Starkenburg (Provinz)

Provinz des Großherzogtums und späteren Volksstaates Hessen
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Die Provinz Starkenburg war eine von vier[Anm. 1] Provinzen des Großherzogtums und späteren Volksstaats Hessen. Sie bestand ab 1803 als Fürstentum, 1816 bis 1937 als Provinz. Hauptstadt war Darmstadt, wichtigste Industriestadt Offenbach.

Das Wappen des Großherzogtums Hessen, Provinz Starkenburg
Die drei Provinzen des Volksstaates Hessen, 1930

GeschichteBearbeiten

Konsolidierung 1803–1823Bearbeiten

Reichsdeputationshauptschluss 1803Bearbeiten

Im Fürstentum Starkenburg fasste die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt nach den Gebietsgewinnen durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 die alten und neuen Gebiete, die östlich des Rheins und südlich des Mains lagen, zusammen. Der Altbestand war vor allem die Obergrafschaft Katzenelnbogen. Neu hinzugewonnenen wurden[1]:

Durch einen Staatsvertrag vom 14. März 1803 mit der Markgrafschaft Baden fielen an die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt:

alles aus den Gewinnen der Markgrafschaft durch den Reichsdeputationshauptschluss.

Namengebend für die neue Verwaltungseinheit war das neu erworbene ehemals kurmainzische, ursprünglich nach der gleichnamigen Burg benannte Oberamt Starkenburg im Süden des Fürstentums.

Rheinbundakte 1806Bearbeiten

1806 erzwang Napoleon bei Androhung einer Invasion den Austritt der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt (und 15 anderer Staaten) aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die Gründung des Rheinbundes durch diese Staaten und die Stellung hoher Militärkontingente an Frankreich. Neben der Rangerhöhung der Landgrafschaft zum Großherzogtum wurde das mit Gebietsgewinnen „vesüßt“. Dabei ist aber zu beachten, dass alle durch die Rheinbundakte gewonnenen Gebiete[5] zwar der staatlichen Hoheit des Großherzogtums unterlagen, aber die Souveränitätsrechte der bisherigen Landesherren, die größeren nun Standesherren, zu einem erheblichen Teil weiter erhalten wurden. Der Gebietszuwachs für das Fürstentum Starkenburg durch die Rheinbundakte[6] bestand aus den nachfolgend aufgeführten nun zu Standesherrschaften gewordenen Gebieten[7]:

und den vormals reichsritterschaftlichen Gebieten

Nach den Gebietsgewinnen von 1806 hatte die Provinz 182.000 Einwohner, davon 42.000 in den „Souveränitätslanden“, die nur eingeschränkt der staatlichen Souveränität unterlagen.[16]

Weitere GebietsgewinneBearbeiten

Weitere Gebietsgewinne kamen in den folgenden Jahren hinzu. Am 11. Mai 1810 schlossen das Großherzogtum und das Kaiserreich Frankreich einen Staatsvertrag[17] mit dem Frankreich Gebiete, die es 1806 Kurhessen abgenommen hatte, an das Großherzogtum weiter gab. Der im Mai geschlossene Vertrag wurde von Napoléon aber erst am 17. Oktober 1810 unterschrieben.[18] Das hessische Besitzergreifungspatent datiert vom 10. November 1810.[19] Das Großherzogtum erwarb auf diesem Wege für die Provinz Starkenburg das Amt Babenhausen.

Im Herbst 1810 kam es weiter zu einem Dreiecksgeschäft zwischen Frankreich, Hessen und dem Großherzogtum Baden. Baden stellte eigene Gebietsteile zur Disposition von Frankreich, das diese dann mit einem Staatsvertrag vom 11. November 1810[20] an das Großherzogtum Hessen weitergab.[21] Das hessische Besitzergreifungspatent datiert auf den 13. November 1810[22] und umfasste

Weitere Gebietsgewinne gab es mit dem Abschluss des Wiener Kongresses 1816. Im gleichen Jahr wurde das Fürstentum im Zuge einer Verwaltungsreform in „Provinz“ umbenannt.[23]

Bis zu den Verwaltungsreformen von 1820 bis 1823 war die Provinz in Ämter eingeteilt. Auch danach bestanden noch einige Ämter fort, die komplett zu Standesherrschaften gehörten. Ämter waren seit dem Mittelalter eine Ebene zwischen den Gemeinden und der Landesherrschaft. Die Funktionen von Verwaltung und Rechtsprechung waren hier nicht getrennt. Dem Amt stand ein Amtmann vor, der von der Landesherrschaft eingesetzt wurde.

