RUAG Space ist die Raumfahrt-Division des Schweizer Technologiekonzerns RUAG. An dreizehn Standorten in der Schweiz, in Schweden, in Deutschland, Finnland, USA und in Österreich beschäftigt RUAG Space rund 1265 Mitarbeiter und erzielte im Jahr 2019 einen Umsatz von ca. 340 Millionen Schweizer Franken.[1][2]

RUAG Space

Logo
Rechtsform Geschäftsbereich
Sitz Zürich, Schweiz
Leitung Luis León de Chardel (Executive Vice President ad interim)
Mitarbeiterzahl 1265 (2019)
Umsatz 339 Mio. CHF (2019)
Branche Raumfahrtindustrie
Website www.ruag.com

Der Hauptsitz der Raumfahrtaktivitäten von RUAG befindet sich in Zürich Seebach, dem ehemaligen Hauptsitz der im Juli 2009 von RUAG übernommenen Oerlikon Space.[3]

GeschichteBearbeiten

Oerlikon Contraves, Contraves Space, Oerlikon SpaceBearbeiten

Ab 1964 war die Firma Oerlikon Contraves im Raumfahrtsektor tätig. Damals beauftragte die European Space Research Organisation (ESRO) die Firma, die Struktur, Mechanik und das Thermosystem für ihren Forschungssatelliten ESRO-1 zu entwickeln. Als sich dann in den 1970er Jahren die European Launcher Development Organisation (ELDO) und die ESRO zusammenschlossen, um gemeinsam den Träger Ariane zu entwickeln, wurde Contraves beauftragt, die Nutzlastverkleidung zu bauen. Seit damals hat Contraves über 160 Nutzlastverkleidungen verschiedener Generationen für die Ariane-Familie geliefert.

1999 wurde der Raumfahrt-Bereich der Oerlikon Contraves als Contraves Space rechtlich verselbständigt, blieb dabei aber ein Tochterunternehmen der in Unaxis Holding umbenannten Oerlikon-Bührle Holding. Im Zuge der erneuten Restrukturierung der Unaxis, samt Namensänderung in OC Oerlikon Corporation, erhielt Contraves Space im Dezember 2006 den Namen Oerlikon Space.

Im Juni 2009 wurde die Oerlikon Space AG vom Rüstungs- und Technologiekonzern RUAG übernommen und Ende Juni 2009 in RUAG Space AG umbenannt. Die RUAG Space AG besteht mittlerweile nicht mehr.[4]

RUAGBearbeiten

Die Raumfahrtaktivitäten von RUAG hatten ihre Wurzeln am Standort Emmen, wo das Unternehmen seit den späten 1970er Jahren im Unterauftrag von Oerlikon Contraves die Endmontage von Nutzlastverkleidungen für Ariane-Raketen durchführte. Vor allem durch Akquisitionen baute RUAG das Raumfahrtgeschäft kontinuierlich aus. Zunächst übernahm der Schweizer Staatsbetrieb die Schweizer Firmen Mecanex (Nyon) und HTS (Wallisellen). Im Jahr 2008 erwarb RUAG die schwedische SAAB Space und deren Tochtergesellschaft Austrian Aerospace. Im Jahr 2009 schliesslich kaufte RUAG das bis dato grösste Schweizer Raumfahrtunternehmen, die Oerlikon Space AG.

RUAG SpaceBearbeiten

In den darauffolgenden Jahren expandierte RUAG weiter, 2015 wurde ein Standort in Finnland aufgenommen. Im gleichen Jahr expandierte RUAG Space auch in den USA. 2016 wurde die HTS GmbH in Coswig bei Dresden als Standort in Deutschland in die RUAG aufgenommen, woraufhin 2018 das Rebranding zu RUAG Space Germany erfolgte.

Unternehmensstruktur und StandorteBearbeiten

RUAG Space ist eine Division des Schweizer Technologiekonzerns RUAG mit Standorten in der Schweiz, in Schweden, Finnland, Deutschland, den USA und in Österreich.

Die Schweizer Raumfahrtaktivitäten sind Teil der RUAG Schweiz AG, einer Tochtergesellschaft der RUAG Holding AG. Die ca. 500 Mitarbeiter (Januar 2019) arbeiten an den Standorten Zürich, Emmen und Nyon.

Die schwedische Gesellschaft RUAG Space AB ist ebenfalls eine Tochtergesellschaft der RUAG Holding AG. Ca. 300 Angestellte (Januar 2019) arbeiten in Göteborg, ca. 120 in Linköping.

Die österreichische Gesellschaft RUAG Space GmbH ist wiederum eine Tochtergesellschaft der schwedischen RUAG Space AB. An den beiden Standorten Wien und Berndorf arbeiteten im Jahr 2018 ca. 250 Angestellte.[5]

Die finnische Gesellschaft RUAG Space Finland ist ebenfalls eine Tochtergesellschaft der schwedischen RUAG Space AB und verfügt über ca. 40 in Tampere arbeitende Angestellte (Januar 2019).

Seit 2015 zählt RUAG Space USA den Standorten, die eine Tochtergesellschaft der RUAG Holding AG ist. Mit den Standorten in Decatur, Alabama; Titusville, Florida; und Denver (Centennial), Colorado beschäftigt sie 105 Mitarbeiter (August 2018).

Die deutsche Gesellschaft RUAG Space Germany GmbH ist wie der Standort in den USA und Schweden direkte Tochter der RUAG Holding AG und beschäftigt in ihrem Coswiger Standort ca. 40 Mitarbeiter (Januar 2019).

