Mord an Melanie und Karola Weimar

Kriminalfall und Indizienprozess in Deutschland

Der Mord an Melanie und Karola Weimar ist ein deutscher Kriminalfall aus dem Jahr 1986, der bis Ende der 1990er Jahre großes Interesse von Seiten der deutschen Medien erfuhr. Die beiden Mädchen im Alter von 7 und 5 Jahren waren am 4. August 1986 von ihren Eltern als vermisst gemeldet worden, drei Tage später wurden ihre Leichen gefunden. Die Mutter der Mädchen, Monika Böttcher, wurde in einem Indizienprozess 1988 zu lebenslanger Haft wegen Mordes an ihren beiden Kindern verurteilt, 1997 in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen und nach einem weiteren Verfahren 1999 erneut verurteilt. Die Chronologie der Gerichtsverfahren gegen die Mutter ist wegen der wiederholten Aufhebung der Urteile, unter anderem durch den Bundesgerichtshof, aus juristischer Sicht bemerkenswert.

HintergrundBearbeiten

Die Mutter der Mädchen, Monika Böttcher (* 13. April 1958) war gelernte Pflegehelferin. Vater Reinhard Weimar (ca. 1952–12. November 2012)[1] war gelernter Kfz-Schlosser[2] und arbeitete unter Tage im “Hera”-Schacht der Kali und Salz-Bergwerke, Hauptarbeitgeber in der Region.[3][4] Böttcher und Weimar hatten sich 1977 kennengelernt[2] und im Juni 1978 geheiratet. Während der Ehe führte sie seinen Namen, nahm aber nach der Scheidung wieder ihren Geburtsnamen an. Böttcher sagte später, ihre Heirat mit Weimar sei vor allem aus einer Torschlusspanik heraus erfolgt.[4]

Das Paar hatte zwei Töchter, Melanie (* 22. Juli 1979) und Karola (* 8. März 1981). Die Familie lebte im hessischen Philippsthal (Landkreis Hersfeld-Rotenburg), das bis zur Wiedervereinigung Deutschlands direkt an der innerdeutschen Grenze lag. Die Weimars bewohnten dort eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Ausbacher Straße im Ortsteil Röhrigshof-Nippe,[5][6] in dem Monika Böttcher aufgewachsen war. Die ältere und die jüngere Schwester von Monika Böttcher mit ihren Ehemännern sowie die Mutter und die Großmutter wohnten in anderen Wohnungen im gleichen Haus. Böttchers Vater war 1983 gestorben.[7][8]

Reinhard Weimar war wegen Bewusstseinsstörungen mit langen ohnmachtsähnlichen Ausfällen seit Anfang 1985 mehrfach in ärztlicher Behandlung und musste dreimal stationär behandelt werden, zuletzt im Oktober 1985. Diese Zustände wurden auf Medikamenten-Intoxikationen (Benzodiazepine und Neuroleptika) zurückgeführt, da Spuren dieser Substanzen in seinem Urin nachgewiesen worden waren. Weimar konnte sich jedoch nicht erinnern, diese Medikamente eingenommen zu haben. Im späteren Prozess gegen seine Frau äußerte er den Verdacht, seine Frau habe ihm heimlich in Essen und Getränken Medikamente verabreicht, zu denen sie als Krankenpflegehelferin Zugang hatte. Diese Möglichkeit wurde auch vom Landgericht Fulda anerkannt, wenngleich das Gericht diese Frage ebenfalls offen ließ. Die Bewusstseinsstörungen waren nach der Trennung nicht mehr aufgetreten.[2][8][9][10] Monika Böttcher behauptete, ihr Mann habe die Medikamente selbst eingenommen, um ihr Mitleid zu erregen.[2]

Die Ehe der Weimars galt zum Zeitpunkt des Todes der gemeinsamen Kinder bereits als zerrüttet. Auch Monika Weimars Schwester Brigitte Elliott (* ca. 1966), mit einem Amerikaner verheiratet, hatte Eheprobleme, und so hatten die beiden begonnen, abends gemeinsam auszugehen. Dabei hatte Monika Weimar im April[8] bzw. Mai[6] 1986 den US-Soldaten Kevin Pratt (* ca. 1962) kennengelernt und mit ihm ein Verhältnis begonnen; eine Scheidung war bereits im Gespräch.[6][7][8] Reinhard Weimar besuchte ab Juli 1986 regelmäßig ein Bordell in Bad Hersfeld.[11]

