Das Ostpommersche ist eine ostniederdeutsche Dialektgruppe, die in Hinterpommern gesprochen wurde. Der Geltungsbereich der ostpommerschen Dialekte umfasste den größten Teil der ehemaligen preußischen Provinz Pommern östlich der Oder (Hinterpommern) in den Grenzen von 1936. Nur der Südwesten Hinterpommerns gehörte dialektgeographisch zum Mittelpommerschen. Die Grenze zwischen den mittelpommerschen und ostpommerschen Mundarten wurde dabei durch den östlichen Schenkel des so genannten „mittelpommerschen Keils“ gebildet, der vom südöstlichen Rand des Stettiner Haffs in einer geschwungenen Linie über Gollnow und Stargard zur ehemaligen pommerschen Grenze verlief (vgl. zur kulturellen Dreiteilung Pommerns hier).

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Ostpommersche in seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet weitgehend ausgestorben, lebt jedoch in Auslandsvarietäten fort, v. a. Brasilien im Pomerano fort, das durch intensiven Sprachkontakt mit dem Portugiesischen geprägt ist, sowie in den USA im Wisconsin Platt (Wisconsin Pomeranian).

SiedlungsgeschichteBearbeiten

Während man früher die besondere Bedeutung des Klerus im Rahmen der mittelalterlichen deutschen Besiedlung Pommerns hervorgehoben hat, zeichnet die jüngere historische Forschung ein modifiziertes Bild. Vor allem säkulare Kräfte haben demnach den Landesausbau vorangetrieben.[1] In Hinterpommern setzte die (nieder) deutsche bäuerliche Siedlungsbewegung im 13. Jahrhundert ein, schon früher hatte es jedoch einen Zuzug fast ausschließlich deutscher Kleriker gegeben, die in den neugegründeten Klöstern und Stiften wirkten. Es gibt zwei Hauptstoßrichtungen der Siedlungsbewegung: In erster Linie haben niedersächsische und westfälische Siedler das hinterpommersche Küstenland bis Stolp besiedelt, während der hinterpommersche Höhenrücken größtenteils märkisch geprägt ist. Die nordöstlichen Bereiche um Stolp und Lauenburg wurden dagegen durch den deutschen Ritterorden von Osten her besiedelt, wobei diese Siedlungsbewegung erst im 14. Jahrhundert begann. Von dieser frühen mittelalterlichen Besiedlung ist eine zweite Besiedlungswelle zu unterscheiden, die in der Frühen Neuzeit zumeist von der Küstenregion aus den Südosten Hinterpommerns erfasste.[2] Zahlenmäßig von Belang ist schließlich noch die staatlich geförderte bäuerliche Besiedlung Hinterpommerns im 18. Jahrhundert.[3]

Außerhalb Pommerns hat sich das Pommersche durch Emigration in der Neuzeit weiter verbreitet, seit der ersten Hälfte des 19. Jh. nach Nordamerika,[4] seit 1850 auch nach Brasilien.[5] In Brasilien lebt das Ostpommersche im Pomerano fort,[5] in den USA beispielsweise im Wisconsin Platt (Wisconsin Pomeranian).[6]

ForschungsgeschichteBearbeiten

Bereits in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts stellte der Stettiner Gymnasiallehrer Wilhelm Böhmer den Entwurf einer lautgeographisch begründeten Gliederung Pommerns in zwei Hauptmundarten vor, denen er die Attribute „rund“ und „breit“ zuwies (BÖHMER 1833:151). Basis dieser Einschätzung waren Einsendungen von Sprachproben auf einen von Böhmer initiierten Aufruf der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde. Die Vorstellung von der dialektalen Zweiteilung Pommerns blieb lange Zeit bestehen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es zunächst der Gymnasialdirektor Robert Holsten, der sich den Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch zuwandte, sein Hauptaugenmerk dabei aber auf die Wortgeographie richtete. Seine unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichten Aufsätze[7], die von den Ergebnissen einer an Pastoren in ganz Pommern gerichteten Fragebogenerhebung berichten, sind Beispiele für wortgeographische Pionierarbeiten innerhalb der deutschen Dialektologie. Aus dem gesammelten Material entwickelte Holsten die These von der sprachlichen Dreiteilung Pommerns in Vor-, Mittel- und Ostpommern. Die frühen Daten erneut aufgreifend, ergänzend und verfeinernd, stellte er über ein Jahrzehnt später seine Forschungsresultate in einer Monographie vor[8] und verdeutlichte dabei den Zusammenhang zwischen sprachlicher Raumgliederung, Siedlungsgeschichte und kulturräumlichen Ausprägungen.

