Neu Kaliß

Gemeinde in Deutschland

Neu Kaliß ist eine Gemeinde im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Sie wird vom Amt Dömitz-Malliß mit Sitz in der Stadt Dömitz verwaltet.

Wappen Deutschlandkarte
Die Gemeinde Neu Kaliß führt kein Wappen
Neu Kaliß
Deutschlandkarte, Position der Gemeinde Neu Kaliß hervorgehoben

Koordinaten: 53° 11′ N, 11° 17′ O

Basisdaten
Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern
Landkreis: Ludwigslust-Parchim
Amt: Dömitz-Malliß
Höhe: 18 m ü. NHN
Fläche: 34,05 km2
Einwohner: 1962 (31. Dez. 2019)[1]
Bevölkerungsdichte: 58 Einwohner je km2
Postleitzahl: 19294
Vorwahl: 038758
Kfz-Kennzeichen: LUP, HGN, LBZ, LWL, PCH, STB
Gemeindeschlüssel: 13 0 76 103
Gemeindegliederung: 4 Ortsteile
Adresse der Amtsverwaltung: Goethestraße 31
19303 Dömitz
Website: www.neukaliss.de
Bürgermeister: Burkhard Thees (FDP)
Lage der Gemeinde Neu Kaliß im Landkreis Ludwigslust-Parchim
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Über dieses Bild

GeographieBearbeiten

Geographische LageBearbeiten

Neu Kaliß liegt im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns am Rande des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe-Mecklenburg-Vorpommern in direkter Nachbarschaft zur Stadt Dömitz. Im Südosten grenzt Neu Kaliß mit einer kurzen Strecke an das Bundesland Brandenburg. Durch die Gemeinde fließt der Eldekanal, der Bestandteil der Müritz-Elde-Wasserstraße ist. Obwohl die Alte Elde weiter südöstlich in Richtung Löcknitz verläuft, wird ein Seitenarm des Eldekanals im Ort ebenso bezeichnet. Ein wesentlicher Teil der Gemeinde wird von ausgedehnten Nadelwäldern bedeckt. Neu Kaliß liegt auf einer Höhe von 18 m ü. NHN. Die höchste Erhebung befindet sich mit dem Karrenberg und 33 m ü. NHN im südöstlichen Gemeindegebiet an der Grenze zu Brandenburg.

GemeindegliederungBearbeiten

Zur Gemeinde gehören die Ortsteile Neu Kaliß, Heiddorf, Kaliß und Raddenfort.[2]

GeschichteBearbeiten

Vom 15. Jahrhundert bis zur GegenwartBearbeiten

Der Ort Kaliß wird 1431 erstmals urkundlich genannt. Lokale Bekanntheit erlangte er als Poststation auf der Strecke Hamburg-Berlin. Das Gebäude einer Postschmiede existierte bis in die 1940er Jahre. Der Bau des Eldekanals ab 1568, der die Elde mit Dömitz verband und somit eine schiffbare Verbindung zur Elbe herstellte, war wichtige Voraussetzung für die Industrie- und Gewerbeansiedlung im Gebiet. 1755 wurde zwei Kilometer westlich des Ortes eine Eisengießerei errichtet, die das in dieser Gegend vorkommende Raseneisenerz zu Schmiedeeisen verarbeitete. Die Qualität des Eisens war allerdings so schlecht, dass die Produktion 1770 wieder eingestellt wurde. In den Gebäuden eröffnete 1771 eine Lederfabrik die Produktion. Um 1800 zog eine Lohgerberei, Walk-, Öl- und Getreidemühle ein.

Die Umbenennung des Ortes in Neu Kaliß erfolgte 1843 mit der Zusammenlegung von Teilen des Ortes Kaliß, Findenwirunshier und der Papierfabrik.

Von 1952 bis 2011 gehörte Neu Kaliß zum Kreis Ludwigslust (bis 1990 im DDR-Bezirk Schwerin, dann im Land Mecklenburg-Vorpommern). Seit der Kreisgebietsreform 2011 liegt die Gemeinde im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Der Ort wurde 2007 zum schönsten Dorf des ehemaligen Landkreises Ludwigslust gewählt.

