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Oberlandstraße (Berlin)

Straße im Berliner Ortsteil Tempelhof

Die Oberlandstraße ist eine Straße im Berliner Ortsteil Tempelhof. Sie setzt die Straßen Alt-Tempelhof und Germaniastraße nach Osten fort und verbindet Tempelhof mit dem Ortsteil Neukölln, dem ehemaligen Rixdorf.

Oberlandstraße
Wappen
Straße in Berlin
Oberlandstraße
Blick zur Germaniastraße
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Tempelhof
Angelegt um 1909
Anschluss­straßen
Silbersteinstraße (östlich),
Germaniastraße (westlich)
Querstraßen (Auswahl)
Schaffhausener Straße,
Bacharacher Straße
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr, Autoverkehr, ÖPNV
Technische Daten
Straßenlänge 1420 Meter
Blick vom namensgebenden Tempelhofer Oberland (Teltow) mit dem bereits vorhandenen Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg auf das Unterland (Urstromtal). Ölgemälde von Johann Heinrich Hintze, 1829

Der Westteil der Straße gehört zum Industriegebiet Tempelhof-Ost. Industriedenkmäler wie die Fabrikgebäude von Gillette oder die UFA-Filmstudios charakterisieren diesen Straßenteil. Im Ostteil steht als Bau- und Gartendenkmal das Gebäudeensemble der Bärensiedlung unter Schutz, das um den Oberlandgarten und Germaniagarten zwischen 1929 und 1931 entstand. Der Name Oberlandstraße erinnert an die historische Unterscheidung zwischen Tempelhofer Oberland und Unterland.

Inhaltsverzeichnis

Das Tempelhofer OberlandBearbeiten

 
Vor der Stadtmauer Berlins (rote Linie oben rechts) 1842. In der Südhälfte des Kartenausschnitts das Oberland, die Nordhälfte liegt im Urstromtal. Der Teltowhang läuft etwa quer durch die Bildmitte. Der heutige Flughafen Tempelhof liegt südwestlich der Hasenheide und die Oberlandstraße am Südrand des Ausschnitts

Namensgeber der Straße ist das Tempelhofer Oberland, das den Teil der Tempelhofer Feldmark bezeichnete, der auf dem Hochplateau Teltow lag. Das Oberland mit dem Tempelhofer Feld und dem Tempelhofer Berg, dem heutigen Kreuzberg im Viktoriapark, trug die Bezeichnung zur Unterscheidung vom Tempelhofer Unterland, das sich nördlich des Teltowhangs im rund 15 Meter tiefer gelegenen Berliner Urstromtal befand und sich bis zur Berliner Stadtmauer am Halleschen Tor erstreckte. 1846 differenzierten beispielsweise Einwohnerzählungen:

  • Tempelhof, Dorf und Gut, mit
    • Tempelhofer Berg und Tempelhofer Feld
    • Tempelhofer Unterland (Etablissement Am Hallischen Tor).[1]

Das gesamte ehemalige Unterland (später auch Tempelhofer Vorstadt genannt) gehört seit 1861 zu Berlin und seit der Gründung Groß-Berlins 1920 zum neu gebildeten Ortsteil Kreuzberg. Die Namensänderung Tempelhofer Berg (auch Runder Weinberg) in Kreuzberg vollzog sich bereits 1821 mit dem Bau des Nationaldenkmals von Karl Friedrich Schinkel auf der Bergspitze zur Erinnerung an die Schlachten der Befreiungskriege. Mit der Ausgliederung des Unterlandes war für Tempelhof die Unterscheidung Oberland /Unterland hinfällig. Während das Unterland keine Namensspuren im heutigen Berlin hinterließ, erinnern die Oberlandstraße und der kleine Oberlandpark an die ehemalige geographisch-politische Einteilung.

