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Razan Zaitouneh

Razan Zaitouneh (arabisch رزان زيتونة, DMG Razān Zaitūna; * 29. April 1977 in Syrien) ist eine syrische Rechtsanwältin und Journalistin. Sie gehört der demokratischen Opposition an und ist eines der bekanntesten Gesichter des gewaltfreien syrischen Widerstandes im Bürgerkrieg in Syrien.

Leben und WirkenBearbeiten

Zaitouneh absolvierte 1999 ihr Studium an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Damaskus. 2001 begann sie als Anwältin mit Schwerpunkt Menschenrechte zu arbeiten und wurde Mitglied einer Gruppe von Anwälten, die sich der Verteidigung politischer Gefangener annahmen. Zaitouneh verteidigte politische Gefangene unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Menschenrechtsvereinigung in Syrien HRAS - Human Rights Association in Syria, für die sie bis 2004 tätig war.

Seit 2004, also lange bevor der Aufstand gegen die Regierung von Baschar al-Assad begann, veröffentlichte sie Dutzende von Artikeln und Reportagen auf Websites und in verschiedenen Zeitungen über die Situation der Menschenrechte und der freien Meinungsäußerung in Syrien. 2005 gründete sie die Internet-Plattform SHRIL (Syrian Human Rights Information Link vdc-sy.org), die als Datenbank für Menschenrechtsverletzungen des Regimes im Land dient. Des Weiteren arbeitete sie im Komitee für die Unterstützung der Familien von politischen Gefangenen.

Nachdem sie im syrischen Fernsehen als ausländische Agentin bezeichnet wurde, musste sie untertauchen.[1] Etwa seit Beginn der Syrischen Revolution Anfang 2011 lebte sie deshalb in Damaskus im Untergrund, wechselte mehrmals pro Woche ihr Versteck, und dokumentierte Menschenrechtsverbrechen aller Konfliktparteien.

Zunächst schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite über die Entwicklungen auf der Straße. Die Seite wurde bald zur zentralen Datenquelle über die syrische Revolution. In Zusammenarbeit mit den lokalen Koordinationsbüros (LCC) in ganz Syrien, veröffentlichte sie Informationen zu geplanten Demonstrationen, über Teilnehmerzahlen, Verhaftungen und Opferzahlen. Sodann gründete sie zusammen mit weiteren Aktivisten das Violations Documentation Center (VDC), wo sie zunächst die Menschenrechtsverletzungen und Gewaltanwendungen des Regimes dokumentierte. Später dokumentierte sie dann auch die Menschenrechtsverletzungen extremistischer Gruppen in Syrien. Sie sammelte und veröffentlichte die Namen der durch das Regime als auch durch die Extremisten Getöteten.[2]

Im Mai 2011 wurde ihr Haus in Damaskus vom Luftwaffengeheimdienst gestürmt. Der 20-jährige Bruder ihres Ehemannes, Aburrahman Hamada, der gerade zu Besuch war, wurde als Geisel zum Austausch gegen das flüchtige Ehepaar festgenommen. Nach seiner Festnahme wurde auch Zaitounehs Mann Wa'el Hamada vom Luftwaffengeheimdienst verhaftet. Die Brüder verbrachten drei Monate in Einzelhaft, ehe sie freigelassen wurden.

Da die Lage in der Hauptstadt zu gefährlich wurde, floh Zaitouneh in die von Rebellen kontrollierten Gebiete der Ost-Ghuta. Hier wurde sie Zeugin des Giftgasangriffs auf die Gegend. „Der Chemiewaffenangriff war eine Zäsur“, schrieb sie. Als „Erschütterung und Demütigung“ habe sie die vom UN-Sicherheitsrat verabschiedete Resolution zur Vernichtung der syrischen Giftgaswaffen empfunden: „Diese Resolution impliziert, dass der Täter, Baschar al Assad, noch mindestens ein weiteres Jahr an der Macht bleibt – und das mit Duldung der internationalen Gemeinschaft.“[3] Weiterhin kritisierte sie:

