Pflegewissenschaft

Wissenschaft, die sich mit Fragen der Gesundheits- und Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege auseinandersetzt

Pflegewissenschaft beschäftigt sich mit Fragen der Gesundheits- und Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege. Sie greift auf Erkenntnisse der Medizin, Gesundheitswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Biologie, Philosophie, Theologie und Geschichte zurück.

GeschichteBearbeiten

Die Wurzeln der Pflegewissenschaft liegen im US-amerikanischen Raum: Der erste Studiengang wird dort auf das Jahr 1907 datiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sorgte in den USA die von der Russell Sage Foundation unterstützte und von Esther Lucille Brown herausgebrachte Studie Nurses for the future für neue Impulse,[1] indem sie über die mangelhafte pflegerische Versorgung in den USA berichtete und ausdrücklich die Verweisung der Ausbildung an die Universitäten forderte. Dementsprechend entstanden zunächst Studiengänge zur Pflegepädagogik und zum Pflegemanagement. Zeitlich deutlich versetzt bildeten sich dann originär pflegewissenschaftliche Studienangebote, entstanden Forschungsinstitute und entsprechende Fachzeitschriften. 1952 eröffnete Hildegard Peplau den Wissenschaftsdiskurs um Pflegetheorien und Pflegemodelle.[2]

Von den USA ausgehend gelangte die Akademisierungs-Bewegung mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in Europa an: In Heidelberg begannen 1946 Gespräche zur Einrichtung eines Pflegestudienganges an der Universität Heidelberg. Diese führten 1953 zur Gründung der Schwesternschule der Universität Heidelberg. Der Wunsch nach einer akademischen Ausbildung scheiterte jedoch, nicht zuletzt am Widerstand der Schwesternorganisationen. In der DDR existierten erste pflegebezogene Studiengänge an der Humboldt-Universität zu Berlin und in Halle/Wittenberg bereits ab den 1960er Jahren, wenngleich mit einer stärkeren pädagogisch-didaktischer oder medizin-naturwissenschaftlicher Prägung. Auch in Großbritannien und den skandinavischen Ländern wurden verhältnismäßig früh mit dem Aufbau von Pflegestudiengängen begonnen.

Ab der ersten Hälfte der 1980er-Jahre entstanden auch in der Bundesrepublik Deutschland pflegebezogene Studiengänge, zum Teil in Verbindung mit anderen Fachbereichen. Als Beispiel sei hier der Modellstudiengang "Pflegedienstleitung im Krankenhaus" am Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Osnabrück genannt. Nach erfolgreicher Durchführung erfolgte die Übernahme des Studiengangs in das Regelangebot und mit Blick auf die weitere Entwicklung von Studienangeboten in diesem neuen Fachgebiet richtete die Fachhochschule Osnabrück die erste Professur „Krankenpflege und Sozialwissenschaften“ in Deutschland ein und besetzte sie 1987 mit Ruth Schröck[3][4][5]. In Ermangelung anderer Möglichkeiten war es zum damaligen Zeitpunkt üblich, dass die Lehrbeauftragten einen pflegewissenschaftlichen Abschluss aus den USA oder Großbritannien innehatten oder anderen wissenschaftlichen Disziplinen entstammten (z. B. Soziologie, Psychologie, Pädagogik). Diese Situation hat sich in der Zwischenzeit aufgrund vielfältiger Studienangebote und verbesserter Promotionsmöglichkeiten deutlich verändert. Festzustellen ist jedoch, dass die Anzahl der Studienangebote an Universitäten gegenüber denen anderer Hochschulen nahezu stagnieren.

Mit einem Zeitverzug von 10 Jahren entstanden auch außerhalb Fachhochschulen und Universitäten Institutionen, die sich der Förderung der Pflegewissenschaft und -forschung und der Qualitätsentwicklung verschrieben haben. Zu nennen sei zum einen das aus einer Stiftung hervorgegangene Agnes-Karll-Institut für Pflegeforschung des DBfK. Im Jahre 1991 konnte das Institut eines der ersten Forschungsprojekte im Kernbereich von Pflege abschließen: Der Pflegeprozeß am Beispiel von Apoplexiekranken – Eine Studie zur Erfassung und Entwicklung ganzheitlich-rehabilitativer Prozeßpflege, die über die Dauer von drei Jahren vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert und unter der Leitung von Monika Krohwinkel durchgeführt wurde.[2] Zum anderen die Gründung des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) 1992 durch Doris Schiemann an der Fachhochschule Osnabrück[6]. Das DNQP entwickelt seit 1999 in Kooperation mit dem Deutschen Pflegerat evidenzbasierte Expertenstandards auf nationaler Ebene, die für alle Aufgabenbereich der professionellen Pflege richtungsweisend sind.[7]

1988 erschien mit der Zeitschrift Pflege aus dem Huber Verlag (Bern) erstmals ein deutschsprachiges Wissenschaftsperiodikum für die Pflege.

Im Oktober 1997 wurde Marianne Arndt, die ihre Weiterbildung zur Unterrichtsschwester an der Schwesternschule der Universität Heidelberg absolviert hatte, von der medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität zu Berlin die Lehrbefähigung für das Fach Pflegewissenschaft mit Schwerpunkt Pflegeethik verliehen. Hiermit wurde die erste Pflegewissenschaftlerin an einer deutschen Hochschule habilitiert.[8] Am 27. Oktober 1999 wurde an der Medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität zu Berlin zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum der akademische Grad eines Doktors der Pflegewissenschaft (Doctor rerum curae, Dr. rer. cur.) verliehen.