Zur verbliebenen Feldmark im Oberland zählten insbesondere das Tempelhofer Feld mit dem damaligen Flughafen Tempelhof südlich der Hasenheide und das ExerziergeländeU-Bahnhof Paradestraße – der Kasernen an der General-Pape-Straße im Westen, Das große Feld.[2] Im 18. Jahrhundert wurde die Feldmark zum großen Teil als Ackerfläche genutzt. Das Oberland wies vor seiner weitgehenden Einebnung die für den Teltow typische flachwellige Oberflächenstruktur auf, die heute noch in kleineren Grünbereichen wie dem Franckepark oder dem Alten Park am Rathaus Tempelhof sichtbar ist.

Verlauf und Bundesstraße RBearbeiten

 
Kartenausschnitt mit der Oberlandstraße

Die Oberlandstraße trägt ihren Namen seit 1909. Sie gehört zu der ehemals zentralen Berliner West-Ost-Verbindung vom Schöneberger Sachsendamm über Tempelhof und Neukölln zur Grenzallee. Parallel zum ehemaligen Flughafen Tempelhof am Südrand des alten Tempelhofer Feldes und zur Trasse der Ringbahn verläuft die Oberlandstraße bis zur Grenze nach Neukölln an der Eschersheimer Straße, wo sie sich als Silbersteinstraße nach Osten Richtung Hermannstraße fortsetzt. Ungefähr auf halber Strecke überbrückt die Oberlandstraße die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn.

Ab 1969 war sie Bestandteil der Bundesstraße R, die quasi als Ersatzautobahn von der Grenzübergangsstelle Bösebrücke im Bezirk Wedding bis zur Neuköllner Silbersteinstraße führte.

Mit der Fertigstellung des Tempelhofer Teilstücks der Stadtautobahn A 100 im Jahr 1981 wurde die neu erbaute Anschlussstelle 21 Oberlandstraße zum Endpunkt der Autobahn. Die Aufnahme des gesamten Verkehrs zwischen der Autobahn und dem östlich gelegenen Ortsteil Neukölln führte in der Oberlandstraße zu einem extrem hohen Verkehrsaufkommen. Lediglich das kurze Verbindungsstück zur Germaniastraße mit der ehemaligen Chemischen Fabrik Tempelhof lag westlich der Auffahrt.

Durch die Verlängerung der A 100 nach Neukölln im Jahr 2000 hat sich die Verkehrsdichte drastisch verringert und es gilt im Wohnteil der Straße eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h. Die Straße erhielt auf einem westlichen Abschnitt einen beidseitigen Fahrradweg.

IndustrieBearbeiten

Durch die Anbindung an die Ringbahn und Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn mit dem Güterbahnhof Hermannstraße bildete sich auf der Straßennordseite eine dichte Industriebebauung. Die nahe Lage zum Teltowkanal ließ zudem auch auf der westlichen Südseite Produktionsstätten entstehen. Zu den Industrie- beziehungsweise Baudenkmälern zählen Gillette, die UFA-Filmstudios und die Chemische Fabrik Tempelhof. Nur das neben der UFA gelegene Gebäudeensemble auf dem früheren Gelände von electrolux, vorher zur AEG gehörend, wurde Ende der 1980er Jahre nach Umzug der Fabrikation nach Wittenau abgerissen.

GilletteBearbeiten

 
Nebengebäude von Gillette von 1936 bis 1939

Das Fabrikgebäude der Berliner Niederlassung von Gillette liegt in der Oberlandstraße 75–84 und wurde zwischen 1936 und 1939 nach Plänen des Architekten Paul Renner gebaut. Das Hauptgebäude blieb bis heute unverändert mit dem einzigen Unterschied, dass über dem Hauptportal statt Roth-Büchner GmbH der Schriftzug Gillette steht. Das Gebäude folgte den nicht mehr ausreichenden Fabrikationshallen der ursprünglichen AG, die Otto Roth 1913 als Specialfabrik für Rasier-Apparate, Rasierklingen, Abziehmaschinen gegründet hatte. Der Baumeister Renner ließ „[…] einen dreigeschossigen, U-förmigen Stockwerksbau mit Büros, Nebenräumen und kleineren Werkstätten [errichten], das eine 90 × 45 m große Shedhalle umschließt.“

