Pyridoxin

organische Verbindung, Arzneistoff, Vitamin B6

Pyridoxine (veraltet auch Adermine) sind eine Gruppe wasserlöslicher chemischer Verbindungen, die zu den Vitaminen zählen.

Strukturformel
Struktur von Pyridoxin
Allgemeines
Trivialname Pyridoxin
Andere Namen
  • 4,5-Bis(hydroxymethyl)-2-methyl-3-pyridinol (IUPAC)
  • Adermin
Summenformel C8H11NO3
CAS-Nummer
ATC-Code

A11HA02

Kurzbeschreibung farbloser Feststoff
Vorkommen Leber, Geflügel, Mais, Hefe
Physiologie
Funktion wichtiges Coenzym u. a. im Aminosäurestoffwechsel und der Glykogenolyse
Täglicher Bedarf 1,2–1,5 mg
Folgen bei Mangel Durchfall und Erbrechen, Dermatitis, Krampfzustände, neurologische Störungen
Überdosis > 500 mg·d−1
Eigenschaften
Molare Masse 169,18 g·mol−1
Aggregatzustand fest[1]
Schmelzpunkt

159–162 °C[1]

Löslichkeit löslich in Wasser (120 g·l−1 bei 20 °C)[1]
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
keine GHS-Piktogramme
H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze [1]
Toxikologische Daten
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Diese Gruppe besteht aus Pyridoxal (mit Aldehydgruppe­), Pyridoxamin (mit Aminogruppe) und Pyridoxol (mit Hydroxygruppe) die in vivo leicht ineinander umgewandelt werden. Die aktive Form der Vitamin-B6-Gruppe heißt Pyridoxalphosphat. Sein heterocyclischer Ring ist der des Pyridins.

GeschichteBearbeiten

Die physiologische Bedeutung von Pyridoxin wurde durch diätetische Fütterversuche an Ratten 1934 durch Paul György entdeckt und die Verbindung erstmals 1938 kristallin dargestellt. Die vollständige Aufklärung seiner Konstitution gelang bereits ein Jahr später. Der Mechanismus der Wirkung wurde insbesondere von Alexander E. Braunstein in den 1950er Jahren geklärt. Heute wird Pyridoxin zu der Gruppe der B-Vitamine als Vitamin B6 gezählt und findet, wie auch sein Hydrochlorid, als Arzneistoff Anwendung.

VorkommenBearbeiten

In besonders hohen Konzentrationen kommen Pyridoxinverbindungen in Leber, Geflügel, Mais und Hefe vor.

Des Weiteren enthalten auch Fisch, Eier, Milch, Walnüsse, Weizen und grünes Gemüse geringere Mengen Vitamin B6.

Bedarf und FunktionBearbeiten

In der jüngeren Literatur wird der Bedarf mit 1,2–1,5 mg pro Tag angegeben.

Pyridoxalphosphat (aktive Form des Vitamin B6)gilt als das wichtigste Coenzym vieler Enzyme im Aminosäurenstoffwechsel. Hier ist es vornehmlich an der Vermittlung von Transaminierungen und Decarboxylierungen beteiligt. Des Weiteren wird es für die Glykogenolyse sowie die Biosynthese der Porphyrine, der Kollagene und der Nicotinsäure (veraltet Vitamin B3).

HypovitaminoseBearbeiten

Ein Mangel an Vitamin B6 kommt vergleichsweise selten vor. Das Vitamin ist in vielen üblichen Grundnahrungsmitteln enthalten, daher ist die Mehrzahl der Fälle von B6-Vitaminosen auf bestehende Erkrankungen, und nicht auf eine Mangelernährung zurückzuführen.

HypervitaminoseBearbeiten

Da Vitamin B6 gut wasserlöslich ist und nach Konjugation in der Leber über den Harn ausgeschieden werden kann, kommt eine Überdosierung so gut wie nicht vor und ist in der Literatur auch nicht beschrieben.

