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Mehrere Landstriche beziehungsweise Ortschaften betrachten sich als geographischen Mittelpunkt Europas. Da es verschiedene Verfahren zur Berechnung des Mittelpunktes gibt, beanspruchen mehrere Orte den Titel für sich; außerdem sind die Grenzen Europas zu Asien hin nicht eindeutig festgelegt. Es handelt sich hierbei eher um Kuriositäten von touristischer und ggf. politischer Relevanz als um ernsthafte Wissenschaft.

Inhaltsverzeichnis

Geographischer Mittelpunkt des Kontinents EuropaBearbeiten

Historische BerechnungenBearbeiten

  • Böhmen & Bayern
Geographen aus der Habsburger k.u.k. Monarchie haben den 939 Meter hohen Tillenberg (tschechisch Dyleň) in der Nähe der böhmischen Stadt Eger (tschechisch Cheb) in Tschechien als den geographischen Mittelpunkt Europas errechnet. Sie dokumentierten dies damals auf einer Kupferplatte, die sie auf dem Gipfel anbrachten. Die nahegelegene Ortschaft Neualbenreuth nutzt diese Gegebenheit noch heute für ihre Fremdenverkehrswerbung. Der amtliche „BayernAtlas“ zeigt den Mittelpunkt Europas auf bayerischer Seite der Grenze im Dreieck Neualbenreuth – Tillenberg – Schopf  [1]
Da es auch noch andere Ortschaften gab, die sich diese Eigenschaft zusprachen, ließen Redakteure der Sendung „Bayern, wo’s kaum einer kennt“ des Bayerischen Rundfunks den Mittelpunkt Mitteleuropas vor Jahren neu vermessen. Das Institut für Geographie der Universität München, das den Auftrag ausführte, kam zu dem Ergebnis, dass der Mittelpunkt etwas südlicher, und zwar in Hildweinsreuth   bei Flossenbürg (Deutschland) in der nördlichen Oberpfalz zu suchen ist. Die geografische Abgrenzung Mitteleuropa ist allerdings umstritten.
  • Deutschland
Geographen des Deutschen Reiches berechneten um 1900 als europäisches Zentrum einen Platz in der Nähe der Frauenkirche in Dresden fest.
  • Polen
Bereits 1775 berechnete der polnische Kartograph und Astronom Szymon Antoni Sobiekrajski das Städtchen Suchowola   in Polen als den geographischen Mittelpunkt Europas. Im Zentrum des Ortes weist eine Inschrift auf einem großen Findling darauf hin.
  • Slowakei
Weitere Kandidaten für den Mittelpunkt Europas sind die Orte Kremnické Bane (  früher deutsch Johannesberg) bei Krahule (deutsch Blaufuss) und der Stadt Kremnica (deutsch Kremnitz) in der Mittelslowakei
  • Tschechien
Ein Hügel Volyně bei Čečelovice (deutsch Tschetschelowitz), sowie ein Denkmal nordöstlich von Budweis in Tschechien werden als Zentrum Europas ausgewiesen
  • Ukraine
  • Eine Stelle nahe Rachiw (das Dorf Dilowe  ) in der Ukraine wurde 1887, als die Region ein Teil der k.u.k.-Monarchie war, als „Ewiger Ort“ (lateinisch locus perennis)und „mit großer Sorgfalt bestimmt“. Insgesamt gab es sieben gleichartige Markierungssteine in Mitteleuropa, die als Fixpunkte der Höhen-, Längen- und Breitenvermessung des Habsburger Reiches dienten. Als Mittelpunkt Europas ist keiner ausgewiesen. Dieser Stein entstand im Zusammenhang mit den Vermessungsarbeiten, die zum Bau der Eisenbahnlinie Rachiw–Sighetu Marmației (ungarisch Máramarossziget) durchgeführt wurden. Im Verlauf dieser Arbeiten stellten die Ingenieure angeblich fest, den geographischen Mittelpunkt Europas eingemessen zu haben. Für eine Bestätigung findet sich keine zeitgenössische Quelle. Angeblich bestätigten Wiener Wissenschaftler nach gründlicher Überprüfung diese These. 1887 wurde ein 2 m hohes geodätisches Denkmal aus Beton errichtet, welches im Original bis heute erhalten ist. Vermutlich ist der Messpunkt später aus lokalpatriotischen Motiven zum Mittelpunkt erklärt und als Ausflugsziel vermarktet worden.[2]
Die Stelle ist mit einer Gedenktafel mit lateinischer Inschrift (fehlerhaft) gekennzeichnet:
LOCUS PERENNIS
DILICENTISSIME  CUM  LIBELLA LIB-
RATIONIS  QUAE   EST  IN   AUSTRIA
ET HUNGARIA CONFECTA CUM MEN
SURA GRADUM MERIDIONALIUM ET
PARALLELORUM QUAM EUROPEUM

