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Peter Lorenz

Jurist, deutscher Politiker (CDU), MdA
Lorenz (r.) 1976 neben Rainer Barzel (l.) und Norbert Blüm (M.)

Peter Lorenz (* 22. Dezember 1922 in Berlin; † 6. Dezember 1987 in West-Berlin) war ein deutscher Politiker (CDU). Er war von 1969 bis 1981 Landesvorsitzender der Berliner CDU und von 1982 bis 1987 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundeskanzler und Bevollmächtigter der Bundesregierung in Berlin. Am 27. Februar 1975 wurde er von Mitgliedern der Terrororganisation Bewegung 2. Juni entführt.

LebenBearbeiten

 
Kandidatenplakat zu den Abgeordnetenhauswahlen in West-Berlin 1971
 
Gedenktafel im Haus Steifensandstraße 8, in Berlin-Charlottenburg

Nach dem Abitur 1941 leistete Lorenz Reichsarbeitsdienst und Kriegsdienst. Als Soldat überlebte er die Schlacht von Stalingrad. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Sachbearbeiter beim Magistrat von Berlin und dann ab 1947 als freier Journalist. 1949 war Peter Lorenz in der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) aktiv. Er absolvierte schließlich ein Studium der Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin, welches er 1952 mit dem ersten und 1956 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen beendete. An der Freien Universität Berlin war er zeitweise Vorsitzender des Studentenparlaments. Seit seinem Abschluss war er als Rechtsanwalt zugelassen. Ab 1965 war er auch Notar. Von 1967 bis 1977 arbeitete er als Justitiar des RIAS Berlin.

Peter Lorenz war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er starb im Dezember 1987 im Alter von 64 Jahren an Herzversagen.[1] Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Evangelischen Friedhof Nikolassee (Abt. PI-1/2). Das Grab ist seit 1997 als Berliner Ehrengrab gewidmet.[2]

PolitikBearbeiten

ParteiBearbeiten

Ab 1945 war er Mitglied der CDU. Hier engagierte er sich zunächst in der Jungen Union, deren erster Landesvorsitzender in Berlin er von 1946 bis 1949 war. 1953 übernahm er das Amt erneut für kurze Zeit. Von 1950 bis 1953 war er außerdem stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union.

Er setzte sich Ende der 1940er Jahre für die Gründung der Freien Universität Berlin ein, nachdem es den kommunistischen Machthabern (der SED und der SMAD) im Osten der Stadt gelungen war, die Humboldt-Universität unter ihren Einfluss zu nehmen und dagegen protestierende Studenten und Lehrkräfte mit verschiedenen Methoden auszuschalten.

1961 wurde er zum Zweiten Vorsitzenden der Berliner CDU gewählt und war von 1969 bis 1981 schließlich Landesvorsitzender der CDU in Berlin. Von 1971 bis 1981 war er außerdem Mitglied im CDU-Bundesvorstand.

1971 und 1975 war er als Spitzenkandidat Herausforderer des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz (SPD), konnte sich jedoch trotz deutlicher Stimmengewinne nicht gegen ihn durchsetzen.

AbgeordneterBearbeiten

Lorenz gehörte von 1954 bis 1980 dem Abgeordnetenhaus von Berlin an. Hier war er sogleich auch Vorstandsmitglied der CDU-Fraktion, dann von 1967 bis 1975 Vizepräsident und von 1975 bis 1980 Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin. Ihm folgte Heinrich Lummer nach.

Von 1976 bis 1977 sowie von 1980 bis zu seinem Tod war er als Berliner Abgeordneter Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war er von 1980 bis 1982 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Innerdeutsche Beziehungen und Berlinfragen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Parlamentarischer StaatssekretärBearbeiten

Nachdem Helmut Kohl am 1. Oktober 1982 zum Bundeskanzler gewählt worden war, wurde Lorenz zum Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundeskanzler und Bevollmächtigten der Bundesregierung in Berlin ernannt. Nach der Bundestagswahl 1987 schied er am 12. März 1987 aus dem Amt.

Siehe auch:
Kabinett Kohl IKabinett Kohl II

EntführungBearbeiten

 
Gedenktafel am Quermatenweg 128, in Berlin-Zehlendorf

Für die Abgeordnetenhauswahl 1975 war Peter Lorenz zum zweiten Mal Spitzenkandidat der Berliner CDU für das Amt des Regierenden Bürgermeisters.

Am 27. Februar 1975, drei Tage vor der Wahl, zwangen Terroristen der Bewegung 2. Juni Lorenz’ Chauffeur Werner Sowa, der den Politiker mit einem Mercedes-Dienstwagen ins Büro bringen sollte, an der Ecke Quermatenweg/Ithweg in Zehlendorf (52° 27′ 10,1″ N, 13° 14′ 39,5″ O) mit einem die Straße blockierenden Lastwagen zum Halten. 1500 Meter von dessen Haus entfernt rammten sie den Wagen des Politikers mit einem Fiat 124 Special. Sowa wurde niedergeschlagen, Lorenz entführt und in einem Kellerraum in der Schenkendorfstraße 7 in Berlin-Kreuzberg, der von den Entführern als „Volksgefängnis“ bezeichnet wurde, festgehalten.[3][4][5][6][7]

