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Plünderung der Königsgräber von Saint-Denis

Episode der französischen Revolution

Saint-Denis als Grablege französischer KönigeBearbeiten

 
Das Mittelschiff von Saint-Denis

Vom Ende des 10. Jahrhunderts bis zur Französischen Revolution war die wenige Kilometer nordöstlich von Paris gelegene Abteikirche (seit 1966 Kathedrale) von Saint-Denis die Grablege fast aller französischen Könige. Nach dem mit Saint-Denis eng verbundenen Dagobert I. war der erste hier beigesetzte König Hugo Capet († 996). In fast ununterbrochener Reihe folgten fast alle französischen Könige. Die einzigen Ausnahmen waren die drei Könige Philipp I. († 1108, bestattet im Kloster von Saint-Benoît-sur-Loire), Ludwig VII. († 1180, bestattet im Kloster Barbeau) und Ludwig XI. († 1483, bestattet in Notre-Dame de Cléry). Der letzte vor der Revolution in Saint-Denis beigesetzte König war Ludwig XV. († 1774). Außer den Königen selbst wurden zahlreiche ihrer Familienangehörigen in Saint-Denis beigesetzt, ebenso einige auserwählte Untertanen wie der berühmte Heerführer Bertrand du Guesclin († 1380).

Der Beschluss zur Öffnung der GräberBearbeiten

 
Grabmal Ludwig XII. († 1515) und seiner Frau Anne († 1514)

Nach dem Tuileriensturm am 10. August 1792, das heißt der Erstürmung des französischen Königspalastes durch die revolutionären Massen, hatte sich der Gang der Revolution radikalisiert. Die anschließende Wahl zum Nationalkonvent erbrachte einen Linksruck, und die radikalen Montagnards unter Maximilien de Robespierre ergriffen die politische Initiative. Der Erste Koalitionskrieg gegen Österreich und Preußen hatte einen gravierenden Mangel an kriegswichtigen Metallen wie Blei und Kupfer hervorgerufen. Um diesem Mangel zu begegnen, ordnete die provisorische Regierung die Einschmelzung aller aus der Zeit des Ancien Régime herrührenden Denkmäler an. In einem weiteren Beschluss wurde 1793 die „Zerstörung der Insignien des Feudalismus“ angeordnet. In der Sitzung des Nationalkonvents vom 31. Juli 1793 wurde auf Anregung von Bertrand Barère beschlossen, alle Königsgräber zu öffnen und zu zerstören und die im Wesentlichen aus den Bleisärgen gewonnenen Metalle den Zwecken des Revolutionskrieges zuzuführen. Im Dekret vom 1. August 1793 verfügte der Konvent:

„Les tombeaux et mausolées des ci-devant rois, élevés dans l'église de Saint-Denis, dans les temples et autres lieux, dans toute l'étendue de la république, seront détruits le 10 août prochain“

„Die in der Kirche von Saint-Denis, in Tempeln und an anderen Stätten auf dem gesamten Gebiet der Republik errichteten Grabmäler und Mausoleen der vormaligen Könige sollen am kommenden 10. August zerstört werden.“

Nationalkonvent: zweites Dekret vom 14. Thermidor I (1. August 1793)[1]