MDCCCLXXXVII
Das symbolische Denkmal überlebte zwei Weltkriege und das Sowjetsystem in seiner ursprünglichen Form bis in unsere Gegenwart. Da die geodätische Marke als Mittelpunktssymbol jedoch sehr bescheiden wirkte, steht seit dem 27. Mai 1977 eine moderne, 7,20 Meter hohe Stele daneben, deren parallele Linien die vier Seiten der Welt symbolisieren. Eine Kugel, die den Planeten Erde symbolisiert, befindet sich in 6,60 Metern Höhe. Neben den symbolischen Wert hat diese Kugel noch eine stabilisierende Wirkung auf die geteilte Stele[3]. Der benachbarte Ort an der Brücke ist ein beliebtes Ziel für Touristen.
  • Weißrussland
Schon früher hat man Orte im heutigen Weißrussland als Mittelpunkt Europas angegeben. Ausgewiesen wurde
Wizebsk ( , deutsch Wilna) im Nordosten des Landes
und
etwa 50 Kilometer nordnordwestlich von Babrujsk bei 53° 33′ 54,7″ N, 29° 21′ 32″ O im Mahiljouskaja Woblasz.

Litauen  Purnuškės
Weissrussland  Polazk
Ungarn  Tállya
Estland  Mõnnuste
Polen  Suchowola
Ukraine  Dilowe
Tschechien  Dyleň
Deutschland  Flossenbürg
Weissrussland  Vitebsk
Weissrussland  Babrujsk
Slowenien  Kremnické Bane
Zentren Europas nach historischen und aktuellen Berechnungen

Aktuelle BerechnungenBearbeiten

  • Litauen
 
Der 1989 errechnete Mittelpunkt Europas in Litauen nördlich von Vilnius
Geographen des Institut Géographique National, des nationalen Geographieinstituts Frankreichs, errechneten 1989 den geographischen Mittelpunkt Europas als Flächenschwerpunkt und ermittelten eine Stelle beim Dorf Purnuškės etwas nördlich von Vilnius in Litauen mit den Koordinaten 54° 54′ 0″ N, 25° 19′ 0″ O.
Diese Daten wurden erst nach neuerlicher Ermittlung der Abgrenzungen Europas als Kontinent festgelegt: Norden: Spitzbergen, Süden: Kanarische Inseln, Osten: Uralgebirge, Westen: Azoren. Als Grenze des Kontinents gelten der Fluss Kara, der höchste Kamm des Uralgebirges, der Fluss Ural, das Kaspische Meer bis zur Halbinsel Abşeron, der höchste Kamm des Kaukasus bis zur Kubanmündung, dass Schwarze Meer durch den Bosporus, entlang Dardanellen, die östlichen Inseln Griechenlands entlang der türkischen Küste der Ägäis, das Mittelmeer und Gibraltar.
Eine Windrose auf dem Boden und eine hohe Granitsäule mit einem Sternenkranz sollen Touristen anlocken. Insgesamt ist die Anlage sehr großzügig gestaltet und repräsentativ. 1991 gründete der Bildhauer Gintaras Karosas im benachbarten Joneikiškės den Skulpturenpark „Europos Parkas“. Dazu schuf er eine Pyramide, um die herum Steinplatten auf die umliegenden Länder und Städte Europas zeigen. Auch andere Künstler haben sich hier mit Arbeiten zum Thema Europa verewigt.
  • Ungarn
Eine Berechnung aus dem Jahr 1992 ergab, dass sich das geometrische Zentrum Europas im ungarischen Dorf Tállya befindet. Im Jahr 2000 wurde in der Ortsmitte eine Vogelskulptur mit einer Tafel aufgestellt  , die den Ort zum „geometrischen Zentrum Europas“ erklärte.[4]
  • Weißrussland
 
