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Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten

Erzählung von Wilhelm Raabe

Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten ist eine Erzählung von Wilhelm Raabe, die in der ersten Hälfte des Jahres 1873 entstand und Ende desselben Jahres bei Günther in Leipzig erschien. Nachauflagen erlebte Raabe 1900 und 1903.[1][2] Mit dem Titel spielte Raabe auf St. Autor, den Schutzpatron der Stadt Braunschweig, an.[3]

Bergassessor Baron Emil von Schmidt, Absolvent der Bergakademie Freiberg, erzählt vom Leben und Sterben der anderen. Um ein Haar versäumt er darüber das Schmieden des eigenen Glücks.

Inhaltsverzeichnis

InhaltBearbeiten

Der 35-jährige von Schmidt führt den Leser über Schöppenstedt und Kneitlingen tief in den Elm-Wald hinein. Darin hat sich der Meister Autor Kunemund beim Förster Arend Tofote eingemietet. Der Erzähler, während längerer Bergbaustudien in praxi durch ein schlagendes Wetter geschädigt, hat Glück. Sein wohlhabender Vater starb früh. Von Schmidt, einziger Erbe, lebt als „beschäftigungsloser Liebhaber wohlfeiler ästhetischer Genüsse“.

Aus dem Walde zurück in die nicht namentlich genannte Stadt[4] geht es, als die Försterstochter Gertrud, eine 18-jährige Blondine, dort ein Haus mit Garten erbt. Mynheer van Kunemund, der kleine Bruder des Meisters Autor Kunemund, in Surinam reich geworden, war verstorben. Als das Anwesen im „verwilderten Rokoko“ besichtigt wird, stellt sich ein Verehrer Gertruds ein – der junge Leichtmatrose Karl Schaake. Der Seemann hat gerade Heimaturlaub. Er hatte auf „der Hamburger Bark ‚Kehrwieder‘ muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah[5] expediert. Karl Schaake und der Meister Autor stammen aus demselben Dorf. Karls Vorfahren waren allesamt Leinweber.

Beim Durchstöbern des „verzauberten Gartenschlösschens“ findet der „Salzwassermann“ einen faustgroßen, eirunden schwärzlich-grünlichen Stein. Der Leichtmatrose und Pilgerführer Schaake kennt solche Unglückssteine von den Inseln der Harafura-See her. Er wirft den „Stein der Abnahme“ weg. Gertrud hat keine Freude an ihrem ererbten Grund und Boden. Der „Stadterweiterungsplan“ wird verwirklicht. Das Haus wird abgerissen, der Garten eingeebnet und eine „Prioritätenstraße“ direkt über das Grundstück gebaut.

Jahre später kommt von Schmidt während einer Bahnfahrt nicht weiter. Der Schnellzug hält auf freier Strecke. Ein Eisenbahnunglück mit Toten und Schwerverletzten ist die Ursache. Der Reisende marschiert in das nächste Dorf, den Geburtsort des Meisters Autor Kunemund. Man trifft sich. Der Meister Autor ist längst in sein Elternhaus – eine armselige Hütte mit einer niedrigen Stube – zurückgekehrt. Ein neuer Förster sitzt in dem restaurierten Forsthaus. Der Förster Arend Tofote ist in der Hütte des Meisters gestorben. Von Schmidt fragt nach Gertrud, inzwischen Pflegetochter des Meisters. Der Autor Kunemund erwidert: „Wir sind auseinander gekommen, ohne daß wir es gemerkt haben.“ Wieder daheim in der Stadt, liest von Schmidt die Liste der Verunglückten bei der Entgleisung durch und findet Steuermann Karl Schaake – beide Füße doppelt gebrochen. Der Verstümmelte liegt bei seiner Tante. Die Muhme Schaake wohnt in der Stadt im Cyriacushofe. Von Schmidt macht Krankenbesuche. Die Ärzte geben den Steuermann auf.

