Pferdekopf von Waldgirmes

Überrest einer antiken Reiterstatue
Der Pferdekopf, wie er in einer Vitrine aus Panzerglas im Saalburgmuseum ausgestellt wird, war vermutlich Teil einer Reiterstatue, die vor etwa 2000 Jahren angefertigt wurde.

Der Pferdekopf von Waldgirmes ist ein archäologischer Fund, der 2009 auf einem Feld bei Lahnau-Waldgirmes in Mittelhessen geborgen wurde. Vermutlich gehörte der Kopf zu einem Reiterstandbild, das auf dem Forum der dortigen römischen Siedlung stand.

Wegen eines Rechtsstreits zwischen dem Land Hessen und dem Eigentümer des Fundortes um den Wert des Objektes wurde das restaurierte Objekt erst am 19. August 2018 im Saalburgmuseum öffentlich ausgestellt.

Beschreibung und HerkunftBearbeiten

 
Modernisierte Nachbildung des Reiterstandbildes in Waldgirmes

Der Pferdekopf ist aus Bronze und vergoldet. Zu Gewicht und Länge gibt es unterschiedliche Angaben: Die Pressemitteilung des Ministeriums spricht von 15 kg und 59 cm, in der Ausstellung am Objekt stehen die Angaben 14 kg und 55 cm.

Trotz guter Erhaltung musste das Objekt nach dem Auffinden zunächst aufwändig für 75.000 Euro restauriert werden.[1] Bei der Restaurierung, die rund ein Jahr gedauert hat, wurde der Pferdekopf gereinigt und die lose Vergoldung befestigt.[2] Dabei mussten die Korrosionsprodukte der Bronze mit größter Sorgfalt entfernt werden, um die verbliebene, nur hauchdünne Vergoldung nicht zu beschädigen. Abschließend erhielt der Pferdekopf einen Schutzüberzug aus Acrylharz.[3]

Auf dem Nasenrücken des Pferdes sieht man eine Platte, die den Kriegsgott Mars zeigt. Seitlich befinden sich Darstellungen von Siegesgöttinnen. Das Pferd hat ein mit sechs Schmuckscheiben reich verziertes Zaumzeug und ist vermutlich italienischen Ursprungs.[4]

Archäologen vermuten, dass der Pferdekopf zu einer prunkvollen Reiterstatue gehört hat, wie sie zu dieser Zeit im gesamten Römischen Reich im Rahmen eines gesteuerten Programms zum Kaiserkult aufgestellt wurden. Dafür spricht, dass außer dem Kopf auch der linke Fuß der Statue sowie ein Stück Zaumzeug gefunden wurden.[3] Wahrscheinlich hat sie Kaiser Augustus – wofür unter anderem die Vergoldung sprechen würde – oder weniger wahrscheinlich einen anderen männlichen Angehörigen der kaiserlichen Familie gezeigt und wurde auf einem zentralen Platz ausgestellt. Das könnte das Forum in der Siedlung von Waldgirmes gewesen sein.[2]

Hergestellt wurde das Standbild frühestens im Jahr 4 vor Christus. Die Siedlung – und damit wahrscheinlich auch das Standbild – wurde nach der Varusschlacht im Jahre 9 oder 10 nach Christus zerstört.[5]

Auffinden und RechtsstreitBearbeiten

Bei Grabungen zur Siedlung hat man den Überrest des Pferdekopfes gefunden: in einem Holzfass, elf Meter tief im früheren Brunnenschacht.[6] Möglicherweise haben Gegner der Römer beim Niederbrennen der Siedlung auch das Standbild zerstört und die Trümmer in den Brunnen geworfen.[4]

Um den Pferdekopf gibt es einen seit der Ausgrabung dauernden Rechtsstreit. In Bundesländern ohne umfangreiches Schatzregal wird der Eigentümer eines Grundstückes, auf dem archäologische Objekte gefunden werden, gemäß der Hadrianischen Teilung am Fundwert beteiligt. In Hessen betrug die Entschädigung zum Zeitpunkt des Fundes 50 Prozent des Wertes. Das Land und der Landwirt konnten sich nicht einigen. Im Jahr 2016 erhielt er 48.000 Euro. Nach einem Sachverständigenurteil, das den Wert auf rund 1,6 Millionen taxierte, sprach ihm das Landgericht Limburg im Juli 2018 erstinstanzlich eine Entschädigung von 821.000 Euro zu.[6] Ende August 2018 wurde bekannt, dass das Land Hessen Berufung beim Oberlandesgericht Frankfurt am Main einlegt. Damit wolle es „die Interessen und die Rechtsposition des Landes wahren“ (Az.: 1 U 174/18).[7] Anfang März 2020 kam es zu einem Vergleich, über dessen Inhalt Stillschweigen vereinbart wurde.[8]

PräsentationBearbeiten

Der Pferdekopf wird im Saalburgmuseum im letzten Raum in einem Seitenarm der Principia ausgestellt. Das Museum selbst ist eigentlich eher dem viel später entstandenen Limes gewidmet.[5] Auf einem Wandbild hinter der Vitrine wird die Größe der Statue angedeutet.[3]

Vom 7. November bis zum 17. Dezember 2018 wurde der Pferdekopf im Martin-Gropius-Bau in Berlin in der Ausstellung Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland gezeigt, die aus Anlass des Europäischen Kulturerbejahres 2018 stattfand.[9][10][11][12]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Pferdekopf von Waldgirmes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Pferdekopf als Exponat zugänglich. In: Gießener Allgemeine. 19. August 2018, abgerufen am 20. August 2018.
  2. a b Alexander Wächtershäuser: Römischer Pferdekopf kann ab heute auf der Saalburg bewundert werden. In: Taunus-Zeitung. 18. August 2018, abgerufen am 20. August 2018.
  3. a b c Saalburg bietet ideales Ausstellungsumfeld für antiken römischen Pferdekopf. In: Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst. 17. August 2018, abgerufen am 20. August 2018.
  4. a b Römischer Pferdekopf kostet Hessen über 800.000 Euro. In: Welt.de. 27. Juli 2018, abgerufen am 20. August 2018.
  5. a b Antiker Pferdekopf ab August in der Saalburg zu sehen. In: Hessenschau.de. 31. Juli 2018, abgerufen am 20. August 2018.
  6. a b Bronzener Pferdekopf von Waldgirmes wird ab 19. August öffentlich ausgestellt. In: Archaelogie-online.de. 10. August 2018, abgerufen am 20. August 2018.
  7. dpa: Streit um römischen Pferdekopf geht in nächste Runde. In: FAZ.net, 27. August 2018
  8. https://www.sueddeutsche.de/wissen/archaeologie-frankfurt-am-main-vergleich-im-streit-um-roemischen-pferdekopf-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200305-99-201183.
  9. Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland. 21. September 2018 bis 6. Januar 2019. Gropius Bau
  10. Saalburg bietet ideales Ausstellungsumfeld für antiken römischen Pferdekopf. In: Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst. 17. August 2018, abgerufen am 20. August 2018.
  11. Pferdekopf aus vergoldeter Bronze für sechs Wochen in Berlin zu sehen bei Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst vom 6. November 2018
  12. Der Hengst aus dem Brunnen in Der Tagesspiegel vom 7. November 2018