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Mulai Ismail

alawidischer Sultan in Marokko
Mulai Ismail – Illustration aus John Windus' Reise nach Mequinetz, der Residentz des heutigen Käysers von Fetz und Marocco, 1726

Mulai Ismail (arabisch مولاي إسماعيل, DMG Mūlāy ʾIsmāʿīl, französisch Moulay Ismaïl, auch Ismaïl ben Chérif, vollständig مولاي إسماعيل بن الشريف ابن النصر / Mūlāy Ismā‘īl bin aš-Šarīf ibn an-Naṣr, * um 1645 in Sidschilmasa; † 22. März 1727 in Meknès) war der zweite Sultan der bis heute regierenden Alawiden-Dynastie von Marokko. Wegen seines unberechenbaren Wesens, seiner willkürlichen Folter- und Todesurteile trägt Mulai Ismail auch den Beinamen „der Blutige“ oder „der Blutdürstige“.

Mulai Ismail zielte darauf ab, Marokko zu einem politischen Schwergewicht zu entwickeln, das auf Augenhöhe mit den einflussreichen europäischen Ländern verhandeln konnte. Um die europäischen Länder an den Verhandlungstisch zu zwingen, nutzte er als Pfand europäische Gefangene, die in Marokko versklavt waren.[1] Die meisten dieser europäischen Sklaven stammten aus Raubzügen der Barbaresken-Korsaren, die gezielt Handelsschiffe europäischer Handelsmächte angriffen und ihre Gefangenen auf nordafrikanischen Sklavenmärkten verkauften oder dem Sultan übergaben. Ein weiterer Teil der europäischen Gefangenen stammte aus europäischen Siedlungen und Festungen an der marokkanischen Küste, die Mulai Ismail mit seinen Truppen eroberte. Die umfangreichen Bautätigkeiten, die zu den Überbleibseln seiner Herrschaft gehören, waren nur dank der Zwangsarbeit der tausenden von versklavten Europäern möglich.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

 
Meknès: Sarg von Mulai Ismail mit Schutzgitter (maqsūra). Der Grabbau (qubba) wurde wohl noch zu Lebzeiten des Herrschers begonnen und in den 1950er Jahren renoviert.

Mulai Ismail herrschte von 1672 bis 1727, nachdem sein älterer Halbbruder und Vorgänger Mulai ar-Raschid Marokko vereinigt und die Dila-Bruderschaft besiegt hatte. Der Tod von Mulai ar-Raschid kam unerwartet: Er starb am Ende des Ramadans bei einem Sturz vom Pferd.[2] Die Nachfolge von Moulai Ismail war keineswegs gesichert: 83 Brüder und Halbbrüder sowie zahlreiche Neffen und Cousins hatten nicht weniger Anspruch auf eine Thronnachfolge. Moulai Ismails erste Aktion war die Beschlagnahmung der Staatskasse in Fès, er musste jedoch über einen Zeitraum von fünf Jahren mehrere Revolten seiner Verwandtschaft und oppositioneller Stämme niederschlagen, bevor er sich dem Ausbau des Reiches widmen konnte.[3]

Er strukturierte das Militärwesen neu und schuf ein Heer aus etwa 40.000 sudanesischen Sklaven. Mit dieser Armee gelang es ihm, die verschiedenen Berber- und Beduinenstämme, die dem von ihm forcierten Einheitsstaat entgegenstanden, in Schach zu halten. Außerdem eroberte er den englischen Stützpunkt Tanger (1684) und die spanischen bei Larache (1689) und Asilah sowie die dortige Küstenregion (1691). Um seine religiöse Autorität zu festigen, ließ er 1691 den Wallfahrtskult der Sieben Heiligen von Marrakesch ins Leben rufen.

Durch die Befriedung des Reiches kam es zum Wirtschaftsaufschwung. Besonders gefördert wurde der Handel mit Europa, wobei zunächst Frankreich, später aber Großbritannien der bevorzugte Handelspartner war. Heute liegen seine sterblichen Überreste im Mausoleum von Moulay Ismail in Meknès, das auch von Nicht-Muslimen besichtigt werden darf.