Der weißrussische Mittelpunkt Europas von 2000 in Polazk

Im Jahr 2000 veröffentlichten die Wissenschaftler Alexej Solomonow und Waleryj Anoschko aus Weißrussland eine Studie, nach der das geographische Zentrum Europas 48 Kilometer südwestlich von Polazk (weißrussisch Полацк) in der Nähe des Schosees (weißrussisch воз. Шо) in dem Weiler Ivieś   (weißrussisch Івесь) in der Wizebskaja Woblasz liegt. Die Wissenschaftler verwendeten eine spezielle Berechnungsgrundlage, die Europa als ein einziges Ganzes annimmt – Nord- und Ostsee, das Weiße Meer, die Britischen Inseln sowie die Binnenseen werden dabei als Teil des kontinentalen Gebiets betrachtet. Wissenschaftler des russischen Zentralen Forschungsinstituts für Geodäsie und Kartographie in Moskau bestätigten etwas später die Zulässigkeit dieses Ansatzes und die Richtigkeit der Berechnungen. Bisher weist nur die Feriensiedlung "Agrousadyba Tsentr Evropy" (weißrussisch Агроусадьба Центр Европы) im Ort auf diesen Umstand hin.
Am 31. Mai 2008 wurde in Polazk ein Gedenkstein im Stadtzentrum   eingeweiht. Ein Schild weist allerdings die Koordinaten eines Punktes ca. 2,5 km nordwestlich des Gedenksteins auf einem Privatgrundstück am Stadtrand von Polazk aus  . Weiterhin wird in fünf Sprachen auf den „geografischen Mittelpunkt Europas“ hingewiesen: in Nordrichtung auf Schwedisch, nach Osten auf Russisch, nach Süden auf Griechisch und nach Westen auf Englisch. Im Mittelkreis ist die Angabe auf Weißrussisch.[5]

  • Estland
Wenn alle europäischen Inseln – von den Azoren bis zum Franz-Josef-Land und von Kreta bis nach Island – berücksichtigt werden, liegt das Zentrum Europas bei 58° 18′ 14″ N, 22° 16′ 44″ O auf einem privaten Grundstück beim Dorf Mõnnuste auf der Insel Saaremaa im Westen Estlands. Ein Autor und die Berechnungsmethode von 2008 wurden bisher nicht angegeben. Die örtliche Gemeinde Kärla versucht, den Standort zu bestätigen, um ihn zu einem Touristenziel zu machen.[6]

Geographischer Mittelpunkt der Europäischen UnionBearbeiten

Mittelpunkte der EU ab 1995
Große Karte: Deutschland
Kleine Karte: Belgien

Historische Mittelpunkte der Europäischen UnionBearbeiten

Zwischen 1995 und 2004 lag der Mittelpunkt der Europäischen Union in der Nähe der belgischen Ortschaft Viroinval  .

Durch die EU-Osterweiterung am 1. Mai 2004 galt Kleinmaischeid bei Neuwied mit den Koordinaten 50° 31′ 31″ N, 7° 35′ 50″ O bis zum 31. Dezember 2006 als geographischer Mittelpunkt der Europäischen Union.[7] Am 10. Oktober 2004 wurde aus diesem Anlass ein Gedenkstein eingeweiht, der einen Zirkel zeigt. Ursprünglich hatte das Institut für theoretische Geodäsie in Bonn fälschlicherweise ermittelt, dass der Mittelpunkt der Europäischen Union nach deren Erweiterung von 2004 auf den Koordinaten 50° 51′ 10″ N, 8° 46′ 43″ O läge. Dieser Punkt befand sich am Kaschubenweg in Cölbe und wurde durch eine Blechtafel markiert.

