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Public Health

Fachgebiet, welches sich mit der öffentlichen Gesundheit (auch Bevölkerungsgesundheit oder Volksgesundheit) befasst

Public Health oder Öffentliche Gesundheitspflege ist das anwendungsorientierte Fachgebiet, welches sich mit der öffentlichen Gesundheit (auch Bevölkerungsgesundheit oder Volksgesundheit), insbesondere mit der Vorbeugung von Krankheiten, Förderung der Gesundheit und Verlängerung des Lebens beschäftigt. In den Anfängen (als Fach Hygiene) ging es um die Eindämmung von Infektionskrankheiten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein umfassendes Verständnis über die Verbreitung und Verhinderung von Krankheiten in der Bevölkerung. Mittlerweile ist der Aspekt der Behandlung und Prävention von chronischen Erkrankungen, wie z. B. Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen, hinzugekommen.  

Eine Kernkompetenz von Public Health ist die Interdisziplinarität, bei der die Methoden der unterschiedlichsten Fachdisziplinen Anwendung finden. Diese umfassen beispielsweise folgende Teilgebiete: Epidemiologie, Sozialmedizin, Gesundheitsförderung und Prävention, Versorgungsforschung, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Ethik. Alle Teilgebiete haben das Ziel die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten, zu verbessern und zu stärken.

Die Fachvertretung von Public Health in Deutschland ist die Deutsche Gesellschaft für Public Health e.V. (DGPH).

Inhaltsverzeichnis

GegenstandBearbeiten

Bei der Betrachtung der Gesundheit der Bevölkerung steht die Gesundheit von Personengruppen, Bevölkerungsteilen oder ganzen Bevölkerungen im Vordergrund, nicht die Gesundheit der einzelnen Person. Der konzeptionelle Ansatz von Public Health untersucht die geistigen, körperlichen, psychischen und sozialen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit und ihrer systemischen Verknüpfung. Dabei geht es um das Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuum und die entsprechenden Rückwirkungen auf die Gesundheit.[1] Die Gesundheit der Bevölkerung ist mehr als die Summe der Gesundheit der einzelnen Individuen.[2]

TeilbereicheBearbeiten

Bekämpfung der InfektionskrankheitenBearbeiten

Infektionskrankheiten waren bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Geißel der Menschheit, eine der wichtigsten Ursachen von Krankheit und vorzeitigem Tod. Der deutsche Arzt Johann Peter Frank (1745–1821) gilt als Pionier auf dem Gebiet der Sozialmedizin, der Öffentlichen Gesundheit und als einer der Begründer der Hygiene.[3] Sein Hauptwerk System einer vollständigen medicinischen Polizey erschien in sechs Bänden zwischen 1779 und 1819. Als Vater der aktiven Impfung gilt der englische Arzt Edward Jenner (1749–1823), er experimentierte 1796 mit Kuhpockenlymphe und erfand so die ‚Vakzination‘ gegen Pocken. Auch noch vor der Entdeckung der Bakterien und anderer Krankheitserreger erkannten Ärzte wie John Snow (1813–1858) und William Budd (1811–1880) die Übertragbarkeit als gemeinsames Merkmal der Infektionskrankheiten. Sie gelten als die Pioniere von Public Health. Die Hygiene wurde zum wichtigen Grundlagenfach der Volksgesundheit.[3] In Deutschland vertrat der Pathologe Rudolf Virchow (1821–1902) die Ansicht, die Verbreitung der Infektionskrankheiten sei mit sozialen Maßnahmen zu kontrollieren. Später wurde die mathematische Modellierung der Epidemiologie entwickelt, welche die Verbreitungsdynamik der Infektionskrankheiten beschreibt.

SozialmedizinBearbeiten

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Wann und wie hat sich aus "Sozialhygiene" die "Sozialmedizin" entwickelt, und wo steht, dass sich Sozialhygiene auf Infektionskrankheiten beschränkt habe?

