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Richterskala

Magnitudenskala in der Seismologie
(Weitergeleitet von Mikrobeben)
Charles Richter, Miterfinder und Namenspatron der Richterskala

Die Richterskala ist eine Magnitudenskala. Sie basiert auf Amplitudenmessungen von Seismogrammaufzeichnungen, die in relativ geringer Distanz von wenigen hundert Kilometern zum Epizentrum gewonnen wurden. Sie ist daher auch unter dem Begriff Lokalbeben-Magnitude bekannt.

Für die Bestimmung der Stärke von Erdbeben werden heutzutage Aufzeichnungen von Messgeräten genutzt, die auf der gesamten Erdoberfläche verteilt sind. Der daraus ermittelte Wert wird meist auf der Momenten-Magnituden-Skala als Momenten-Magnitude angegeben. Fälschlich wird in der Presse dabei häufig von Werten der Richterskala gesprochen.

Inhaltsverzeichnis

EntstehungBearbeiten

Die Skala wurde von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology 1935 entwickelt und anfänglich als ML-Skala (Magnitude Local) bezeichnet. In seiner grundlegenden Veröffentlichung An instrumental Earthquake Magnitude Scale im Bulletin of the Seismological Society of America wandte Charles Francis Richter die erstmals von K. Wadati 1931 publizierte grundlegende Idee einer instrumentellen Erdbebenskala auf kalifornische Erdbeben an.

GrundlagenBearbeiten

Aufgrund ihrer Definition ist die Richterskala nach oben unbegrenzt, die physikalischen Eigenschaften der Erdkruste machen aber ein Auftreten von Erdbeben der Stärke 9,5 oder höher nahezu unmöglich, da das Gestein nicht genug Energie speichern kann und sich vor Erreichen dieser Stärke entlädt. Die häufig in den Medien verwendete Bezeichnung „nach oben offen“ soll die instrumentelle Richterskala von den Intensitätsskalen abgrenzen, mit denen häufig Stärke und Zerstörungskraft eines Erdbebens charakterisiert werden.

Die meisten Magnitudenskalen erreichen im oberen Wertebereich eine Sättigung: Wächst die beim Beben freigesetzte Energie weiter an, ändert sich die Magnitude dann nur noch wenig und die Skala verliert ihre Linearität. Auch die Richterskala unterliegt diesem Phänomen, sie ist für Angaben oberhalb der Magnitude 6,5 daher nicht geeignet. Darüber hinausgehende Werte beziehen sich in der Regel auf andere Magnitudenskalen.

AbleitungBearbeiten

Der angegebene Wert, die Magnitude oder Größenklasse, leitet sich aus dem dekadischen Logarithmus der maximalen Amplitude (Auslenkung) im Seismogramm ab. Die Bestimmung der Magnitude erfolgt nach folgender Beziehung:[1]

 ,

wobei Amax den maximalen Ausschlag in Mikrometer (μm) angibt, mit der ein kurzperiodisches Standardseismometer (Wood-Anderson-Seismograf) ein Beben in einer Entfernung von 100 km zum Epizentrum aufzeichnen würde. Der Bezug   muss zwecks Korrektur gegebenenfalls auf die Verhältnisse für Beben in abweichenden Entfernungen angepasst werden. Dazu wird die Dämpfung der Amplitude berücksichtigt, die wiederum von der regionalen Geschwindigkeits- und Dämpfungsstruktur, vom Alter der Erdkruste und deren Zusammensetzung, von der Herdtiefe sowie von den Wärmeflussbedingungen abhängt. Streng genommen sind diese Kalibrierungsfunktionen nach Richter nur für Südkalifornien gültig und müssen für andere Regionen der Erde gesondert bestimmt werden.[1]

Wegen des dekadischen Logarithmus bedeutet der Anstieg der Magnitude um einen Punkt auf der Skala einen etwa zehnfach höheren Ausschlag (Amplitude) im Seismogramm und näherungsweise die 32-fache Energiefreisetzung (exponentielles Wachstum) im Erdbebenherd. Eine Magnitude von zwei oder weniger wird als Mikroerdbeben bezeichnet, da es von Menschen oft nicht wahrgenommen werden kann und nur von lokalen Seismografen erfasst wird. Beben mit einer Stärke von etwa 4,5 und höher sind stark genug, um von Seismografen auf der ganzen Welt erfasst zu werden. Allerdings muss die Stärke über 5 liegen, um als mäßiges Erdbeben angesehen zu werden.