CharakterBearbeiten

Mulai Ismail trug den Spitznamen „Mulai Ismail der Blutige“ beziehungsweise „Mulai Ismail der Blutdürstige“. Alle Europäer, die ihn kennenlernten, beschrieben ihn als einen grausamen, sadistischen, unberechenbaren und zügellosen Herrscher, der darauf aus war, Angst und Schrecken zu verbreiten. Er sprach willkürlich Todesurteile aus, und wenn ihm danach war, vollzog er sie auch selbst. Die Farbe seiner Kleidung spiegelte seine jeweilige Stimmung wider: Gelb war seine „Tötungsfarbe“, in der er Hinrichtungen anordnete.

Die marokkanische Geschichtsschreibung würdigt allerdings auch andere Merkmale seiner Herrschaft. Sein bedingungsloser Herrschaftswille ermöglichte es ihm, zahlreiche Aufstände und Rebellionen niederzuschlagen. Unter seinem Regime gelang erstmals eine Einigung des Landes. Der marokkanische Geschichtsschreiber Mohammed al-Ifrani hielt fest, dass dies allein ein Grund sei, ihn zu feiern.[4]

Europäische Sklaven und die Verhandlungen mit europäischen MächtenBearbeiten

 
Der marokkanische Botschafter Ben Hadou in London, Gemälde eines unbekannten Malers, das Ben Hadou beim Ausritt im Hyde Park darstellen soll, 1682

Mulai Ismail gehörte zu den nordafrikanischen Herrschern, mit denen europäische Mächte immer wieder Verhandlungen aufnahmen, um den Freikauf und Austausch von christlichen Gefangenen oder Sklaven zu erreichen. Angriffe auf den englischen Stützpunkt Tanger hatten beispielsweise bereits 1678 zu 65 englischen Gefangenen geführt[5] und bei späteren Angriffen wurden weitere 70 Garnisonssoldaten gefangen genommen. Der englische König Charles II. schickte bereits Ende 1680 eine Gesandtschaft nach Marokko, um die Freilassung dieser Gefangenen zu erwirken und darüber hinaus einen langfristigen Frieden mit Marokko auszuhandeln.[6] Diese Mission scheiterte, weil Mulai Ismail die mitgebrachten Geschenke als lächerlich einstufte und für den Freikauf der Gefangenen unrealistische Summen verlangte.[7] Sir James Lesley, der die Gesandtschaft leitete, konnte lediglich erreichen, dass Marokko einen Botschafter nach London sandte, der dort die Verhandlungen um die Freilassung der gefangenen Engländer fortsetzen sollte.

Dieser Botschafter war Mohammed ben Hadou, ein marokkanischer Adeliger, über den Gerüchte behaupteten, dass seine Mutter eine der versklavten Europäerinnen gewesen sei.[8] Ben Hadou und seine Begleitung brachen im Dezember 1681 von Tanger aus nach London auf. In London wurde die marokkanische Gesandtschaft überaus ehrenvoll empfangen, da König Charles hoffte, in direkten Verhandlungen nicht nur die Freilassung zumindest der englischen Gefangenen, sondern auch eine Beendigung der jahrelangen Feindseligkeiten erreichen zu können. Ein halbes Jahr lang wurde Ben Hadou in London gefeiert. Trotz seiner umfangreichen Vollmachten war das Ergebnis der Verhandlungen mit dem englischen Königshof jedoch mager: Die englische Krone sollte für jeden freizukaufenden Engländer die hohe Summe von 200 spanischen Dollar zahlen, zudem stand das Abkommen unter dem Vorbehalt der Zustimmung Mulai Ismails. Die Gesandtschaft kehrte im September 1682 nach Marokko zurück, wo Mulai Ismail sie mit charakteristischer Unberechenbarkeit empfing: Unter dem Vorwurf, in London mit Prostituierten verkehrt und Alkohol getrunken zu haben, drohte er ihnen schwere Bestrafung an und ließ sich nur mit Mühen besänftigen. Zu einer Freilassung von englischen Gefangenen, die in Marokko unter erbärmlichen Umständen lebten, kam es nicht, obwohl die englische Krone als Zeichen ihres guten Willens marokkanische Gefangene freiließ, die in Tanger inhaftiert waren.[9]