Pratt war seit November 1983 in Bad Hersfeld stationiert. Seine Ehefrau war ihm im Mai 1984 mit den drei gemeinsamen Kindern gefolgt, hatte aber dann ein Verhältnis mit einem anderen Mann begonnen und war im Januar 1985 von der U.S. Army wegen ihres Lebenswandels zurückgeschickt worden. Zu Monika Weimars Kindern hatte Pratt ein gutes Verhältnis und hatte Weimar wiederholt bedrängt, ihm mit ihren Kindern in die USA zu folgen. Sie jedoch lehnte der Kinder wegen eine Emigration in die USA ab und wollte mit Pratt in Deutschland zusammenleben. Zuletzt gab es auch in dieser Beziehung Spannungen: nach Pratts Angaben hatte er ihr von Anfang an wahrheitsgemäß gesagt, er sei noch verheiratet und könne sich nicht scheiden lassen, solange er im Ausland stationiert sei; Monika Weimar behauptete jedoch, Pratt habe sich ihr gegenüber als geschieden ausgegeben. Umgekehrt berichtet Pratt, Monika Weimar habe ihm gegenüber ebenfalls behauptet, geschieden zu sein, und er habe erst zwischen Ende Juli und Anfang August erfahren, dass sie noch mit ihrem Mann zusammen lebte. Er habe ihr dann angekündigt, seine bis Oktober 1986 befristete Entsendung nur dann zu verlängern, wenn sie ihm Beweise für eine eingereichte Scheidung präsentieren könne, was sie nicht getan habe. Zuletzt hatte Pratt begonnen, mit einer anderen Frau zu flirten, und diese gefragt, ob sie mit ihm in die USA gehen würde.[7][8][12]

Monika Weimars Mutter hatte sich um die beiden Kinder gekümmert, wenn ihre Tochter Nachtdienst hatte oder mit Pratt ausging.[8][13] Am 2. August 1986 musste sie jedoch unerwartet ins Krankenhaus eingeliefert werden und sollte fünf Tage später wieder entlassen werden. Den 3. August hatten Monika Weimar und Kevin Pratt mit den beiden Kindern auf einem Badeausflug verbracht. Im Vorfeld war es noch zu einem Streit gekommen, weil Reinhard Weimar seine Familie begleiten wollte, was Monika Weimar mit den Worten “Du kannst doch gar nicht schwimmen” abtat. Um 18 Uhr kam sie mit den Kindern nach Hause zurück und machte diese für die Nacht fertig. Sie verließ nach eigenen Angaben das Haus um 20.30 Uhr, um sich in einer Diskothek erneut mit Pratt zu treffen.[8] Nach eigenen Angaben kehrte sie gegen 3 Uhr nach Hause zurück,[8] Pratt gab an, bis 3 oder 3.30 Uhr mit ihr zusammen gewesen zu sein.[12]

HergangBearbeiten

Sowohl Monika als auch Reinhard Weimar hatten am 4. August 1986, einem Montag, Urlaub.[14]

Als gesichert gilt, dass Monika Weimar die Wohnanlage gegen 10.50 Uhr mit ihrem Pkw verlassen hatte, kurz vor 11 Uhr in einer nahe gelegenen Bank und Post Überweisungen getätigt hatte und gegen 12.15 Uhr wieder zu Hause eingetroffen war.[6] Die Mädchen wurden gegen 13.30 Uhr[15] von ihrer Mutter[6][16][17] (anderen Quellen zufolge von deren Schwester, Brigitte Elliott[14]) als vermisst gemeldet. Polizei, Bundesgrenzschutz sowie Nachbarn begannen, nach den Kindern zu suchen. Reinhard Weimar beteiligte sich ebenfalls, nicht jedoch Monika Weimar.[6]

Am Nachmittag des 7. August fand ein Busfahrer Melanies Leiche an einem Parkplatz an der L3255 in der Nähe der Untertagedeponie Herfa-Neurode, neun Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt. Eine intensive Nachsuche führte eineinhalb Stunden später, gegen 18 Uhr, zum Auffinden von Karolas Leichnam an einem stillgelegten Straßenstück im Bengendorfer Grund, vier Kilometer vom Fundort von Melanies Leiche entfernt.[6][15][17]

Die Kinder wurden am 11. August beigesetzt. Am Tag zuvor war eine Todesanzeige in der “Hersfelder Zeitung” erschienen, die den Spruch enthielt:

