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Neuendorf bei Potsdam

Stadtteil von Potsdam

Koordinaten: 52° 23′ N, 13° 5′ O

Neuendorf bei Potsdam (und Nowawes) auf dem Urmesstischblatt von 1835
Heutiges Neuendorf mit der achteckigen, wieder aufgebauten Backsteinkirche in der Mitte (Beginn 21. Jahrhundert)

Neuendorf, in der älteren Literatur meist Neuendorf bei Potsdam genannt, war ein Ort im heutigen Stadtgebiet von Potsdam. 1907 war er in Nowawes eingegliedert worden und ist heute im Potsdamer Stadtteil Babelsberg aufgegangen. Der ursprüngliche Dorfkern ist aber im Stadtbild noch gut erkennbar. Neuendorf bei Potsdam gehörte 1375 zusammen mit Potsdam zur kleinen Adelsherrschaft Beuthen.

Geographische LageBearbeiten

Neuendorf liegt heute völlig im Stadtgebiet von Potsdam und gehört zum Stadtteil Babelsberg. Der ursprüngliche Dorfkern, ein Runddorf, ist in der Straßenanlage noch gut sichtbar. Der Name des ehemaligen Dorfes hat sich nur noch im Straßennamen Neuendorfer Anger erhalten.

GeschichteBearbeiten

14. bis 16. JahrhundertBearbeiten

Der Ort wurde 1375 im Landbuch Karls IV. erstmals urkundlich genannt. Er gehörte damals zum Teltow und war im Besitz des Henning von Gröben. Bereits 1349 wurde die Hakenmühle in der Neuendorfer Flur urkundlich erwähnt, als der Falsche Waldemar die Mühle an die Gebrüder von Torgow verkauft hatte. Der dort über mehrere Nuthearme führende Hakendamm war die einzige feste Verbindung von Neuendorf nach Potsdam. Fuhrwerke, die den Damm passierten, mussten Zoll zahlen. Die Ansiedlungh der Bewohner erfolgte rund um die Dorfkirche und bildete schließlich ein typisches Runddorf. Runddörfer werden inzwiswchen als Plansiedlungen interpretiert, die bereits in einer sehr frühen Phase der deutschen Ostsiedlung entstanden. Der Name Neuendorf ist selbsterklärend und deutet auf ein völlig neues Dorf hin, oder es wurden kleinere Siedlungen der nächsten Umgebung in einem neuen Dorf zusammengefasst.

Im Jahr 1323 hatte das Domstift Brandenburg die Insel Potsdam mit allen Immobilien erworben. 1373 war Henning von Gröben nicht nur im Besitz von Schloss Beuthen, damals noch Burg Beuthen genannt, sondern auch im Besitz von Potsdam und seinem Zubehör. Da Neuendorf – zumindest später wieder – zum Amt Potsdam gehörte, dürfte Neuendorf den gleichen Besitzweg wie Potsdam genommen haben.

„Nyendorff sunt 9 mansi. Quilibet dat ½ chorum siliginis et ½ chorum avene et 2 pullos Henningho de Groeben moranti in castro Buten, qui eciam habet iudicium supremum a patre suo. Curie cossatorum sunt 5, quelibet dat 2 solidos et 2 pullos eidem Hennino de Groben. Taberna non habent. Eciam non recordantur dominum marchionem ibi aliquid habuisse.“

Schulze, Landbuch, S. 89/90

Das Dorf war in elf Hufen eingeteilt. 1375 werden allerdings nur neun Hufen genannt, 1450 und 1480 sind es dann elf Hufen, allerdings waren zwei Hufen wüst (wahrscheinlich die Erklärung für die neun Hufen von 1375). Nach dem Landbuch von 1375 musste jede Hufe einen halben Wispel Roggen und einen halben Wispel Hafer sowie zwei Hühner an den Henning v. Gröben auf der Burg Beuthen abliefern, der das Obergericht über den Ort bereits von seinem Vater geerbt hatte. Es gab fünf Kossätenhöfe im Ort, von denen jeder zwei Schillinge und zwei Hühner an den Henning v. Gröben abgeben musste. Es gab aber keinen Krug im Dorf, und Besitz des Kurfürsten im Dorf war nicht bekannt.

Ab 1411 war Friedrich, der Burggraf von Nürnberg, zunächst als Verwalter, ab 1415 als Kurfürst von Brandenburg bemüht, die Ordnung in der Mark Brandenburg wiederherzustellen. 1414 belagerte sein Gefolgsmann Hans von Torgau die Burg Beuthen, die von einem Gefolgsmann des Johann von Quitzow, Götz von Predöhl, verteidigt wurde. Nach dem Fall der anderen Quitzow-Burgen Friesack und Plaue übergab Götz von Predöhl die Burg Beuthen kampflos. Im Landfrieden von Tangermünde vom 20. März 1414 verloren die Quitzows alle ihre Besitzungen und Pfänder, darunter sicher auch die Burg Beuthen (und damit auch Potsdam und Neuendorf?). 1416 verlieh Friedrich I. Schloss Beuthen an Peter von Bredow, dem Vormund der von Schlabrendorf, Kinder seiner Tochter, für 1500 prager Groschen, behielt sich jedoch die Wiedereinlösung vor.

1422 war auch Neuendorf (und Potsdam) im Besitz des Markgrafen, denn in diesem Jahr verkaufte Friedrich I. Neuendorf und die Hakenmühle für 105 Schock Groschen Prager Münze auf Wiederkauf an den cöllner Bürger Heinrich Gleinik (Glienicke) und seine Ehefrau Katharina Danewitz. Der Verkauf beinhaltete die Gerechtigkeiten, Renten und Zubehörungen, d. h. das Obergericht, die Dienste der Bauern und die Abgaben in Höhe von 5 Schock und 24 böhmische Groschen, 40 Hühner, 3 Viertel Mohn und 140 Eier, die jährlich auf Martini (11. November) an den Ortsherrn zu liefern waren. Die Bauern hatten aber das Recht in der Nuthe bis zur Neuen Burg (bei Drewitz) zu fischen, wie sie es schon von alters her getan hatten. Sie durften auch aus der Holzung entlang des rechten Nuthe-Ufers Holz entnehmen, Rohr schneiden und dort Bienenstöcke aufstellen.

1426 verkaufte Friedrich I. Schloss, Städtchen und Amt Potsdam ebenfalls auf Wiederkauf an die v. Lattorf. Dabei gestattete er den Käufern, dass sie auch Neuendorf und die Hakemühle von Heinrich Glienicke wieder einlösen durften. Dies scheint auch geschehen zu sein, denn bei weiteren Verpfändungen Potsdams und des Amtes Potsdam war Neuendorf mit eingeschlossen. 1450 gehörte Neuendorf wieder zur Vogtei Potsdam. Zwei Hufen lagen wüst, die anderen neun Hufen gaben jeweils ein halb Schock (Groschen). Ein Kossäte musste einen halben Scheffel Mohn und sechs Hühner abliefern, die anderen vier Kossäten gaben zusammen 12 Groschen. 1449 verlieh Friedrich II. sechs Schock Groschen von den Neuendorfer Abgaben als Leibgedinge für die Frau seines Kammermeisters Georg von Waldenfels.

1589 lebten sechs Hufner und elf Kossäten im Dorf.

Vom 17. Jahrhundert bis 1907Bearbeiten

Im Jahr 1624 wurden neben den Hufnern und Kossäten noch ein Hirte und ein Paar Hausleute als Einwohner genannt. Der Dreißigjährige Krieg ging auch an Neuendorf nicht spurlos vorbei, wenn auch weniger schlimm als in manch anderen Orten der näheren Umgebung. 1654 hatte Neuendorf bereits wieder einen Schulzen, vier Bauern (zwei Höfe lagen wüst) und sechs Kossäten. 1678 wurde am Hakendamm bei der Hakenmühle eine Glashütte errichtet. 1700 wurde sie modernisiert und mangels eines Pächters vom Amt verwaltet. 1736 wurde sie nach Zechlinerhütte (heute Ortsteil von Rheinsberg) verlegt. 1711 waren sechs Bauern, 10 Kossäten, ein Hirte und vier Paar Hausleute in Neuendorf ansässig. 1745 ist erstmals ein Krug, außerhalb des Dorfes gelegen, nachgewiesen. 1750 wurde auf einem Teil des Territoriums von Neuendorf mit der Anlage des Spinnerdorfes Nowawes begonnen, das bereits wenige Jahre später Neuendorf in der Einwohnerzahl überflügelte. 1801 wurden in Neuendorf 23 Feuerstellen gezählt. 1840 gab es im Dorf 31 Wohnhäuser, unter den Wirtschaftsgebäuden auch eine Pappfabrik. Danach wuchs der Ort rasch an. 1860 gab es bereits 16 Abbauten, d. h. Siedlungen außerhalb des Dorfkerns. Gezählt wurden drei öffentliche Gebäude, 59 Wohngebäude und 76 Wirtschaftsgebäude, darunter vier Windmühlen, eine Dampfmaschinenspinnerei und Tuchfabrik mit Walke und Appretur. 1900 bestand der Ort aus 340 Häusern und hatte über 4000 Einwohner. Trotzdem war der Ort weit hinter Nowawes zurückgeblieben, das schon vor 1900 die 10.000-Einwohnermarke hinter sich gelassen hatte. 1907 schlossen sich Neuendorf und Nowawes zu einer Gemeinde zusammen, und damit endet die eigenständige Geschichte des Dorfes. Auch der Name Neuendorf verschwand als eigenständige Verwaltungseinheit.