Die nüchterne, sachliche Ausführung ohne besondere Gestaltungselemente orientierte sich an den technischen Erfordernissen. „Aus der Anlage des zentralen Vorbaus mit natursteinverkleidetem Portal und repräsentativer Freitreppe spricht allerdings deutlich die Handschrift der nationalsozialistischen Bauideologie.“[3] Nachdem Roth noch 1925 eine Niederlassung in Newark (New Jersey), USA, gegründet hatte, übernahm 1926 Gillette die Aktienmehrheit der inzwischen als Roth-Büchner GmbH firmierenden Gesellschaft. Erst 1973 wurde die Gillette Roth-Büchner GmbH in Gillette Deutschland GmbH umbenannt.

UFA-FilmstudiosBearbeiten

 
Studio 1 der UFA von 1933 bis 1935, heute: Berliner Union-Film
 
Tonstudio 2

Die UFA-Filmstudios (heute: Berliner Union-Film) befinden sich in der Oberlandstraße 26–35. Das Studio 1 stammt aus den Jahren 1933–1935 und geht auf Pläne von Otto Kohtz zurück. Das Studio 2 aus dem Jahr 1913 geht auf Pläne von Bruno Buch (1883–1938) zurück, der auch maßgeblich an den Entwürfen zur Allgemeinen Berliner Omnibus AG und zum Flaschenturm beteiligt war. Die Filmbühne verglich 1913 das Werk von Buch mit zwei „riesenhaften Vogelkäfigen“ und schrieb:

„Am südlichen Rande des Tempelhofer Feldes, dort, wo über die Gleise der Ringbahn hinweg bisher die militärische Wüste in eine bürgerliche Wüste überging, beginnt jetzt neues Leben sich zu regen. […] Es sind zwei hochgelegene, sehr große Hallen, die vollkommen von Glaswänden eingeschlossen sind und auch ein gläsernes Dach haben. Frei kann von allen Seiten das Licht hier hineinfluten […].“

Zitiert nach Michael Thiele[4]

Gründer dieses ersten Studios war die Literaria Film des Filmpioniers Alfred Duskes.

Eine große Fläche auf der Südseite der Oberlandstraße nimmt die moderne Niederlassung der Keksfabrik Bahlsen ein. Östlich davon betrieb das ZDF bis Ende der 1990er Jahre sein Berliner Landesstudio, bis ein gleichfalls hier angesiedeltes ZDF-Archiv am 22. August 1999 nach einer Brandstiftung fast vollständig den Flammen zum Opfer fiel. Dabei wurde viel historisches Filmmaterial von hohem dokumentarischem Wert unwiderruflich vernichtet.[5][6] Eine der letzten Brachflächen im Eck Ringbahn, Autobahn und Oberlandstraße schloss im Januar 2007 ein repräsentativer Großbau des seit 2009 insolventen Autohauses Kroymans.

Chemische Fabrik TempelhofBearbeiten

 
Chemische Fabrik Tempelhof, Gebäude von 1918 bis 1923

Unter Schutz steht ferner das Büro- und Fabrikgebäude der ehemaligen Norddeutschen KühlerFabrik AG aus den Jahren 1918–1923 des Architekten Jean Krämer (1886–1943), der eng mit Richard Ermisch zusammenarbeitete.[7] Die Fabrik mit der Haus-Nr. 52–65 liegt als einziges Gebäude auf dem kurzen westlichen Teilstück der Oberlandstraße und grenzt direkt an die Autobahnausfahrt. Auf dem Haus prangt der riesige Schriftzug Chemische Fabrik Tempelhof, auch wenn die Chemiefabrik, inzwischen unter dem Namen CT Arzneimittel, ihren Firmensitz 1997 in den Bezirk Reinickendorf verlegt hatte. Heute teilen sich verschiedene kleinere Gewerbe und Betriebe die Gebäude, die nach schweren Bombentreffern und Teilzerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurden.

