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Psychotherapie (Heilpraktikergesetz)

Psychotherapie mit einer Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz beschreibt eine Besonderheit des deutschen Gesundheitswesens. Heilpraktiker sind in Deutschland neben psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten befugt, Psychotherapie auszuüben. Seit 1993[1] kann Psychotherapie auch von Personen ausgeübt werden, denen eine „Erlaubnis zur berufsmäßigen Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung als Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie“ (Heilpraktiker für Psychotherapie) erteilt wurde.

Inhaltsverzeichnis

AbgrenzungBearbeiten

Ausübung der Heilkunde ist im Sinne des Heilpraktikergesetzes jede berufs- oder gewerbsmäßig vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Krankheiten, Leiden oder Körperschäden bei Menschen, auch wenn sie im Dienste von anderen ausgeübt wird (§ 1 Abs. 2 HeilprG).

Nicht darunter fallen sowohl die Beratende Psychologie [2][3] als auch die durch Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nach dem Psychotherapeutengesetz ausgeübte Tätigkeit, wenngleich auch diese "heilkundliche Psychotherapie" praktizieren (§ 1 PsychThG).

Voraussetzungen und ErlaubnisBearbeiten

Allgemeine BewerberBearbeiten

Wer die Heilkunde berufsmäßig ausübt, ohne als Arzt oder Psychotherapeut approbiert zu sein, bedarf dazu der Erlaubnis als Heilpraktiker durch die zuständige Landesbehörde.[4] Eine erteilte Erlaubnis hat bundesweite Gültigkeit. Voraussetzung für die Erlaubnis ist ein Mindestalter von 25 Jahren, der erfolgreiche Abschluss mindestens der Hauptschule oder ein gleichwertiger Abschluss sowie die körperliche und geistige Eignung für den Beruf, die durch ärztliches Attest und polizeiliches Führungszeugnis nachzuweisen sind.[5] Zur Erlangung der Erlaubnis muss sich der Antragsteller nach § 2 Abs. 1 Buchstabe i) HeilprGDV einer Überprüfung seiner Kenntnisse und Fertigkeiten unterziehen, um festzustellen, ob die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten würde.[6][7]

Für die Erteilung einer auf das Gebiet der Psychotherapie beschränkten Heilpraktikererlaubnis sind zudem entsprechende Kenntnisse in einem Psychotherapieverfahren nachzuweisen, das allgemein gültigen Kriterien an Psychotherapieverfahren genügt, und dazu befähigt, Patienten entsprechend der Diagnose psychotherapeutisch zu behandeln. Diese Befähigung setzt auch Grundkenntnisse in allen wissenschaftlichen anerkannten Psychotherapieverfahren voraus. Nachweise zu solchen Aus- und Fortbildungen werden von einigen überprüfenden Gesundheitsämtern für das Bestehen der Überprüfung vorausgesetzt.[8]

Die Gestaltung und Ausführungen der Prüfungen fallen unter das Landesrecht.[5] Die Überprüfung enthält Fragen zum Basiswissen hinsichtlich psychischer Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen, Diagnostik, Rechts- und Berufskunde und Therapieformen. Die Prüfung besteht aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil. Eine Zulassung zur mündlichen Überprüfung erfolgt nur, wenn die schriftliche Überprüfung bestanden wurde. Ausbildungsnachweise sind grundsätzlich keine Voraussetzung für die Zulassung zur Kenntnisüberprüfung, es gibt keine vorgeschriebene Regelausbildung.

Während in der Überprüfung für Heilpraktiker ohne Beschränkung auf Psychotherapie Kenntnisse in Psychiatrie, Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie nur eine untergeordnete Rolle spielen, erfolgt die Überprüfung für Heilpraktiker (Psychotherapie) ausschließlich in diesem Fachgebiet.