PapierherstellungBearbeiten

 
Ehemalige Wassermühle und heutiges Wasserkraftwerk
 
Papierfabrik Schoeller & Bausch (vor 1913)

1799 entstand die erste Papiermühle im Ort, die ebenfalls die Wasserkraft des Kanals ausnutzte. 1871 wurde durch die Dürener Felix Heinrich Schoeller und Theodor Bausch die Feinpapierfabrik Felix Schoeller & Bausch gegründet. Hier wurde erstmals in Mecklenburg maschinell Papier erzeugt. Die hervorragende Qualität des Papiers mit dem Mecklenburger Stierkopf als Wasserzeichen erlangte großes Ansehen auf dem deutschen Markt. Das Unternehmen gehörte schon früh zu den führenden Papierherstellern in Deutschland, das seine Fein- und Spezialpapiere bald selbst ins ferne Ausland exportierte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden statt Hadern nun auch Holz- und Strohzellstoffe zur Papierherstellung verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den die Fabrik unbeschadet überstand, wurden die Maschinen 1946 demontiert und als Reparationszahlung mit 650 Güterwaggons in die Sowjetunion verbracht. Erst 1951, nach dem trotz Materialknappheit erfolgten Wiederaufbau der Fabrik durch Viktor Bausch und seine Belegschaft[3], konnte die Papierproduktion erneut aufgenommen werden. Kurz darauf wurde die Fabrik enteignet und in Volkseigentum überführt. Nachdem Rudolf Bausch, Viktor Bauschs Bruder und Geschäftsführer des Unternehmens, bereits 1945 nach einer Denunziation von der NKWD in das Speziallager Nr. 9 Fünfeichen verschleppt worden war (wo er 1946 starb[4]), mussten nun auch Viktor und die verbliebenen Mitglieder der Familie Bausch Neu Kaliß verlassen.[5] Die Produktion wurde in den folgenden Jahrzehnten bis zur Wende im VEB Feinpapierfabriken Neu Kaliß fortgesetzt. 1990 wurde der Betrieb privatisiert und 1992 durch die Melitta-Unternehmensgruppe erworben. Diese legte die alten Anlagen still und errichtete bis 1995 ein völlig neues Werk im Ort.

 
Klappbrücke und Schleuse „Findenwirunshier“

FindenwirunshierBearbeiten

Die ehemalige Wassermühle wurde 1851 auf der sich durch Müritz-Elde-Wasserstraße und Alte Elde ergebenden Insel erbaut. Der slawische Name des 1496 erstmals urkundlich genannten Ortes war Vinzire. Bereits 1815 wurden auf Weisung des Großherzogs zehn Kolonisten hier angesiedelt. Der Name wurde volkstümlich umgedeutet in Findenwirunshier. Er entstand einer Sage nach durch den Ausspruch "Oh, finden wir uns hier" zweier Brüder, die beide gelernte Müller waren und sich hier nach Jahren zufällig wiedersahen. Auch die Mühle, die naheliegende Klappbrücke und die Schleuse bekamen den Namen „Findenwirunshier“. Die Mühle überstand den Zweiten Weltkrieg ohne weitere Beschädigungen. Das Eigentümerehepaar Markurth wurde Anfang der 1950er Jahre enteignet, verhaftet und im Stasi-Gefängnis Bautzen inhaftiert.[6] Die 1992 stillgelegte Mühle ist heute ein Wasserkraftwerk und erzeugt nach eigenen Angaben eine Gigawattstunde elektrischen Strom im Jahr, was für die Deckung des Strombedarfs der gesamten Gemeinde ausreicht.

EingemeindungenBearbeiten

Am 1. Juli 1950 wurden die bis dahin eigenständigen Gemeinden Heiddorf, Kaliß und Raddenfort eingegliedert.

EinwohnerentwicklungBearbeiten

Jahr Einwohner
1990 2090
1995 2153
2000 2222
2005 2081
2010 1965
Jahr Einwohner
2015 1974
2016 1968
2017 1969
2018 1969
2019 1962

Stand: 31. Dezember des jeweiligen Jahres[7]

PolitikBearbeiten

GemeindevertretungBearbeiten

Wahl der Gemeindevertretung 2019
 %
50
40
30
20
10
0
49,2 %
27,6 %
13,3 %
9,9 %
Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 2014
 %p
 14
 12
 10
   8
   6
   4
   2
   0
  -2
  -4
  -6
  -8
-10
-12
-14
-13,2 %p
+13,7 %p
+0,2 %p
-0,7 %p
Vorlage:Wahldiagramm/Wartung/Anmerkungen
Anmerkungen:
c Wählergemeinschaft Kaliß

Der Gemeindevertretung gehören 12 Mitglieder und der ehrenamtliche Bürgermeister an (Stand: Kommunalwahl am 26. Mai 2019).[8]

Partei / Liste Sitze
FDP 6
CDU 3
Wählergemeinschaft Kaliß 2
Die Linke 1

BürgermeisterBearbeiten

  • seit 1999: Burkhard Thees (FDP)[9]

Thees wurde in der Bürgermeisterwahl am 26. Mai 2019 ohne Gegenkandidat mit 93,3 % der gültigen Stimmen in seinem Amt bestätigt.[10]

Wappen, Flagge, DienstsiegelBearbeiten

Die Gemeinde verfügt über kein amtlich genehmigtes Hoheitszeichen, weder Wappen noch Flagge. Als Dienstsiegel wird das kleine Landessiegel mit dem Wappenbild des Landesteils Mecklenburg geführt. Es zeigt einen hersehenden Stierkopf mit abgerissenem Halsfell und Krone und der Umschrift „GEMEINDE NEU KALIß“.[11]