Produkte und DienstleistungenBearbeiten

Kerngeschäft von RUAG Space ist die Entwicklung und Fertigung von Baugruppen für Satelliten und Trägerraketen. RUAG Space als eine der Divisionen von RUAG ist in drei Produktgruppen (engl. Product Groups) gegliedert: Electronics, Launchers und Spacecraft.

Dienstleistungen (Standort Zürich):

  • Umweltsimulation (Environmental Testing) – diese umfassen: Vibrationstests, Schocktests (inkl. Pyroschocktests), Klimatests, Beschleunigungstests mit einer Zentrifuge, Falltests
  • Materialtests
  • Strukturtests

RUAG Space ist beziehungsweise war an vielen europäischen Raumfahrtmissionen beteiligt, unter anderem Herschel, Planck, SMOS, BepiColombo, Galileo, Solar Orbiter und ATV und namhafter Lieferant für die Trägerraketen Ariane 5, VEGA und ATLAS.

Einige spezielle Produkte wie beispielsweise Schleifringe oder Thermalisolation bietet RUAG Space auch für Anwendungen ausserhalb der Raumfahrt an.

ProduktgruppenBearbeiten

Die Produktgruppe Electronics umfasst Weltraumelektroniken. Dies sind unter anderem Computer für Satelliten und Trägerraketen, (GPS) Navigationsempfänger und Signalprozessoren, Power und Drive Elektroniken, Mikrowellenelektronik und Antennen.

Die Produktgruppe Launchers stellt die Spitze von Trägerraketen, sogenannte Nutzlastverkleidungen, her. Neben diesen werden auch Separationsadapter und Separationsdispenser hergestellt sowie Leitsysteme für Höhenforschungsraketen.

Die Produktgruppe Spacecraft enthält amechanische und thermale Weltraumprodukte. Dies beinhaltet die Strukturbauteile der Satelliten, Mechanismen von Satelliten, die Ausrüstung mechanischen Bodeninfrastruktur (engl. Mechanical ground Support Equipment [MGSE]), Schleifringe zur Datenübermittlung, sowie THermalisolation (MLI – engl. Multi Layer Insulation) und Heizer.

NutzlastverkleidungenBearbeiten

Bekanntes RUAG-Produkt sind die Nutzlastverkleidungen,[6] die zum Beispiel für die Ariane-Trägerraketenfamilie von Arianespace hergestellt werden. Auch liefert RUAG Space die Nutzlastverkleidung für die Vega-Trägerrakete, die seit 2012 ebenfalls von Kourou gestartet wird. Die amerikanische Atlas V (500er-Serie) der Firma United Launch Alliance und deren Nachfolgemodell Vulcan werden ebenfalls mit den Verkleidungen von RUAG Space bestückt. Die Atlas-Verkleidungen sind bis zu 26 Meter lang.

Die Konstruktion ist ein Sandwich mit einem Kern aus Aluminiumwaben, der mit Deckschichten aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff verklebt werden. Sie wird in einem Autoklav bei 50 bis 250 °C gebacken (ausgehärtet), mit Korkmatten überzogen und lackiert.

Die Verkleidung schützt die Nutzlast während der Startphase vor Schäden durch den enormen Lärm und den aerodynamischen Druck und wird noch während der Antriebsphase vom Raketenrumpf abgesprengt, um die Freisetzung des bzw. der Satelliten zu ermöglichen.

FlugcomputerBearbeiten

Flugcomputer sind die „Gehirne“ von Satelliten und Raketen. Hier werden unter anderem Missionen der ESA mit Hardware von RUAG Space beliefert. Auch der Flugcomputer, der den Start und Flug der Rakete Ariane 5 überwacht und regelt, stammt von RUAG.

ThermalschutzBearbeiten

Thermalisolation von RUAG Space soll Satelliten vor der Hitze und Kälte im All schützen. Der Thermalschutz wird vorwiegend durch zwei Technologien realisiert. Das eine sind Thermalisolationsfolien, das heißt eine Schutzdecke aus vielen Lagen spezieller Folien. Die andere ist das reflektieren von Strahlung und Lichts mit hochgradig reflektierenden Spiegeln (OSR – Optical Solar Reflectors). Am gängigsten sind goldene Folien, die Satelliten wie eine golden verpackte Praline aussehen lassen.

Die Thermalisolation wird nicht ausschließlich im Weltraum verwendet, sondern z. B. auch in der Medizin, wo sie in MRT-Instrumenten die Kühlung der Magnete abschirmt.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Geschäftsbericht 2018 des RUAG-Konzerns (PDF)
  2. Das Geschäftsjahr der Divisionen | Geschäftsbericht 2019. Abgerufen am 18. Mai 2020.
  3. RUAG Space, Zürich (Memento vom 14. Juli 2014 im Internet Archive) (englisch); abgerufen 22. Februar 2013
  4. RUAG Space AG bei Moneyhouse, abgerufen am 7. Oktober 2019.
  5. RUAG Space Austria: Berndorfs Weg in ferne Welten. NÖN.at, 11. August 2018.
  6. Hendrik Thielemann: Abgesprengt im All - Schweizer Spitzentechnologie für Europas Weltraumraketen. In: Franz Betschon, Stefan Betschon, Willy Schlachter (Hrsg.): Ingenieure bauen die Schweiz. Technikgeschichte aus erster Hand. Band 2. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2014, ISBN 978-3-03823-912-3, S. 56–62