 
Ehemaliger Mittelpunkt der EU in Gelnhausen-Meerholz vom 3. Januar 2007 bis 30. Juni 2013

Zwischen der sechsten EU-Osterweiterung 2007 und dem Beitritt Kroatiens lag der Mittelpunkt der Europäischen Union in der hessischen Stadt Gelnhausen, im Stadtteil Meerholz. Das Institut Géographique National hatte die genauen Koordinaten 50° 10′ 21″ N, 9° 9′ 0″ O berechnet.[8][9] Eine drei Tonnen schwere Skulptur aus rotem Sandstein markiert den ehemaligen geographischen Mittelpunkt der Europäischen Union. Sieben Künstler aus der Region haben das Objekt gemeinsam entworfen. Herzstück der Skulptur auf einem Kornfeld am Rande von Meerholz ist ein Hohlkörper aus rotem Sandstein. Dort wurden nach und nach Sand und Erde aus den 27 Mitgliedstaaten der EU eingefüllt. Zur rund einstündigen Eröffnungsfeier mit 300 Gästen brachte der hessische Europaminister Volker Hoff (CDU) Erde aus dem Mitgliedstaat Ungarn mit. Ein Messingdeckel mit einer eingravierten Friedenstaube verschließt die Skulptur. 26 in den Stein gehauene Linien zeigen den Besuchern, in welchen Himmelsrichtungen die anderen EU-Länder liegen. Auf einem Metallreifen, der seitlich am Stein befestigt ist, sind die Länderkennzeichen der EU-Mitgliedstaaten zu lesen.[10][11]

Aktueller geographischer Mittelpunkt der Europäischen Union (vor Brexit)Bearbeiten

 
Geographischer Mittelpunkt der Europäischen Union seit dem 10. Mai 2014 in Westerngrund

Seit dem EU-Beitritt Kroatiens am 1. Juli 2013 lag der geographische Mittelpunkt der EU im Landkreis Aschaffenburg, im Ortsteil Oberwestern der bayerischen Gemeinde Westerngrund  [12][13][14][15] Durch den Beitritt des französischen Übersee-Départements Mayotte, einer Inselgruppe nordwestlich von Madagaskar, hat er sich nochmals um 500 m verschoben  . Weiterhin ist dieser Punkt ein geodätischer Referenzpunkt. Mit dem Brexit würde sich der Mittelpunkt um knapp 56 km nach Südosten, nach Gadheim   in der Gemeinde Veitshöchheim bei Würzburg verschieben.[16]

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Geographical centre of Europe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Mittelpunkt Europas im BayernAtlas
  2. Die Mitte finden, Lufthansa Magazin
    Schwarze Erde: Eine Reise durch die Ukraine von Jens Mühling, Rowohlt Verlag
  3. Geographisches Zentrum Europas in Transkarpatien (ukrainisch Географічний центр Європи на Закарпатті)
  4. Tállya nevezetességei » Közterületi szobrok » Európa mértani középpontja (ungarisch, mehrere Fotos)
  5. Где ты, географический центр Европы? 11. Oktober 2017, abgerufen am 7. Januar 2018 (russisch).
  6. Kärla vald tahab Euroopa keskpunkti külalistele avada (estnisch)
  7. Le centre géographique de l’Europe des 25 calculé par l’Institut Géographique National. Archiviert vom Original am 13. Juli 2007; abgerufen am 3. Januar 2007.
  8. Le nouveau centre de l’Europe. In: IGN. 4. Januar 2007, archiviert vom Original am 17. Juli 2007; abgerufen am 2. März 2007.
  9. Neuer Mittelpunkt der EU liegt in Südosthessen. In: Rhein-Zeitung. 3. Januar 2007, abgerufen am 4. Januar 2007.
  10. Wo liegt der Mittelpunkt? In: Manager-Magazin, 9. Juli 2007
  11. Mittelpunkt der Europäischen Union. (Memento des Originals vom 1. Januar 2011 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.mkk.de In: mkk.de, 27. November 2007
  12. Frank Müller: Westerngrund (Lkr. AB): Der Nabel Europas in Franken. (Memento vom 22. Februar 2014 im Internet Archive) Radioreportage, Bayern 2, regionalZeit – Franken.
  13. Westerngrund ist Mittelpunkt der Europäischen Union
  14. Der Mittelpunkt ist eine feuchte Wiese in Oberwestern. In: main-netz.de
  15. Neue Mitte Europas: Westerngrund im Kreis Aschaffenburg löst Meerholz ab. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Juli 2013, Nr. 151, Seite 45.
  16. Gadheim, 80 Einwohner, Mittelpunkt der EU - dank Brexit in: sueddeutsche.de
    Veitshöchheim: Gadheim wird neuer Mittelpunkt der EU 30.03.2017 Bayernreporter