Aus der Sozialhygiene entwickelte sich die Sozialmedizin, diese bleibt nicht auf Infektionskrankheiten beschränkt, sie befasst sich grundsätzlich mit allen sozial bedingten und mitbedingten Krankheiten und umfasst Schularztdienste, Arbeitsmedizin, sowie die medizinische Versorgung verarmter oder sozial isolierter Bevölkerungsgruppen. Die sozialen Determinanten von Krankheit können mit struktureller Prävention und mit populationsbezogenen Versorgungsangeboten bekämpft werden.

GesundheitsschutzBearbeiten

Die Idee des Gesundheitsschutzes ist, Gefahren für die Gesundheit durch gesetzliche und polizeiliche Maßnahmen einzuschränken und zu kontrollieren. Es existiert eine Vielzahl von Vorschriften zum Schutz der Gesundheit. Beispiele sind die Lebensmittelgesetzgebung, die Regulierung des Straßenverkehrs, wasserrechtliche Vorschriften[4], das Arzneimittelgesetz[5] und auch das Betäubungsmittelgesetz[6]; ebenso soll in einem Planfeststellungsverfahren die Volksgesundheit mit abgewogen und berücksichtigt werden können.[7]

Gesundheitsstatistik und EpidemiologieBearbeiten

Aus der frühen auf Infektionskrankheiten beschränkten entwickelte sich die heutige Epidemiologie, welche sich mit der Verbreitung und den Ursachen von allen Krankheiten befasst. Die Forschungsmethoden wurden systematisch weiterentwickelt mit deskriptiver und analytischer Epidemiologie, deskriptiver und schließender Statistik, aus der sich die Medizinische Statistik als eigenständige Spezialität entwickelte. Mit Methoden der Befragung, der Surveillance- und der empirischen Sozialforschung mit quantitativen und qualitativen Forschungsansätzen wird in der Gesundheitsberichterstattung die Gesundheit der Bevölkerung erfasst und beschrieben.

Prävention und GesundheitsförderungBearbeiten

Mit dem epidemiologischen Übergang nahmen die Infektionskrankheiten an Bedeutung ab, die chronischen Krankheiten gewannen Überhand. Damit verlagerte sich das Forschungsinteresse auf die Identifikation von verhaltensmässigen, genetischen, klinischen, umweltbedingten, sozialen und strukturellen Risikofaktoren und die Identifikation von gesundheitsförderlichen Faktoren (Salutogenese).

GesundheitsversorgungBearbeiten

Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung in Krisen, bei Notfällen und Großschadensereignissen stellt seit langem eine der Aufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens dar. Die Versorgungsforschung stellt die Frage nach der besten gesundheitlichen Versorgung einer Bevölkerung.[8][9] Sie analysiert und evaluiert die ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen und Prozesse in der kurativen und rehabilitativen Medizin. Dazu können gesundheitsökonomische Analysen mit der Kosten-Nutzen-Analyse, Kosten-Nutzwert-Analyse und Kosten-Effektivitäts-Analyse beitragen. Mit Blick auf die praktische Umsetzung bekommt das Gesundheitsmanagement mehr Gewicht. Neuere Themen sind Qualitätssicherung und -management im Gesundheitswesen, das Health Technology Assessment (HTA) und Public Health Genomics.

Public Mental HealthBearbeiten

Public Mental Health ist ein sehr junges Teilgebiet, das sich mit der psychischen Gesundheit in der Gesellschaft befasst.[10][11] Zentral sind Anstrengungen zur Prävention des Suizids, Programme zur Unterstützung von Angehörigen psychisch Kranker, insbesondere Kinder, sowie die Förderung psychischer Gesundheit ganz allgemein.

GesundheitssystemforschungBearbeiten

Die Gesundheitssystemforschung (Gesundheitssystem) erweitert den Public-Health-Ansatz nochmals, indem sie die kurative Versorgung in den Zusammenhang mit Prävention stellt sowie die besondere Rolle der Krankenpflege durch Fachpersonen und Laien berücksichtigt. Die Gesundheitspolitik soll sich nicht auf eine Versorgungspolitik beschränken, sondern die Gesundheit in allen Politikbereichen beachten und bearbeiten.

