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Logo der Neuen Heimat

Die Neue Heimat (NH) war ein gemeinnütziges deutsches Bau- und Wohnungsunternehmen mit Hauptsitz in Hamburg, das dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) gehörte. Einschließlich der Vorgänger-Unternehmen bestand es von 1926 bis 1990.

GeschichteBearbeiten

 
Die frühere Firmenzentrale in der Lübecker Straße 1, geplant von Ernst May – Nach Umbau (2012)
 
Unternehmensstruktur der Neuen Heimat Stand 1976
 
Das 1955 von Ernst May für die Neue Heimat errichtete Hochhaus am Habichtsplatz in Hamburg-Barmbek-Nord ist noch heute ein markanter Blickfang

Der Kern der späteren Neuen Heimat bestand in gewerkschaftseigenen Wohnungsunternehmen, die in den 1920er Jahren zur Versorgung von Arbeitern mit Kleinwohnungen gegründet worden waren. Insbesondere die Gemeinnützige Kleinwohnungsbaugesellschaft Groß-Hamburg (GKB) von 1926 übernahm eine Führungsfunktion.

Der Name entstand in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Mai 1933 wurden die Gewerkschaften enteignet und ihr Vermögen auf die Deutsche Arbeitsfront (DAF) übertragen. Diese benannte 1939 die einzelnen Firmen in Neue Heimat um.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Vermögen der DAF durch die Alliierten beschlagnahmt. Die Neue Heimat Hamburg wurde 1952 von der britischen Besatzungsmacht dem 1949 wieder gegründeten DGB übergeben. Heinrich Plett, Vorsitzender der Neuen Heimat Hamburg, vereinigte im Auftrag des DGB alle gewerkschaftseigenen Bau- und Wohnungsgesellschaften in Deutschland bis 1954 und schuf so den Großkonzern Neue Heimat. Als Planungsleiter gewann Plett den Architekten Ernst May.

Mit May als Planer stieg die Neue Heimat in den Bau von Großsiedlungen ein. Der Wiederaufbau stand vor der Notwendigkeit, mindestens fünf Millionen neue Wohnungen zu errichten. Bis Ende der 1950er Jahre stieg der Wohnungsbestand der Neuen Heimat durch massenhaften Neubau auf über 100.000 Wohnungen. Es entstanden unter anderem die Siedlungen Parkstadt Bogenhausen (München), die Gartenstadt Farmsen (Hamburg), Grünhöfe (Bremerhaven), Lübeck-St. Lorenz und die Neue Vahr (Bremen).

Nach dem Tod Pletts 1963 übernahm dessen „Ziehsohn“ Albert Vietor die Leitung des Großunternehmens, das bereits über einen Bestand von 200.000 Wohnungen verfügte. Zu den bekanntesten deutschen Neue-Heimat-Wohnanlagen der folgenden Jahre zählen Mettenhof (Kiel), Osterholz-Tenever (Bremen), Königswiesen (Regensburg), Lohbrügge-Nord und Karlshöhe (Hamburg), Auefeld (Kassel), Leherheide in Bremerhaven, Monheim am Rhein und Ratingen-West (beide Kreis Mettmann), Heidelberg-Emmertsgrund, Hasenbergl und Neuperlach (München).

Zunehmend gelang es den Kommunen nicht mehr, die soziale Infrastruktur wie Schulen, Kindergärten im selben Tempo zu errichten, wie die Neue Heimat Siedlungen baute.[1] Daraufhin baute die Neue Heimat auch diese Einrichtungen. Weil diese Tätigkeit nicht mit der Gemeinnützigkeit des Wohnungsbaus vereinbar war, gründete die Neue Heimat 1964 zunächst ein kommerzielles Tochterunternehmen Neue Heimat Kommunal und 1969 die Neue Heimat Städtebau, mit der sie ihr Angebot auch auf Gewerbebauten wie das Elbe-Einkaufszentrum und das Kongresszentrum CCH in Hamburg erweiterte. Seit 1962 war die Neue Heimat auch im Ausland tätig, diese Geschäftsfelder wurden 1971 in der Neue Heimat International gebündelt. In den 1970er Jahren stieg die Neue Heimat auch in das Geschäft mit der Altstadtsanierung ein (Hameln, Stade u. a.)

Die Neue Heimat war der führende Baukonzern für Großprojekte. Als bei den Vorbereitungen der Olympischen Spiele 1972 in München erst 1970 bemerkt wurde, dass rund 4000 Unterkünfte für Journalisten fehlten, konnte die Neue Heimat pünktlich bis zur Eröffnung die Olympia-Pressestadt nach Plänen von Architekt Alexander von Branca errichten.