Vater, wenn die Mutter fragt: “Wo sind unsere Kinder hin?”, dann sage ihr, daß wir im Himmel sind.[6]

Ursprüngliche Aussage Monika WeimarsBearbeiten

Monika Weimar gab in ihren ersten Anhörungen an, die Kinder seien gegen 9.30 Uhr aufgestanden, hätten ein kleines Frühstück zu sich genommen und seien gegen 10.15 zu einem Spielplatz in der Nähe des Hauses gegangen. Sie selbst habe gegen 10.30 das Haus verlassen, um Besorgungen zu machen,[6] sei zwischen 12.30 und 12.40 Uhr zurückgekommen und habe dann das Mittagessen vorbereitet. Dann habe sie ihren Ehemann geschickt, um die Kinder zum Essen zu holen; diese seien verschwunden gewesen.[14][15]

Zweite Aussage Monika Weimars (“Nachtversion”)Bearbeiten

Am 29. August, einen Tag nach ihrer Festnahme, präsentierte Monika Weimar eine neue Version der Ereignisse, die sie während des gesamten Verfahrens aufrecht erhielt: Sie sei in der Nacht zum 4. August gegen 3 Uhr[8] nach Hause gekommen und habe ihren Ehemann im Kinderzimmer vorgefunden. Beide Kinder seien zu dem Zeitpunkt bereits tot, aber noch körperwarm gewesen; sie seien nicht mehr mit ihren Schlafanzügen bekleidet gewesen, sondern in Tageskleidung. Reinhard Weimar habe geweint und einen verwirrten, abwesenden Eindruck gemacht. Sie sei ins Schlafzimmer gegangen, von wo sie die Motorengeräusche eines wegfahrenden Wagens gehört habe. Nach einer gewissen Zeit sei der Wagen zurückgekommen, und kurz darauf habe ihr Mann das Schlafzimmer betreten. Von ihr zur Rede gestellt, habe er gesagt: “Jetzt kriegt keiner mehr die Kinder” und ihr den Ablageort der Leichen genannt.

Am Tag darauf habe sie noch einmal ihre Kinder sehen wollen und sei daher an den Ort gefahren, an dem später Melanies Leichnam gefunden wurde. Sie habe dort zwar Melanies, nicht jedoch Karolas Leichnam gefunden.[6][9][10]

Ihre Vermisstenanzeige und ursprüngliche Darstellung der Ereignisse erklärte sie durch Mitleid mit ihrem Mann und Schuldgefühle für den Tod der Kinder.[6][9] Bei der Darstellung habe sie sich an den Geschehnissen des Vortages orientiert.[6]

Zu Monika Böttchers Lasten wurde ausgelegt, dass sie keine Wiederbelebungsversuche unternommen und keine Hilfe geholt habe, obwohl ihre ganze Familie im gleichen Haus lebte. Als ausgebildete Krankenpflegerin müsse sie zudem gewusst haben, dass der Tod nur durch einen Arzt mit Sicherheit festgestellt werden kann.[5]

Darstellung Reinhard WeimarsBearbeiten

Reinhard Weimar gab an, ab etwa 22 Uhr bis zum späten Vormittag geschlafen zu haben, gegen 11.30 Uhr aufgestanden zu sein und auf seine Frau gewartet zu haben, die gegen 12.15 zurückgekehrt sei.[6][8]

Im Prozess gegen seine Ex-Frau sagte er aus, er könne sich “nicht erinnern, eine solche Tat begangen zu haben”, und “wenn ich es gemacht habe, dann muss es ein Blackout gewesen sein”. Zum Abtransport der Leichen sagte er: “ich bin mir fast sicher, dass ich den Abtransport der Mädchen nicht allein fertiggebracht habe”. Auf die Frage, ob er auch in der Nacht vom 3. auf den 4. August Ausfallerscheinungen ähnlich seiner drei früheren Erkrankungen gehabt habe, antwortete er, sich das “nicht vorstellen” zu können.[2]