Einteilung der SkalenwerteBearbeiten

Den Magnitudenwerten lassen sich typische Effekte im Bereich des Epizentrums zuordnen. Es ist zu beachten, dass die Intensität und dadurch die Bodeneffekte nicht nur von der Magnitude abhängen, sondern auch von der Distanz zum Epizentrum, der Tiefe des Erdbebenherdes unter dem Epizentrum und den lokalen geologischen Bedingungen.[2]

Richter-Magnituden Einteilung der Erdbebenstärke Erdbebenauswirkungen Häufigkeit der Ereignisse weltweit freigesetzte Energie
(TNT-Äquivalent in t (Energie in J))[3]
< 2,0 Mikro Mikro-Erdbeben**, nicht spürbar ≈ 8000-mal pro Tag (> Magnitude 1,0) bis 1 t
(< 4,2 GJ)
2,0 … < 3,0 extrem leicht Generell nicht spürbar, jedoch gemessen ≈ 1500-mal pro Tag 1 bis 32 t
(4,2 bis 135 GJ)
3,0 … < 4,0 sehr leicht Oft spürbar, Schäden jedoch sehr selten ≈ 49.000-mal pro Jahr (geschätzt) 32 bis 1.000 t
(135 bis 4.200 GJ)
4,0 … < 5,0 leicht Sichtbares Bewegen von Zimmergegenständen, Erschütterungsgeräusche; meist keine Schäden ≈ 6200-mal pro Jahr (geschätzt) 1 bis 32 kt
(4,2 bis 135 TJ)
5,0 … < 6,0 mittelstark Bei anfälligen Gebäuden ernste Schäden, bei robusten Gebäuden leichte oder keine Schäden ≈ 800-mal pro Jahr 32 bis 1.000 kt
(135 bis 4.200 TJ)
6,0 … < 7,0* stark Zerstörung im Umkreis bis zu 70 km ≈ 120-mal pro Jahr 1 bis 50 Mt
(4,2 bis 210 PJ)
7,0* … < 8,0* groß Zerstörung über weite Gebiete ≈ 18-mal pro Jahr 50 bis 1.000 Mt
(210 bis 4.200 PJ)
8,0* … < 9,0* sehr groß Zerstörung in Bereichen von einigen hundert Kilometern ≈ einmal pro Jahr 1 bis 5,6 Gt
(4,2 bis 23,5 EJ)
9,0* … < 10,0* extrem groß Zerstörung in Bereichen von tausend Kilometern ≈ alle 20 Jahre 5,6 bis 1.000 Gt
(23,5 bis 4.200 EJ)
≥ 10,0* globale Katastrophe Noch nie registriert unbekannt > 1.000 Gt
(> 4.200 EJ)

*Die Richterskala ist messtechnisch nach oben auf Magnitude 6,5 begrenzt. Höhere Magnituden stärkerer Beben werden mit der Momenten-Magnituden-Skala (MW) bestimmt.

**Der Begriff Mikro-Erdbeben oder Mikrobeben wird uneinheitlich verwendet. Er bezeichnet allgemein Beben niedriger Intensität.[4] Der United States Geological Survey (USGS) definiert Mikrobeben als Beben bis zu einer Magnitude von 3,0.[5][6] Andere Quellen definieren sie als Beben mit einer Magnitude bis 2,0.[7][8] Mikrobeben sind in der Regel für Menschen nicht wahrnehmbar.