Gertrud Tofote wird von einer stattlichen Dame, der Frau Christine von Wittum, junge Witwe eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, aufgenommen. Von Schmidt nennt die schöne Witwe eine Hexe. Er kannte Christine bereits als Jungfrau. Frau von Wittum zitiert ihren Vetter Vollrad von Wittum aus Berlin herbei. Nach dem Willen der Hexe soll Vollrad Gertrud und die Erbschaft Mynheers van Kunemund heiraten. Karl Schaake will die Geliebte noch einmal sehen. Gertrud erfüllt den letzten Wunsch. „Leb wohl, liebes Trudchen“, sind Karl Schaakes letzte Worte. Der Steuermann ist bei seinem Hafenmeister, der Muhme, nach großer Fahrt im Hafen gelandet. Von Schmidt kommt zu spät.

Es stellt sich heraus, der Meister Autor Kunemund war auf der ständigen Flucht vor seiner Alten – wie dieser Mann die Frau an seiner Seite tituliert. Von Schmidt rät dem Meister Autor, es doch mit der Muhme zu versuchen. Der Meister möchte das nicht.

Von Schmidt heiratet die Hexe. Christine ist die Tochter des Bergmeisters Erdmann zu Clausthal. Vollrad ehelicht tatsächlich Gertrud. Das Paar zieht nach Freiburg im Breisgau. Der schlagwettergeschädigte von Schmidt erfüllt den höchsten Wunsch seiner Frau und zieht mit ihr nach Berlin um.

ZitateBearbeiten

  • „Es stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause.“[6]
  • „Was Schaden bringt und Unheil stiftet, hat meist immer eine gute Gesundheit.“[7]
  • Gottes Macht: „...geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr werden;...“[8]
  • „Es verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen.“[9]
  • „Man glaubt alle Augenblicke vor einer Wand zu stehen, um jedesmal zu finden, daß ein Weg um dieselbe herumführe.“[10]

FormBearbeiten

Auf Seite 2 stutzt der Leser. Hier erzählt ein Laie! Von Schmidt schreibt: „Ich hebe von neuem an zu erzählen.“ Dabei muss nach Beendigung der Lektüre eingestanden werden, dieses Werk ist überraschend raffiniert gebaut. Zunächst wird der Meister Autor Kunemund bewundert. Noch scheint die Welt in Ordnung. Es folgen drei Einschnitte. Der nächste ist immer tiefer als der vorhergehende. Der erste Einschnitt wird im zehnten der 26 Kapitel offenbar – ein Zeitsprung von höchstens fünf Jahren nur. Der zweite Einschnitt folgt sogleich im 11. Kapitel und hat es in sich. Bei dem Eisenbahnunglück wird Steuermann Karl Schaake schwer verletzt. Der Leser bekommt schon zu spüren, dass der Erzähler ein Schlagwetter überlebt hat, wenn von Schmidt zum Beispiel schreibt: „Hätte ich dieses Buch, wie man es nennt – gemacht, so würde ich mich wahrhaftig hüten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem übrigen kam. Aber es ist damals so gewesen!“ Von Schmidt nimmt – in dem eben zitierten konfusen Sinne – gegen Ende der Erzählung im dritten Einschnitt alles Gesagte zurück und behauptet das Gegenteil. Gertrud Tofote ist auf einmal ein „albernes Trudchen“. Und dieser erzählende Naturwissenschaftler resümiert : „Was ging mich überhaupt der Meister Autor samt seiner Sippschaft an? Seit ich ihn kennenlernte, hatte er nicht ein einziges Mal etwas Außerordentliches gesagt – und getan noch weniger.“ Von Schmidt lässt endlich als „wirklichen Meister Autor“ nur noch Wolfgang von Goethe gelten.

InterpretationBearbeiten

Symbolgeladene Gegenstände, wie der Stein der Abnahme, verheißen und bringen Unglück. Die Liebe von Karl Schaake zu Gertrud ist unglücklich. Der Stein taucht in einer Abendgesellschaft noch einmal auf. Auch seinem neuen Besitzer bringt das Wunderei kein Glück. Jener Besitzer ist ein Ehemann, der ohne Gattin Charlotte erscheint. Zeitsymbole, gemeint sind Gestern-Heute-Gegensätze, fungieren nach Sprengel[11] als narrative Strukturbildner.