Im Jahr 1932 hatte die Kühlerfabrik das Gelände und die Gebäude an die Albert-Mendel-Aktiengesellschaft (AMAG) verkauft, die aus der Drogen-Großhandlung von 1917 des Apothekers Albert Mendel hervorgegangen war. 1932 firmierte die erfolgreiche Firma als Chemische Fabrik Albert Mendel AG und 1933 nach dem von den Nationalsozialisten erzwungenen Ausstieg der beiden jüdischen Vorstandsmitglieder Albert Mendel und Goldberg als Chemische Fabrik Tempelhof Aktiengesellschaft. Nach weiteren Namensänderungen, wobei der Bestandteil Chemische Fabrik Tempelhof jeweils erhalten blieb, heißt die Firma seit 1987 CT Arzneimittel GmbH.

Produktgeschichte schreibt seit 1922 der Tussamag-Hustensaft, der heute noch unter gleichem Namen von CT angeboten wird. „Das galenische Kombinations-Präparat in Sirupform gegen Keuchhusten, Kehlkopf- und Bronchialkatarrh“, wie es in der Firmenwerbung Ende der 1920er Jahre hieß, verdankt seinen zusammengesetzten Namen dem lat. tussis = Husten und dem Firmenkürzel AMAG. 1931 texteten die Werber im Stil der Zeit: „Plagt Husten Dich und Heiserkeit, Tussamag hilft jederzeit.“[8]

WohnviertelBearbeiten

InsellageBearbeiten

 
Eckhaus an der Oberlandstraße/ Eschersheimer Straße

Auf der Südseite der Oberlandstraße lösen östlich der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn große Wohnbereiche die Industriebauten ab und ziehen sich entlang der hier beginnenden Nebenstraßen bis zur Autobahntrasse beziehungsweise Gottlieb-Dunkel-Straße hin:

  • Bis zur Bacharacher Straße die Bärensiedlung der 1930er Jahre,
  • zwischen Bacharacher Straße und Holzmannstraße eine aufgelockerte Siedlung mit Einfamilienhäusern, öffentlichen Einrichtungen und einer Kirche
  • und weiter bis zur Bezirksgrenze zu Neukölln an der Eschersheimer Straße eine Wohnblockbebauung der 1950er Jahre, der Oberlandpark und eine Schule.

Auf der gegenüberliegenden Nordseite der Oberlandstraße folgen nach den UFA-Studios bis zur Bezirksgrenze kleinere Gewerbebetriebe und Verbrauchermärkte wie Lidl. Lediglich auf der Ecke zur Eschersheimer Straße gibt es auf dieser Seite fünf Wohnhäuser, die – deutlich älter als die Siedlungen – den Charme von Gründerzeitbauten aufweisen wie insbesondere das Eckhaus Oberlandstraße 1.

Eingebettet zwischen Oberlandstraße, Ringbahn, Autobahn, Gottlieb-Dunkel-Straße und der ehemaligen Frauenklinik Neukölln am Mariendorfer Weg und in der Eschersheimer Straße, die zurzeit zu einem neuen Wohnquartier umgebaut wird,[9] hat das Viertel seit dem Autobahnbau eine ähnlich geschlossene Insellage wie beispielsweise die Rote Insel in Schöneberg. Allerdings gibt es hier keine Infrastruktur mit kieztypischen Merkmalen aus Kneipen und Läden, wie sie sich bei der Roten Insel und ähnlichen Berliner Insellagen herausgebildet hat.