Die Amtseinteilung wurde von den Vorgängerstaaten weitgehend unverändert übernommen. Das hatte zur Folge, dass die Ämter von ihrem Umfang her völlig unterschiedlich waren. Die Spanne reichte von nur einer Gemeinde (Amt Wimpfen) bis zu 46 Gemeinden (Amt Breuberg). Zudem bestanden in diesen Jahren neben staatlichen auch noch standesherrliche Hoheitsrechte. So gab es „Domaniallande“, in denen der Staat die volle Souveränität besaß, daneben aber auch noch „Souveränitätslande“, in denen Standesherren in unterschiedlichem Umfang in den Bereichen Verwaltung und Rechtsprechung Hoheitsrechte ausübten.[24]

Dem Staat war daran gelegen, dies zu vereinheitlichen und ein staatliches Gewaltmonopol durchzusetzen. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege bis 1823 wurden deswegen zunächst einzelne Ämter zusammengelegt und dann in einer groß angelegten Gebietsreform 1821 die Ämter in der Provinz Starkenburg und der Provinz Oberhessen aufgelöst und zugleich auch auf dieser Ebene Verwaltung und Rechtsprechung getrennt. Für die bisher in den Ämtern wahrgenommenen Verwaltungsaufgaben wurden Landratsbezirke geschaffen, für die erstinstanzliche Rechtsprechung Landgerichte.[25]

Die bestehenden Hoheitsrechte der Standesherren wurden einigen von ihnen vom Staat abgekauft. Der Abschluss der entsprechenden Verträge zog sich länger hin. Der Prozess war 1823 so weit abgeschlossen, dass der Staat die den Standesherren in manchen Fällen formal weiter zustehenden Hoheitsrechte wahrnahm – das war im Einzelfall unterschiedlich gestaltet. Dies garantierte, dass Verwaltung und Rechtsprechung einheitlich in staatlicher Hand wahrgenommen wurden. Einige der Standesherrschaften wurden aber auch erst in der Folge der Märzrevolution 1848 beseitigt.

Experimente 1823–1852Bearbeiten

Auch vor 1832 kam es in einzelnen Fällen zu Zusammenlegungen von Landratsbezirken, 1832 dann zu einer neuen Gebietsreform: Die Einheiten wurden vergrößert, indem Kreise geschaffen wurden in denen Landratsbezirke zusammengefasst wurden:

Die Provinzen, die Kreise und die Landratsbezirke des Großherzogtums wurden im Zuge der Märzrevolution am 31. Juli 1848 abgeschafft und durch Regierungsbezirke ersetzt:

In der anschließenden Reaktionsära wurde das am 12. Mai 1852 wieder rückgängig gemacht und die Kreiseinteilung aus der Zeit vor der Revolution wiederhergestellt. Die Kreise Lindenfels, Neustadt und Wimpfen wurden 1874 aufgelöst und die von dort verwalteten Gemeinden benachbarten Kreisen zugeordnet.

Bestand 1852–1937Bearbeiten

1871 wurde Hessen Teil des Deutschen Reichs. 1874 reformierte das Großherzogtum Hessen nach preußischem Vorbild seine Kreisverfassung und führte auch eine neuen Kreiseinteilung ein. Die damals geschaffene Gliederung der Provinz Starkenburg bestand bis zu ihrer Auflösung. Dort bestanden nun die Kreise:

Die Organisation der Provinz Starkenburg blieb von der ab 1918 republikanischen Verfassung des nunmehrigen Volksstaats Hessen unberührt. 1938 wurden die drei Provinzen Starkenburg, Oberhessen und Rheinhessen aufgehoben.

NachspielBearbeiten

Die Amerikanische Militärregierung griff 1945 noch einmal auf den Begriff der „Provinz Starkenburg“ zurück: Sie beauftragte am 14. April 1945 Ludwig Bergsträsser der Bildung einer „Regierung für die Provinz Starkenburg“. Ab 8. Mai 1945 amtierte Bergsträsser als deren Präsident.[Anm. 3] Am 8. August 1945 wurde seine Regierung in „Deutsche Regierung des Landes Hessen“ umbenannt, womit die Provinzen auch formal ihre letzte Bedeutung verloren.

Auf annähernd dem gleichen Gebiet – ohne Stadt und Kreis Offenbach – arbeitete bis 2007 der Zweckverband Region Starkenburg.

