Michelozzo di Bartolommeo

italienischer Bildhauer und Architekt

Michelozzo di Bartolom(m)eo Michelozzi, genannt Michelozzo (* um 1396 in Florenz; † 7. Oktober 1472 ebenda), war ein vor allem in Florenz, aber auch in Prato, Montepulciano und Dubrovnik aktiver Bildhauer, Bronzegießer, Goldschmied und Architekt des 15. Jahrhunderts.

Donatello, Michelozzo und Werkstatt, Grabmonument für Johannes XXIII. im Baptisterium San Giovanni, Florenz, 1424–1427

Leben und WerkeBearbeiten

Michelozzo war der Sohn des aus Lyon im Burgund eingewanderten Schneiders Bartolomeo di Gherardo und der Antonia di Leonardo Porcellini;[1] sein genaues Geburtsjahr ist nicht bekannt. In Florenz lebte die Familie in der Via Larga, unweit der Casa vecchia der Familie der Medici.

 
Donatello und Michelozzo, Bronze-Kapitell für die Außenkanzel am Dom von Prato

Von 1410 an war Michelozzo über fast drei Jahrzehnte immer wieder als Graveur von Prägestempeln in der Florentiner Münze beschäftigt.[2] Wegen Erfahrungen im Bronzeguss wurde er vermutlich 1417,[3] sicher aber ab 1420 Mitarbeiter von Lorenzo Ghiberti,[4] in dessen Werkstatt er bis 1429 an der Fertigstellung des hl. Matthäus für Orsanmichele und Ghibertis erstem Bronzeportal sowie an der Ausführung des zweiten Portals mitwirkte. Im Jahr 1424 gründeten Michelozzo und Donatello eine Werkstattgemeinschaft.[5][6] In den darauffolgenden Jahren war Michelozzo an mehreren bedeutenden Projekten beteiligt. 1424–1427 entstand das Grabmal für den 1415 in Florenz verstorbenen ehemaligen Gegenpapst Johannes XXIII. im Baptisterium San Giovanni. Von 1426 bis 1428 arbeiteten beide Künstler in Pisa am Grabmal für den Kardinal Rainaldo Brancacci, das nach seiner Fertigstellung nach Neapel verschifft wurde und dort in der Kirche Sant’Angelo a Nilo Aufstellung fand. Den Auftrag für das Grabmonument des Bartolomeo Aragazzi, ein humanistisch gebildeter Kleriker im Dienste Johannes' XXIII. und dann Martins V., im Dom von Montepulciano (1427–1438) scheint Michelozzo ohne Donatellos Beteiligung ausgeführt zu haben; das Grabmal ist nur in Resten erhalten. 1428 erhielten beide Künstler den Auftrag, für den Dom in Prato eine neue Außenkanzel zu entwerfen und auszuführen; die Arbeiten waren im Sommer 1438 abgeschlossen. Neben Michelozzo und Donatello waren an der Ausführung die Bildhauer Pagno di Lapo Portigiani und Maso di Bartolomeo beteiligt.

1440 ist Michelozzo erstmalig im Zusammenhang mit einem architektonischen Entwurf – eine Zeichnung für die Fassade des Palazzo comunale in Montepulciano – dokumentiert.[7] Anfang der 1430er Jahre war er bereits von der Stadtregierung von Florenz mit Arbeiten am Castello (heute Fortezza medicea) beauftragt worden, ohne dass sich der Charakter seiner Aufgabe genauer bestimmen ließe. Weitere Bauprojekte Ende der 1430er bis 1450er Jahre – u. a. das Kloster von San Marco, der Palazzo Medici, der Palazzo Tornabuoni, die Villa Medici von Fiesole und die Medici-Villen in Trebbio, Careggi und Cafaggiolo sowie das Bankhaus der Medici in Mailand – wurden Michelozzo zuerst von Giorgio Vasari zugeschrieben.[8] Vasari versucht in der Vita Michelozzos, diesen zum Hausarchitekten der Medici und damit zu seinem Vorgänger zu stilisieren; für keines der genannten Bauprojekte ist eine Beteiligung Michelozzos zweifelsfrei dokumentiert. Skepsis gegenüber der Rolle Michelozzos bei Bau des Medici-Palastes äußerte beispielsweise die Kunsthistorikerin Brenda Preyer;[9] das Anwachsen der allein auf vagen stilistischen Zuschreibungen beruhenden Zahl von Werken kritisierte auch der Architekturhistoriker Hans Teubner.[10]