Interdisziplinäre MethodeBearbeiten

Aufgrund des umfassenden Anspruchs berücksichtigt Public Health die Erkenntnisse weiterer Wissensdisziplinen, selbstverständlich aus der Medizin, der Gesundheitssoziologie und der Medizinsoziologie, aber zum Beispiel auch solche aus der Ökonomie, Psychologie, der psychosozialen Versorgung (Psychotherapie, Psychosomatik), Sozialarbeit, Politikwissenschaft, Sozialpolitik, aus den Rechtswissenschaften, der Soziologie sowie der Statistik.

Public-Health-ProgrammeBearbeiten

Probleme der Gesundheit der Bevölkerung sind vielschichtig. Oft erzielen einzelne Maßnahmen allein, wie etwa Gesundheitserziehung oder ein punktuelles Verbot, keine oder eine sehr geringe Wirkung. Bei häufigen oder schwerwiegenden Problemen wie AIDS, Diabetes mellitus, Depressionen, Herzinfarkt, Tuberkulose und dem Rauchen werden deshalb Programme entwickelt. Ein Beispiel ist das Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs. Damit will man die Inzidenz von Lungenkrebs, COPD und der koronaren Herzkrankheit senken. Ein weiteres Beispiel stellen die weltweiten Programme zur Verbesserung der Müttergesundheit dar.

Organisation weltweit und in einzelnen LändernBearbeiten

Die Weltgesundheitsorganisation mit Regionalbüros auf allen bewohnten Kontinenten koordiniert das öffentliche Gesundheitswesen weltweit. Die Standardisierung von medizinischen Diagnosen durch die ICD-10 dient der internationalen Verständigung über Krankheiten, wie z. B. der Weltbericht Gewalt und Gesundheit belegt.

In der Europäischen Union ist der Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit für die Fragen der öffentlichen Gesundheit zuständig.

Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) mit Sitz in Stockholm dient vor allem der Kontrolle und Bekämpfung von Infektionskrankheiten in Europa.

Nationale Gesundheitsbehörde in Deutschland ist das Bundesministerium für Gesundheit, fachlich das Robert-Koch-Institut in Berlin. Für den Öffentlichen Gesundheitsdienst vor Ort ist das Gesundheitsamt der Kommune zuständig.[12]

In der Schweiz erfüllt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einige Public-Health-Aufgaben, insbesondere die Überwachung der Infektionskrankheiten (Surveillance). Da aber die Steuerung der Gesundheitsversorgung hauptsächlich zum Aufgabenbereich der Kantone gehört, erfüllen deren Gesundheitsdirektionen und die Kantonsärzte viele Aufgaben, insbesondere bei der Versorgungsplanung, der Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Aufsicht über das Gesundheitswesen.[13]

In Großbritannien sind das Department of Health und Public Health England (PHE) als dessen ausführende Agentur für die öffentliche Gesundheit zuständig.

In den Vereinigten Staaten sind der Public Health Service sowie die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und der Surgeon General zuständig.

Zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche OrganisationenBearbeiten

Public-Health-StudiumBearbeiten

In Deutschland gehen die Anfänge der Public Health-Ausbildung auf eine Förderinitiative der Bundesregierung im Jahr 1989 zurück, die das Ziel hatte, an deutschen Hochschulen international konkurrenzfähige Strukturen der Forschung und Lehre für Gesundheitswissenschaften und Public Health aufzubauen. Neben der Medizinischen Hochschule Hannover mit dem Studiengang Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen (Public Health) gibt es deutschlandweit unterschiedliche Hochschulen, die gesundheitswissenschaftliche Studiengänge anbieten (z. B. Bielefeld, Berlin, Bremen, Dresden, Düsseldorf, Hamburg, Heidelberg[18] und München). Seit 1994 wurden an der in Deutschland bisher einzigen eigenständigen Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld drei Studiengänge (auf Bachelor-, Master- und Doctor-Ebene) entwickelt, die nach internationalem Vorbild konsekutiv aufgebaut sind. Weitere drei Studiengänge sind in der Fort- und Weiterbildung angesiedelt, konkret in den Bereichen „Epidemiology“ (MSE), „Health Administration“ (MHA) und „Workplace Health Management“ (MWHM). Anderen Universitäten in Deutschland ist es bislang trotz vielfältiger Bemühungen nicht gelungen, die institutionellen Strukturen aufzubauen, um einen Fachbereich nach dem international verbreiteten Muster einer „School of Public Health“ wie in Bielefeld zu etablieren.[19][20]

