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Senzow in Haft, 2015

Oleh Hennadijowytsch Senzow (ukrainisch Олег Геннадійович Сенцов; * 13. Juli 1976 in Simferopol) ist ein ukrainischer Filmregisseur.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Senzow wurde in Simferopol auf der Halbinsel Krim geboren. Nach einem Studium der Ökonomie in Kiew studierte er Filmregie und Drehbuch in Moskau. Sein erster Kurzfilm A Perfect Day for Bananafish erschien 2008 und im darauffolgenden Jahr wurde Senzows zweiter Kurzfilm Das Horn von einem Stier veröffentlicht. Mit seinem ersten Spielfilm Gamer über einen Videospiel-Wettbewerb debütierte er auf dem Internationalen Filmfestival in Rotterdam (IFFR) im Jahr 2012.[1] Der Film stieß auf viel Beachtung und Lob und sicherte Senzow die Finanzierung für seine nächste Filmproduktion Rhino.[2]

Die Arbeit an seinem geplanten Spielfilm Rhino unterbrach er im November 2013 für sein Engagement in der Euromaidan-Protestbewegung. Senzow war ein Aktivist der sogenannten AutoMaidan-Bewegung und lieferte Lebensmittel und Vorräte an Soldaten der von russischen Einheiten blockierten ukrainischen Krim-Basen.[3] Er ist ein Gegner der russischen Annexion der Krim und sieht sie als illegitim. Auch die russische Militärpräsenz im Donezbecken lehnt er ab.[4]

Senzow war zum Zeitpunkt der Haft alleinerziehender Vater zweier Kinder. Nicht einmal zum Wohle seines autistischen Sohnes habe er Putin um Gnade ersucht; Senzow sei sehr prinzipientreu, erklärte seine Cousine Natalia Kaplan.[5]

Festnahme und ProzessBearbeiten

Am 11. Mai 2014 wurde Senzow auf der Krim zusammen mit dem Aktivisten Oleksandr Koltschenko, dem Fotografen Gennadij Afanasjew und dem Historiker Oleksij Tschirnij wegen des Verdachts der Planung terroristischer Handlungen verhaftet und nach Moskau überstellt. Ihnen wird vorgeworfen, Terroranschläge auf öffentliche Denkmäler vorbereitet zu haben. Zum anderen wurde ihnen unterstellt, Mitglieder der rechtsextremen paramilitärischen Organisation Rechter Sektor zu sein. Dies bestritten Senzow und Koltschenko und ihre Anwälte stets. Nach der Untersuchungshaft im Lefortowo-Gefängnis in Moskau wurde Senzow im August 2015 zu 20 Jahren Straflager wegen Terrorismus verurteilt, der mitangeklagte Koltschenko zu zehn Jahren Haft.[6][7] Am 6. Februar 2016 wurde bekannt, dass Senzow nach Irkutsk verlegt würde, um seine Strafe anzutreten. Seine Strafkolonie IK-8 (Weißer Bär) liegt bei Labytnangi am Polarkreis.[8] Koltschenko wurde nach Tscheljabinsk überstellt.

Die Anklagen gegen Senzow und Koltschenko basierten in erster Linie auf den Aussagen der mitangeklagten Afanasjew und Tschirnij, die unmittelbar nach der Festnahme mit den Ermittlern zu kooperieren begannen, nach Angabe von Menschenrechtsorganisationen gar nur von einem der Beiden und der Betreffende hätte zugegeben, bis zur Aussage gefoltert worden zu sein.[9] Das Untersuchungsmaterial des FSB war für Außenstehende nicht zugänglich, und von den Anwälten wurde eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben. Laut Dmitry Dinze gibt es keine weiteren Beweise für die Beteiligung des Senzows an einer terroristischen Vereinigung: keine Abhöraufnahmen, kein Material aufgrund operativer Suchaktivitäten.[10] Aus dem Gerichtsprozess ist zudem bekannt, dass bei Senzows Festnahme und Durchsuchung weder Sprengstoff noch Waffen gefunden wurden.[11]

Senzow bestritt alle Anklagepunkte und nannte den Fall politisch und fabriziert,[12] die WOZ nannte es einen „abstrusen Schauprozess“,[13] während in der NZZ am gleichen Tag die Rede davon war, dass ein solches Urteil nicht einmal im Zusammenhang mit der Anklage stehen müsse und Beweise ebenfalls nicht erforderlich seien, da das Urteil einzig der abschreckenden Demonstration des kurzen Weges in ein Straflager diene.[9]