 
Moulai Ismail empfängt den französischen Botschafter François Pidou de Saint Olon. Gemälde von Pierre-Denis Martin, 1693
 
William III. verhandelte erfolgreich über die Freilassung englischer Untertanen, die in Marokko versklavt waren. Gemälde von Godfrey Kneller, um 1690

Als der englische König Charles II. 1685 starb, befanden sich mehrere hundert englische Gefangene sowie Tausende von Franzosen, Spaniern, Portugiesen, Niederländern und Italienern in marokkanischer Sklaverei. Sie wurden als Zwangsarbeiter bei den Bauprojekten des Sultans eingesetzt, waren immer wieder Versuchen ausgesetzt, sie zum Islam zu bekehren und wurden mit Folter bedroht, wenn sie sich diesen Bekehrungsversuchen widersetzten. Das Festhalten am christlichen Bekenntnis war jedoch Voraussetzung für die geringe Chance, der marokkanischen Gefangenschaft zu entkommen, da die europäischen Mächte sich nur für die Freilassung christlicher Gefangener einsetzten.

Verhandlungen gab es auch mit anderen europäischen Mächten. Mohammad Temim war 1682 marokkanischer Botschafter am französischen Hof. 1689 hielt sich für kurze Zeit der französische Botschafter François Pidou de Saint Olon in Marokko auf. Abdallah ben Aisha war 1699 Botschafter am französischen Königshof. Hintergrund der Beziehungen zwischen Marokko und Frankreich war ihre gemeinsame Feindschaft mit Spanien. Auch hier spielte die gegenseitige Freilassung von Gefangenen eine wichtige Rolle.

Unter dem englischen König James II. unterblieben weitere Verhandlungen mit dem Sultan. Erst William III. nahm erneut Verhandlungen auf, die sich über fünf Jahre hinzogen und zur Freilassung von 194 englischen Gefangenen gegen eine Zahlung von 15000 Britischen Pfund und 1200 Fass Schießpulver führten.[10] 1702 kam es dann zur Freilassung aller verbleibenden englischen Gefangenen, die nicht zum Islam übergetreten waren, nachdem Königin Anne überraschend erklärt hatte, sie könne sich eine englisch-marokkanische Allianz beim Angriff auf die spanische Stadt Ceuta vorstellen, die auf nordafrikanischem Boden lag.[11] Der Friede hielt jedoch nicht sehr lange. Bereits drei Jahre später wurden verschiedene englische Handelsschiffe im Mittelmeer gekapert und erneut wurden 55 englische Seeleute in den Sklavenquartieren von Meknes gefangen gehalten.

Bauten während der Herrschaft von Mulai IsmailBearbeiten

 
Das Bab Mansour in Meknès, ein Teil der unvollendet gebliebenen Palaststadt Mulai Ismails.
 
Kasbah von Boulaouane, erbaut um 1710
Meknès

Der wirtschaftliche Wohlstand des Alawidenreichs ermöglichte eine umfangreiche Bautätigkeit. Neben der Befestigung von Städten und der Verlagerung der Hauptstadt von Fès nach Meknès ließ er dort eine Palastanlage von gigantischen Ausmaßen errichten. Windus und Stuart (siehe unten) beschreiben die Anlage als größer als die von Versailles. Die Arbeitskräfte dafür stellten tausende von weißen Sklaven aus allen Teilen Europas und Nordamerikas, die unter entsetzlichen Bedingungen schuften mussten. Die hohen Ausfälle wurden durch neue Raubzüge der Korsaren aus Salé ergänzt. Die beiden Briten Windus und Stuart konnten 293 britische Sklaven loskaufen und nach Hause bringen.[12] Die Palastanlage Mulai Ismails wurde im Jahr 1755 beim Erdbeben von Lissabon zerstört. Sein Mausoleum sowie Teile seiner imperialen Architektur, darunter die Stadt- und Palastmauern mit dem Tor Bab Mansour oder die Speicherbauten und Stallungen des Heri es-Souani, sind jedoch bis heute erhalten geblieben.

außerhalb

Moulai Ismails Erfahrungshintergrund und Charakter zeigen sich auch im Bau zahlreicher über das Land verteilter Festungen (kasbahs) – am bekanntesten sind die Kasbahs von Settat und von Boulaouane.