Darstellung des GerichtsBearbeiten

Nach Ansicht des Landgerichts Fulda ließ Monika Weimar am 4. August gegen 11.30 Uhr ihre Kinder in ihren Pkw einsteigen. Danach sei sie mit ihnen zum späteren Fundort von Karolas Leiche, 11 km vom Wohnhaus der Familie entfernt, gefahren, wo sie um 11.40 Uhr angekommen sei. Dort habe sie eines ihrer Kinder zum Urinieren in ein Gebüsch geschickt und das andere in dieser Zeit getötet. Dann habe sie auch das zweite Kind getötet und beide Kinder zunächst im Gebüsch abgelegt. Melanies Leiche habe sie dann aber in den Wagen geladen und sei um 11.50 Uhr mit dieser zu einem 4 km entfernten Parkplatz gefahren, wo sie diese um 12 Uhr in ein Brennnesselgebüsch geworfen habe. Anschließend sei sie nach Hause gefahren, wo sie um 12.15 Uhr ankam.[10][11]

Alternative VersionenBearbeiten

Ein Privatermittler stellte für das Gesuch zum ersten Wiederaufnahmeverfahren mehrere alternative Hypothesen auf: Die beiden Kinder hätten im Auto unangeschnallt auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Bei einer Notbremsung seien beide tödlich verletzt worden, oder es sei nur eines der Kinder ums Leben gekommen und Monika Weimar habe unter Schock oder in Panik das andere Kind getötet. Als alternative Hypothese führte er an, der Schwager von Monika Weimar habe die Kinder getötet. Andererseits behauptete der Privatdetektiv auch, Reinhard Weimar habe ihm die Tat gestanden. Das Gericht schenkte ihm keinen Glauben.[18]

ErmittlungenBearbeiten

Zunächst wurden verschiedene Szenarien in Betracht gezogen: Kindesentziehung durch einen Elternteil, Entführung durch einen Unbekannten oder ein Weglaufen der Kinder, etwa vor streitenden Eltern. Nachdem die Ermittler am 5. August von Monika Weimars Beziehung mit Pratt erfahren hatten, wurde sie zunächst verdächtigt, ihre Kinder—möglicherweise mit Beteiligung Pratts—entführt zu haben.[6][14]

Nach dem Auffinden der Leichen kamen für die Ermittler allein die Eltern als mögliche Täter in Betracht: Dass ein Unbekannter am helllichten Tag die Kinder in der Nähe der Wohnung getötet und fortgeschafft hätte, wurde als ebenso unwahrscheinlich erachtet wie die Möglichkeit, dass die Kinder zu einem Fremden ins Auto gestiegen sein könnten. Aus dem persönlichen Umfeld der Kinder wurde nur für die Eltern ein schlüssiges Motiv angenommen: In Reinhard Weimars Fall wurde Eifersucht angenommen,[6] in Monika Weimars Fall, dass die Kinder ihrer Beziehung im Weg gewesen seien.[4]

Monika Weimar wurde nach einer Vernehmung am 28. August festgenommen und am Tag darauf erneut vernommen. Sie belastete nun ihren Ehemann und kam wieder auf freien Fuß. Reinhard Weimar wurde am 30. August festgenommen, aber noch am gleichen Tag wieder freigelassen, da das Amtsgericht Fulda einen Haftbefehl gegen ihn ablehnte.[5][6] Am 27. Oktober 1986 erließ das Amtsgericht Fulda Haftbefehl gegen Monika Weimar.[19] Damit konzentrierten sich die Ermittlungen nur noch auf sie.

Obduktion der LeichenBearbeiten

Die Leichen der Kinder wurden am 8. August 1986 obduziert;[6] das Ergebnis lag am 18. August vor.[12] Spuren sexuellen Missbrauchs ließen sich nicht feststellen,[4][6] auch wurden keine Spuren von Psychopharmaka gefunden.[12] Melanie Weimar war erstickt worden, möglicherweise unter weicher Bedeckung; Karola Weimar war erdrosselt worden. Beide Todesarten gehen in der Regel mit unkontrolliertem Harn- und Stuhlabgang einher; dazu passte, dass Melanies Blase völlig leer war und bei Karola lediglich eine minimale Harnmenge gefunden wurde.[6] Der Todeszeitpunkt entsprach etwa der Zeit ihres angeblichen Verschwindens,[15] wenngleich die Tageszeit des Todes nicht schlüssig bestimmt werden konnte.[20]