Der Benediktiner-Pater Germain Poirier,[2] vormals Archivar der Abtei Saint-Germain-des-Prés und später der Abtei von Saint-Denis, wurde beauftragt, einen Bericht über die Durchführung dieses Dekrets abzufassen. Er gilt als wichtigster Augenzeuge der Ereignisse und fertigte etliche Berichte für die Commission des Monuments sowie einen Rapport sur l'exhumation des corps royaux à Saint-Denis en 1793 an, dessen Original allerdings beim Brand der Bibliothek von Saint-Germain des Prés 1794 verlorengegangen ist. Zwischen dem 6. und 10. August wurden die meisten Statuen und Grabdenkmäler in Saint-Denis demontiert. Ein Teil wurde auf Veranlassung der Commission des Beaux Arts in das Musée des monuments français nach Paris überführt, der Rest wurde zerstört. Danach begann die eigentliche Exhumierung der Toten. Bei den Gräberöffnungen waren ein commissaire aux orfèvreries (Kommissar für Goldschmiedearbeiten) und ein commissaire aux plombs (Kommissar für Blei) anwesend, die die Aufgabe hatten, entsprechende Metalle sicherzustellen. Die Toten befanden sich in unterschiedlichem Zustand, zum Teil verwest, zum Teil fast ganz zu Staub zerfallen. Einige der künstlich konservierten Leichname waren erhalten und zum Teil in so gutem Zustand, dass sie vor der Kirche den Passanten zur Schau gestellt wurden, so zum Beispiel der nach der Methode Parés konservierte Körper König Heinrichs IV. von Navarra († 1610). Auch der Leichnam von König Ludwig XIV. († 1715) war noch sehr gut erhalten. Die Gräber einiger Personen konnten nicht gefunden werden, so zum Beispiel das des Kardinal de Retz († 1679) oder das von Alfons von Brienne († 1270). Es entwickelte sich zum Teil ein makabrer Devotionalienhandel mit den sterblichen Überresten, und viele an der Aktion Beteiligte nahmen „Souvenirs“ oder Reliquien aus den Gräbern an sich.

Insgesamt wurden die Überreste von 170 Personen, darunter 46 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen königlichen Geblüts, zehn königliche Amtsträger und zwei Dutzend Äbte von Saint-Denis, aus ihren Gräbern entfernt. Die Überreste wurden anschließend in zwei außerhalb der Kirche ausgehobene Gruben geworfen, mit Löschkalk bestreut und dort vergraben.

ExhumierungenBearbeiten

Im August 1793Bearbeiten

Im August wurden unter andern folgende Gräber geöffnet:

Im Oktober 1793Bearbeiten

Im Oktober erfolgten unter anderem folgende Graböffnungen:

15. OktoberBearbeiten

16. OktoberBearbeiten

17. OktoberBearbeiten

18. OktoberBearbeiten

19. OktoberBearbeiten

20. OktoberBearbeiten

21. OktoberBearbeiten

22. OktoberBearbeiten

24. OktoberBearbeiten

25. OktoberBearbeiten

Im Januar 1794Bearbeiten

18. Januar 1794Bearbeiten

Entwicklung nach 1794Bearbeiten

Nach dem Sturz Maximilien de Robespierres und dem Ende der Terrorherrschaft am 9. Thermidor (27. Juli 1794) fanden die Grabräubereien endgültig ihr Ende.

Während der bourbonischen Restauration nach 1815 wurden die in den beiden Gruben außerhalb von Saint-Denis beerdigten Gebeine und sterblichen Überreste erneut geborgen und, da sie einzelnen Individuen nicht mehr zuzuordnen waren, in einem gemeinsamen Beinhaus in der Krypta der Kirche beigesetzt. Auch die sterblichen Überreste von Ludwig XVI. und Königin Marie-Antoinette, die vorher nicht in St. Denis bestattet waren, wurden in einer feierlichen Zeremonie am 21. Januar 1815 vom Cimetière de la Madeleine nach Saint-Denis überführt[4] und in Einzelgräbern in der wiederhergestellten Grablege der Bourbonen in der Krypta beigesetzt.

BewertungBearbeiten

Die Zerstörungen in der Zeit der Terrorherrschaft sind vor allem vor dem Hintergrund der radikalisierten politischen Lage und der militärischen Bedrängung der jungen Republik durch externe Mächte (Österreich, Preußen) zu sehen. Aus heutiger Sicht werden sie als kulturelle Barbarei und Vandalismus eingestuft. Zusammen mit vielen anderen Kulturschätzen sind erstrangige Kulturgüter vor allem aus dem französischen Mittelalter den Plünderungen zum Opfer gefallen.

Literarische RezeptionBearbeiten

Der französische Schriftsteller Jean Raspail beschrieb die Öffnung der Königsgräber detailliert in seinem Roman Sire (1991) über einen jungen Bourbonenprinz, der sich im ausgehenden 20. Jahrhundert zum König von Frankreich weihen lässt.

EinzelnachweiseBearbeiten

WeblinksBearbeiten