 
Loggia des Ospedale di San Paolo, Florenz, 1459–1460

Belegt sind die Anfertigung von Entwürfen für die Serviten-Kirche SS. Annunziata (ab 1444)[11] sowie die Leitung der Dom-Bauhütte in Florenz (1446–1451, v. a. Arbeiten an der Laterne der Domkuppel) und der Bauarbeiten am Ospedale di San Paolo (1459–1460, Loggia)[12] an der Piazza S. Maria Novella. Der Architekturhistoriker Marvin Trachtenberg brachte Michelozzo mit der Planung und Ausführung der Cappella Pazzi (1441–1478) in der Florentiner Franziskanerkirche S. Croce in Verbindung, die gemeinhin dem allerdings bereits 1446 verstorbenen Filippo Brunelleschi zugewiesen wird.[13] Nach Auffassung des Kunsthistorikers Pietro Ruschi war Michelozzo für den Umbau und die Sgraffito-Dekoration des Palazzo Dietisalvi Neroni (um 1450) verantwortlich.[14]

1461 verließ Michelozzo Florenz, um in der dalmatischen Stadt Ragusa (Dubrovnik) die städtischen Befestigungsanlagen auszubauen. 1464 scheint er einen Vertrag für ähnliche Aufgaben auf der damals zum genuesischen Besitz gehörenden Insel Chios abgeschlossen zu haben. 1465 kehrte er nach Florenz zurück; weitere Aufträge sind nicht bekannt.

 
Michelozzo, Silberstatue Johannes' des Täufers für den Silberaltar im Baptisterium San Giovanni, 1452
 
Michelozzo (zugeschrieben), Madonna mit Kind, Marmor, Museo nazionale del Bargello, Florenz

Neben seiner Tätigkeit als Architekt arbeitete Michelozzo noch in anderen Bereichen: 1448 übernahm er den Guss einer Glocke für den Palazzo della Signoria, 1452 entstand eine Silberfigur Johannes des Täufers für den Altar des Baptisteriums San Giovanni, zwei Jahre darauf eine etwa lebensgroße, ursprünglich farbig gefasste Terrakotta-Plastik des Täufers für SS. Annunziata.[15] Dem Künstler werden in der kunstwissenschaftlichen Forschung mehrere Reliefs zugeschrieben, vor allem Darstellungen der Madonna mit Kind.[16] Zu nennen sind hier unter anderem zwei Marmorreliefs im Museo nazionale del Bargello in Florenz (Bargello sculture Nr. 441, 473), ein Terrakotta-Relief (1437–1438) in Budapest,[17] ein Terrakotta-Relief im Bode-Museum in Berlin (um 1440, Inv.-Nr. 73)[18] und die so genannte Madonna Orlandini aus Marmor (um 1426?, Inv.-Nr. 55), ebenfalls im Bode-Museum.[19]

Michelozzo muss in den 1450er Jahren auch als Bildhauer ein hohes Ansehen genossen haben. Sein Zeitgenosse Filarete nennt ihn in seinem Architekturtrakat (Trattato d’architettura, 1460–1464) neben anderen bekannten Florentiner Meistern, deren Werke die Idealstadt Sforzinda schmücken sollen: „Aber da sah man einen Donatello, einen Luca, einen Agostino sammt seinem Bruder Ottaviano. Ferner war da ein berühmter Meister, namens Desiderio; ferner ein Dino, ein Michelozzo, ein Pagno, ein Bernardo nebst seinem Bruder.“[20]

Michelozzo starb 1472 in Florenz und wurde in San Marco bestattet. Er war mit Francesca Galigari verheiratet und hatte mit ihr fünf Kinder. Sein Sohn Niccolò (1444–1526), Schüler des humanistischen Philosophen Marsilio Ficino, hatte in Florenz wichtige politische Ämter inne.