Die folgenden international anerkannten akademische Grade können erworben werden:

  • Bachelor of Public Health
  • Bachelor of Health Communication
  • Master of Public Health
  • Master of European Public Health
  • Master of Science in International Health
  • Zertifikat Angewandte Gesundheitswissenschaften (FAG)
  • Dr.PH, Dr.sc.hum.
  • Habilitation

Seit 25 Jahren besteht an der Universität Maastricht in den Niederlanden eine Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Sie bietet einen Bachelorstudiengang und neun Masterprogramme zum Schwerpunkt Public Health mit sieben Spezialisierungsrichtungen (Bewegungswissenschaften, Politik und Management in Gesundheitswesen, Gesundheitsprävention und Aufklärung oder Arbeit und Gesundheit) an. Besonders attraktiv für internationale Studenten ist der Bachelorstudiengang European Public Health. Hier werden die Beziehungen zwischen den europäischen Mitgliedstaaten im Bereich der Gesundheit ins Zentrum gerückt. Die Themenschwerpunkte reichen von border-crossing care, grenzüberschreitenden Infektionskrankheiten über das Notfallmanagement bis hin zur Umsetzung der europäischen Gesetze in den Mitgliedsstaaten.[21]

Seit 2007 bietet die Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik Tirol Bachelor-, Master- und Doktoratsprogramme in Public Health an.[22]

In der Schweiz organisiert die Swiss School of Public Health mehrere Masterstudiengänge in Public Health.[23] Zudem bietet die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) den Bachelor of Science in Gesundheitsförderung und Prävention an.[24]

Public-Health-ZeitschriftenBearbeiten

GeschichteBearbeiten

Eine öffentliche Gesundheitspflege gab es bereits unter Karl dem Großen, der zur Verhinderung der Ausbreitung von Infektionskrankheiten sogenannte Sondersiechenhäuser einrichten und Anweisungen zur Felderpflege herausgeben ließ.[26] Mit der öffentlichen Gesundheitspflege befassten sich im deutschsprachigen Raum vom 18. bis 19. Jahrhundert die „Staatsarzneikunde“ und „Medizinische Polizei“.[27][28] Public Health kann auf eine über 100-jährige angelsächsische Tradition zurückschauen, wie an der Universität Edinburgh, Schottland, oder an der Harvard University, USA.

Hinsichtlich der disziplinären Entwicklung wird unterschieden in Old Public Health (auch: Public Health I) und New Public Health (auch: Public Health II). Im Mittelpunkt von Old Public Health stehen die Prävention und Versorgung von Problemgruppen. Die wissenschaftliche Basis konstituieren sowohl die Medizin mit der Theoretischen Medizin, klinisch-praktischen Medizin, Hygiene, Sozialmedizin und Epidemiologie, als auch die Sozialwissenschaften mit der Gesundheitssoziologie und -psychologie.

Im Mittelpunkt von New Public Health steht seit etwa 1980 die gesamte Gesundheitspolitik. Ergänzt wird Old Public Health durch die Gesundheitssystemforschung[29] und die Versorgungsforschung, bei der sich Prävention, Gesundheitsförderung, Kuration/Therapie, Rehabilitation und Pflege systematisch verzahnen. Biomedizinische und sozialwissenschaftliche Arbeitsweisen ergänzen sich gegenseitig. Zum Kranz der Bezugsdisziplinen sind die Wirtschaftswissenschaften mit der Gesundheitsökonomie, die Politikwissenschaften mit der Gesundheitspolitik und die Managementwissenschaften mit dem Qualitätsmanagement hinzugekommen.