Akademische GradeBearbeiten

Pflegewissenschaft folgt dem Bologna Modell der akademischen Ausbildung mit dem Graduieren als Bachelor und als Master.[9] Weiterführende Qualifikationen werden mit dem akademischen Grad eines Doctor rerum curae (Dr. rer. cur.), Doctor rerum medicinalium (Dr. rer. medic.) sowie Doctor scientiarum humanarum (Dr. sc. hum.)[10] beliehen. Über die Zukunft der Habilitationen in der Pflegewissenschaft wird die weitere Entwicklung der Bologna-Richtlinie im Rahmen der europäischen Einigung entscheiden müssen. Da viele Pflegewissenschaftlerinnen in Deutschland ihren akademischen Werdegang mit einer Pflegeausbildung beginnen und somit Lebenszeit investieren, um pflegerelevantes Wissen zu erwerben, dürfte die Diskussionen um die Einhaltung bzw. Modifikation der Bologna-Richtlinie von nicht unerheblichem Interesse sein.

Pflegeforschungsinstitute im deutschsprachigen RaumBearbeiten

Pflegewissenschaftliche ZeitschriftenBearbeiten

  • Pflege – die wissenschaftliche Zeitschrift für Pflegeberufe
  • Zeitschrift für Pflegewissenschaft
  • Pflege & Gesellschaft
  • QuPuG – Journal für qualitative Forschung in Pflege- und Gesundheitswissenschaft
  • Klinische Pflegeforschung[11]
  • Dr. med. Mabuse – Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe

Siehe auchBearbeiten

Portal: Pflege – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Pflege

Literatur (Auswahl)Bearbeiten

  • Reimer Gronemeyer, Charlotte Jurk (Hrsg.): Entprofessionalisieren wir uns! Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit. transcript, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-8394-3554-0.
  • V. Hielscher / L. Nock / S. Kirchen-Peters: Technikeinsatz in der Altenpflege. Potenziale und Probleme in empirischer Perspektive. Nomos/edition sigma, 2015.
  • Hermann Brandenburg, Stephan Dorschner (Hrsg.): Pflegewissenschaft 1. Lehr- und Arbeitsbuch zur Einführung in die Pflegewissenschaft. Huber, Bern 2001, ISBN 3-456-84161-2
  • Nancy Burns, Susan K. Grove: Pflegeforschung verstehen und anwenden. Elsevier, München 2005, ISBN 3-437-25996-2
  • Geri Lobiondo-Wood, Judith Haber: Pflegeforschung. Methoden, Bewertung, Anwendung. Elsevier, München 2005, ISBN 3-437-25936-9
  • Pflegewissenschaft in der Praxis: Eine kritische Reflexion. [broschiert], hrg. von Silvia Käppeli, Huber, Bern 2011

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Artikel in Nurseweek (Memento vom 16. Mai 2008 im Internet Archive)
  2. a b Silvia Käppeli: Standortbestimmung von Pflegewissenschaft und Pflegeforschung im deutschsprachigen Raum unter Berücksichtigung der internationalen Entwicklung. In: Gesellschaft zur Förderung der Pflegewissenschaft NRW e. V. (Hrsg.): Die Bedeutung der Pflegewissenschaft für die Professionalisierung der Pflege. Dokumentation einer Fachtagung (Memento vom 8. Oktober 2007 im Internet Archive) Bielefeld 1996, ISSN 1435-408X
  3. Rolf Brand, Ursula Gerle, Manfred Haubrock, Doris Schiemann, Manfred Semrau: Pflegedienstleitung im Krankenhaus (PDL). Ein Beitrag zur Entwicklung berufsfeldbezogener Studiengänge im Fachhochschulbereich. In: Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Osnabrück (Hrsg.): Arbeitsberichte. Band 13. Eigenverlag, Osnabrück 1985, ISBN 3-925716-23-8.
  4. Pflege braucht Eliten. Denkschrift zur Hochschulausbildung für Lehr- und Leitungskräfte in der Pflege. In: Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Beiträge zur Gesundheitsökonomie. Nr. 28. Bleicher, Gerlingen 1992, ISBN 3-88350-588-9.
  5. Pflegewissenschaft: Denkschrift: Grundlegung für Lehre, Forschung und Praxis. In: Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Materialien und Berichte. Band 46. Bleicher, Gerlingen 1996, ISBN 3-922934-50-1.
  6. Doris Schiemann: Networking for Quality: Qualitätsnetzwerke der Pflege auf europäischer und nationaler Ebene. In: Doris Schiemann, Martin Moers, Andreas Büscher (Hrsg.): Qualitätsentwicklung in der Pflege - Konzepte, Methoden, Instrumente. 2., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-17-022981-5, S. 20–26.
  7. Doris Schiemann, Martin Moers: Qualitätsentwicklung und Standards in der Pflege. In: Doris Schaeffer, Klaus Wingenfeld (Hrsg.): Handbuch Pflegewissenschaft. Neuausgabe 2011 Auflage. Juventa, Weinheim/München 2011, ISBN 978-3-7799-0794-7, S. 617–642.
  8. Rheinischer Merkur: Akzente: Ethik in der Krankenpflege: Marianne Arndt - eine Deutsche, die im Fach Pflegewissenschaft an einer deutschen Universität habilitiert, Nr. 47, 21. November 1997; ähnliche Informationen in einschlägigen deutschen Pflegezeitschriften wie "Die Schwester/der Pfleger" etc.
  9. Daniela Wittmann: B.A. Nurse: ein System für Deutschland?!, eine historisch-kritische Betrachtung und deren neue Perspektiven, Zulassungsarbeit Universität Heidelberg 2015. Hochschulschrift Daniela Wittmann
  10. Promotionsordnung Dr. sc. hum. Universität Heidelberg
  11. Klinische Pflegeforschung. Abgerufen am 28. Juni 2017.