Während des Prozesses berichtete Senzow von Versuchen, während der Verhöre die Beweise mit Folter zu erzwingen: Dafür wurde er mit Händen, Füßen und Schlagstock geschlagen, mit einem Paket gewürgt und sogar mit Vergewaltigung bedroht. Der zweite Angeklagte, der linke Aktivist Oleksandr Koltschenko, berichtete ebenfalls über die während der Ermittlungen angewandte Folter.[14] Der Zeuge der Anklage, Gennadij Afanasjew, widerrief während des Prozesses seine Aussage und erzählte, dass er seine früheren Zeugenaussagen unter Zwang abgegeben hätte.[15]

Proteste gegen die InhaftierungBearbeiten

Die Europäische Filmakademie (EFA) forderte in einer Erklärung vom 19. Mai 2014 die Freilassung Senzows,[16] ebenso die Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, Kirsten Niehuus. Senzows in Berlin lebender Kollege Sergei Loznitsa äußerte sich laut Tagesspiegel zu den Gründen der Verhaftung: „Oleg Sentsov hat aktiv an den Protesten teilgenommen, nur deshalb wird er jetzt verfolgt.“[17]

In einem Aufruf vom 30. Mai 2014 machte Amnesty International auf den Fall aufmerksam. In einem Schreiben europäischer Regisseure vom 10. Juni 2014 an den russischen Präsidenten Wladimir Putin setzten sich u. a. Agnieszka Holland, Ken Loach, Mike Leigh und Pedro Almodóvar für Senzows Freilassung ein.

Am 26. Juni 2014 appellierte der russische Präsidialrat für Menschenrechte an den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Wiktor Grin, die Umstände der Verhaftung Senzows und seines Mitstreiters, des ukrainischen Ökologen Oleksandr Koltschenko, zu untersuchen und neu zu bewerten. Ungeachtet der Proteste erklärte der zuständige Richter am 7. Juli 2014, die Untersuchungshaft Senzows bis zum 11. Oktober 2014 zu verlängern. Ukrainischen Behörden wurde der Kontakt zu Senzow nicht gestattet, weil Senzow mit der Eingliederung der Krim in die Russische Föderation die Staatsbürgerschaft der Ukraine verloren habe.

In einer Resolution vom Juli 2015 forderte die Parlamentarische Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die Russische Föderation zur Freilassung Oleh Senzows auf und bezeichnete die Inhaftierung als illegal.[18]

Die Berlinale wie auch das Film-Festival in Cannes führten 2017 Solidaritätsaktionen durch.[9]

Bei einer Pressekonferenz mit Emmanuel Macron im Mai 2018 wurde Präsident Putin auf den Fall Senzow angesprochen. Er nannte die russische Justiz „unabhängig“ und Senzow sei von ihr eingesperrt wegen „Terrorismus“. Zwei Monate vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2018 begann Senzow einen Hungerstreik.[8] Weltweit fanden in 78 Städten Aktionen statt, um auf den Fall aufmerksam zu machen.[19]

Senzows Mutter reichte gegen Ende der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ein Gnadengesuch beim Kreml ein.[20] Lech Wałęsa nominierte ihn für den Friedensnobelpreis[21] und die Fraktion der Europäischen Volkspartei nominierte ihn für den Sacharow-Preis 2018.[22]

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat die russische Regierung dazu aufgefordert, Senzow (aus Protest gegen seine Haft und die Inhaftierung weiterer Ukrainer seit über zwei Monaten im Hungerstreik) medizinisch zu versorgen. Der EGMR verhängte eine einstweilige Maßnahme; dies ist möglich, wenn Beschwerdeführern unwiderruflicher Schaden droht. Da Russland Mitgliedstaat des Europarates ist, ist die russische Regierung verpflichtet, die Maßnahme umzusetzen.[23]

Soja Swetowa besuchte Senzow am 17. August und nannte den Gesundheitszustand „vorkritisch“,[24] mit einer Gefahr des Versagens von Organen.[25]

Der Gesundheitszustand Senzows verschlechterte sich bis zum 12. September, weswegen sich Senzow entschlossen hatte, ein Testament zu verfassen, da er „nicht an ein gutes Ende glaube“.[26] Am Nachmittag des 5. Oktobers gab er bekannt, seinen Hungerstreik ab dem 6. Oktober einzustellen.[27]

EhrungenBearbeiten

DokumentationBearbeiten

Der Dokumentarfilm The Trial: The State of Russia vs Oleg Sentsov von Regisseur Askold Kurov feierte seine Weltpremiere im Februar 2017 im Special der 67. Berlinale. Der Film widmet sich Senzows Leben und seinem Prozess in Russland.[31]

FilmeBearbeiten

  • 2008 A Perfect Day for Bananafish (Kurzfilm)
  • 2009 Das Horn von einem Stier (Kurzfilm)
  • 2012 Gamer (Spielfilm)

VeröffentlichungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. www.iffr.com (Memento des Originals vom 17. Dezember 2014 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.iffr.com
  2. Ken Loach, Mike Leigh and others call for release of Ukrainian director. In: The Guardian, 10. Juni 2014.
  3. Ukrainian Filmmaker Remains Behind Bars Despite Growing Support. In: Radio Free Europe, 26. Juni 2014.
  4. ‘A court of occupiers cannot be just‘: Ukrainian director’s courtroom speech. In: The Guardian, 25. August 2015.
  5. Der Mann, der 144 Tage Hungerstreik durch hielt, NZZ, 26. Oktober 2018
  6. Russisches Gericht verurteilt ukrainischen Regisseur zu 20 Jahren Haft. In: Sueddeutsche.de. 25. August 2015, abgerufen am 25. August 2015.
  7. Friedrich Schmidt: Mit sowjetischer Härte und Willkür. In: FAZ.net. 25. August 2015, abgerufen am 25. August 2015.
  8. a b Symbolkräftiger Hungerstreik in Russland. In: NZZ, 29. Mai 2018, Seite 3.
  9. a b c Russlands böses Foul, NZZ, 14. Juni 2018, Seite 10
  10. Процесс Сенцова. День первый. Abgerufen am 13. Juli 2018 (englisch).
  11. Разоблачение Сенцова или провал ФСБ? In: Nowaja Gaseta, 27. Juni 2018.
  12. Ведомости: Украинский режиссер Сенцов не признал себя виновным в подготовке терактов в Крыму. 21. Juli 2015 (vedomosti.ru [abgerufen am 13. Juli 2018]).
  13. Autoritarismus im Trikot, WOZ, 14. Juni 2018
  14. Украинский режиссер Олег Сенцов, которого в Ростове-на-Дону судят по обвинению в подготовке терактов в Крыму, рассказал суду о том, как его пытали и угрожали российские спецслужбы. Abgerufen am 13. Juli 2018 (russisch).
  15. Процесс Сенцова. Допрос Афанасьева. Abgerufen am 13. Juli 2018 (englisch).
  16. Oleg Senzow wurde verhaftet (Memento vom 8. August 2014 im Internet Archive). Presse-Erklärung der Deutschen Filmakademie vom 21. Mai 2014
  17. Der Tagesspiegel 19. Mai 2014
  18. RESOLUTION ON ABDUCTED AND ILLEGALLY DETAINED UKRAINIAN CITIZENS IN THE RUSSIAN FEDERATION (PDF) oscepa.org. 9. Juli 2015. Archiviert vom Original am 13. Juli 2015. Abgerufen am 8. April 2016. S. 48.
  19. In 78 Städten auf der ganzen Welt wurden Aktionen zur Unterstützung des Gefangenen Oleg Sentsov durchgeführt, Nowaja Gaseta, 2. Juni 2018.
  20. WM in Russland und eine Frage: Bleibt das so?, auf sportschau.de, vom 15. Juli 2018.
  21. Das Wichtigste ist die Zukunft, Nowaja Gaseta, 12. September 2018
  22. Jailed Ukrainian Filmmaker Sentsov Nominated For Sakharov Prize, Radio Free Europe/Radio Liberty, 12. September 2018
  23. zeit.de 25. Juli 2018: Gericht fordert von Russland medizinische Versorgung für Oleh Senzow
  24. Bewegung im Fall Oleh Senzow?, NZZ, 20. August 2018
  25. Oleg Senzow: "Der Maidan ist das Wichtigste in meinem Leben", DW, 21. August 2018.
  26. „Ich glaube nicht an ein Happy End“ – Oleg Senzow hat ein Testament geschrieben, Nowaja Gaseta, 12. September 2018.
  27. „Senzow hat erklärt, den Hungerstreik am 6. Oktober zu beenden“, Nachricht auf Hromadske sowie „Ich muss meinen Hungerstreik vom morgigen Tag an einstellen“, Nowaja Gaseta
  28. Biografie Oleh Senzow auf der offiziellen Webseite des Preiskomitees des Taras-Schewtschenko-Preises; abgerufen am 9. September 2016 (ukrainisch).
  29. Oleh Sentsow wurde Ehrenbürger von Paris, Nowaja Gaseta, 24. September 2018.
  30. Sacharow-Preis geht an ukrainischen Regisseur Oleg Sentsov, Spiegel Online, 25. Oktober 2018
  31. Berlinale Special: The Trial: The State of Russia vs Oleg Sentsov. Berlinale, abgerufen am 20. September 2018.