SyntheseBearbeiten

Synthese nach Roche / DSMBearbeiten

Als Ausgangspunkt dient hier 2-Chloracetessigsäureethylester, der mit Formamid zum 4-Methyloxazol-5-carbonsäureester kondensiert wird. Im nächsten Schritt wird aus diesem mit Ammoniak das Amid gebildet und anschließend mit Phosphorpentoxid in das Nitril überführt. Das so entstandene 4-Methyloxazol-5-carbonitril reagiert in einer Diels-Alder-Reaktion mit dem cyclischen Ketal von 2-Buten-1,4-diol bei 180 °C zum Primäraddukt, das unter Cyanwasserstoffabspaltung das cyclische Ketal von Pyridoxin mit Aceton ergibt. Eine saure Spaltung liefert schließlich Pyridoxin.[2]

 

Synthese nach MSDBearbeiten

Die Firma MSD beginnt mit racemischem DL-Alanin, das mit Ethanol und HCl zum Ethylesterhydrochlorid verestert wird. Mit Formamid entsteht im nächsten Schritt der N-Formyl-DL-alanin-ethylester, der mit Phosphorpentoxid zum 5-Ethoxy-4-methyloxazol reagiert. Dieses wird mit 2-Isopropyl-4,7-dihydro-1,3-dioxepin, dem Acetal aus 2-Buten-1,4-diol und Isobutyraldehyd, bei 180 °C und anschließender saurer Spaltung zu Pyridoxin umgesetzt.[2]

 

Synthese nach BASFBearbeiten

Bei der Methode der BASF wird der Methyloxazol-5-carbonsäureester zuerst alkalisch hydrolysiert und anschließend unter Wärmezufuhr decarboxyliert. Das entstandene 4-Methyloxazol wird mit 3-Methylsulfonyl-2,5-dihydrofuran zu 6-Methyl-1,3-dihydrofuro[3,4-c]pyridin-7-ol umgesetzt. Dieses wird mit Salzsäure zum Endprodukt gespalten.[2]

 

Pyridoxin und TraumerlebenBearbeiten

Eine Studie von 2002 mit 12 Probanden berichtete, dass bei der täglichen Einnahme von 250 mg Pyridoxin vor dem Schlafengehen sich nach drei Tagen ein stärkeres Traumerleben einstellte.[3] Diese Ergebnisse wurden durch eine randomisierte, doppelblinde, Placebo-kontrollierte Folgestudie (2018) mit 100 Probanden validiert.[4]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Kleemann, Engel: Pharmaceutical Substances, 3rd Edition; Thieme Verlag 1999
  • Auterhoff, Knabe, Höltje: Lehrbuch der Pharmazeutischen Chemie, 14. Auflage; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1999
  • Eger, Troschütz, Roth: Arzneistoffanalyse, 4. Auflage; Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 1999
  • Kleemann, Roth: Arzneistoffgewinnung; Thieme Verlag 1983
  • Hauser K. Vitamine. In: Rassow J, Hauser K, Deutzmann R et al., Hrsg. Duale Reihe Biochemie. 4. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2016. doi:10.1055/b-003-129341

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e Datenblatt Pyridoxine, ≥98% bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 25. Juni 2017 (PDF).
  2. a b c d e f g h i j A. Kleemann, J. Engel, B. Kutscher, D. Reichert: Pharmaceutical Substances - Synthesis, Patents, Applications. 4. Auflage. Thieme 2001, ISBN 3-13-115134-X.
  3. M. Ebben, A. Lequerica, A. Spielman: Effects of pyridoxine on dreaming: a preliminary study. In: Perceptual and motor skills. Band 94, Nummer 1, Februar 2002, S. 135–140, PMID 11883552.
  4. Denholm J. Aspy, Natasha A. Madden, Paul Delfabbro: Effects of Vitamin B6 (Pyridoxine) and a B Complex Preparation on Dreaming and Sleep. In: Perceptual and Motor Skills. 2018, S. 003151251877032, doi:10.1177/0031512518770326.