Verbleib ab 1945Bearbeiten

Bei der Gründung Groß-Hessens 1945 wurden die Exklaven Steinbach (zum Obertaunuskreis im Regierungsbezirk Wiesbaden) und Bad Wimpfen (an das Land Württemberg-Baden) von Starkenburg abgetrennt, der Kreis Groß-Gerau erhielt dafür die seit 1930 rheinhessischen rechtsrheinischen Mainzer Stadtteile Bischofsheim, Ginsheim und Gustavsburg zurück. 1974 wurden Steinheim und Klein-Auheim aus dem Kreis Offenbach in die Stadt Hanau eingemeindet.

Das Gebiet der Provinz entspricht bis auf die genannten Änderungen und kleineren Grenzkorrekturen im Bereich des Flughafens Frankfurt den heutigen Landkreisen Bergstraße, Darmstadt-Dieburg, Groß-Gerau, Odenwald und Offenbach sowie den kreisfreien Städten Darmstadt und Offenbach.

GliederungBearbeiten

Ursprüngliche ÄmterstrukturBearbeiten

LandratsbezirkeBearbeiten

1821/22 wurden die Ämter aufgehoben und Landratsbezirke gebildet.

Landratsbezirk Bensheim in Bensheim Landratsbezirk Breuberg in Breuberg
Landratsbezirk Darmstadt in Darmstadt Landratsbezirk Dieburg in Dieburg
Landratsbezirk Dornberg in Dornberg Landratsbezirk Erbach in Erbach
Landratsbezirk Heppenheim in Heppenheim Landratsbezirk Hirschhorn in Hirschhorn
Landratsbezirk Langen in Langen Landratsbezirk Lindenfels in Lindenfels
Landratsbezirk Offenbach in Offenbach am Main   Landratsbezirk Reinheim in Reinheim
Landratsbezirk Seligenstadt in Seligenstadt Landratsbezirk Wimpfen in Wimpfen

KreiseBearbeiten

Die Provinz wurde zum 20. August 1832 in Kreise eingeteilt, die standesherrlichen Landratsbezirke blieben davon aber unberührt:

  • Bensheim (am 1. November 1938 mit dem Kreis Heppenheim zum Landkreis Bergstraße zusammengelegt)
  • Heppenheim (am 1. November 1938 mit dem Kreis Bensheim zum Landkreis Bergstraße zusammengelegt)
  • Erbach
  • Darmstadt (am 1. November 1938 in den Stadt- und den Landkreis Darmstadt aufgeteilt)
  • Dieburg
  • Groß-Gerau
  • Lindenfels (gegründet 1852, aufgelöst 1874, Gemeinden auf die Kreise Erbach, Bensheim und Heppenheim verteilt)
  • Neustadt (gegründet 1852, aufgelöst 1874, Gemeinden auf die Kreise Erbach und Dieburg verteilt)
  • Offenbach (am 1. November 1938 in den Stadt- und den Landkreis Offenbach aufgeteilt)
  • Wimpfen (gegründet 1852, eingegliedert in den Kreis Heppenheim am 1. Juli 1874).

Die verbleibenden (standesrechtlichen) Landkreisbezirke wurden nach der Märzrevolution 1848 aufgelöst und die verbleibenden standesherrlichen Vorrechte mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April, verabschiedet am 9. August 1848, abgeschafft.[26]

Die Regierungsbezirke wurden aber bereits 1852, nach der Restitution, aufgelöst und wieder eine Kreisaufteilung hergestellt.

ProvinzialdirektorenBearbeiten

RechtsprechungBearbeiten

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. An der Spitze stand das Oberappellationsgericht Darmstadt. Es war oberstes Gericht im gesamten Staat.

Für Fürstentum und spätere Provinz Starkenburg wurde das „Hofgericht Darmstadt“ eingerichtet. Es war in zweiter Instanz für Zivilsachen und in erster Instanz in Strafsachen und für Standesherren zuständig. In den standesherrlichen Gebieten bestanden Justizkanzleien, die dem Hofgericht nachgeordnet waren, für Verfahren zweiter Instanz.

Die Rechtsprechung der ersten Instanz in Zivilsachen wurde durch die Ämter und gebietsweise auch durch die Patrimonialgerichte der Standesherren ausgeübt. Die Aufgaben der ersten Instanz gingen in der Verwaltungsreform 1821, bei der auch Rechtsprechung und Verwaltung getrennt wurden, auf die neu geschaffenen Landgerichte über.[27] Mit dem im ganzen Deutschen Reich geltenden Gerichtsverfassungsgesetz von 1879 wurde die Bezeichnung der Gerichte angepasst: Das „Hofgericht Darmstadt“ wurde zum „Landgericht Darmstadt“, die bisherigen Landgerichte „ Amtsgericht“.