BärensiedlungBearbeiten

BeschreibungBearbeiten

 
Bärensiedlung von 1929 bis 1931, Innenbereich
 
Innenbereich der Bärensiedlung
 
Bärensiedlung, Außenfront an der Schaffhausener Straße
 
Brunnen in der Bärensiedlung

Das Baudenkmal Bärensiedlung um den Oberlandgarten und den Germaniagarten steht mit seinen Wohnhöfen, Grünanlagen und Brunnen als Gesamtensemble auch als Gartendenkmal unter Schutz. Die drei- und vierstöckigen Wohnblocks entstanden in den Jahren 1929–1931 nach Plänen von Gustav Hochhaus und ziehen sich an den Außenseiten wie zur Oberlandstraße über die gesamte Länge in einem Block zwischen den Seitenstraßen hin, nur unterbrochen durch die Zugänge zu den aufgelockerten garten- und parkähnlichen Innenbereichen, um die sich zwei innere hufeisenförmige Blöcke gruppieren. Vier große Durchfahrten, die seinerzeit feuerpolizeilich verlangt wurden, sind mit schlanken mittleren Pfeilern versehen, auf denen vier männliche und vier weibliche Plastiken angebracht sind. Die Kunstwerke sollen Arbeit und Heim symbolisieren und sind „nach Entwürfen der Bildhauer Hans Lehmann-Borges, Gildenhall, Felix Kupsch und Heinrich Giesecke, Berlin, von dem Keramikwerk Steinzeugfabrik Velten-Vordamm ausgeführt worden.“[10]

Die Grünanlagen mit Bäumen, Büschen und Wiesen schuf der Gartenarchitekt und Garteninspektor Richard Thieme, der unter anderem den Volkspark Wilmersdorf entworfen hatte. Den Namen Bärensiedlung verdankt die Wohnanlage dem Bärenbrunnen mit einer Bärenskulptur, die der Künstler Peter Lipmann-Wulf entworfen und das Keramikwerk Mutz-Gildenhall gebaut hatte. Eine weitere Brunnenanlage, der Märchenbrunnen, geht auf Pläne von Hans Lehmann-Borges und Gustav Hochhaus zurück. Beide Zierbrunnen sind außer Betrieb.

Die Anlage verfügt über knapp 900 Wohn- und lediglich vereinzelte Gewerbeeinheiten. Bauherr der Siedlung war die gemeinnützige AG Wohnungsbaugesellschaft Heimstätten-Siedlung Berlin-Wilmersdorf. Die Siedlung war ursprünglich mit vier Heizzentralen mit vierzehn Kesseln zu 41 m² Heizfläche zur Versorgung der Zentralheizung mit Warmwasser ausgestattet. Die Warmwasserversorgung besorgten acht Kessel mit je 21 m² Heizfläche und 14 Boiler. Zitat: „Das Bauvorhaben ist neben der Hauszinssteuerhypothek mit einer Zusatzhypothek bezuschußt worden, um die Mieten zu senken.“ 1930 betrug die monatliche Miete neben einem Abschlag von 15 Mark für Heiz- und Warmwasserkosten für eine Wohnung

  • mit 1½ Zimmern von etwa 50 m² Wohnfläche 58 Mark,
  • mit 2 Zimmern von etwa 55 m² Wohnfläche 63 Mark,
  • mit 2½ Zimmern von 66 m² Wohnfläche 75 Mark.[10]

Die landeseigene Stadt und Land Wohnbauten GmbH verkaufte 2003 die Siedlung. Unter Schutz stehen laut Denkmalliste im Einzelnen die Baugruppen an den Straßen Oberlandstraße 96–101, Bacharacher Straße 2 und 48, Germaniagarten 1–28, Oberlandgarten 1–26, und Schaffhausener Straße 1 und 51.[11]

Hintergrund: Umwidmung Industrie- in WohngebietBearbeiten

Auch die Bereiche der heutigen Wohngebiete östlich der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn waren ursprünglich als Industriegebiet ausgewiesen und wurden auf dem Dispensweg umgewidmet. Dazu schrieb der Ingenieur A. Wedemeyer 1930 in der Deutschen Bauzeitung:

