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Paul Johansen

deutsch-estnischer Historiker

Paul Johansen (* 10. Dezemberjul./ 23. Dezember 1901greg. in Reval; † 14. April 1965 in Hamburg) war ein deutsch-estnischer Historiker und Archivar.

Inhaltsverzeichnis

Leben und WerkBearbeiten

Paul Johansen wurde als Sohn des dänischstämmigen Landschaftsarchitekten Jens Christian Johansen geboren. 1919 machte er sein Abitur an der Domschule in Tallinn. Im selben Jahr begann er eine militärische Ausbildung, wurde allerdings nicht an der Front des Estnischen Freiheitskriegs gegen Sowjetrussland (1918–1920) eingesetzt.

Ab 1919 studierte er in Kopenhagen, dann in Deutschland. Er wählte als Studienfach zunächst Agronomie, später wechselte er zur Geschichte. 1924 wurde Johansen in Geschichte an der Universität Leipzig promoviert. Er ging nach Estland zurück, wo er eine Anstellung im Tallinner Stadtarchiv fand.

In den folgenden Jahren wurde Paul Johansen zu einem der wichtigsten estländischen Historiker. Seine Forschungen galten vor allem der älteren Stadtgeschichte Tallinns sowie der Agrargeschichte Estlands. Besonderen Wert haben seine Arbeiten zum Liber Census Daniæ als Quelle der nordestnischen Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte im 13. Jahrhundert. Daneben forschte er zum Katechismus von Simon Wanradt und Johann Koell (Wittenberg 1535), der das erste mit Sicherheit belegte Buch in estnischer Sprache darstellt. In schwedischen Archiven fand er das Gründungsdatum der Stadt Paide. 1934 wurde Paul Johansen zum Tallinner Stadtarchivar ernannt.[1]

Mit der von den deutschen Nationalsozialisten propagierten Umsiedlung der Deutsch-Balten („Heim ins Reich“) verließ auch Paul Johansen 1939 Tallinn. Er ließ sich als Historiker in Hamburg nieder. Von 1942 bis 1945 war er Dolmetscher der deutschen Wehrmacht im Osten Europas. Der NSDAP trat er im Oktober 1941 im Zuge des Antritts seiner Professur in Hamburg bei.[2] 1944 besuchte er kurz vor der Besetzung Estlands durch die Rote Armee noch einmal sein Heimatland.

1945/46 war Paul Johansen Kriegsinternierter. Anschließend arbeitete er bis zu seinem Tod als Historiker an der Universität Hamburg. 1964 stellte er die These auf, dass Balthasar Rüssow, der Chronist des 16. Jahrhunderts, estnischer Herkunft gewesen sein soll. Daneben forschte er zum Leben und Werk Heinrich von Lettlands. Durch seinen frühen Tod blieben viele Arbeiten Johansens allerdings unvollendet.

SchriftenBearbeiten

  • Die Estlandliste des Liber Census Daniae. Kopenhagen 1933.
  • zusammen mit Heinz von zur Mühlen: Deutsch und Undeutsch im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reval. Böhlau, Köln 1973, ISBN 3-412-96172-8.
  • Balthasar Rüssow als Humanist und Geschichtsschreiber. Böhlau, Köln 1996, ISBN 3-412-08795-5. (Aus dem Nachlaß hrsg. von Heinz von zur Mühlen)

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Eesti Elulood. Tallinn: Eesti Entsüklopeediakirjastus 2000 (= Eesti Entsüklopeedia 14) S. 111.
  2. Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reiches. Göttingen 2005, S. 27.