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Natascha Wodin auf der Leipziger Buchmesse 2017

Natascha Wodin (* 8. Dezember 1945 in Fürth als Natalja Nikolajewna Wdowina) ist eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin ukrainisch-russischer Abstammung.[1]

LebenBearbeiten

Natascha Wodin wurde als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter geboren und wuchs in Lagern für Displaced Persons auf, zunächst im Valka-Lager in Nürnberg, dann in einer Siedlung in Forchheim. Als sie elf Jahre alt war, nahm sich ihre Mutter das Leben. Anschließend schickte sie der als Sänger in einem Kosaken-Chor arbeitende Vater mit ihrer jüngeren Schwester in ein katholisches Kinderheim. Als der Vater später in einer Fabrik am Ort arbeitete und sie wieder bei ihm lebten, flüchtete sie vor seiner Gewalt in die Obdachlosigkeit.[2] Danach arbeitete sie als Telefonistin und Stenotypistin. Anfang der siebziger Jahre absolvierte sie eine Sprachenschule und gehörte zu den ersten Dolmetschern, die nach Abschluss der Ostverträge für westdeutsche Firmen und Kultureinrichtungen in die Sowjetunion reisten. In den achtziger Jahren lebte sie vorübergehend in Moskau und begegnete dort zahlreichen renommierten Schriftstellern.

Nach Aufgabe des Dolmetscherberufs begann sie Literatur aus dem Russischen zu übersetzen (unter anderem Wenedikt Jerofejew, Jewgenia Ginsburg, Andrej Bitow, Pawel Sanajew). Von 1980 an ist sie freie Schriftstellerin. Seit 1994 lebt sie in Berlin und Mecklenburg. Von 1994 bis 2002 war sie mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig verheiratet. Ihren Roman Nachtgeschwister (2009) hat sie der Aufarbeitung dieser Beziehungserfahrung gewidmet. Beide waren während dieser Jahre strikte schreibende Nachtarbeiter, daher rührt der Titel.

SchaffenBearbeiten

In ihren Werken setzt Wodin sich vor allem mit dem Thema der Entwurzelung, Fremdheit und Ortlosigkeit auseinander, mit Außenseiterexistenzen und Grenzgängern, mit der Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit. In ihrem Roman Nachtgeschwister schildert sie eine komplizierte deutsch-deutsche Künstlerbeziehung. Ihr Roman Alter, fremdes Land befasst sich mit dem verstörenden Alterungsprozess einer Frau. Ihr Roman Sie kam aus Mariupol, der vom Schicksal ihrer Mutter als Tochter einer verfolgten adeligen Familie in der Sowjetunion und als Zwangsarbeiterin in Deutschland handelt, wurde 2017 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte „Belletristik“ ausgezeichnet.[3] Das Buch erreichte ein großes Publikum, es stand auf der SWR-Bestenliste und erreichte Rang 3 der Spiegel-Bestsellerliste. Der große Erfolg des Buchs befreite sie von der Furcht vor möglicher Altersarmut.[4]

„Natascha Wodin ist ein wertvolles Stück Literatur gelungen, ein lesenswertes und lehrreiches Buch, das Ungesehenes und Verlorenes zur Sprache bringt und zum Nachdenken anregt über Entwurzelung, Fremdheit und Heimatlosigkeit“, urteilte Birgit Hoyer in dem theologischen Online-Feuilleton feinschwarz.net über den Roman.[5] In der Wochenzeitung Die Zeit schrieb Helmut Böttiger: „Die katastrophalen Geschichtsbrüche des 20. Jahrhunderts werden in dieser Familienrecherche en miniature verhandelt, ohne großen rhetorischen Aufwand, aber mit existenzieller Wucht“.[6] Und Uli Hufen äußerte im Deutschlandfunk die Hoffnung:[1]

„Natascha Wodin könnte gelingen, was den Historikern nicht zu gelingen scheint: die Geschichte der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu verankern.“

Natascha Wodins Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

WerkeBearbeiten

Stipendien / AuszeichnungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Petra Thore: „wer bist du hier in dieser stadt, in diesem land, in dieser neuen welt“. Die Identitätsbalance in der Fremde in ausgewählten Werken der deutschsprachigen Migrantenliteratur (= Acta Universitatis Upsaliensis / Studia Germanistica Upsaliensia, Band 45), Universität Uppsala 2004, ISBN 91-554-5907-2 (Dissertation Universität Uppsala 2004, 174 Seiten, 25 cm Volltext online PDF, kostenfrei, Abgerufen am 23. März 2017. Unter anderem zu Natascha Wodins Roman Die gläserne Stadt).
  • Katja Suren: „Am liebsten habe ich Geschichten mit Menschen, die essen oder gekocht werden“. Zur vermeintlich einigenden Kraft des Essens bei Natascha Wodin und Aglaja Veteranyi. In: Claudia Lillge, Anne-Rose Meyer (Hrsg.): Interkulturelle Mahlzeiten. Kulinarische Begegnungen und Kommunikation in der Literatur. Transcript, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89942-881-0. S. 171–184.[7]
  • Katja Suren: Ein Engel verkleidete sich als Engel und blieb unerkannt: Rhetoriken des Kindlichen bei Natascha Wodin, Herta Müller und Aglaja Veteranyi (= Kulturwissenschaftliche Gender Studies, Band 5). Helmer, Sulzbach 2011, ISBN 978-3-89741-316-0, OCLC 920329947 (Dissertation, Universität Paderborn 2010, 340 Seiten).[8])
  • Boris Hoge: „Ich war mein eigener Nazi“ – Natascha Wodins Romanwerk und die Problematik des Rassismus. In: Ders.: Schreiben über Russland. Die Konstruktion von Raum, Geschichte und kultureller Identität in deutschen Erzähltexten seit 1989 (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Band 314). Winter, Heidelberg 2012, S. 305–346, ISBN 978-3-8253-6133-4 (Dissertation Universität Münster (Westfalen) 2011, 478 Seiten, 21 cm).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Uli Hufen: Was kann ein Mensch ertragen? In: deutschlandfunk.de. 26. Februar 2017, abgerufen am 9. September 2018.
  2. Nürnberger Nachrichten vom 9. August 2018, S. 7
  3. Vor Stalin geflohen, bei Hitler gelandet. In: welt.de. 23. März 2017, abgerufen am 8. September 2018.
  4. Langinterview-Sendung Zwischentöne mit Natascha Wodin vom 4. August 2019, Deutschlandfunk, abgerufen 4. August 2019
  5. Birgit Hoyer: Rezension: Sie kam aus Mariupol. In: feinschwarz.net. 25. Januar 2018, abgerufen am 8. September 2018.
  6. Helmut Böttiger: Dann spielt die Mutter Chopin. In: Die Zeit. Nr. 11/2017, 9. März 2017 (zeit.de).
  7. Buchinfo (Memento vom 6. November 2011 im Internet Archive) beim Transcript Verlag. Abgerufen am 21. Dezember 2010.
  8. Liste der Promotionen an der Universität Paderborn. Abgerufen am 21. Dezember 2010.