Mit der Ölkrise und dem weitgehenden Abschluss des Großwohnungsbaus der Nachkriegszeit hätte sich der Konzern wandeln müssen. Laut Historiker Peter Kramper war „ein gemeinwirtschaftliches Unternehmen mit einem Konzept aus den Sechzigerjahren unter den Marktbedingungen der Achtziger nicht mehr lebensfähig.“[1] Statt dessen wurde das kommerzielle Baugeschäft im In- und Ausland erweitert. Es entstanden unzählige Projektgesellschaften und Tochterunternehmen, deren Struktur nicht mehr überblickt wurde.

Neue-Heimat-AffäreBearbeiten

Am 8. Februar 1982 erschien ein Bericht im Spiegel,[2] in dem aufgedeckt wurde, dass sich mehrere Vorstandsmitglieder unter der Führung von Albert Vietor persönlich, zum Teil auch direkt an den Mietern, bereichert hatten. Die Vorstandsmitglieder und andere Führungskräfte hatten über Strohmänner eigene Unternehmen gegründet und sich überteuerte Aufträge der Neuen Heimat zugeschoben.[1]

Das Material zur Aufdeckung war dem Spiegel von John Siegfried Mehnert angeboten worden, dem als Pressestellenleiter der Neuen Heimat gekündigt worden war.[3]

Eine Woche später entließ der Aufsichtsrat unter dem DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter die Beschuldigten. Von 1982 bis 1986 war Diether Hoffmann Sprecher der Geschäftsführung der Wohnungsbaugruppe. In den weiteren Untersuchungen stellte sich eine erhebliche Verschuldung des Konzerns heraus. Der Vorstand hatte Schulden von mehreren hundert Millionen Mark zu verantworten, als Hauptursache galt Missmanagement in Auslandsprojekten.[1]

Am 7. Dezember 1982 gab der Konzern die Unternehmenszahlen bekannt, demnach gab es einen Verlust von 193 Millionen DM bei der Neuen Heimat und 562 Millionen DM bei der Neue Heimat Städtebau. Der Umsatz betrug 1981 rund 6,4 Milliarden DM. Am 25. Januar 1983 veröffentlichte der Konzern Auszüge aus einem unabhängigen Gutachten der Wirtschaftsprüfergesellschaft Treuarbeit, aus dem hervorging, dass der ehemalige Vorstandschef Albert Vietor durch Privatgeschäfte dem Unternehmen einen Verlust von 105 Millionen DM bereitet hatte. Durch Entlassungen und Verkäufe der Wohnungsbestände versuchte sich der Konzern zu sanieren.

 
Untersuchungsausschuss „Neue Heimat“, 1987

Am 18. September 1986 versuchte der DGB die Reste des gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmen nach mehrwöchiger Verhandlung zum symbolischen Preis von einer Mark an die Firma DNG Vermögensbildung GmbH des Berliner Bäckerei-Unternehmers Horst Schiesser zu verkaufen. Die ursprüngliche Absichtserklärung sah einen Kaufpreis von 360 Millionen DM vor, der bis 2006 gestundet werden sollte. Die Verbindlichkeiten der übernommenen Neuen Heimat betrugen etwa 16 Milliarden Mark. Der Verkauf stieß in der Öffentlichkeit auf Unverständnis. Die Presse hielt einen mittelständischen Unternehmer mit dem milliardenschweren Wohnungsunternehmen für überfordert. Auch der symbolische Kaufpreis von einer Mark für überschuldete Unternehmen war in der Öffentlichkeit damals nicht geläufig und löste Erstaunen aus. Der Sanierungsplan Schiessers wurde von den Banken nicht akzeptiert, daher wurde der Vertrag am 12. November 1986 rückabgewickelt. Schiesser erhielt nach längeren Prozessen eine millionenschwere Abfindung, die jedoch überwiegend für die Bezahlung von Anwälten verloren ging.

AbwicklungBearbeiten

 
Von Ernst Hürlimann gestaltete Beschilderung von 1975 in einer Neue-Heimat-Wohnanlage in München-Neuperlach

Am 25. November 1986 wurde eine NH-Auffanggesellschaft gegründet mit der Bestellung von Heinz Sippel zum Treuhänder. Nach dem Verkauf aller Wohnungsbestände legte dieser im September 1990 sein Mandat nieder.

Die meisten Regionalgesellschaften der Neuen Heimat wurden in dieser Zeit entweder an die Bundesländer (zum Beispiel Bremen die GEWOBA, Hamburg die GWG Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft, Berlin als WIR Wohnungsbaugesellschaft in Berlin mbH danach Gewobag WB Wohnen in Berlin GmbH, Hessen die GWH, Nordrhein-Westfalen LEG Immobilien) oder an private Investoren verkauft (Baden-Württemberg und Bayern). 5.500 Wohnungen aus dem Bestand der NWGS, überwiegend in NRW, übernahm das Grevener Unternehmen Sahle Wohnen.

In Schleswig-Holstein und Niedersachsen gab es kein Interesse an den dortigen Wohnungsbeständen; es kamen andere Verkaufskonzepte zum Zuge: In Schleswig-Holstein erwarb eine gewerkschaftsnahe Immobilienhandelsgesellschaft die Wohnungsbestände, die sie später en bloc veräußerte.