SehenswürdigkeitenBearbeiten

  • Johanneskirche, 1928 im Art-déco-Stil errichtete Backsteinkirche, gilt damit für Mecklenburg als einmalig. Der Altarraum ist in der originalen Farbe Englischrot erhalten.[12]
  • Bausch-Park, Parkanlage an der ehemaligen Papierfabrik. Die Grundstrukturen des Parks um die ehemaligen Villen der Besitzerfamilie Bausch mit ihrem alten Baumbestand sind erhalten. Sämtliche Gebäude sowie der Park stehen unter Denkmalschutz. Das Ensemble ist in seiner Art einzigartig in Mecklenburg-Vorpommern.[3]
  • Reuterstein zwischen Kaliß und Malk Göhren, 1885 zum Gedenken an den niederdeutschen Dichter Fritz Reuter errichtet, der hier an einer Weggabelung nach der Freilassung aus der Festungshaft in Dömitz über den Sinn und die weitere Richtung seines Lebens sinniert haben soll[13]
  • Findenwirunshier, Naturlehrpfad mit alten landwirtschaftlichen Geräten

Wirtschaft und InfrastrukturBearbeiten

WirtschaftBearbeiten

Die Neu Kaliß Spezialpapier GmbH der Melitta Unternehmensgruppe stellt Spezialpapiere und Vliese für den industriellen Bedarf her und ist Verarbeiter und Vermarkter von Papierprodukten.[14]

VerkehrBearbeiten

 
Bahnhofsgebäude an der ehemaligen Bahnstrecke

Neu Kaliß liegt an der Bundesstraße B 191 zwischen Dömitz und Ludwigslust. Die nächstgelegene Autobahnanschlussstelle ist Grabow an der A 14 (WismarMagdeburg).

Der Haltepunkt Neu Kaliß lag an der Bahnstrecke Ludwigslust–Dömitz, die 2001 eingestellt und durch Busverbindungen ersetzt wurde. Die mitten durch den Ort führenden Bahngleise sind in den folgenden Jahren demontiert worden. Die Ortsteile Heiddorf und Raddenfort waren bis 1945 an die Bahnstrecke Malliß–Lübtheen angeschlossen, die bei Malliß aus der Hauptbahn ausfädelte.

Die Schifffahrt auf dem Eldekanal an der als Bundeswasserstraße ausgewiesenen Müritz-Elde-Wasserstraße wird durch zwei Schleusen auf dem Gemeindegebiet ermöglicht.

BildungBearbeiten

In Neu Kaliß befindet sich die Viktor-Bausch-Grundschule.[15]

SportBearbeiten

Der SV Rotation Neu Kaliß spielt in der Saison 2019/20 in der Kreisoberliga Westmecklenburg.

PersönlichkeitenBearbeiten

Söhne und Töchter der GemeindeBearbeiten

Mit Neu Kaliß verbundene PersönlichkeitenBearbeiten

  • Viktor Bausch (1860–1923), General, in Neu Kaliß bestattet
  • Erika von Hornstein (1913–2005), Schriftstellerin, Ehefrau des Unternehmers Viktor Bausch, lebte in Neu Kaliß

WeblinksBearbeiten

Commons: Neu Kaliß – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Statistisches Amt M-V – Bevölkerungsstand der Kreise, Ämter und Gemeinden 2019 (XLS-Datei) (Amtliche Einwohnerzahlen in Fortschreibung des Zensus 2011) (Hilfe dazu).
  2. § 2 der Hauptsatzung (PDF; 102 kB) der Gemeinde
  3. a b Wenn Bäume erzählen könnten - Der Bausch-Park, Neu Kaliß, Landkreis Ludwigslust Garten-Tour
  4. Staat und digitale Revolution, Josef Morgenthal
  5. Hans-Joachim Schröder: Interviewliteratur zum Leben in der DDR. De Gruyter, Berlin 2001, S. 150.
  6. Unter die Haut gegangen. In: Elbe-Jeetzel-Zeitung, 17. April 2019.
  7. Bevölkerungsentwicklung der Kreise und Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern (Statistischer Bericht A I des Statistisches Amtes Mecklenburg-Vorpommern)
  8. Ergebnis der Wahl zur Gemeindevertretung am 26. Mai 2019
  9. Mehr Spielraum für Gemeinden. In: Schweriner Volkszeitung, 18. August 2016.
  10. Ergebnis der Bürgermeisterwahl am 26. Mai 2019
  11. Hauptsatzung § 1 Abs.2
  12. Johanneskirche Neu Kaliß auf www.dorfkirchen-in-mv.de
  13. Reuterstein auf www.meck-pomm-hits.de
  14. Tradition für die Zukunft auf www.melitta-group.com
  15. Viktor-Bausch-Grundschule auf www.lehrer-in-mv.de