PsychologenBearbeiten

Studierte Psychologen (Universitätsabschluss mit Diplom oder Master) können die Heilpraktikererlaubnis begrenzt auf das Gebiet der Psychotherapie durch ein spezielles, vereinfachtes Erlaubnisverfahren erwerben. Sie müssen keine gesonderte Prüfung ablegen, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Es wird nach Aktenlage entschieden. Je nach Bundesländern sind unterschiedliche Behörden dafür zuständig. Rechtsgrundlage dieses speziellen Zulassungsverfahrens ist das Heilpraktikergesetz und die Durchführungsverordnung.[9]

BerufsbezeichnungBearbeiten

Oft gebrauchte Berufsbezeichnungen für Personen, die Psychotherapie mit Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz ausüben, lauten:

  • Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie
  • Heilpraktiker eingeschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie
  • Heilpraktiker für Psychotherapie[10]
  • Heilpraktiker (Psychotherapie)[10]

Wer Psychotherapie mit einer Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz ausübt, darf nicht die Berufsbezeichnung Psychotherapeut führen. Diese Berufsbezeichnung ist gemäß § 1 Abs. 1 Satz 4 Psychotherapeutengesetz geschützt. Diese Berufsbezeichnung dürfen nur Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder Ärzte führen.

GeschichteBearbeiten

Neben dem Arztberuf mit Approbation ist die Ausübung der Heilkunde in Deutschland seit 1939 nur mit einer Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz legal möglich. Eine Erlaubnis, in einem begrenzten Gebiet bzw. Teilbereich der Heilkunde tätig zu sein, ist dem Wortlaut des Heilpraktikergesetzes nicht zu entnehmen. Der Anspruch auf eine begrenzte Erlaubniserteilung ergab sich aus der verfassungsgemäßen Auslegung des Heilpraktikergesetzes durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts[11] und des Bundesverwaltungsgerichts.[1]

TätigkeitBearbeiten

MethodenBearbeiten

Heilpraktiker sind in der Wahl der Therapiemethoden frei. Eine von Heilpraktikern angewandte Therapiemethode muss nicht wissenschaftlich anerkannt sein. Die Therapiefreiheit beinhaltet die Sorgfaltspflicht, die Grenzen der angewandten Methoden zu kennen.

VerschwiegenheitspflichtBearbeiten

Eine zivilrechtlich verbindliche Verschwiegenheitspflicht des Heilpraktikers entsteht durch den mündlichen oder schriftlichen Behandlungsvertrag. Aus der Verschwiegenheitspflicht folgt ein Zeugnisverweigerungsrecht im Zivilprozess nach § 383 Abs. 1 Nr. 6 ZPO. Zudem legen Heilpraktikerverbände in ihren jeweiligen Berufsordnungen für Heilpraktiker eine Schweigepflicht fest.[12] Diese ist jedoch nur für die jeweiligen Verbandsmitglieder zivilrechtlich verbindlich.

Heilpraktiker unterliegen hingegen nicht der strafrechtlichen Verschwiegenheitspflicht nach § 203 Abs. 1 Nr. 1 StGB, weil sie zwar einen nichtakademischen Heilberuf ausüben, aber ihre Berufsausübung oder die Führung der Berufsbezeichnung keine staatlich geregelte Ausbildung erfordert.[13] Sie haben auch in Strafverfahren kein Zeugnisverweigerungsrecht nach § 53 StPO, wie es u. a. für Ärzte, psychologische Psychotherapeuten und geistliche Seelsorger gilt.

AbrechnungBearbeiten

Hauptartikel: Heilpraktiker#Abrechnung

Psychotherapie auf rechtlicher Grundlage des Heilpraktikergesetzes ist gemäß § 15 und § 28 Abs. 1 SGB V keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen.[14]

Heilpraktikerhonorare sind gemäß § 630a BGB frei vereinbar. Für die Vergütung der Heilpraktikerleistungen bietet das GebüH (Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker) eine Berechnungshilfe.[15] Allerdings sind die dort genannten Honorare auf dem Stand von 1985, da das Verzeichnis seit seiner Aufstellung nicht aktualisiert wurde. Kritisiert wird zudem, dass die Anwendung dieses Gebührenverzeichnis eine kartellrechlich verbotene Preisabsprache darstelle, da ihm die Rechtskraft einer gesetzlichen Gebührenordnung fehle.[16]

Die Kostenübernahme durch private Krankenversicherungen ist von den im jeweiligen Tarif versicherten Leistungen abhängig. Beihilfestellen des öffentlichen Dienstes übernehmen psychotherapeutische Heilpraktikerkosten nicht regelhaft.[17]

Gemäß § 4 Nr. 14 Buchst. a UStG sind Heilbehandlungen im Bereich der Humanmedizin, die im Rahmen der Ausübung der Tätigkeit als u. a. Heilpraktiker durchgeführt werden, umsatzsteuerfrei.