„‚Die SyrerInnen werden nicht vergessen, dass die internationale Gemeinschaft in der Lage war, das Regime zur Vernichtung seiner Chemiewaffen zu zwingen – aber nicht in der Lage ist, das Regime zu zwingen, die Belagerung ganzer Städte zu beenden, in denen täglich Kinder an Hunger sterben. Dabei stimmt die Formulierung ‚nicht in der Lage sein‘ überhaupt nicht. Richtiger wäre: ‚es wollte nicht oder ‚es war nicht interessiert‘“

Razan Zaitouneh: TAZ[4]

AuszeichnungenBearbeiten

Zaitouneh erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Sacharow-Preis für geistige Freiheit (2011), den Anna-Politkowskaja-Preis für die Verteidigung der Menschenrechte (2011), den Ibn-Ruschd-Preis (2012), den International Women of Courage Award (2013) und den Petra-Kelly-Preis (2014).[5]

Zum internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai 2014 wurde sie von Reporter ohne Grenzen mit dem Preis „Helden der Informationsfreiheit“ gewürdigt.[6]

EntführungBearbeiten

Am 9. Dezember 2013 wurde sie zusammen mit ihrem Ehemann Wa'el Hamada, der Aktivistin Samira Khalil und dem Rechtsanwalt und Dichter Nazem Hammadi von Bewaffneten aus ihrem Büro im syrischen Duma (Ost-Ghuta), einem Vorort von Damaskus, entführt. Seither gelten alle vier als vermisst. Es gibt weder ein Lebenszeichen noch haben sich die Entführer mit Forderungen an die Öffentlichkeit gewandt, weshalb nicht zweifelsfrei erwiesen ist, wer für die Entführung verantwortlich ist.

Sicher ist jedoch, dass Zaitouneh wegen ihrer Aktivitäten sowohl von den syrischen Behörden als auch von bewaffneten Oppositionsgruppen bedroht wurde. Mehrere Monate vor ihrer Entführung erhielt sie Drohungen, welche sie zum Teil in einem Artikel für den Online-Nachrichtendienst Now Lebanon beschrieb. Im September 2013 berichtete sie, dass sie auch durch lokale bewaffnete Gruppen in Douma bedroht wurde. Im April 2014 veröffentlichte Zaitounehs Familie eine Stellungnahme, in der sie Zahran Alloush für das Wohlbefinden der vier Entführten verantwortlich macht, da seine Gruppe Brigade des Islam so stark in der Gegend vertreten ist.[4][7][8][9][10]

Im Dezember 2014 berichtete die FAZ über die Bemühungen der Familie und von Freunden der Entführten, die auf ihre Freilassung zielten.[11]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Kristin Helberg: Der Salafist und die Menschenrechtlerin. Adopt a Revolution, 10. Dezember 2014, abgerufen am 3. Januar 2015.
  2. Menschenrechtsbeauftragter fordert Freilassung von Razan Zeitouneh und Mitstreitern. Auswärtiges Amt Deutschland, 9. Dezember 2014, abgerufen am 3. Januar 2015.
  3. Susanne Fischer: Vor einem Jahr wurde Razan Zeitouneh in Syrien entführt. Der Tagesspiegel, 9. Dezember 2014, abgerufen am 3. Januar 2015.
  4. a b Menschenrechtlerin festgenommen. taz.de, Dezember 2013, abgerufen am 4. Januar 2015.
  5. Preisträgerinnen und Preisträger des Petra-Kelly-Preis 2014. Heinrich-Böll-Stiftung, 27. November 2014, abgerufen am 4. Januar 2015.
  6. Reporter ohne Grenzen e.V.: Helden der Pressefreiheit. Abgerufen am 3. Februar 2018.
  7. Syrien: Keine Neuigkeiten zu vier entführten Aktivisten. Amnesty International Sektion Deutschland, 9. Dezember 2014, abgerufen am 4. Januar 2015.
  8. Andrea Böhm: Noch kein Lebenszeichen von Razan Zeitouneh. Die Zeit, 11. Dezember 2013, abgerufen am 2. Januar 2015.
  9. Befreit Razan Zaitouneh. EMMA, Mai 2014, abgerufen am 3. Januar 2015.
  10. Markus Bickel: In den Händen von Al Qaida. Entführte Menschenrechtlerin. FAZ, 17. Dezember 2013, abgerufen am 3. Januar 2015.
  11. Sie ist eine Stimme der syrischen Opposition in FAZ vom 9. Dezember 2014, Seite 13