 
Plastik in der Bärensiedlung

„Das durch die Oberland-, Bacharacher, Germania- und Schaffhausener Straße im Bezirk Tempelhof begrenzte, von der Heimstättensiedlung Berlin-Wilmersdorf Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Wohnzwecke erworbene, Gelände lag im Industriegebiet. Die Herausnahme aus diesem Gebiet und die Ausweisung als reines Wohngebiet ist auf dem Dispenswege erreicht worden. Hierfür sind folgende Gesichtspunkte maßgebend gewesen: Die Nähe des Zentralflughafens läßt wegen der hohen Schornsteine und sonstigen Hochbauten eine Erweiterung des Industriegebietes südlich der Oberlandstraße als unzweckmäßig erscheinen. Da die Oberlandstraße stark vom Verkehr in Anspruch genommen wird und deswegen Anschlußgleise von der Eisenbahngesellschaft nicht mehr hergestellt werden, ist das Gelände für Industriezwecke unvorteilhaft. Außerdem hat das Bezirksamt Tempelhof wegen der günstigeren Ausnutzung des Geländes und der beiden nördlich und südlich vorhandenen Verkehrsstraßen die Herausnahme der beiden Querstraßen und Hinzunahme zum Bauland genehmigt.“[10]

Oberlandpark und AufbauprogrammBearbeiten

Im Streifen östlich der Bärensiedlung liegen individuell gestaltete Einfamilienhäuser mit größeren Gärten, ein bezirkliches Seniorenfreizeitheim und eine ebenfalls bezirkliche Kindertagesstätte. Die serbisch-orthodoxe Kirche der Auferstehung Christi (bis 2008 evangelische Zinzendorfkirche) in der Holzmannstraße ist die einzige Kirche des gesamten Viertels. Die 1956 erbaute Kirche trug den zuvor Namen des Grafen von Zinzendorf, dem Begründer der Herrnhuter Brüdergemeine. An der parallel zur Oberlandstraße verlaufenden Rohrbeckstraße führt als schmales Band das Tiefbeet entlang, eine 1640 m² umfassende wohnungsnahe Grünanlage.

 
Plastik Ikarus von Volkmar Haase, 1983, Holzmannstraße vor der Marianne-Cohn-Schule; Streifen mit Einfamilienhäusern im Hintergrund

Der folgende Streifen zwischen der Holzmannstraße und dem Nackenheimer Weg ist zweigeteilt. An der Ecke Holzmannstraße befindet sich die Marianne-Cohn-Schule für geistig behinderte Kinder. Der Name der Schule erinnert an die Fürsorgerin Marianne Cohn, die ihr Leben opferte, um 32 jüdische Kinder vor der Deportation in ein Konzentrationslager zu retten. Vor der modernen Schule ragt die Edelstahlplastik Ikarus von Volkmar Haase empor, die der Berliner Bildhauer für den Neubau geschaffen hatte. Das 2,30 Meter hohe Kunstwerk aus dem Jahr 1983 trägt die dreizeilige Inschrift Der Schwung des Aufwindes – Der den Sturz beinhaltet – Ikarus.[12]

Südlich der Schule folgt der 5135 m² große Oberlandpark, der mit einer überbrückten Senke und leicht hügeligen Struktur einen Eindruck von dem flachwelligen Boden des Oberlands beziehungsweise Teltows vermittelt, wenn auch nicht so deutlich wie die beiden Parks am Rathaus Tempelhof. An den trennenden Park schließt sich im zweiten Teil des mittleren Streifens eine Wohnblockbebauung an, die sich im gesamten letzten Streifen vom Nackenheimer Weg bis zur Eschersheimer Straße an der Bezirksgrenze zu Neukölln fortsetzt. Die Wohnblocks stammen aus den Aufbauprogrammen nach dem Zweiten Weltkrieg, vornehmlich aus den Jahren 1954–55. Metallschilder zeigen an vielen Häusern den Berliner Bären und die Inschrift Aufbauprogramm Berlin 1954 oder Aufbauprogramm Berlin 1955 (Bild). Ähnlich wie die Bärensiedlung ist auch dieser Bereich aufgelockert strukturiert und mit Grünbereichen durchsetzt.

