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Die Oberrealschule ist eine ehemalige Schulform in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die oft als Alternative zu den meist als Lateinschulen ausgelegten Gymnasien entstand. Sie ermöglichte in der Regel das Studium naturwissenschaftlicher Fächer. Die Bezeichnung wird heute nicht mehr verwendet.

DeutschlandBearbeiten

Der reformorientierte pietistische Theologe Johann Julius Hecker (1707–1768) entwickelte sein Konzept der „Ökonomisch-Mathematischen Realschule“ im Berlin des Jahres 1747.[1] Die Bildungsreformen Wilhelm von Humboldts waren in der Praxis gegen die Realschulen gerichtet (vgl. Königsberger Schulplan), doch wurden 1832 die Abschlüsse der Realschule in Preußen als Berechtigung zu mittleren Laufbahnen anerkannt. Damit waren diese rechtlich zwischen Gymnasium und Volksschule angesiedelt. Die wenigen Einrichtungen konnten aber den Bildungsbedarf des Bürgertums nicht befriedigen, so dass bald neue Bürgerschulen entstanden. Aus ihnen entwickelte sich 1859 die zum höheren Bildungswesen gehörende „Realschule 1. Ordnung“. Die Ausbildungsziele der Oberrealschulen, in Preußen seit 1882 genehmigte lateinlose neunjährige Schulen, gehen auf Vorstellungen des preußischen Staatsrats Christian Peter Wilhelm Beuth zurück. Mit deren Reifezeugnis konnte man studieren wie mit dem des Realgymnasiums mit grundständigem Latein.

Die Absolventen der preußischen Oberrealschulen durften Mathematik und neue Sprachen für das höhere Lehramt an Realschulen studieren. Daneben berechtigte das Reifezeugnis einer Oberrealschule zum Studium aller naturwissenschaftlichen und technischen Fächer, nach der Juni-Konferenz 1900 entfiel diese Studienfachbeschränkung (außer für Theologie). Die neunklassige Oberrealschule umfasste inklusive der vier Jahre Grundschul-Zeit[2] eine Gesamtschulzeit von 13 Jahren bis zum Abitur.

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde von Reichsbildungsminister Bernhard Rust per Erlass vom 30. November 1936[3] die Schulzeit von 13 auf 12 Jahre verkürzt:

„Die Durchführung des Vierjahresplanes sowie der Nachwuchsbedarf der Wehrmacht und akademischer Berufe erfordern es, die Verkürzung der Schulzeit für höhere Schüler von bisher 13 auf 12 Jahre bereits von Ostern 1937 ab durchzuführen.“

Die Unterprimaner (12. Klasse) legten daher bereits März 1937 ihre Reifeprüfung ab, die Oberprimaner (13. Klasse) verließen dafür ohne schriftliche Prüfung 1937 die höhere Schule. An Mädchenschulen wurde ab Ostern 1940 ebenfalls das „Notabitur“ nach der 12. Klasse eingeführt.

Ab 1937 wurden alle Oberrealschulen reichseinheitlich als „Oberschulen“ bezeichnet.

Nach Kriegsende 1945 kehrten alle höheren Schulen baldmöglichst wieder zur ursprünglichen Abiturregelung zurück.(Anm.: Mit dem umgangssprachlich für die Zeit des Zweiten Weltkriegs verwendeten Begriff „Notabitur“ ist also eine schriftliche Abiturprüfung nach der 12. Klasse mit verkürzten Lerninhalten gemeint.)

Aufgrund des Hamburger Abkommens mussten alle deutschen Oberrealschulen bis 1965 in „Gymnasien“ umbenannt werden.[4] Während sich die ursprüngliche Oberrealschule auf die mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung konzentrierte, integrierte sie ab 1965 auch zunehmend neusprachliche Ausbildungswege im Gymnasium.

Historische Beispiele und SchulchronikenBearbeiten

  • 1808 Realschule Ansbach mit zwei Jahrgangsstufen[5]
    • 1816 Höhere Bürgerschule Ansbach
    • 1833 Landwirtschafts- und Gewerbeschule Ansbach
    • 1877 Realschule mit sechs Jahrgangsstufen
    • 1926–29 Umwandlung zur Oberrealschule Ansbach
    • 1965 Umbenennung Platen-Gymnasium Ansbach
  • 1817 die sog. „Hauptschule“ als höhere Schule in Bremen[6]
    • 1877 6-klassige Realschule (und/oder 9-klassiges Realgymnasium)
    • 1893 Beginn der Umwandlung zur „Oberrealschule in der Dechanatstraße“ (bis 1905)
    • 1958 Umbenennung Gymnasium an der Parsevalstraße
  • 1820 Höhere Bürgerschule Würzburg[7]
    • 1833 Königliche Kreis-Landwirthschafts- und Gewerbeschule zu Würzburg
    • 1877 Königliche Kreis-Realschule (Anm.: zum Trotze[8] verwendete man 1889 weiterhin noch alte Zeugnisformulare[9])
    • 1907 Beginn der Erweiterung zur Königlichen Kreis-Oberrealschule am Sanderring (bis 1910)
    • 1965 Umbenennung Röntgen-Gymnasium Würzburg
  • 1833 Königliche Landwirtschafts- und Gewerbeschule zu Fürth[11]
    • 1877 Königliche Realschule mit Handelsabteilung
    • 1920 Oberrealschule nach Erweiterung der sechsklassigen Realschule
    • 1965 Umbenennung Hardenberg-Gymnasium Fürth
  • 1849 Selbständiges Realklassensystem am Andreanum in Hildesheim[12]
    • 1868 Erweiterung der 6-klassigen Realschule zur „Realschule 1. Ordnung“
    • 1883 Abspaltung von Andreanum, nunmehr eigenständig als Königliches Andreas-Realgymnasium (Name seit 1885)
    • 1886 Realschule mit 9-klassigem Realgymnasium
    • 1926 Beginn der Umwandlung zur „Staatl. Andreas-Oberrealschule“ (bis 1929)
    • 1965 Umbenennung Scharnhorst-Gymnasium Hildesheim
  • 1937 Mädchen-Lyzeum Würzburg[13]
    • 1940 8-klassige „Städt. Oberschule für Mädchen“, ab 1941 „Mozart-Schule“
    • 1951 „Mädchenrealgymnasium mit Oberrealschule und Realschule“
    • 1966 Umbenennung Mozart-Gymnasium Würzburg, ab 2001 zusammengelegt mit dem Schönborn-Gymnasium