WeblinksBearbeiten

Commons: Michelozzo – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Giorgio Vasari: Le vite de’ più eccellenti pittori scultori ed architettori. In: Gaetano Milanesi (Hrsg.): Le opere scritte da Giorgio Vasari. Band 2. G. C. Sansoni, Florenz 1878, S. 431.
  2. Miranda Ferrara, Francesco Quinterio: Michelozzo di Bartolomeo. Salimbeni, Florenz 1984, S. 12.
  3. Miranda Ferrara, Francesco Quinterio: Michelozzo di Bartolomeo. Salimbeni, Florenz 1984, S. 13.
  4. Richard Krautheimer, Trude Krautheimer-Hess: Lorenzo Ghiberti. In: Princeton monographs in art and archeology. Band 31. Princeton Univ. Press, Princeton, NJ 1956, S. 111, doc. 34.
  5. Ronald W. Lightbown: Donatello & Michelozzo. An artistic partnership and its patrons in the early Renaissance. Miller, London 1980, ISBN 0-905203-22-4.
  6. Harriet MacNeal Caplow: Sculptors’ partnerships in Michelozzo’s Florence. In: Studies in the Renaissance. Band 21, 1974, S. 145–175.
  7. Howard Saalman: The Palazzo Comunale in Montepulciano. An unknown work by Michelozzo. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte. Band 28, 1965, S. 1–46.
  8. Giorgio Vasari: Das Leben des Florentiner Bildhauers und Architekten Michelozzo Michelozzi. In: Ulrich Pfisterer (Hrsg.): Giorgio Vasari - Das Leben des Donatello und des Michelozzo. Wagenbach, Berlin 2013, ISBN 978-3-8031-5059-2, S. 69–90.
  9. Brenda Preyer: Michelozzo e Vasari. In: Gabriele Morolli (Hrsg.): Michelozzo, scultore e architetto (1396 - 1472). Centro Di, Florenz 1998, S. 325–331.
  10. Hans Teubner: San Marco in Florenz: Umbauten vor 1500. Ein Beitrag zu Werk des Michelozzo. In: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz. Band 23, Nr. 3, 1979, S. 239–272, hier: 256–257, Anm. 34.
  11. Alana O’Brien: Patronage, liturgy, art and devotion under the tribune of the Santissima Annunziata, Florence, mid-fifteenth to early seventeenth centuries. In: Römisches Jahrbuch der Bibliotheca Hertziana. Band 44 (2019/2020), 2021, S. 83–167.
  12. Richard Goldthwaite, William R. Rearick: Michelozzo and the ospedale di San Paolo in Florence. In: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz. Band 21/3, 1977, S. 221–306.
  13. Marvin Trachtenberg: Brunelleschi, Michelozzo, and the problem of the Pazzi Chapel. Yale University Press, New Haven 2012, ISBN 978-0-300-11831-5.
  14. Pietro Ruschi: Conferme michelozziane per il Palazzo di Dietisalvi Neroni a Firenze. In: Gabriele Morolli (Hrsg.): Michelozzo, scultore e architetto (1396 - 1472). Centro Di, Florenz 1998, S. 215–230.
  15. Giovanna Agosti: Problemi di restauro di una statua in terracotta policroma. Il "San Giovanni Battista" di Michelozzo. In: OPD restauro. Nr. 12, 2000, S. 151–158.
  16. Anna Jolly: Madonnas by Donatello and his circle. Lang, Frankfurt am Main 1998.
  17. Relief of the Virgin and Child , auf mfab.hu
  18. Madonna Relief im Rahmen, auf smb-digital.de
  19. Neville Rowley, Paul Hofmann: Forschung und Restaurierung. Das Relief der "Orlandini-Madonna" aus dem Bestand der Skulpturensammlung, Inv.-Nr. 55, ein Werk Michelozzos? In: Jahrbuch der Berliner Museen. Berlin 2018, S. 47–52.
  20. Filarete: Antonio Averlino Filarete’s Tractat über die Baukunst nebst seinen Büchern von der Zeichenkunst und den Bauten der Medici. In: Wolfgang von Oettingen (Hrsg.): Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Neuzeit. Band 3. Graeser, Wien 1890, S. 212.