Entwicklung in Deutschland im 20. JahrhundertBearbeiten

Ein deutscher Begriff für Public Health war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Volksgesundheit (Ziel von Maßnahmen war die „Volksgesundung“). Bedingt durch die Nationalsozialistische Rassenhygiene hatte die Public-Health-Entwicklung in Deutschland eine große Schwächung erfahren.[30][31] Im Unterschied zu vergleichbaren westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern wurde das Gebiet zwar zur gleichen Zeit, nämlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in Angriff genommen, in den 1930er und 1940er Jahren dann aber durch die massiven Eingriffe der nationalsozialistischen Machthaber politisch-ideologisch instrumentalisiert.[32] Die Ansätze der in den 1920er Jahren aufgekommenen Forschungen der Sozialhygiene als „Wissenschaft von der Erhaltung und Mehrung der Gesundheit“ in Verbindung mit der praktischen Anwendung bevölkerungsweiter Erkenntnisse zur Sicherung der Volksgesundheit wurden vom totalitären NS-Regime eliminiert. Hitler selbst, aber auch Mussolini verwendeten eine Sprache, die sie als Ärzte am Volkskörper definierten.[33] Der wesentliche Nutznießer dieser Public Health-Politik war der Sport, dem auch bereits in Mein Kampf eine wichtige Rolle für die öffentliche Gesundheit, verbunden mit Wehrkraft für die Männer und Gebärfähigkeit für die Frauen, eingeräumt wurde.[34] Die führenden Vertreter der Gesundheitswissenschaft, die bereits mit diesem Namen arbeiteten, so etwa Adolf Gottstein, Hans Schlossmann und Ludwig Teleky, wurden ebenso vertrieben wie die sozialhygienisch tätigen Mediziner, Biologen, Psychologen und Soziologen. Das Handeln staatlicher Organe zur Herstellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Gesundheit wurde unter das Diktum einer Menschen verachtenden politischen Ideologie gestellt und damit bis weit über die Anfangsjahre der Bundesrepublik Deutschland hinaus diskreditiert.

In beiden deutschen Teilstaaten konnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges das gut funktionierende öffentliche Gesundheitswesen, wie es vorbildlich vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten existiert hatte, nicht wieder voll etabliert werden.

Erst in den 1980er Jahren kam es in Westdeutschland zu einer „Wiedergeburt“ der deutschen Tradition der Gesundheitswissenschaften, die ihren greifbaren Niederschlag darin fand, dass die Zusammenarbeit von Medizin- und Naturwissenschaften mit Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zur Analyse der öffentlichen und der individuellen Gesundheit über einen Zeitraum von über zehn Jahren intensiv politisch gefördert wurde.[35] Bund und Länder in Westdeutschland unterstützten Forschungsverbünde und akademische Lehrprogramme.

1993 entstand an der Universität Bielefeld die erste deutsche „Fakultät für Gesundheitswissenschaften/School of Public Health“. Gründungsdekan war Klaus Hurrelmann. Auch an der Universität Bremen, an den Berliner Universitäten und an der Universität Heidelberg bildeten sich seitdem Lehr- und Forschungsinstitute für Public Health mit mehreren Lehrstühlen.

Entwicklung in der SchweizBearbeiten

In der Schweiz wurde 1963 an der Universität Zürich der erste Lehrstuhl für das Fach unter der Bezeichnung Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) eingerichtet.[36] Dessen erster Direktor Meinrad Schär ergriff zusammen mit Bundesrat Hans-Peter Tschudi die Initiative zur Einführung des Faches in den obligatorischen Prüfungsstoff im Staatsexamen für Ärzte, was der Bundesrat 1964 beschloss und die Medizinischen Fakultäten ab 1968 durchführen mussten. Angesichts dieser neuen Aufgabe wurden neue Institute an den andern vier Medizinischen Fakultäten der Schweiz gegründet.[37]

2012 entstand in Basel das Schweizerische Tropen- und Public Health Institut aus der Fusion des Schweizerischen Tropeninstituts mit dem ISPM Basel.[38] 2014 wurde in Genf das Institut de santé globale als Nachfolgeinstitut gegründet. Imselben Jahr benannte sich das ISPM Zürich um in Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI).

