Michael Naura

deutscher Jazzmusiker und -journalist

Michael Naura (* 19. August 1934 in Memel, Litauen; † 13. Februar 2017 in Schwabstedt) war ein deutscher Jazzpianist, Redakteur und Publizist.

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WirkenBearbeiten

Naura wuchs in Berlin auf und studierte an der FU Berlin Publizistik, Philosophie und Soziologie. Anschließend war er als Pianist in Swingbands tätig. Von 1953 bis 1964 leitete er eine der damals erfolgreichsten Jazzbands in Deutschland, das Michael Naura Quintett. Die Musik dieses eklektischen Quintetts war ursprünglich stark von George Shearing beeinflusst, dann kamen Einflüsse von Dave Brubeck ins Spiel, später orientierte sie sich am Hard Bop von Horace Silver, aber auch am kammermusikalischen Spielideal des Modern Jazz Quartet. Der wichtigste Improvisator in Nauras Quintett war der Vibraphonist Wolfgang Schlüter. Weitere Musiker in seinen Gruppen waren die Altsaxophonisten Klaus Marmulla und Peter Reinke, die Bassisten Hajo Lange und Wolfgang Luschert und die Schlagzeuger Heinz von Moisy und Joe Nay.

1964 musste sich Naura wegen Polyserositis für ein Jahr in das Heidesanatorium Wintermoor begeben. Er führte das vor allem auf die tägliche Arbeit in den damals stark verrauchten Jazzkellern zurück (von 21 Uhr bis 4 Uhr morgens an sechs Tagen pro Woche für 1000 D-Mark Montagsgage).[1] Prominente Jazzmusiker Deutschlands gaben Benefizkonzerte, um die notwendigen Mittel für die Behandlung einzuspielen. Nach seiner Entlassung zog sich Naura weitgehend aus dem aktiven Musikerleben zurück und arbeitete als Journalist. Nach dem Tode von Hans Gertberg wurde er Jazzredakteur beim Norddeutschen Rundfunk. Unter seiner Leitung entwickelte der Sender „das weitestgespannte und interessanteste Jazz-Programm Europas“.[2] 1999 ging er in den Ruhestand.

Naura war auch ein bekannter Jazzautor. Neben seinen Artikeln in Sammelwerken, Zeitschriften und Zeitungen schrieb er auch Texte (Liner Notes) für Schallplatten und CDs. Er verfügte über ein umfangreiches Wissen. Seine Sprache zeichnete sich durch kräftige – zum Teil derbe – Metaphern aus. Vor gelegentlichen Attacken scheute er nicht zurück. Mit dem Schriftsteller und Lyriker Peter Rühmkorf verband ihn eine enge persönliche und künstlerische Freundschaft. 2009 erhielt Naura den Ehrenpreis für Radiojournalismus im Jazz beim WDR-Jazzpreis für sein Lebenswerk. Im Ruhestand wandte er sich der Malerei zu. Er starb 2017 im Alter von 82 Jahren in seinem Wohnort Hollbüllhuus, einem Ortsteil von Schwabstedt bei Husum.[3]

Aufnahmen (Auswahl)Bearbeiten

  • Down to Earth, 1958
  • George / Jankowski / Naura: Jazz In Deutschland, 1957–1958
  • Michael Naura Quintet, 1963
  • Call (mit Wolfgang Schlüter, Eberhard Weber und Joe Nay), 1970
  • Rainbow Runner (wie oben), 1973
  • Vanessa (wie oben, außerdem Klaus Thunemann), 1974
  • Kein Apolloprogramm für Lyrik (mit Wolfgang Schlüter, Eberhard Weber, Peter Rühmkorf), 1976
  • Country Children (mit Wolfgang Schlüter), 1977
  • Phönix voran (mit Wolfgang Schlüter, Leszek Zadlo, Peter Rühmkorf), 1978
  • Ochsenzoll (mit Wolfgang Schlüter, Herbert Joos, Albert Mangelsdorff), 1985
  • Orang-Utan (mit Wolfgang Schlüter, Claus Bantzer), 1985
  • Naura Box. Fortissimo – eine deutsche Jazzologie, 6 CDs, Gateway4m, 2009[4]

HörspielBearbeiten

  • Chet Baker – Der Lange Sturz. Eine szenische Phantasie. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2002, ISBN 978-3-455-32005-3, 1 CD, 57 Min.

VeröffentlichungenBearbeiten

  • jazz-toccata, Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-499-19162-8.
  • Cadenza: Ein Jazzpanorama, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002, ISBN 3-434-50537-7.
  • Wolfram Knauer (Hrsg.): Jazz in Deutschland, Wolke Verlag, Hofheim 1996, ISBN 3-923997-70-1, darin ein Interview mit Naura.

ZitatBearbeiten

„Es gibt Frisöre und es gibt Pianisten. Der Franzose Richard Clayderman ist ein Pianör. […] Er nimmt eine populäre Melodie, spielt das Thema so sklavisch notengetreu, als hätte man ihm mit Kafka gedroht: Die geringste Abweichung ist schon Schuld. […] Der Pianör paßt gut zu Fahrstühlen, Radiomagazinen am Vormittag, Waschsalons, Supermärkten, Wartezimmern und, nicht zuletzt, Bars.“

Michael Naura, 1991[5]

LiteraturBearbeiten

  • Joachim-Ernst Berendt: Lieber Michael, in Cadenza (s. o.), S. 105–110.
  • Heidi Boulton: Naura, Michael, in Barry Kernfeld (Ed.): The New Grove Dictionary of Jazz, Macmillan, London 1988, S. 830.
  • Ian Carr: Michael Naura, in: Ian Carr, Digby Fairweather & Brian Priestley: The Rough Guide to Jazz, 3rd Edition, Rough Guides, New York 2004, S. 579.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hans Hielscher: Ein Kraftkerl mit vielen Talenten, Spiegel Online, 14. Februar 2017.
  2. Ian Carr: Jazz Rough Guide. 1999, S. 474.
  3. Michael Naura: Deutscher Jazzpianist stirbt im Alter von 82 Jahren. Focus Online, 14. Februar 2017, abgerufen am 14. Februar 2017.
  4. Diese Sammlung enthält Radioproduktionen und bisher auf CD nicht veröffentlichte Aufnahmen mit Naura als Bandleader und Sprecher eigener Texte zwischen 1959 und 1988. vgl. auch Inhaltsverzeichnis und Kurzbeschreibung
  5. Michael Naura: jazz-toccata, Reinbek, 1991, S. 209 f.