Bezieht sich der Untertitel zunächst auf Gertruds versunkenen Garten, so wird später noch mehrmals auf das Bild zurückgegriffen. Als von Schmidt im Theater sitzt und der „Hamlet“ mit falschem Pathos deklamiert wird, klagt der Erzähler: „Wer hebt die Gärten, die uns versinken, wieder aus der Tiefe?“ Und auch der Meister Autor Kunemund, den Tod Förster Arend Tofotes beklagend, ruft aus: „Wie viele Gärten versinken dem armen Menschen in der Welt!“ Fuld[12] deutet das Bild vom versunkenen Garten als Eingeständnis Raabes vom Sterben seiner dichterischen „Blütenträume“. Die Leserschaft kann oder will ihm nicht folgen.

Der Text, lange Zeit unverstanden geblieben[13], ist hintersinnig. In Kneitlingen soll Eulenspiegel geboren worden sein.

Raabes Widerwillen gegen die Segnungen der Gründerzeit ist unübersehbar. Als der Erzähler mit dem Meister Autor den Friedhof nach der Beerdigung des Steuermanns verlässt, begeben sich beide zu Fuß nach Hause: „An heißen, mit Teer getünchten Planken, Holzhöfen, Gartenmauern und vereinzelten unschönen Häusern vorüber führte uns unser Weg durch den heißen, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke geschwärzten fußhohen Staub nach der Stadt zurück.“

SelbstzeugnisBearbeiten

In einem Brief vom 19. März 1901 blickt Raabe zurück: „Weder Publikus noch Publika haben was von meinem ‚Meister Autor‘ wissen wollen.“[14][15]

RezeptionBearbeiten

1874 wird in der Zeitschrift „Über Land und Meer“ zwar die Poesie gelobt, doch die „seltsam ersonnene Fabel“ kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Im selben Jahr nennt Edmund Hoefer im „Literaturfreund“ den Text „eine Erzählung mit Hindernissen“.[16]

Neuere Äußerungen gehen auf diesen sehr frühen Versuch[17] ein, Nebenwirkungen der Industrialisierung in der Gründerzeit[18] – wie zum Beispiel den rücksichtslosen Abriss von Altbauten im Verlaufe des Straßenbaues oder das verheerende Eisenbahnunglück[19] – erzählerisch zu reflektieren. Oppermann artikuliert aber in dem Zusammenhang seine Unzufriedenheit über den Geheimniskrämer Raabe.[20] Fuld möchte den Erzähler von Schmidt zwar nicht mit Raabe gleichsetzen, doch er bemerkt Ansätze in jene Richtung.[21]

Hinweise auf weiter führende Arbeiten finden sich bei Meyen[22]: Franz Hahne (Berlin 1912), Josef Bass (Berlin 1913), Fritz Jensch, Gustav Plehn und Wilhelm Herse (Wolfenbüttel 1922, 1930 und 1933). Helmut Freytag hat 1931 in Jena über den „Meister Autor“ promoviert (Verlag Klinz, Halle 1931).

AusgabenBearbeiten

ErstausgabeBearbeiten

  • Wilhelm Raabe: „Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten.“ 256 Seiten. Halbleinen. Ernst Julius Günther, Leipzig 1874

Verwendete AusgabeBearbeiten

  • Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. (S. 5–157) mit einem Anhang von Gerhart Mayer (S. 451–472) in: Gerhart Mayer (Bearb.), Hans Butzmann (Bearb.) : Wilhelm Raabe: Meister Autor. Zum wilden Mann. Höxter und Corvey. Eulenpfingsten. (2. Aufl., besorgt von Karl Hoppe und Rosemarie Schillemeit) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973. Bd. 11, ISBN 3-525-20144-3 in Karl Hoppe (Hrsg.), Jost Schillemeit (Hrsg.), Hans Oppermann (Hrsg.), Kurt Schreinert (Hrsg.): Wilhelm Raabe. Sämtliche Werke. Braunschweiger Ausgabe. 24 Bde.