NachkommenBearbeiten

Zeitgenossen behaupten, dass er mit 500 Frauen nicht weniger als 888 Kinder gezeugt haben soll.[13][14] Wie Ahmad al-Mansur (1578–1603) hatte auch Mulai Ismail keine Bestimmungen für die Thronfolge getroffen. So brachen nach seinem Tod heftige Machtkämpfe zwischen sieben seiner Söhne aus, die zum Zusammenbruch des von Ismail geschaffenen Einheitsstaates und zur Anomie führten. Hauptstadt des Reiches wurde wieder Fes. Erst unter Mulai Muhammad (1757–1790) gelang erneut die Befriedung des Landes.

TriviaBearbeiten

Zu den bekanntesten unter Mulai Ismail versklavten Europäern zählt Thomas Pellow, einer der wenigen zum Islam konvertierten Europäer, dem die Rückkehr in sein Heimatland gelang. Er geriet als 11-jähriger in die Versklavung, nachdem das Fischerboot, auf dem er arbeitete, von Barbaresken-Korsaren aufgebracht worden war. Ihm gelang nach 23 Jahren die Flucht zurück nach England.

Die Evolutionsbiologen Karl Grammer und Elisabeth Oberzaucher forschten über das Fortpflanzungsverhalten des Sultans und erhielten dafür im Jahre 2015 den Ig-Nobelpreis.[15]

LiteraturBearbeiten

  • Dominique Busnot: The History of the Reign of Muley Ismael, the present king of Morocco, Fez, Tafilet, Sous &c. A. Bell u. a., London 1715.
  • Michael Graupner: Am Wochenende hatte er frei, FAZ 20. September 2015.
  • Giles Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. Hodder & Sloughton, London 2005, ISBN 0-340-89509-8.
  • Nabil Matar: In the Land of the Christians Routledge, New York/ London 2003, ISBN 0-415-93228-9.
  • Stephan Ronart, Nandy Ronart: Lexikon der Arabischen Welt. Ein historisch-politisches Nachschlagewerk. Artemis Verlag, Zürich u. a. 1972, ISBN 3-7608-0138-2.
  • John Windus: Reise nach Mequinetz Der Residentz des heutigen Käysers von Fetz und Marocco. Welche der Herr Commandeur, Carl Stuart, als Groß-Britannischer Gesandter, Anno 1721. Zu Erledigung der dortigen Gefangenen abgelegt hat. Nicolaus Förster und Sohn, Hannover 1726 (deutsche Erstausgabe von Windus' A Journey to Mequinez. The Residence of the Present Emperor Of Fez and Morocco. On The Occasion of Commodore Stewart's Embassy thither for the Redemption of the British Captives in the Year 1721. Jacob Tonson, London 1725).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 37.
  2. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 30.
  3. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 31. und S. 34.
  4. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 155.
  5. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 38.
  6. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 39.
  7. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 42.
  8. Milton: White Gold: The Extraordinary Story of Thomas Pellow and North Africa's One Million European Slaves. S. 43.
  9. Milton: White Gold. S. 47.
  10. Milton: White Gold. S. 49.
  11. Milton: White Gold. S. 50.
  12. Giles Milton: Weißes Gold. Die außergewöhnliche Geschichte von Thomas Pellow und das Schicksal weißer Sklaven in Afrika. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2247-0.
  13. Elisabeth Oberzaucher, Karl Grammer: The case of Moulay Ismael--fact or fancy? In: PloS one. Band 9, Nr. 2, 2014, S. e85292, doi:10.1371/journal.pone.0085292.
  14. Giles Milton. Dort auch weitere Literatur
  15. Vater von 888 Kindern: Am Wochenende hatte er frei http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/arbeit-ueber-sultan-mit-888-kindernl-ig-nobelpreis-fuer-karl-grammer-13812551.html