PersönlichkeitenBearbeiten

Der ostpreußische Bildhauer Otto Drengwitz (1906–1997) lebte um 1950 für kurze Zeit am Germaniagarten 18.[13] Von 1933 bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1939 wohnte der Gewerkschafter und SPD-Politiker Erich Flatau (1879–1946) am Oberlandgarten 7.[14] An einer Bushaltestelle am Oberlandgarten fiel am 7. Februar 2005 Hatun Sürücü einem „Ehrenmord“ zum Opfer. Der Tod der jungen Deutschen kurdischer Herkunft sorgte bundesweit für Entsetzen und löste eine intensive Debatte über Zwangsehen und Wertvorstellungen von muslimischen Familien aus, die in Deutschland leben.

 
Plastik in der Bärensiedlung

LiteraturBearbeiten

  • Matthias Heisig: Von AMAG zu ct – Die Karriere eines Hustensaftes. In: Bezirksamt Tempelhof von Berlin (Hrsg.): Von Eisen bis Pralinen, Tempelhof und seine Industrie. Begleitbuch zur Ausstellung. 2000, OCLC 248037720, S. 55–58.
  • Ilja Mieck: Von der Reformzeit zur Revolution (1806–1847). In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Geschichte Berlins, Erster Band. Verlag C.H. Beck, München, 1987, ISBN 3-406-31591-7, S. 486.
  • Michael Thiele: Vom „Schnutenschaber“ zum „Mach 3“ – Das Gillette-Werk in Tempelhof. In: Bezirksamt Tempelhof von Berlin (Hrsg.): Von Eisen bis Pralinen, Tempelhof und seine Industrie. Begleitbuch zur Ausstellung. 2000, OCLC 248037720, S. 59–64, Zitat S. 63.
  • Michael Thiele: Ufa – Die Filmfabrik in der Oberlandstraße. In: ebenda. S. 31–48; Zitat aus der Filmbühne S. 31.
  • A. Wedemeyer: Eine Großsiedlung in Berlin. Architekt Reg.-Baumeister G. Hochhaus, Berlin. Mit 14 Abb. nach Fotos von M. Krajewsky, Charlottenburg. In: Deutsche Bauzeitung. 1930, S. 639 ff.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Oberlandstraße (Berlin) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ilja Mieck: Von der Reformzeit …. S. 486.
  2. Geschichtsparcours Papestraße. Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, 2006, DNB 984204806, Booklet, S. 5.
  3. Michael Thiele: Vom Schnutenschaber …, S. 63.
  4. Ufa …, S. 31.
  5. Chronik. In: Berlinische Monatsschrift 11/1999 beim Luisenstädtischen Bildungsverein
  6. Verbrannte Zeit. In: Der Tagesspiegel, 21. Mai 2005.
  7. Eintrag in der Berliner Landesdenkmalliste
  8. Matthias Heisig: Von AMAG zu ct …, S. 55.
  9. Frühere Frauenklinik – Wo einst gewickelt wurde, entsteht jetzt ein Wohnquartier. In: Berliner Morgenpost, 21. Dezember 2016
  10. a b c A. Wedemeyer: Eine Großsiedlung in Berlin. Architekt Reg.-Baumeister G. Hochhaus, Berlin. Mit 14 Abb. nach Fotos von M. Krajewsky, Charlottenburg. In: Deutsche Bauzeitung. 1930
  11. Berliner Landesdenkmalliste: als Gesamtanlage, als Gartendenkmal
  12. Kurzbeschreibung zu Volkmar Haase.@1@2Vorlage:Toter Link/www.berlinatnight.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Laut dieser Darstellung stammt die Plastik von 1982, laut Text am Kunstwerk selbst von 1983.
  13. Harry Nehls: Ein Künstler der leisen Töne. Der Bildhauer Otto Drengwitz. In: Berlinische Monatsschrift 4/2001 beim Luisenstädtischen Bildungsverein
  14. Erich Flatau. (Memento des Originals vom 4. Oktober 2014 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/archiv.spd-berlin.de SPD-Berlin; Kurzbiografie

Koordinaten: 52° 27′ 52″ N, 13° 24′ 50″ O