Negative WerteBearbeiten

Richter hatte seinerzeit die Magnitude 0 auf einen Wert der Bodenschwingung bezogen, der ihm als der kleinstmögliche jemals messbare Wert erschien, daher legte er einen Seismometer-Ausschlag von einem Mikrometer in 100 Kilometer Entfernung vom Herd des Erdbebens als Nullpunkt fest. Heute können mit modernen elektronischen Seismographen sogar über 1000-mal kleinere Bodenbewegungen als in den 1930er Jahren gemessen werden. Das bedeutet aber, dass sehr schwache, heute ganz lokal gerade noch messbare Erdbeben negative Magnituden (bis etwa −2 bis −3) haben können.[9][10]

Bezug zu anderen SkalenBearbeiten

Trotz des grundlegend anderen Ansatzes der Richterskala wird häufig versucht, diese mit den Intensitätsskalen, wie etwa der modifizierten und mehrfach weiterentwickelten Mercalliskala des Italieners Giuseppe Mercalli (1850–1914), in Bezug zu setzen. Auf einer weiteren Intensitätsskala, der so genannten MSK-Skala (Medwedew-Sponheuer-Karnik-Skala), wird die Stärke eines Bebens beispielsweise in zwölf Stärkegraden angegeben. Die Abstufung orientiert sich sowohl an subjektiven als auch an objektiven Kriterien. In Japan ist als Intensitätsskala die JMA-Skala verbreitet, als Magnitudenskala wird die JMA-Magnituden-Skala herangezogen.

Seit geraumer Zeit wird in vielen Fällen auch die Momenten-Magnituden-Skala (Abkürzung MW) angegeben, deren Bestimmungsgrößen auf den physikalischen Parametern im Erdbebenherd beruhen.

Der logarithmische Zusammenhang zwischen Energie und Magnitude lässt sich näherungsweise zusammenfassen mit

 

wobei M die Magnitude und W die äquivalente (explosive) Energie in Tonnen TNT ist.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Charles F. Richter: An instrumental earthquake magnitude scale. In: Bulletin of the Seismological Society of America. Vol. 25, Nr. 1, Januar 1935, ISSN 0037-1106, S. 1–32.
  • B. Gutenberg, C. F. Richter: Seismicity of the Earth and Associated Phenomena. Princeton University Press, Princeton NJ 1949 (englisch).

BelegeBearbeiten

  1. a b Peter Bormann (Hrsg.): IASPEI New Manual of Seismological Observatory Practice, GeoForschungsZentrum Potsdam 2002.
  2. USGS: FAQ- Measuring Earthquakes
  3. http://www.meta-evolutions.de/pages/artikel-20070805-richterskala.html
  4. microearthquake. In: Merriam Webster Dictionary Online. Abgerufen am 18. Januar 2015.
  5. USGS, nach Kayal, J.R.: Microearthquake Seismology and Seismotectonics of South Asia. 2008, S. 1–3.
  6. Pressemitteilung: Tiefe Geothermie und Mikrobeben, Anhang: Definition von Mikrobeben. In: Informationsdienst Wissenschaft idw-online. Geothermische Vereinigung – Bundesverband Geothermie e. V., 23. September 2009, abgerufen am 18. Januar 2015.
  7. William Spence, Stuart A. Sipkin und George L. Choy: Measuring the Size of an Earthquake. In: Earthquakes and Volcanoes. Band 21, Nr. 1, 1989 (Auszug auf den Seiten des USGS (HTML) [abgerufen am 18. Januar 2015]).
  8. glossary – microearthquake. California Institute of Technology – Southern California Earthquake Data Center, abgerufen am 18. Januar 2015.
  9. Prof. Dr. Peter Bormann, GeoForschungsZentrum Potsdam (pdf)
  10. "Nach oben offen prägt sich besser ein" Der Seismologe Thomas Kenkmann spricht im TR-Interview über Erdbeben-Messverfahren und die Genauigkeit der Richter-Skala vom 31.08.2012

WeblinksBearbeiten