Die Untersuchung des Mageninhalts von Karola Weimar ergab, dass diese zuletzt Milch, Kakao und ein Weizenmehl enthaltendes Gebäck zu sich genommen hatte. Dies passte zu der Theorie eines kleinen Frühstücks, konnte andererseits aber auch auf den Verzehr von gefüllten Schokoladenkeksen, wie sie im Esszimmer der Familie gefunden wurden, zurückzuführen sein. Monika Weimar gab an, die Kinder hätten sich gelegentlich selbst verpflegt und ab und zu auch nach dem Abendessen noch etwas gegessen. Auf Grund des Verdauungsgrades musste der Tod 30 Minuten bis maximal eine Stunde nach der letzten Nahrungsaufnahme eingetreten sein. Der Mageninhalt von Melanie Weimar zeigte optisch ein ähnliches Bild, wurde aber durch einen Fehler in der Gerichtsmedizin nicht näher analysiert.[6][8][9]

Auffindezustand der LeichenBearbeiten

Beide Mädchen trugen die Tageskleidung, die Monika Weimar in ihrer Vermisstenmeldung beschrieben hatte: Melanie war mit einem weißen T-Shirt, roten Shorts, gelben Socken und Sandalen bekleidet, Karola mit einem pinkfarbenen T-Shirt, einer kurzen gelben Strickhose, blauen Socken und Sandalen.[6][21] Beide Kinder trugen Haar- und Zopfspangen. Die Unterhosen der Mädchen zeigten keine Spuren eines Einnässens, obwohl dies auf Grund der Todesart zu erwarten gewesen wäre. Die geordnete Kleidung der Kinder wurde als Indiz gegen Monika Weimar interpretiert; in einem Aktenvermerk vom 19. August 1986 findet sich die Formulierung:

Nur die Mutter wollte die Kinder selbst als Leichen schön gefunden haben.[6]

An Melanies Kleidung und Haaren wurde eine Vielzahl von Kletten festgestellt. Böttchers Verteidiger Strate führt an, die Anzahl von insgesamt 362 Kletten sei durch Bewegungen eines spielenden Kindes nicht zu erklären, zumal Kletten-Labkraut in der Regel in der Nähe von Wirtspflanzen wächst, insbesondere Himbeer-Büsche oder Brennnesseln. Jedoch fand sich in der Nähe des Fundorts von Karolas Leichnam eine Fläche von 2×2 Metern, auf der das Gras niedergedrückt war und in deren Nähe zahlreiche Brennnesseln wuchsen. Strate interpretierte dies dahingehend, dass auch Melanies Leichnam zunächst dort abgelegt wurde, etwa, um ihn noch herzurichten. Da auch an der Innenseite von Melanies Shorts Kletten gefunden wurden, folgerte Strate, dass die Shorts Melanie erst nach dem Tod angezogen worden waren.[6]

Während die ebenfalls sichergestellten, von den Kindern am 3. August getragenen Unterhosen einzelne Sandkörner aufwiesen, wurden an der Kleidung, mit denen die Leichen der Kinder bekleidet gewesen waren, keine Sandspuren gefunden. Strate wertete dies als Indiz, dass die Kinder vor ihrem Tod nicht mehr im Sandkasten und auch nicht auf dem Schotterweg vor dem Wohnhaus gewesen waren.[6]

Anonyme BriefeBearbeiten

Monika Weimar hatte der Polizei zwei anonyme Briefe übergeben, die sie angeblich erhalten hatte und die ihren Ehemann belasteten. Ein Schriftgutachten ergab jedoch, dass diese Briefe mit hoher Wahrscheinlichkeit von ihr selbst verfasst worden waren, was sie schließlich einräumte.[6][9]

Pkw der Familie WeimarBearbeiten

 
VW Passat, ähnlich dem Pkw der Familie Weimar

Die Familie Weimar besaß einen weißen VW Passat mit schwarzen Zierstreifen. Ein Zeuge hatte diesen am 4. August um 11.03 Uhr und erneut um 11.20 Uhr auf einem Parkplatz an der L3255 gesehen, wenige Meter vom Fundort von Melanies Leiche entfernt. Ermittler stellten am Nachmittag des 4. August fest, dass die Frontscheibe gesprungen war, was Monika Weimar zunächst durch einen Steinschlag am Vormittag des gleichen Tages erklärte. Untersuchungen ergaben jedoch, dass der Sprung durch einen “druckvollen Anstoß aus dem Inneren des Fahrzeuges” verursacht worden war. Weimar behauptete nun, in der vorherigen Nacht mit Pratt im Auto Geschlechtsverkehr ausgeübt zu haben und dabei mit der Ferse die Scheibe getroffen zu haben. Den Riss in der Frontscheibe habe sie erst am nächsten Vormittag bemerkt. Pratt gab hingegen in seiner Vernehmung an, am frühen Morgen des 4. August sei die Frontscheibe noch intakt gewesen. Ermittler und Landgericht Fulda waren der Ansicht, der Schaden sei durch eine Abwehrreaktion der Kinder während ihrer Tötung entstanden.[6][7]