BerufsverbändeBearbeiten

Seit 1990 existiert der Berufsverband Verband Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e.V. (VFP). Dessen Ziel ist die Interessensvertretung für Anbieter psychologischer Dienstleistungen, insbesondere für Heilpraktiker (Psychotherapie) und Psychologische Berater.

KritikBearbeiten

Heilpraktikerbehandlungen werden insbesondere wegen angewandter Behandlungsmethoden, die wissenschaftlich nicht anerkannt sind, kontrovers diskutiert.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b BVerwG, Urteil vom 21. Januar 1993, Az. 3 C 34.90, Volltext = NJW 1993, 2395 ff.
  2. Information des Gesundheitsamtes, Nichtakademische Heilberufe, Heilpraktiker/in (Psychotherapie) des Kreises Recklinghausen [1] Abgerufen am 7. April 2014
  3. Information auf therapie.de [2] Abgerufen am 7. April 2014
  4. Siehe § 1 Heilpraktikergesetz
  5. a b Zum Beispiel für NRW: Richtlinien zur Durchführung des Heilpraktikergesetzes RdErl. d. Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit v. 18.5.1999, für Niedersachsen: Richtlinie zur Durchführung des Verfahrens zur Erteilung einer Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz
  6. Gesundheitsamt der Region Kassel: Informationen für Interessenten an der Heilpraktikerüberprüfung. [3] Abgerufen am 8. April 2014
  7. § 2 Absatz 1 Buchstabe i) Erste Durchführungsverordnung zum Heilpraktikergesetz (HeilprGDV 1)
  8. Informationsblatt - Erteilung der Erlaubnis zur berufsmäßigen Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung als Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie. Landkreis Karlsruhe, Februar 2013, abgerufen am 30. Mai 2014 (PDF).
  9. Informationsblatt für Diplom-Psychologen/Psychologinnen zum Antrag auf Erteilung der Erlaubnis zur Ausübung Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz. Landeshauptstadt Dresden, 4. Juli 2014, abgerufen am 4. Juli 2014.
  10. a b Rechtsprechung der niedersächsischen Justiz - Zulässigkeit der Verwendung der Berufsbezeichnung "Heilpraktiker für Psychotherapie". Niedersächsisches Justizministerium, 7. Februar 2011, abgerufen am 12. Februar 2016.
  11. BVerfG, Beschluss vom 10. Mai 1988, Az. 1 BvR 482/84 und 1166/85, BVerfGE 78, 179 - Heilpraktikergesetz.
  12. beispielsweise Bund deutscher Heilpraktiker e.V.: Artikel 3 - Schweigepflicht
  13. Uta Schollmeyer: Berufsrecht der nichtärztlichen Heilberufe Berlin, 2011
  14. [http://www.kbv.de/media/sp/2014_11_20_Fortbildungsheft_2_web_Version.pdf Die gesetzliche Krankenversicherung, Kap. 3.2.3.2.1.] Kassenärztliche Bundesvereinigung, 2014, abgerufen am 31. Dezember 2015 (pdf).
  15. Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker (GebüH). Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V., abgerufen am 31. Dezember 2015.
  16. Das GebüH – ein juristisches Desaster. Paracelsus Magazin, Ausgabe November 2015, abgerufen am 31. Dezember 2015.
  17. http://www.heilpraktiker.org/files/seiteninhalt/beihilfe-tabelle-0913-web.pdf. Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V., 2013, abgerufen am 31. Dezember 2015 (pdf).
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