Infolge der Regionalisierung der NH-Bremen übernahm die Neue Heimat Niedersachsen von dieser und anderen Gesellschaften, unter anderem von der Nordwestdeutschen Siedlungsgesellschaft (NWDS), rund 37.000 Wohnungen. Die dadurch entstandenen hohen Belastungen gefährdeten den Fortbestand der NH-Niedersachsen. Dieser wurde 1988 unter anderem durch den Verkauf von etwa 8.200 Wohnungen an die von der Gewerkschaftsholding BGAG mitgegründete ALLWO AG Hannover gesichert. Diese verkaufte die Wohnungen nach dem von der BGAG entwickelten Privatisierungskonzept Wohnungen in Mieterhand an Mieter und Kapitalanleger weiter, rund die Hälfte davon per Strukturvertrieb nach den Methoden des Immobilienbetrugs.

Am 5. Juni 1998 wurde die Abwicklung der Neuen Heimat durch die Verschmelzung der HVB (Hamburger Verwaltungs- und Betreuungs-Aktiengesellschaft) zur BGAG (Beteiligungsgesellschaft der Gewerkschaften Aktiengesellschaft, früher Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft AG) abgeschlossen.

Die seinerzeit als BauBeCon-Gruppe firmierende ehemalige Regionalgesellschaft Neue Heimat Niedersachsen blieb bis Herbst 2005 in Gewerkschaftsbesitz, als sie an die Cerberus Capital Management verkauft wurde. Dies war Folge der Finanzprobleme bei der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR), in deren Folge die Gewerkschaften ihren Anteil an der Bank im selben Jahr an den US-Finanzinvestor Lone Star verkauften.

FolgenBearbeiten

Neue Heimat wurde zu einem negativ besetzten Begriff für den heute nicht mehr akzeptierten Großsiedlungsbau in Form von Trabantenstädten der 1960er- und 1970er-Jahre (Schlagworte „Urbanität durch Dichte“, „Charta von Athen“). Dabei ist zu berücksichtigen, dass zunächst die erhebliche Wohnungsnot der Nachkriegszeit durch intensive Bebauung behoben werden musste. Im massiv ausgebombten Land suchten zusätzlich auch bis zu 14 Millionen Geflüchtete und Vertriebene ein Dach über dem Kopf.

Durch die Bereicherung mehrerer Vorstände geriet die unternehmerische Betätigung der Gewerkschaften insgesamt in die Kritik. Weiter schadete die Affäre der ihr nahestehenden SPD. Maßgeblich dafür war auch der Untersuchungsausschuss Neue Heimat des Bundestages, der 1986 eingesetzt wurde und im Folgejahr seinen Abschlussbericht vorlegte. 1990 wurde die Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau gesetzlich abgeschafft.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Wilhelm Kaltenborn: Neue Heimat – Die Jahre 1982 bis 1990. Ergebnisse und Bewertungen, Düsseldorf 1990.
  • Andreas Kunz: Die Akte Neue Heimat. Krise und Abwicklung des größten Wohnungsbaukonzerns Europas 1982–1998. Campus Verlag, Frankfurt 2002, ISBN 3-593-37164-2.
  • Erwin K. Scheuch, Ute Scheuch: Manager im Größenwahn. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2003, ISBN 3-499-61481-2.
  • Peter Kramper: NEUE HEIMAT. Unternehmenspolitik und Unternehmensentwicklung im gewerkschaftlichen Wohnungs- und Städtebau 1950–1982. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Band 200. Franz Steiner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-09245-6 Rezension.
  • Michael Mönninger: "Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates." Städte- und Wohnungsbau in der Nachkriegsmoderne. Die Konzernschrift Neue Heimat Monatshefte 1954–1981. Berlin 2018, ISBN 978-3-86922-405-3.
  • Ulrich Schwarz, Hartmut Frank (Hg.), Neue Heimat. Das Gesicht der Bundesrepublik. Bauten und Projekte 1947–1985 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 38), Dölling und Galitz, Hamburg 2019, ISBN 978-3-86218-112-4.
  • Andres Lepik, Hilde Strobl (Hrsg.): Die Neue Heimat (1950–1982) Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten, (Ausstellungskatalog), De Gruyter 2019, ISBN 978-3-95553-476-9.

AusstellungenBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Ute Wiedemeyer: Der Skandal um die Neue Heimat. Spiegel online - einestages, 23. Juni 2019
  2. Gut getarnt im Dickicht der Firmen – Neue Heimat: Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen. In: Der Spiegel. Nr. 32, 1982, S. 92–104 (online).
  3. Uwe Bahnsen: Als die „Neue Heimat“ plötzlich ganz alt aussah, welt.de, 6. Februar 2017
  4. Das Museum zur Ausstellung