Auswertung von FaserspurenBearbeiten

Die Kleidung der Kinder wurde auf Anhaftungen von Fasern untersucht. Auch wurde untersucht, ob die Bettwäsche der Kinder ebenfalls Anhaftungen dieser Fasern aufwies, um so Hinweise darauf zu gewinnen, ob die Tötung zur Nachtzeit erfolgt war. Die Gutachten wurden von Monika Böttchers Verteidiger Gerhard Strate mehrfach kritisiert: während die gesamte Oberbekleidung der Mutter auf Übereinstimmungen mit den Anhaftungen überprüft wurde, waren von der Kleidung des Vaters nur wenige—bei weitem nicht alle für den Tatzeitraum in Betracht kommenden—Stücke überprüft worden. Auch seien Verfälschungen der Spuren durch den verstrichenen Zeitraum bis zur Sicherstellung der Bettwäsche und deren unsachgemäße Verpackung nicht hinreichend berücksichtigt worden.[6][10]

An Melanie Weimars Unterhose wurden Anhaftungen von Chemiefasern festgestellt, die von den Schonbezügen der Rücksitzbank im Pkw der Familie stammten: laut Strate ein Hinweis darauf, dass Melanie lediglich ihre Unterhose getragen haben könnte, als sie im Pkw der Familie transportiert wurde. Diese Chemiefasern fanden sich in großer Zahl an der Kleidung beider Kinder, die hingegen nur wenige Fasern aufwies, die zu den Wollbezügen der Vordersitze passten. Dies sprach Strate zufolge gegen die Theorie, eines der Kinder könnte im Todeskampf den Schaden an der Frontscheibe des Pkw verursacht haben.[6]

Ein späteres Fasergutachten, welches die Grundlage für das Wiederaufnahmeverfahren bildete, kam zu dem Schluss, dass die Anhaftungen von Monika Böttchers Bluse an Melanies T-Shirt und Shorts gleichmäßig verteilt waren und keine Leitspuren aufwiesen, wie sie beim Tragen eines Leichnams zu erwarten gewesen wären.[6][22]

Aussage von Brigitte und Raymond ElliottBearbeiten

Brigitte und Raymond Elliott, die direkt über den Weimars wohnten, sagten beide aus, sie hätten in der Nacht vom 3. auf den 4. August Karola weinen gehört. Daraufhin hätten sie gemeinsam in der Wohnung der Weimars nach dem Rechten gesehen. Karola habe in die Hose gemacht; Brigitte Elliott habe sie trockengelegt. Melanie, die sonst meist sofort aufgewacht sei, habe reglos in ihrem Bett gelegen. Ob die Eltern in der Wohnung waren, hätten sie nicht überprüft.[7][23]

Sichtungen der Kinder am 4. AugustBearbeiten

Nachbarn gaben an, die Mädchen am 4. August zwischen 10.50 und 10.57 Uhr auf dem Weg vor den Wohnhäusern gesehen zu haben. Dem steht gegenüber, dass Monika Weimars Auto ab 11.03 Uhr auf dem 10 Fahrminuten entfernten Parkplatz gesichtet wurde. Auch die Urgroßmutter der Kinder hatte zunächst angegeben, die Kinder noch am 4. August im Hausflur gesehen zu haben, diese Aussage aber später zurückgezogen und behauptet, dies mit dem Geschehen des Vortages verwechselt zu haben.[5][6][7]

Belastungszeugen gegen Reinhard WeimarBearbeiten

Vier Zeugen gaben an, Reinhard Weimar haben ihnen gegenüber den Mord an seinen Kindern direkt oder indirekt gestanden, darunter ein Privatdetektiv, eine Kurzzeitbekannte und eine Mitpatientin in der Psychiatrie. Die Prostituierte, die Reinhard Weimar wiederholt aufgesucht hatte, gab an, er habe ihr gegenüber geäußert: “Mir kann keiner was nachweisen, das merk dir.” Die Gerichte stuften ihre Aussagen als unglaubwürdig ein.[11][18]

ProzesseBearbeiten

Monika Weimar wurde am 27. Oktober 1986 wegen Mordverdachts verhaftet und vom Landgericht Fulda am 8. Januar 1988 wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Monika Weimar, die nach der Scheidung von Reinhard Weimar wieder ihren Geburtsnamen Böttcher annahm, beteuerte jedoch ihre Unschuld. Am 17. Februar 1989 wies der Bundesgerichtshof ihre Revision zurück, am 2. Mai verwarf auch das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde.

