Hauptmenü öffnen

Moschaw

ländliche Siedlungsform mit Kollektivbesitz in Israel

Als Moschaw (englisch Moshav, hebräisch מוֹשָׁב mōšav bzw. eingedeutscht moschaw „Sitz; Siedlung“, zu der Wurzel ישב „sitzen; wohnen“) wird eine genossenschaftlich organisierte, ländliche Siedlungsform in Israel bezeichnet, deren Güter sich sowohl in Kollektiv- wie auch in Privateigentum befinden. Der Plural lautet Moschawim oder Moshavim (hebräisch מושבים). Der Moschaw ist nicht zu verwechseln mit der Moschawa (Plural Moschawot), einer Siedlungsform, in der in aller Regel kein Kollektivbesitz existiert.

Der Moschaw ist die jüngste und häufigste Form israelischer Dörfer. Heute bestehen 382 Moschawim, in denen knapp 142.000 Menschen leben und arbeiten, das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 4,6 Prozent.

Anders als bei den Kibbuzim war Privatbesitz im Moschaw von Anfang an Teil der Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft. Allerdings wird in letzter Zeit auch in Kibbuzim Privateigentum selbstverständlicher (siehe Kibbuz im 21. Jahrhundert), so dass sich diese der Moschaw-Form annähern.

Der Moschaw Nahalal aus der Luft

Inhaltsverzeichnis

TypenBearbeiten

Ein Moschaw ist ein auf genossenschaftlicher Basis organisiertes Dorf. Im Mittelpunkt steht der selbst bewirtschaftete eigene Hof. Der Grundbesitz ist in der Regel Nationaleigentum und nur auf 49 Jahre gepachtet.

Es haben sich vier Typen von Moschawim herausgebildet, die sich nicht streng voneinander abgrenzen lassen:

Moschaw OwdimBearbeiten

Der Moschaw Owdim entspricht in seiner Struktur dem ersten, 1923 gegründeten Moschaw. Dieser Typ stellt heute den größten Anteil unter den Moschawim. Die Siedlung tritt als Kooperative auf, die im Inneren das individuelle Familienleben betont. Entscheidungen über die Angelegenheiten des Moschaw trifft die Vollversammlung der Siedler (Assefa Klalit), in der jeder Farmer eine Stimme hat. Die Vollversammlung wählt einen Ausschuss (Maskirut), der für die praktische Umsetzung der Entscheidungen verantwortlich ist.

Moschaw SchitufiBearbeiten

In einem Moshaw Schitufi sind Grund und Boden Gemeinbesitz und werden, ähnlich wie im Kibbuz, von der Dorfgemeinschaft bearbeitet. Arbeit und Entlohnung richten sich nach den persönlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen der Bewohner. Die Einwohner dieses Moschawtyps nutzen die Vorteile der Gemeinschaft, etwa die Möglichkeit, Investitionen zu tätigen, die einem einzelnen Farmer nicht möglich wären. Gleichzeitig sollen die Reibungspunkte des Kollektivs ausgeschlossen werden: Im Gegensatz zum Kibbuz unterhält hier jede Familie ihren eigenen individuellen Haushalt. Der erste Moschaw Schitufi, Kfar Hittim, wurde 1936 gegründet.

Moschaw Ta AsiyatiBearbeiten

Diese Siedlungen haben sich auf die Industrieproduktion verlegt: In Manufakturen werden Produkte jeder Art hergestellt. Die Gründe für die Abkehr von der Landwirtschaft sind vielfältig.

Moschaw AzoriBearbeiten

Beim Moschaw Azori steht die Regionalplanung im Vordergrund. Sowohl die Ansiedlung der Farmen als auch der Aufbau einer Infrastruktur werden für die Moschawim einer Region (etwa zehn bis zwölf Siedlungen) zentral geplant. Im regionalen Zentrum, dem Moschaw Azori, befinden sich Krankenhaus, Apotheke, Schulen usw.