Forschungen in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts haben wiederum wichtige Erkenntnisse besonders zur Lautgeographie geliefert. Einige Arbeiten aus dieser Zeit sind dabei als Vorarbeiten für das großlandschaftliche Wörterbuch Pommerns konzipiert worden[9]. Die erste dialektgeographische Kombinationskarte für ganz Pommern wurde schon Mitte der 30er Jahre von Kurt Mischke vorgelegt[10]. Bislang unveröffentlicht ist die Habilitationsschrift von Matthias Vollmer zu den ostpommerschen Dialekten, die an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald entstanden ist.

Binnengliederung des OstpommerschenBearbeiten

Für die dialektale Binnendifferenzierung des Ostpommerschen sind v. a. folgende lautgeographische Differenzen relevant:

  • Aussprache von mittelniederdeutsch langem ê und ô (insbesondere ê4 und ô1) als langes e und o (leef "lieb" und Foot "Fuß"; Monophthong) oder als ei und au (leif "lieb" und Faut "Fuß"; Diphthong)
  • Aussprache von mnd. langem î und û als Monophthong (Tiet "Zeit", Huus "Haus") oder Diphthong (Tɛit "Zeit", Hɛus "Haus")
  • Aussprache von mnd. langem â als Monophthong (Awend "Abend") oder Diphthong (Auwend "Abend")
  • Aussprache von mnd. sk als sch (wasche "waschen") oder sk (waske)
  • Aussprache von mnd. langem ö und ü als langes ö und ü (Böm "Bäume", Büdel "Beutel") oder als langes e und i (Beem "Bäume", Biedel "Beutel"; Entrundung)
  • Infinitivendung auf -a (sitta "sitzen") oder -e bzw. -en (sitte, sitten "sitzen")

Nach diesen Kriterien lassen sich folgende Hauptgebiete ansetzen:

  1. Die zentralpommerschen Dialekte sind u. a. durch Diphthongierung von mnd. ê4 (Deif „Dieb“, leif „lieb“) und ô1 (Faut „Fuß“, Haut „Hut“) gekennzeichnet. Sie nehmen die größte Fläche ein und werden nach Osten durch einen breiten Grenzsaum zwischen Wipper und Stolpe vom nordostpommerschen Entrundungsgebiet getrennt.
  2. Die südpommerschen Dialekte (bes. in den früheren Kreisen Saatzig und Dramburg) heben sich durch die Infinitivendung auf -a von den übrigen ostpommerschen Mundarten ab (drinka „trinken“, sitta „sitzen“). Zudem bewahren sie mnd. ô1 als Monophthong (Fôt „Fuß“).
  3. Die südostpommerschen Dialekte in der Region um Bublitz (nördlich von Neustettin) zeigen eine eigenständige Entwicklung, die sich z. B. durch die Diphthongierung der mittelnd. Langvokale î und û ergibt (Tɛit "Zeit" und Hɛus „Haus“), wobei der jeweils erste Bestandteil des Zwielauts ein sehr offener e-Laut ist ([ɛ]).
  4. Die ehemaligen Mundarten des Belbucker Abteigebiets mit dem Schwerpunkt im Kreis Greifenberg zeichnen sich u. a. durch den Erhalt alter sk-Verbindungen (waske „waschen“, Wiske „Wiesen“, Disker „Tischler“) und durch Diphthongierung von mnd. â (Auwe(n)d „Abend“) aus.
  5. Die nordostpommerschen Dialekte um Stolp, Bütow und Lauenburg sind durch Vokalentrundung gekennzeichnet. Beispiele sind Biedel (statt Büdel) „Beutel“, Lies’ (statt Lüs’) „Läuse“, keepe (statt köpen) „kaufen“, Beem (statt Böm) „Bäume“.
  6. Das in Brasilien gesprochene Pomerano weist überwiegend zentralpommersche Merkmale auf: Diphthongierung von mnd. ê4 und ô1 (laiw "lieb", faut "Fuß"), Bewahrung der Vokalrundung (köip "kaufen"), Ausbleiben der Diphthongierung von mnd. î (wijd "weit"), und Assimilation von -sk- (wascha "waschen"). Der Infinitiv wird teilweise als -en (insprütsen "einspritzen") realisiert, aber häufiger als -a (bestela "bestellen"), was zum Südpommerschen stimmt.[11]
  7. Das in den USA gesprochene Wisconsin Platt verwendet einen Infinitiv auf -e (goahe "gehen", hevve "haben", finge "fangen"), weist Diphthongierung von mnd. ô auf (gaut "gut", auch im Umlaut scheune "schöne") und bewahrt langes i (miine "meine") sowie langes ö (högen "Heu machen"), -sk- wird assimiliert (fischen "fischen"),[12] weist aber teilweise ausgeprägte Entrundungen auf (sess "sechs"; grään "grün", äve "über", här "hör!").[13] Dies kommt dem Nordostpommerschen, eventuell auch dem Zentralpommerschen nahe. Örtlich vorherrschende Monophthongierung (twee "zwei", Knee "Knie", Eeke "Eiche"; Koh "Kuh", Stool "Stuhl")[14] können auf Einfluss aus dem Mittelpommerschen hindeuten.

WörterbücherBearbeiten

  • Pommersches Wörterbuch. Begründet von Wolfgang Stammler, fortgesetzt von Hans-Friedrich Rosenfeld und Renate Herrmann Winter, hrsg. von Matthias Vollmer an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Berlin 1997ff. (erschienen sind bislang der komplette erste Band von A–K und die ersten acht Lieferungen des zweiten Bandes).
  • Hinterpommersches Wörterbuch der Mundart von Groß Garde (Kreis Stolp) auf Grund der von Franz Jost (1887–1958) gesammelten Materialien bearbeitet und zu einem Wörterbuch gestaltet von Hans-Friedrich Rosenfeld, Köln/Weimar/Wien 1993. (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern, Reihe 4: Quellen zur Pommerschen Geschichte. Bd. 11)
  • Kurt Laabs: Belbucker Wörterbuch. Der Wortschatz der ehemaligen Abtei Belbuck und einiger Randgebiete. Murnau (Selbstverlag) 1988.
  • Robert Laude: Hinterpommersches Wörterbuch des Persantegebietes. Hrsg. von Dieter Stellmacher. Köln/Weimar/Wien 1995. (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern, Reihe 4: Quellen zur Pommerschen Geschichte. Bd. 12)
  • Ismael Tressmann: Pomerisch-Portuguisisch Wöirbauck - Dicionário Enciclopédico Pomerano-Português. Secretaria de Educação, Santa Maria de Jetibá, 2006.