Nach neuen Fasergutachten ordnete das Oberlandesgericht Frankfurt am Main am 4. Dezember 1995 die Wiederaufnahme des Verfahrens an. Ab 5. Juni 1996 stand Monika Böttcher erneut in Gießen vor Gericht und wurde nach 55 Verhandlungstagen am 24. April 1997 freigesprochen.[16] Der Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft gegen den Freispruch wurde mehrmals verhandelt, bis am 6. November 1998 der Bundesgerichtshof einen neuen und damit dritten Prozess anordnete.

Dieser Prozess begann am 2. September 1999 vor dem Landgericht Frankfurt am Main und endete am 22. Dezember mit der erneuten Verurteilung Monika Böttchers. Die Revision wies der Bundesgerichtshof am 27. August 2000 zurück, danach kehrte Monika Böttcher ins Gefängnis zurück.[19]

Nach insgesamt 15 Jahren in Haft wurde Böttcher am 18. August 2006 aus der Frankfurter Justizvollzugsanstalt Preungesheim entlassen.[15]

FolgenBearbeiten

Die Ehe von Monika und Reinhard Weimar wurde am 26. Oktober 1987 geschieden.[11][17]

Monika Böttcher nahm wieder ihren Geburtsnamen an. Zwischen ihrer Haftentlassung 1995 und ihrer erneuten Inhaftierung lebte sie in der Nähe von Frankfurt am Main und bezog Arbeitslosengeld und Sozialhilfe.[24] Nach ihrer Haftentlassung 2006 arbeitete sie zunächst in einer Frankfurter Anwaltskanzlei und übersiedelte später nach England.[25]

Reinhard Weimar zog wieder zu seinen Eltern nach Hohenroda. Seit 1989 war er teils ambulant, teils stationär wegen paranoid-halluzinatorischer schizophreniformer Psychose in psychiatrischer Behandlung und unternahm mehrere Suizidversuche. Sein Geisteszustand zur Zeit des Todes seiner Töchter gilt als strittig.[11][18][23] Im Wiederaufnahmeprozess 1996 galt er zwar als prozessfähig (und damit in der Lage, sein Zeugnisverweigerungsrecht auszuüben), aber nicht als vernehmungsfähig.[14][23] Er starb 2012 an Herzversagen; eine Obduktion ergab keine Hinweise auf Fremdverschulden.[1][25]

Kevin Pratt verlängerte seine Stationierung in Deutschland nicht und kehrte Ende Oktober 1986 in die USA nach Fort Sill, Oklahoma, zurück.[7][12] Er erkrankte schwer und war bei seiner erneuten Aussage 1997 bereits auf einen Rollstuhl angewiesen.[23]

Rolle der MedienBearbeiten

Die Wiederaufnahmeverfahren erfuhren ein großes Medieninteresse. Ein umstrittener Aspekt war dabei die direkte Beteiligung des Wochenmagazins Stern. Dieses übernahm nach einem Treffen zwischen dem Verteidiger Monika Böttchers, Gerhard Strate, und dem späteren Stern-Chefredakteur (zu jener Zeit noch Ressortchef) Thomas Osterkorn einen Anteil von 50.000 DM an den Prozesskosten. Dafür verlangte der Stern Exklusivrechte, die er allerdings nach der Haftentlassung Monika Böttchers am 4. Dezember 1995 verletzt sah, da die sich direkt danach auch gegenüber anderen Medien äußerte. Das Magazin verklagte den Anwalt Gerhard Strate vor dem Hamburger Landgericht.[26]

