Nikolai Platonowitsch Patruschew

russischer Militär, Leiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB

Nikolai Platonowitsch Patruschew (russisch Николай Платонович Патрушев Nikolaj Platonovič Patrušev; * 11. Juli 1951 in Leningrad) ist ein russischer Offizier und Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation. Er war von 9. August 1999 bis 12. Mai 2008 Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und gehört somit den Silowiki an – dem Kreis um Präsident Wladimir Putin, der aus dem Militär- und Sicherheitsapparat stammt. Innerhalb dessen wiederum gilt Patruschew als radikaler, europafeindlicher Hardliner.[1][2]

Nikolai Patruschew (2019)

LebenBearbeiten

Patruschew war von 1992 bis 1994 Sicherheitsminister und Leiter der Abteilung des föderalen Dienstes für Spionageabwehr der Republik Karelien.[3] Bereits in den 1970er-Jahren hatte Patruschew Wladimir Putin, den späteren russischen Präsidenten, kennen gelernt und soll der Autorin Catherine Belton zufolge schon damals eng mit ihm zusammengearbeitet haben.[2]

1999 wurde Patruschew als Nachfolger von Wladimir Putin Leiter des FSB.[4] 2006 soll er in dieser Funktion den Mord an dem russischen Nachrichtendienstler und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko mutmaßlich durch zwei FSB-Agenten gebilligt haben.[5][2]

Seit 2008 ist Patruschew Sekretär des Sicherheitsrats der Russischen Föderation.

Patruschew hat promoviert (Ph. D.), den Rang eines Armeegenerals und wurde mit mehreren Orden ausgezeichnet, unter anderem als „Held der Russischen Föderation“.

Politische PositionenBearbeiten

Patruschew wird als „Hardliner“ in Fragen der russischen Außen- und Sicherheitspolitik beschrieben. Er betone Russlands „historische Mission“ als Gegenentwurf zum moralisch verkommenen Europa. Medien beschrieben seine Verschwörungsideen als Paranoia, wonach der Westen Russland spalten wolle, und betonten seinen großen Einfluss auf Präsident Putin.[2] Im Herbst 2021 bezeichnete Patruschew die Ukrainer als „Nicht-Menschen“.[6]

Noch Ende Januar 2022 bestritt er jede Kriegsabsicht Russlands als „komplette Absurdität“.[2] Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine Ende Februar 2022 veröffentlichte er im April ein Manifest in der Rossijskaja gaseta, das als Zusammenschau der radikalsten Forderungen aus der Gruppe der Silowiki an die politische Führung Russlands aufgefasst wurde. Darin beschuldigt er die Vereinigten Staaten und die Europäische Union, in der Ukraine eine „Ideologie des Neonazismus“ zu unterstützen.[1] Zur Länge des Krieges sagte er, es gebe keinen Zeithorizont für die Denazifizierung der Ukraine, denn der Nazismus müsse „zu 100 Prozent ausgerottet“ werden.[7]

Patruschew fordert die völlige Abkehr von der Marktwirtschaft in Russland und verwies zur Begründung auf angebliche „russische Besonderheiten“. Ziel sei die Schaffung einer speziellen russischen Wirtschaft mit strikter „Disziplin“, welche die „Bedürfnisse des Staates“ befriedige, was nach Einschätzung von Mark Galeotti einer permanenten Kriegswirtschaft ähnlich wie in der Zeit der Sowjetunion gleichkommt.[8]

Patruschew wird als engster Vertrauter Wladimir Putins im russischen Regierungsapparat wahrgenommen und soll von diesem zu seinem Stellvertreter für den Fall einer zeitweiligen Verhinderung der Amtsausübung erkoren worden sein.[1]

SanktionenBearbeiten

Am 25. Juli 2014 wurde er nach der völkerrechtlich umstrittenen Annexion der Krim durch Russland auf die Sanktionsliste der Europäischen Union gesetzt.[9] Ende Februar 2022 setzte die US-Regierung Patruschew auf eine Sanktionsliste.[10]

SöhneBearbeiten

Sein ältester Sohn Dmitri Patruschew ist seit 18. Mai 2018 Landwirtschaftsminister der Russischen Föderation.[11] Sein jüngerer Sohn Andrei schloss 2003 die FSB-Akademie ab, wo er zusammen mit seinem Klassenkameraden Pawel Fradkow, dem Sohn von Michail Fradkow, Jura studierte, und arbeitete in Führungspositionen bei Gazprom Neft.[12]

WeblinksBearbeiten

Commons: Nikolai Platonowitsch Patruschew – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Putin to undergo cancer treatment, handover power to loyalist Nikolai Patruashev: Reports. In: The Statesman, 12. Mai 2022.
  2. a b c d e tagesschau.de: Die Männer um Putin: Auf Nummer sicher. Abgerufen am 16. März 2022.
  3. ПАТРУШЕВ НИКОЛАЙ ПЛАТОНОВИЧ. In: fsb.ru. Abgerufen am 26. Oktober 2020 (russisch).
  4. Katja Tichomirowa: Putins Freund aus alten Tagen. In: Berliner Zeitung, 29. November 2006.
  5. The Litvinenko Inquiry. Report into the death of Alexander Litvinenko. House of Commons, Januar 2016, S. 241–244.
  6. Gerhard Mangott: Sturz in den Abgrund? Was Putins engster Kreis nach dem Kriegsversagen fürchten muss. In: www.focus.de. 1. April 2022, abgerufen am 2. April 2022.
  7. "Die Wahrheit ist auf unserer Seite." Nikolay Patrushev - über den Zeitpunkt der Spezialoperation, Argumenty i Fakty, 24. Mai 2022
  8. Russia’s Hardliners Present Their Manifesto: A Forever War with the West and a permanent wartime economy. In: The Moscow Times, 29. April 2022.
  9. Durchführungsverordnung (EU) Nr. 810/2014 des Rates vom 25. Juli 2014 zur Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 269/2014 des Rates über restriktive Maßnahmen angesichts von Handlungen, die die territoriale Unversehrtheit, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergraben oder bedrohen. In: Amtsblatt der Europäischen Union.
  10. Russia-related Designations, Februar 2022
  11. https://web.archive.org/web/20210803130121/https://www.rbc.ru/politics/18/05/2018/5afeb1749a7947be816380de Dmitry Patrushev headed the Ministry of Agriculture: The head of Rosselkhozbank, Dmitry Patrushev, will head the Ministry of Agriculture in the new Russian government. Prime Minister Dmitry Medvedev presented his candidacy to President Vladimir Putin
  12. Here are the Russian oligarchs targeted in Biden's sanctions. Abgerufen am 5. Juni 2022 (englisch).