LiteraturBearbeiten

  • Robert Holsten: Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch. In: Programm des Königlichen Bismarck-Gymnasiums zu Pyritz. Ostern 1913.
  • Robert Holsten: Coccinella septempunctata im pommerschen Plattdeutsch. In: Programm des Königlichen Bismarck-Gymnasiums zu Pyritz. Ostern 1914.
  • Robert Holsten: Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch. (= Form und Geist. Arbeiten zur Germanischen Philologie. Heft 8). Leipzig 1928.
  • Steven R. Geiger & Joseph C. Salmons:. Voices from the Past: Preserving over a half century of Wisconsin Platt recordings. Biennial North American Plattdüütsch Conference, Wausau. October 1999.
  • Karl Kühl: Die Saatzig-Dramburger Mundart. Ein Beitrag zur niederdeutschen Sprache in Ostpommern. (= Pommernforschung Reihe 1: Vorarbeiten zum Pommerschen Wörterbuch. Bd. 4). Greifswald 1932.
  • Kurt Laabs: Die Mundart von Voigtshagen Kr. Greifenberg/Pommern gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 87, 49–55. 1980.
  • Georg Mahnke: Die Schlawer Mundart. Sprachgeschichtliche und dialektgeographische Untersuchung. (= Pommernforschung, Reihe 1: Vorarbeiten zum Pommerschen Wörterbuch. Bd. 3). Greifswald 1931.
  • Kurt Mischke: Die niederdeutsche Sprache in Pommern. Aus der in Vorbereitung befindlichen "Dialektgeographie Pommerns und der Grenzmark" . In: Geographisches Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald (Hrsg.):,Wirtschafts- und verkehrsgeographischer Atlas von Pommern. Blatt 43. Stettin 1934.
  • Kurt Mischke: Rummelsburger und Bütower Mundart. Aus der in Vorbereitung befindlichen "Dialektgeographie Pommerns und der Grenzmark." (= Pommernforschung. Reihe 1: Vorarbeiten zum Pommerschen Wörterbuch. Bd. 8). Greifswald 1936.
  • Kurt Pirk: Grammatik der Lauenburger Mundart. Ein Beitrag zur niederdeutschen Sprache in Ostpommern. (= Pommernforschung. Reihe 1: Vorarbeiten zum Pommerschen Wörterbuch. Band 1). Greifswald 1928.
  • Otto Priewe/ Hermann Teuchert (1927/28): Dialektgeographische Forschungen östlich der unteren Oder. In: Teuthonista. Jg. 4, 1927/28, S. 130–159 und 221–262.
  • Herbert Stritzel: Die Gliederung der Mundarten um Lauenburg in Pommern. (= Deutsche Dialektgeographie. 33). Marburg.1937
  • Fritz Tita: Die Bublitzer Mundart. Für den Druck bearbeitet von Alfred Schönfeldt. (=Deutsche Dialektgeographie. 56, S. 35–105). Marburg 1965.
  • Matthias Vollmer: Die ostpommerschen Dialekte. Habilitationsschrift an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald. 2012 (bislang unveröffentlicht).
  • Matthias Vollmer: Das ostpommersche Idiotikon von Georg Gotthilf Jacob Homann. In: Niederdeutsches Wort. Bd. 54, 2014, S. 91–101.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Rudolf Benl: Die deutsche Besiedlung Pommerns. In: Werner Buchholz (Hrsg.): Pommern. Deutsche Geschichte im Osten Europas. Berlin 1999, S. 48–75
  2. Klaus Conrad: Besiedlung und Siedlungsverhältnisse Pommerns seit der Christianisierung. In: Hans Rothe (Hrsg.): Ostdeutsche Geschichts- und Kulturlandschaften. Teil III: Pommern. Köln/Wien 1988, S. 27–58
  3. Klaus Conrad: Besiedlung und Siedlungsverhältnisse Pommerns seit der Christianisierung. In: Hans Rothe (Hrsg.): Ostdeutsche Geschichts- und Kulturlandschaften. Teil III: Pommern. Köln/Wien 1988, S. 27–58
  4. Pommerscher Greif e.V: Die Pommernvereinigungen in den USA. In: Blog Pommerscher Greif e.V. 9. Februar 2012, abgerufen am 19. Februar 2020 (deutsch).
  5. a b Gertjan Postma: Contrastive Grammar of Brazilian Pomeranian. Meertens Institute, Amsterdam 2018, S. 7 (auf.net).
  6. Wisconsin Platt Today. Pommerscher Verein Central Wisconsin, abgerufen am 19. Februar 2020.
  7. Robert Holsten: Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch. In: Programm des Königlichen Bismarck-Gymnasiums zu Pyritz. Ostern 1913. und Coccinella septempunctata im pommerschen Plattdeutsch. In: Programm des Königlichen Bismarck-Gymnasiums zu Pyritz. Ostern 1914.
  8. Robert Holsten: Sprachgrenzen im pommerschen Plattdeutsch. (= Form und Geist. Arbeiten zur Germanischen Philologie. Heft 8). Leipzig 1928.
  9. Kühl 1932, Mahnke 1931, Mischke 1936, Pirk 1928
  10. Mischke: Die niederdeutsche Sprache in Pommern
  11. Gertjan Postma: Contrastive Grammar of Brazilian Pomeranian. Meertens Institute, Amsterdam 2018 (auf.net).
  12. Platt Tied (Low German Time). Abgerufen am 19. Februar 2020.
  13. Sound Comparisons... Abgerufen am 19. Februar 2020.
  14. Sound Comparisons... Abgerufen am 19. Februar 2020.