WissenswertBearbeiten

In Gießen trägt das Corps Starkenburgia den Namen der ehemaligen hessischen Provinz.

Im Bereich der Provinz wurde 1923 der evangelische Starkenburger Gemeinschaftsverband gegründet. Durch Fusion wurde er zu Beginn des 21. Jahrhunderts in „Evangelischer Gemeinschaftsverband Rhein-Main“ umbenannt.[28]

LiteraturBearbeiten

  • L. Ewald: Beiträge zur Landeskunde. In: Grossherzogliche Centralstelle für die Landes-Statistik (Hg.): Beiträge zur Statistik des Grossherzogthums Hessen. Jonghaus, Darmstadt 1862.
  • Eckhart G. Franz, Peter Fleck, Fritz Kallenberg: Großherzogtum Hessen (1800) 1806–1918. In: Walter Heinemeyer, Helmut Berding, Peter Moraw, Hans Philippi (Hg.): Handbuch der Hessischen Geschichte. Band 4.2: Hessen im Deutschen Bund und im neuen Deutschen Reich (1806) 1815–1945. Die hessischen Staaten bis 1945 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 63. Elwert. Marburg 2003. ISBN 3-7708-1238-7
  • Hans-Georg Ruppel: Historisches Ortsverzeichnis für das Gebiet des ehem. Großherzogtums und Volksstaates Hessen, 1976, Seite 7 ff.
  • Arthur Benno Schmidt: Die geschichtlichen Grundlagen des bürgerlichen Rechts im Großherzogtum Hessen. Curt von Münchow, Giessen 1893.

AnmerkungenBearbeiten

  1. Die anderen Provinzen Hessens waren Oberhessen (Hauptstadt: Gießen), Rheinhessen (Hauptstadt: Mainz) und die vierte Provinz das Herzogtum Westfalen (Hauptstadt: Arnsberg), letzteres aber nur von 1803 bis 1816, um anschließend an Preußen zu fallen.
  2. 1816 an Bayern (Schmidt, S. 23f).
  3. Ab Juni verwaltete Bergsträsser gleichzeitig die Provinz Oberhessen und damit den gesamten in der amerikanischen Besatzungszone liegenden Teil des vormaligen Volksstaates Hessen.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Schmidt, S. 15f.
  2. Schmidt, S. 17.
  3. Schmidt, S. 16, Anm. 51.
  4. Schmidt, S. 16, Anm. 53.
  5. Art. 21, 24 Rheinbundakte.
  6. Art. 24 Rheinbundakte.
  7. Schmidt, S. 23.
  8. Ewald, S. 48.
  9. Ewald, S. 49.
  10. Ewald, S. 49.
  11. Ewald, S. 49.
  12. Ewald, S. 49.
  13. Ewald, S. 49.
  14. Ewald, S. 49.
  15. Ewald, S. 49.
  16. Franz/Fleck/Kallenberg: Großherzogtum Hessen, S. 693.
  17. Text (in französischer Sprache) in: Schmidt, S. 30ff, Anm. 100.
  18. Schmidt, S. 30.
  19. Schmidt, S. 33.
  20. Text (in französischer Sprache) in: Schmidt, S. 34ff, Anm. 114.
  21. Schmidt, S. 34.
  22. Schmidt, S. 38.
  23. Beiträge zur Statistik des Grossherzogthums Hessen, Bände 1–5. Band 3, Seite 32 (Digitale Ansicht)
  24. Beiträge zur Statistik des Grossherzogthums Hessen, Bände 1–5. Band 3, Seite 33 (Digitale Ansicht)
  25. Verordnung Die Eintheilung des Landes in Landraths- und Landgerichtsbezirke betreffend vom 14. Juli 1821. In: Hessisches Regierungsblatt, S. 403ff.
  26. Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren vom 7. August 1848. In: Großherzog von Hessen (Hrsg.): Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1848 Nr. 40, S. 237–241 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 42,9 MB]).
  27. Verordnung Die Eintheilung des Landes in Landraths- und Landgerichtsbezirke betreffend vom 14. Juli 1821. In: Hessisches Regierungsblatt, S. 403ff.
  28. Woher wir kommen – Wohin wir wollen. Ev. Gemeinschaftsverband Rhein Main, abgerufen im November 2018.