EinwohnerentwicklungBearbeiten

Anzahl Einwohner
Jahr 16241734177218011817184018581895
Einwohner ca. 80–901311331461212306404.139

[1]

Kirchliche VerhältnisseBearbeiten

Die Neuendorfer Bauern und Kossäten waren nach Potsdam eingekircht. Sie mussten dafür dem Potsdamer Pfarrer elf Scheffel Roggen geben (wohl pro Hufe 1 Scheffel). 1585 erbauten die Neuendorfer eine einfache Fachwerkkirche auf dem Dorfanger, die vom Potsdamer Pfarrer kuriert wurde. 1700 und 1800 war Neuendorf Tochterpfarre von St. Nikolai in Potsdam. Sie wurde 1871 Mutterkirche und gehörte zur Superintendentur Potsdam.

1850 bis 1852 wurde südlich der alten Fachwerkkirche nach Entwurf von Bauinspektor Christian Heinrich Ziller eine neue Backsteinkirche mit achteckigem Grundriss (nach dem Vorbild der Gereonskirche in Köln) errichtet.

1898–1899 ließ die Christengemeinde einen weiteren Neubau errichten: nach Plänenen und unter Leitung von Ludwig von Tiedemann entstand ein Kirchengebäude im neogotischen Stil. Bei ihrer Einweihung erhielt sie den Namen Bethlehemskirche. In ihrem Turm wurde ein dreistimmiges Geläut aus Gussstahl-Glocken, die im Bochumer Verein gegossen worden waren, installiert. Eine Inventarliste der Gießerei enthält folgende Angaben: das Ensemble aus Glocken mit Klöppel, Lager, Achsen und Läutehebel kostete in der Herstellung 2269 Mark.[2]

Glockenplan
Größe Schlagton Gewicht (kg) unterer
Durchmesser (mm)
Höhe (mm) Inschrift
größte ges 859,5 1260 1120 unbekannt
mittlere b 409,5 0960 0865 unbekannt
kleinste c 297 0890 0800 unbekannt

1932 wurde die Kirchengemeinde Neuendorf mit der Kirchengemeinde Nowawes vereinigt. Das Patronat hatte das Amt Potsdam, später der Fiskus.

Die Bethlehemskirche erlitt am Ende des Zweiten Weltkriegs stark Beschädigungen. Im Jahr 1952 wurden die Reste gesprengt und beseitigt. Im 21. Jahrhundert markieren Ziegelsteine im Rasen des Neuendorfer Angers den Grundriss der verschwundenen Kirche. Die Backsteinkirche mit achteckigem Grundriss, die im Zweiten Weltkrieg ebenfalls stark beschädigt wurde, wurde 1999–2007 wieder aufgebaut.[3]

WeblinksBearbeiten

  Commons: Neuendorf bei Potsdam – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

PersönlichkeitenBearbeiten

  • Friedrich Lützow (1881–1964), Vizeadmiral im Zweiten Weltkrieg, Schiffskommandant und Militärschriftsteller
  • Egon Eiermann (1904–1970), geboren in Neuendorf, deutscher Architekt, Möbeldesigner und Hochschullehrer, gilt als einer der bedeutendsten Architekten der Nachkriegsmoderne in der Bundesrepublik

LiteraturBearbeiten

  • Lieselott Enders, Margot Beck: Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil IV: Teltow. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1976.
  • Ernst Fidicin: Die Territorien der Mark Brandenburg oder Geschichte der einzelnen Kreise, Städte, Rittergüter und Dörfer in derselben als Fortsetzung des Landbuchs Kaiser Karl's IV. Band I. enthält: I. den Kreis Teltow, II. den Kreis Nieder-Barnim. Guttentag, Berlin 1857.
  • Joachim Hermann: Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle Gross-Berlins und des Bezirkes Potsdam. (= Schriften der Sektion für Vor- und Frühgeschichte, 9). Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1960, S. 1–229.
  • Gerhard Schlimpert: Brandenburgisches Namenbuch. Teil 3: Die Ortsnamen des Teltow. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1972, DNB 720138094.
  • Johannes Schultze: Das Landbuch der Mark Brandenburg von 1375. Brandenburgische Landbücher. Band 2, Kommissionsverlag von Gsellius, Berlin 1940, S. 102–103.
  • Wilhelm Spatz: Der Teltow. Teil 3: Geschichte der Ortschaften des Kreises Teltow. Rohde, Berlin 1912.
  • Neuendorf-Nowawes-Babelsberg, Stationen eines Stadtteils. 3. Auflage. Geiger-Verlag, Horb am Neckar 2008, ISBN 978-3-89570-653-0.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. L. Enders, M. Beck: Historisches Ortslexikon für Brandenburg. Teil IV: Teltow. 1976, S. 199–201.
  2. Zusammenstellung der nach Berlin und Umgegend gelieferten Geläute; Bochumer Verein, um 1900. Im Archiv der Köpenicker Kirche St. Josef, eingesehen am 6. August 2019.
  3. Der Wiederaufbau 1999–2007. Förderverein Alte Neuendorfer Kirche und Neuendorfer Anger e. V.