Zielkonflikte und KritikBearbeiten

Zielkonflikte entstehen, wenn sich wirtschaftliche Partikularinteressen, z. B. der Tabak- oder der Alkoholindustrie, durch Massnahmen zur Stärkung der Gesundheit gefährdet sehen. Zudem können Zielkonflikte dort aufscheinen, wo zwischen individueller und kollektiver Gesundheit abgewogen werden muss, „dem Einzelnen [...] unter bestimmten Umständen zugemutet [wird], zugunsten aller zurückzutreten: Mögliche Impfschäden werden Einzelpersonen abverlangt, wenn es gilt, Epidemien vorzubeugen; solidarisch finanzierte Gesundheitssysteme gewähren allen bestenfalls das medizinisch Notwendige, aber nicht jedem alles Wünschenswerte“.[2]

LiteraturBearbeiten

  • Cornelia Bormann: Gesundheitswissenschaften. UTB, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8252-3788-2.
  • Matthias Egger, Oliver Razum, Anita Rieder (Hrsg.): Public Health Kompakt. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2018. ISBN 978-3-11-046678-2.
  • Jochen Haisch, Rolf Weitkunat, Manfred Wildner (Hrsg.): Wörterbuch Public Health. Hans Huber, Bern 1999, ISBN 3-456-83051-3.
  • Lotte Habermann-Horstmeier: Public Health. Hogrefe Verlag, Bern 2017. ISBN 978-3-456-85706-0.
  • Wilfried Heinzelmann: Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft. Die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897–1933. Eine Geschichte in sieben Profilen. Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1144-1.
  • Klaus Hurrelmann: Gesundheitssoziologie. Weinheim: Beltz Juventa 2010, ISBN 978-3-7799-1483-9;
  • Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Gesundheitswissenschaften. Springer, Berlin 1999, ISBN 978-3-540-64989-2.
  • Klaus Hurrelmann, Oliver Razum (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften. 5., völlig überarbeitete Auflage. Beltz Juventa, Weinheim 2012, ISBN 978-3-7799-0790-9 (6., durchgesehene Auflage. 2016)
  • David Mah / Leire Asensio Villoria (Hg.): Life-Styled Health and Places, JOVIS Verlag Berlin 2016, ISBN 978-3-86859-422-5.
  • Bernhard Mann: Die Bedeutung der Soziologie für die moderne Public-Health-Entwicklung. In: Heine von Alemann, Annette Vogel (Hrsg.): Soziologische Beratung. Berufsverband Deutscher Soziologen. Leske+Budrich, Opladen 1996, ISBN 3-8100-1682-9.
  • Jens-Uwe Niehoff, Bernard Braun: Sozialmedizin und Public Health. Nomos, Baden-Baden 2003, ISBN 3-8329-0118-3.
  • Matthias Richter / Klaus Hurrelmann, Klaus (Hrsg.): Soziologie von Gesundheit und Krankheit. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11009-3
  • Brigitte Ruckstuhl, Elisabeth Ryter: Von der Seuchenpolizei zu Public Health. Öffentliche Gesundheit in der Schweiz seit 1750. Chronos Verlag Zürich, 2017. ISBN 978-3-0340-1388-8.
  • Doris Schaeffer, Martin Moers, Rolf Rosenbrock (Hrsg.): Public Health und Pflege. edition sigma, Berlin 1994, ISBN 3-89404-134-X.
  • Friedrich Wilhelm Schwartz / Ulla Walter et al. (Hrsg.), Public Health: Gesundheit und Gesundheitswesen, Urban & Fischer/Elsevier, 3. Auflage. 2012, ISBN 978-3437319266
  • Schweizerisches Rotes Kreuz (Hrsg.): Transkulturelle Public Health. Ein Weg zur Chancengleichheit. Zürich: Seismo Verlag, Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen. 2012, ISBN 978-3-03777-106-8.
  • Peter Franzkowiak: Gesundheitswissenschaften / Public Health (2015). In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Leitbegriffe der Gesundheitsförderung – Online-Glossar doi:10.17623/BZGA:224-i104-1.0