Früher übliche JahrgangsstufenBearbeiten

  • Mittelstufe (heute Teil der Sekundarstufe I)
    • Untertertia entspricht der 8. Klasse
    • Obertertia entspricht der 9. Klasse
    • Untersekunda entspricht der 10. Klasse
  • Oberstufe (heute Sekundarstufe II)
    • Obersekunda entspricht der 11. Klasse
    • Unterprima entspricht der 12. Klasse
    • Oberprima entspricht der 13. Klasse

ÖsterreichBearbeiten

Die Oberrealschule (auch Ober-Realschule geschrieben) war eine in Österreich mit Verordnung vom 2. März 1851 genehmigte lateinlose neunjährige Schule (davor Gewerbeschule), mit deren Reifezeugnis man ebenso studieren konnte wie mit dem des Realgymnasiums mit grundständigem Latein. Die Oberrealschulen in Österreich hatten die ursprüngliche Bestimmung, ihre Schüler ohne Benutzung der klassischen Sprachen unmittelbar für die technischen Hochschulen vorzubereiten.

Mit dem „Mittelschulgesetz“ von 1927 wurden die Realschulen als achtklassige Schulform neu geregelt, die Unter-Realschule mit einer lebenden Fremdsprache, die Ober-Realschule mit zwei lebenden Fremdsprachen. Durch das unter Bundesminister Heinrich Drimmel umgesetzte „Schulgesetzwerk 1962“ wurden die Realschulen mit den Realgymnasien in Realgymnasien mit naturwissenschaftlichen und mathematischen Zweigen umgewandelt.

SchweizBearbeiten

Im Kanton Zürich wurde 1928 die kantonale Industrieschule nach der Anerkennung durch die Eidgenössische Maturitätskommission in Oberrealschule umbenannt. Dieser Begriff wurde aus Deutschland oder Österreich übernommen.

Ein lateinloses mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium war in der Schweiz eidgenössisch durch die Revision des Maturitäts-Anerkennungsreglements 1925 möglich geworden, in dem die bestehenden Maturitätstypen A und B um diesen dritten Typus C ergänzt worden waren. Die Absolventen der Oberrealschule konnten prüfungsfrei die Eidgenössische-Technische Hochschule (ETH) besuchen, mussten aber für den Übertritt an die Universität für die meisten Fakultäten eine Zusatzprüfung in Latein absolvieren.

Die Oberrealschule führte kein Progymnasium und dauerte deshalb nur 4,5 Jahre. Sie schloss entweder an die Sekundarschule oder an das Progymnasium an.

1968 fiel das Lateinobligatorium für das Medizinstudium. Auf das Schuljahr 1974/75 wurde die Oberrealschule in Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium umbenannt.[14]

LiteraturBearbeiten

  • Manfred Fuhrmann: Latein und Europa. Die fremdgewordenen Fundamente unserer Bildung. Die Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II. 2. Auflage, Köln 2001, ISBN 3-8321-7948-8.
  • Walter Kronbichler: Die Zürcherischen Kantonsschulen 1833–1983. Festschrift zur 150-Jahr-Feier der staatlichen Mittelschulen des Kantons Zürich. Zürich, 1983.

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Oberrealschule – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hugo Bloth: Johann Julius Hecker (1707–1768). Seine „Universalschule“ und seine Stellung zum Pietismus und Absolutismus. In: Jahrbuch des Vereins für Westfälische Kirchengeschichte 61/1968, S. 63–129.
  2. Documentarchiv.de: Reichsgrundschulgesetz vom 28. April 1920
  3. Christa Berg und Dieter Langewiesche, Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Band 5, C.H.Beck-Verlag, 1989, S. 189
  4. Definition des Gymnasiums siehe § 4 Abs. 2 Hamburger Abkommen (Memento vom 15. Oktober 2012 im Internet Archive)
  5. Baugeschichte des Platen-Gymnasiums. Webseite der Freunde und ehemaligen Schüler des Platen-Gymnasiums und der Oberrealschule Ansbach, abgerufen am 16. April 2018.
  6. Gymnasium an der Parsevalstraße (Memento vom 25. August 2011 im Internet Archive)
  7. Röntgen-Gymnasium Würzburg
  8. Schülerverbindung Absolvia von 1887
  9. Abgangszeugnis 1889
  10. Oberrealschule Aschaffenburg (Memento des Originals vom 7. März 2011 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.fdg.ab.by.schule.de
  11. Hardenberg-Gymnasium Fürth
  12. Scharnhorst-Gymnasium Hildesheim@1@2Vorlage:Toter Link/66023.nibis.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  13. Mozart-Gymnasium Würzburg
  14. Kronbichler, Die Zürcherischen Kantonsschulen, S. 20–22.