergrundtätigkeit und bestimmen mit ihren Verbindungen im Inland, in das westliche Ausland und zu antisozialistischen Kräften in anderen sozialistischen Staaten die konkreten Inhalte der Feindtätigkeit personeller Zusammenschlüsse und deren überregionalen Aktionsradius.“

Ministerium für Staatssicherheit[4]

Reinhard Schult hat sich in der DDR-Widerstandsbewegung der 1980er Jahre unter anderem im Friedenskreis Friedrichsfelde, in der Gruppe Gegenstimmen und der Kirche von Unten engagiert.[5] Dabei gehörte er zu denjenigen, die eine Zusammenarbeit subversiver Gruppen mit der Ausreise-Bewegung entschieden ablehnten, aber dennoch auf eine revolutionäre Umgestaltung der DDR hinarbeiteten.[6] „Im Herbst 1986 begann der illegale Piratensender Schwarzer Kanal sein Programm auszustrahlen, die Idee dazu stammte von Reinhard Schult. Zusammen mit einer Gruppe von Dissidenten schrieb er systemkritische Texte, die vom Dachboden eines grenznahen Hauses in West-Berlin gesendet wurden. Ein Jahr später organisierte er den Kirchentag von Unten mit und gehörte zu den Initiatoren der Kirche von Unten.“[7]

1989 war er Gründungsmitglied der Bürgerbewegung Neues Forum. Er vertrat diese Bürgerbewegung am Zentralen Runden Tisch. Für den 15. Januar 1990 rief Schult mit dem Neuen Forum zu einer Demonstration vor der Stasi-Zentrale auf, die in eine Besetzung mündete und eine Weiterarbeit der Geheimpolizei auch unter neuem Namen unterband.[8] Von März bis Oktober 1990 war er Abteilungsleiter im Staatlichen Komitee zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit.[9]

Im September 1990 besetzte er mit anderen Bürgerrechtlern wie Bärbel Bohley, Wolf Biermann und Katja Havemann erneut die ehemalige Stasi-Zentrale, diesmal um zu erreichen, dass die Stasi-Akten nicht gesperrt, sondern künftig der persönlichen und gesellschaftlichen Aufarbeitung und Erforschung der SED-Diktatur dienen sollten.[10] Dieses Ansinnen wurde mit der Bestellung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen erreicht.

Wirken seit der Einheit DeutschlandsBearbeiten

Nach der Wiedervereinigung gehörte er von 1991 bis 1995 als Abgeordneter der Gruppe Neues Forum/Bürgerbewegung dem Berliner Abgeordnetenhaus an. Im November 1990 war Schult in Berlin-Friedrichshain bei der Räumung der Mainzer Straße an den Vermittlungsversuchen zwischen den Besetzern und dem Senat beteiligt. Er wirkte im Vorstand des Bürgerkomitees „15. Januar“ e.V.[11] mit, das die Aufarbeitungs-Zeitschrift Horch und Guck herausgab.

In den Jahren der Schröderschen Konterreformen engagierte er sich mit dem Neuen Forum in den Protesten gegen die „Agenda 2010[12] und die Hartz-Gesetze.[13]

Reinhard Schult arbeitete bis zu seiner Verrentung bei der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in Brandenburg[14] und beriet Opfer der SED-Diktatur in Rehabilitationsfragen. Seit 1995 lebt er in Brandenburg[15]. Er ist Mitglied des Bundesvorstandes des Neuen Forums[16].

EhrungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Reinhard Schult – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ilona Schäkel: Reinhard Schult in revolution89.de
  2. Kurzbiografie auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 13. März 2017.
  3. Reinhard Schult berichtet über seine Bausoldatenzeit auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 13. März 2017.
  4. Ministerium für Staatssicherheit der DDR: Bericht über Größe und Zusammensetzung der oppositionellen und negativen Kräfte vom 1. Juni 1989.
  5. Kurzbiografie auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 13. März 2017.
  6. Vgl. seine Statements bei der Podiums-Veranstaltung in Leipzig, dokumentiert in: Uwe Schwabe, Rainer Eckert (Hrsg.): Von Deutschland Ost nach Deutschland West. Oppositionelle oder Verräter? Forum Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-931801-38-1.
  7. Ilona Schäkel: Reinhard Schult in revolution89.de
  8. Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58357-5. S. 512
  9. Silvia Müller: Schult, Reinhard. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  10. Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C.H. Beck, München 2009, S. 515.
  11. Vorstand Bürgerkomitee „15. Januar“ e.V.
  12. Vgl. z. B. Aufruf von über 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am 23. Mai 2003: Sozialstaat reformieren statt abbauen - Arbeitslosigkeit bekämpfen statt Arbeitslose bestrafen; Albrecht Müller: Die Reformlüge. München, Droemer Knaur, 2004, ISBN 3-426-27344-6 oder Arno Luik: Ein Putsch von ganz oben, in: stern Nr. 44 vom 21. Oktober 2004, S. 64 f.
  13. Siehe z. B. Erklärung von Angehörigen ehemaliger DDR-Oppositionsgruppen: „Wir protestieren gegen Hartz IV“ vom 29. August 2004 sowie Peter Nowak: Der Osten Deutschlands als „Versuchslabor für soziale Demontage“. Interview mit Reinhard Schult, dem Vertreter des Neuen Forum, in: Telepolis vom 8. September 2004.
  14. Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur des Landes Brandenburg
  15. Sabine Deckwerth: Karin Dörre und Reinhard Schult sind in die Uckermark gezogen: Jetzt zapfen sie Bier, in: Berliner Zeitung vom 23. Dezember 1995.
  16. Neues Forum Bundesverband
  17. Berliner Zeitung vom 8. Mai 2000
  18. Die Welt online vom 3. Oktober 2014