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Klaus Hurrelmann 2010, S. 128, Mann, 1996
  2. a b Dtsch Arztebl 2007; 104(41): A 2788–90
  3. a b Martin Exner: Hygiene und Öffentliche Gesundheit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (PDF; 1,8 MB)
  4. Bayerischer Verfassungsgerichtshof, NVwZ 2009, 298.
  5. Bundesverwaltungsgericht Buchholz 418.32 AMG Nr. 53
  6. BGH StV 2005, 666
  7. Bundesverwaltungsgericht BVerwGE 131, 274.
  8. Schwartz, 1998
  9. Hurrelmann und Razum, 2016
  10. Dinesh Bhugra, Torales Julio, João Mauricio Castaldelli-Maia. Public mental health. International Review of Psychiatry 26.4 (2014): 391-391.
  11. William W. Eaton. Public Mental Health
  12. Jens-Uwe Niehoff, Bernard Braun: Sozialmedizin und Public Health. Nomos, Baden-Baden 2003, ISBN 3-8329-0118-3.
  13. Gerhard Kocher, Willy Oggier, (Hrsg.) Gesundheitswesen Schweiz 2010–2012, Bern, Hans Huber Verlag 2010, ISBN 978-3-456-84803-7
  14. Webseite der Word Federation
  15. Webseite der EUPA
  16. Webseite der DGPH
  17. Webseite von PHS
  18. UniversitätsKlinikum Heidelberg: Master of Science in International Health. Abgerufen am 20. September 2018.
  19. Aktuelle Studiengänge in Deutschland
  20. auf archive.org: Übersicht über Public Health Ausbildung in Deutschland
  21. Webseite der Fakultät (Memento des Originals vom 13. April 2014 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.maastrichtuniversity.nl
  22. Webseite der UMIT (Memento des Originals vom 9. April 2016 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.umit.at
  23. Webseite von ssphplus
  24. Bachelor Gesundheitsförderung und Prävention. Abgerufen am 20. März 2019 (Schweizer Hochdeutsch).
  25. Webseite IJPH
  26. Georg Sticker: Entwicklungsgeschichte der Medizinischen Fakultät an der Alma Mater Julia. In: Max Buchner (Hrsg.): Aus der Vergangenheit der Universität Würzburg. Festschrift zum 350jährigen Bestehehen der Universität. Berlin 1932, S. 383–799, hier: S. 397 f.
  27. Bettina Wahrig, Werner Sohn (Hrsg.): Zwischen Aufklärung, Policey und Verwaltung. Zur Genese des Medizinalwesens 1750–1850. Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Harrassowitz Verlag in Kommission, Wiesbaden 2003.
  28. Wolfgang Schwerd: Zur Geschichte der Rechtsmedizin. In: Wolfgang Schwerd (Hrsg.): Kurzgefaßtes Lehrbuch der Rechtsmedizin für Mediziner und Juristen. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln-Lövenich, 3., überarbeitete und ergänzte Auflage 1979, ISBN 3-7691-0050-6, S. 352.
  29. Schwartz, 1998
  30. Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer-Lehrbuch, Berlin 1999, ISBN 3-540-51982-3.
  31. Hurrelmann 1999, S. 5
  32. Hurrelmann 1999, S. 5
  33. Francesca Rigotti (1994): Die Macht und ihre Metaphern. Über die sprachlicher Bilder der Politik. Frankfurt/M: Campus. ISBN 3-593-34896-9
  34. Arnd Krüger: Sieg Heil to the most glorious era of German sport: Continuity and change in the modern German sports movement. In: International Journal of the History of Sport. 4 (1987), 1, S. 5–20.
  35. Hurrelmann und Razum 2016
  36. EBPI
  37. Geschichte des ISPM. ISPM Bern. 23. Juni 2011. Abgerufen am 17. Januar 2015.
  38. Mitteilung (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/philnat.unibas.ch der Universität Basel