Weitere AusgabenBearbeiten

  • In Sammlungen erschien die Erzählung zum Beispiel 1900 und 1903 bei Otto Janke in Berlin sowie 1934 bei Hermann Klemm in Berlin-Grunewald.[23]
  • Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. 157 Seiten. Pappband. Hermann Klemm und Erich Seemann, Freiburg im Breisgau 1955
  • Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. 252 Seiten. Leinen. Gustav Kiepenheuer, Weimar 1968
  • Peter Goldammer (Hrsg.): Wilhelm Raabe: Meister Autor oder Die Geschichten vom versunkenen Garten. 172 Seiten. Pappband. Insel, Leipzig 1985 (1. Aufl.). Insel-Bücherei 688

LiteraturBearbeiten

  • Hans Oppermann: Wilhelm Raabe. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970 (Aufl. 1988), ISBN 3-499-50165-1 (rowohlts monographien).
  • Fritz Meyen: Wilhelm Raabe. Bibliographie. 438 Seiten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973 (2. Aufl.). Ergänzungsbd. 1, ISBN 3-525-20144-3 in Karl Hoppe (Hrsg.): Wilhelm Raabe. Sämtliche Werke. Braunschweiger Ausgabe. 24 Bde.
  • Cecilia von Studnitz: Wilhelm Raabe. Schriftsteller. Eine Biographie. 346 Seiten. Droste Verlag, Düsseldorf 1989, ISBN 3-7700-0778-6
  • Werner Fuld: Wilhelm Raabe. Eine Biographie. 383 Seiten. Hanser, München 1993 (Ausgabe dtv im Juli 2006), ISBN 3-423-34324-9.
  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870–1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende. C. H. Beck, München 1998, ISBN 3-406-44104-1.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Mayer in der verwendeten Ausgabe, S. 451 unten, 454 unten-455 oben, 457 Mitte
  2. von Studnitz, S. 312, Eintrag 40
  3. Fuld, S. 258, 21. Z.v.o.
  4. Zum Beispiel, der Cyriacushof, in dem der Steuermann stirbt (siehe unten), deutet auf Braunschweig. Raabe habe 1870 vorübergehend mit der Familie in dem Renaissancebau (verwendete Ausgabe, S. 75, 17. Z.v.o.) gewohnt (Fuld, S. 249, 19. Z.v.o.)
  5. Verwendete Ausgabe, S. 39, 12. Z.v.o.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 65, 2. Z.v.o.
  7. Verwendete Ausgabe, S. 87, 15. Z.v.o.
  8. Verwendete Ausgabe, S. 91, 15. Z.v.o. (Hiob 9,11: „Zieht er an mir vorüber, ich seh ihn nicht.“ (Hi 9,11 EU))
  9. Verwendete Ausgabe, S. 135, 15. Z.v.o.
  10. Verwendete Ausgabe, S. 154, 16. Z.v.o.
  11. Sprengel, S. 338, 2. Z.v.u.
  12. Fuld, S. 258, 7. Z.v.u.
  13. Fuld, S. 258, 17. Z.v.o.
  14. zitiert bei Mayer in der verwendeten Ausgabe, S. 455, 7. Z.v.u.
  15. Raabe musste nach dem Erscheinen des Buches Anfang 1874 wieder Brotarbeit bei Zeitungen annehmen (Fuld, S. 265, 14. Z.v.u.).
  16. Hinweise auf beide Besprechungen bei Mayer in der verwendeten Ausgabe, S. 455, 17. Z.v.o.
  17. Fuld, S. 259, 14. Z.v.o.
  18. Sprengel, S. 332, 4. Z.v.o.
  19. Sprengel, S. 27, 14. Z.v.u.
  20. Oppermann, S. 96, 21. Z.v.o.
  21. Fuld, S. 30, 3. Z.v.o.
  22. Meyen, S. 363–364
  23. Mayer in der verwendeten Ausgabe, S. 457 Mitte