Am nächsten Tag erhielt die Deutsche Presse-Agentur ein Polaroid-Foto, das Lorenz mit einem Plakat zeigt: „Gefangener der Bewegung 2. Juni“. Die Entführer verlangten die Freilassung und Ausreise von sechs inhaftierten Terroristen der Roten Armee Fraktion und der Bewegung 2. Juni in ein Land ihrer Wahl: Horst Mahler, Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle. Die Entführer legitimierten die Auswahl ihres Opfers mit den Worten, Lorenz sei ein „Vertreter der Reaktionäre und der Bonzen, verantwortlich für Akkordhetze und Bespitzelung am Arbeitsplatz“.[8]

Für Helmut Kohl (CDU), Franz Josef Strauß (CSU) und die Union sowie den regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Schütz (SPD) stand das Leben von Lorenz im Vordergrund. Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) war dagegen „ablehnend gestimmt“.[9][10][11] Schließlich entschloss sich die Bundesregierung (Kabinett Schmidt I), auf die Forderung der Entführer einzugehen.[12] Bis auf Mahler, der einen Austausch abgelehnt hatte, wurden die Gefangenen am 3. März 1975 mit einer Boeing 707 nach Aden im damaligen Südjemen ausgeflogen. Als der Pastor und ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin Heinrich Albertz, der die Gefangenen auf diesem Flug begleitet hatte,[13] die festgelegte Losung („So ein Tag, so wunderschön wie heute“) im Fernsehen bekanntgab, wurde Peter Lorenz am 4. März freigelassen. Bei der Wahl vom 2. März war die CDU mit 43,9 % der Stimmen erstmals stärkste Partei geworden. Bürgermeister blieb jedoch der bisherige Amtsinhaber Klaus Schütz, der eine sozialliberale Koalition führte. Die parlamentarisch-politische Aufarbeitung fand im Rahmen der Bundestagsdebatte vom 13. März 1975 statt.

Als Täter verurteilt wurden Ralf Reinders, Ronald Fritzsch, Gerald Klöpper, Andreas Vogel und Till Meyer.[14]

Die Entführung von Peter Lorenz war der einzige erfolgreiche Versuch der Bewegung 2. Juni, Strafgefangene für eine Geisel auszutauschen. Die Tatsache, dass einige der freigelassenen Gefangenen später wieder terroristisch aktiv waren und Menschen ermordeten, bestärkte die Bundesregierungen, nicht noch einmal den Forderungen von Entführern bedingungslos nachzugeben.[15]

 
Grabstätte

Für Peter Lorenz selbst wurde die Entführung zu einer traumatisierenden Erfahrung.[16] Nach Einschätzung Helmut Kohls verlor Lorenz hierdurch viel seines Elans.

Am 28. Oktober 2019 wurde an seinem Entführungsort, Berlin-Zehlendorf, Quermatenweg Ecke Ithweg, eine Gedenkstele enthüllt.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Peter Lorenz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gestorben: Peter Lorenz. In: Der Spiegel. Nr. 51, 1987 (online).
  2. Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Begräbnisstätten. Pharus-Plan, Berlin 2018, ISBN 978-3-86514-206-1, S. 627. Ehrengrabstätten des Landes Berlin (Stand: November 2018). (PDF, 413 kB) Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, S. 54; abgerufen am 10. März 2019.
  3. Die Geschichte der RAF (Memento vom 3. Dezember 2016 im Internet Archive), Teil 3/6, ZDFinfo vom 2. August 2015,
  4. morgenpost.de
  5. tagesspiegel.de
  6. taz.de
  7. Butz Peters: Hundert Tage: Die RAF-Chronik 1977. Knaur, 2017, ISBN 978-3-426-78811-0, S. 145 -146: „27. Februar 1975, kurz vor 9 Uhr: Lorenz’ Fahrer Werner Sowa, einen Judoka, schlagen die Täter mit einem Knüppel bewusstlos“
  8. Maren Richter: Leben im Ausnahmezustand: Terrorismus und Personenschutz in der Bundesrepublik Deutschland (1970–1993). Campus, Frankfurt am Main / New York 2014, S. 50.
  9. Henning Köhler: Helmut Kohl: Ein Leben für die Politik. Die Biografie. 1. Auflage. Bastei Lübbe (Quadriga), 2014, ISBN 978-3-86995-076-1, S. 285: „Für Kohl und die Union stand die Rettung des Lebens von Peter Lorenz im Vordergrund. Der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, vertrat den gleichen Standpunkt, während Bundeskanzler Schmidt „ablehnend gestimmt“ war und sich deutlich zurückhielt.“
  10. Konrad-Adenauer-Stiftung - Statische Inhalte Detail. 21. April 2019, abgerufen am 21. April 2019.
  11. Wie die Entführung von Peter Lorenz die Republik veränderte - Berlin - Aktuelle Nachrichten - Berliner Morgenpost. 21. April 2019, abgerufen am 21. April 2019.
  12. Lorenz-Entführung: Nur die Generalprobe? In: Der Spiegel. Nr. 10, 1975 (online).
  13. Jacques Schuster: Heinrich Albertz – Der Mann, der mehrere Leben lebte. Eine Biographie. Fest, Berlin 1997, S. 287–299.
  14. Gerd Nowakowski: Die Machtprobe des 2. Juni. In: Der Tagesspiegel, 25. Februar 2015
  15. Wilfried Rott: Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948–1990. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59133-4, S. 312.
  16. Wilfried Rott: Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948–1990. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59133-4, S. 313.