Rezeption in den MedienBearbeiten

An den Fall angelehnt ist der Fernsehfilm Der Kindermord von Bernd Böhlich aus dem Jahr 1997.[27]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Reinhard Weimar starb an Herzversagen—„Mordfall Weimar“: Ehemann ist tot. In: HNA. 14. November 2012, abgerufen am 8. Juni 2019.
  2. a b c d e Gerhard Mauz: “Ich wußte ja nicht, wo ich hin sollte…” In: Spiegel Online. 6. April 1987, abgerufen am 9. Juni 2019.
  3. Monika Böttcher: Haft - Freispruch - Wieder vor Gericht. In: Rhein-Zeitung. 6. November 1998, abgerufen am 9. Juni 2019.
  4. a b c d Bruno Schrep: 95 Prozent halten die Mutter für schuldig. In: Spiegel Online. 17. November 1986, abgerufen am 9. Juni 2019.
  5. a b c d Gerhard Mauz: “Ich hielt ihn für dringend tatverdächtig”. In: Spiegel Online. 11. Januar 1988, abgerufen am 9. Juni 2019.
  6. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac ad Der Mordfall Weimar – Kraft und Gefahren des Sachbeweises, Strate in Kriminalistik, 1997, 634
  7. a b c d e f g Gerhard Mauz: “Ich kann mit dieser Ungewißheit nicht leben”. In: Spiegel Online. 27. April 1987, abgerufen am 9. Juni 2019.
  8. a b c d e f g h i j k Viola Roggenkamp: Eine entheiratete Frau, in: Die Zeit 19/1987
  9. a b c d e Gerhard Mauz: “Weil er mir das Liebste genommen hat…” In: Spiegel Online. 30. März 1987, abgerufen am 9. Juni 2019.
  10. a b c d Gerhard Mauz, Gisela Friedrichsen: Muß der Vater der Mörder sein? In: Spiegel Online. 8. Februar 1993, abgerufen am 9. Juni 2019.
  11. a b c d e Das bessere Motiv. In: Spiegel Online. 11. Dezember 1995, abgerufen am 9. Juni 2019.
  12. a b c d e Gisela Friedrichsen: “Sie war nicht ehrlich zu mir”. In: Spiegel Online. 13. Januar 1997, abgerufen am 9. Juni 2019.
  13. Gisela Friedrichsen: “Das war ein unlösbarer Konflikt”. In: Spiegel Online. 20. September 1999, abgerufen am 12. Juni 2019.
  14. a b c d e Gisela Friedrichsen: Eine Sternstunde? In: Spiegel Online. 17. Juni 1996, abgerufen am 9. Juni 2019.
  15. a b c d e Gisela Friedrichsen: Zweifache Kindsmörderin Monika Böttcher ist frei. In: Spiegel Online. 18. August 2006, abgerufen am 10. November 2018.
  16. a b Der Fall Weimar: Ein Doppelmord – zwei Verfahren – zwei Urteile. In: Rhein-Zeitung. 19. März 1998, abgerufen am 10. November 2018.
  17. a b c Der Fall Weimar, in: Die Zeit 51/1995
  18. a b c Gerhard Mauz: “…als haltlos erwiesen”. In: Spiegel Online. 10. April 1995, abgerufen am 12. Juni 2019.
  19. a b Rainer Hamm: Chronologie des Strafverfahrens gegen Monika Weimar (Böttcher) mit Fundstellenhinweisen und zu behandelnde Normen. (Nicht mehr online verfügbar.) In: www.hammpartner.de. Archiviert vom Original am 29. März 2014; abgerufen am 10. November 2018.
  20. Gisela Friedrichsen: “Die persönliche Gewißheit”. In: Spiegel Online. 5. Mai 1997, abgerufen am 9. Juni 2019.
  21. Fahndungsplakat (Memorandum vom 14. Juni 2019)
  22. Letzter Kontakt. In: Spiegel Online. 11. Dezember 1995, abgerufen am 10. Juni 2019.
  23. a b c d Joachim Neander: Vor einder dramatischen Wende? In: Die Welt. 7. März 1997, abgerufen am 11. Juni 2019.
  24. Thomas Darnstädt, Hans-Jörg Vehlewald: “Es gibt keinen Ersatz für die Kinder”. In: Spiegel Online. 28. April 1997, abgerufen am 9. Juni 2019.
  25. a b Reinhard Weimar ist tot – Ex-Mann von Monika Böttcher starb am Sonntag in Hohenroda an Herzversagen. In: lokalo24. 13. November 2012, abgerufen am 9. Juni 2019.
  26. Viola Roggenkamp: Der Prozeß um Monika Weimar: Stern und Spiegel helfen mit, in: Die Zeit 24/1996
  27. Der Kindermord