GeschichteBearbeiten

Als erster Moschaw wurde 1921 Nahalal in der Jesreelebene gegründet, ca. 25 km südöstlich von Haifa. In den folgenden Jahrzehnten entstanden viele weitere Moschawim; zur Zeit der israelischen Staatsgründung im Jahr 1948 waren es bereits ca. 60. Zulauf erhielten die Moschawim in den ersten Jahren nach 1948 vor allem durch Überlebende des Holocaust und Einwanderer aus den arabischen Ländern, die sich mit den kollektiven Strukturen der Kibbuzim nicht so recht anfreunden konnten und in denen die Familie einen hohen Stellenwert hat. Bis 1967 ist die Zahl der Moschawim auf fast 350 angewachsen.

Hervorgegangen sind die Moschawim aus den älteren Kibbuzim. Der sozialistische Charakter dieser Genossenschaftssiedlungen wurde von den Gründern des Moschaw als zu einengend empfunden. Anders als im Kibbuz waren individuelle Interessen und Bedürfnisse und vor allem Privateigentum deswegen nicht verpönt. Die Moschawim zeichneten sich im Gegenteil von Anfang an dadurch aus, dass jede Familie ihren eigenen Haushalt führte und selbst eine Parzelle Boden (mit einer Fläche von drei bis vier Hektar) bewirtschaftete. Die Maschinen waren gemeinsames Eigentum; auch der Einkauf und der Verkauf von Produkten wurden gemeinschaftlich vorgenommen. Die Entscheidung, was angebaut werden sollte, lag beim Einzelnen.

Seit den 1950er Jahren wurden außerdem zunehmend Moschawim als Zentralorte (Moschaw Azori) geplant, in denen übergreifende Dienstleistungen (Kliniken, weiterführende Schulen, Werkstätten, Fabriken für Verpackung und Versand) für die Moschawim der Region konzentriert wurden, um die Wirtschaftlichkeit zu verbessern.

In der Gegenwart haben viele, vor allem kleinere, Moschawim mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Manche Farmer gehen deswegen zusätzlich Arbeiten außerhalb des Moschaw nach; teilweise wurde die Landwirtschaft aufgegeben. Andere Tendenzen gehen dahin, in größeren Einheiten zu wirtschaften oder die Verantwortung ganz auf die einzelnen Bauern zu übertragen. Allgemein ist eine Entwicklung der Moschawim hin zu „normalen“ Dörfern festzustellen.

TabelleBearbeiten

Detailliertere Informationen zu den einzelnen Moschawim enthält die Liste der Moschawim.

Ehemalige MoschawimBearbeiten

 
Der ehemalige Moschaw Morag 2005

Diese Moschawim wurden im Rahmen des Abkoppelungsplans aufgegeben:

Christliche MoschawimBearbeiten

Die christlichen Moschawim wie das in Europa bekannte Nes Ammim bilden eher eine Randerscheinung.

LiteraturBearbeiten

  • Claus Stefan Becker: Kibbuz, Moschaw und Freiwilligendienste. In: Jobs und Praktika, Band 6, Interconnections Beckmann, Freiburg im Breisgau 1997, ISBN 3-86040-010-X.
  • Nikolaus Besch: Die israelischen Genossenschaften, besonders die Siedlungsgenossenschaften des Kibbutz, des Moschaw Owdim und des Moschaw Schitufi. In: Kooperations- und genossenschaftswissenschaftliche Beiträge. Band 35, Regensberg, Münster 1995, ISBN 3-7923-0678-6 (zugleich Dissertation an der Universität Münster, 1995).
  • Peter Guttkuhn: Dr. jur. Alfred Cantor (1899–1968) – vom Rechtsanwalt und Notar in Lübeck zum Landarbeiter-Pionier in Israel. In: Schleswig-Holsteinische Anzeigen. Justizministerialblatt für Schleswig-Holstein. Heft 9. Kiel 2007, S. 358–359.

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Moschaw – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen