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Mario Draghi

italienischer Bankmanager, Präsident der Europäischen Zentralbank

Früher WerdegangBearbeiten

HerkunftBearbeiten

Mario Draghi wurde am 3. September 1947 in Rom geboren.[1] Sein Vater war Beamter bei der italienischen Zentralbank, seine Mutter Chemikerin.[2][3] Als Draghi fünfzehn Jahre alt war, starb sein Vater und kurz darauf auch seine Mutter.[2] Eine Weile lang wurde er in dieser Zeit von seiner Tante aufgezogen;[3] er selbst übernahm früh Verantwortung für seine jüngeren Geschwister.[4]

AusbildungBearbeiten

Draghi besuchte das von den Jesuiten geführte Istituto Massimo, eine katholische Privatschule in Rom.[2] Nach dem Ende seiner Schulzeit studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Universität La Sapienza in seiner Heimatstadt, unter anderem bei Federico Caffè (1914–1987), einem populären Ökonomen der keynesianischen Schule.[3] Das Studium schloss er 1970 ab.[1]

Für seine Promotion wechselte Draghi im Anschluss an das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (USA), wo er ein Stipendium erhielt.[5] Am MIT studierte Draghi unter dem späteren Wirtschaftsnobelpreisträger Franco Modigliani, besuchte Veranstaltungen von Rudiger Dornbusch und lernte den späteren Gouverneur der israelischen Zentralbank, Stanley Fischer, kennen, mit dem er auch lange über seine Promotion hinaus in Verbindung bleiben sollte.[5] Mit seiner von Robert M. Solow ko-betreuten Arbeit „Essays on Economic Theory and Applications“ wurde Draghi 1977 schließlich bei Modigliani zum Ph.D. der Wirtschaftswissenschaften promoviert.[1][6] Darin befasste er sich unter anderem mit den theoretischen Grundlagen der Währungsabwertung sowie mit dem Verhältnis von kurzfristiger Stabilisierungspolitik und langfristigen Planungszielen.[7] Draghi war der erste italienische Staatsbürger, dem am MIT ein Doktortitel verliehen wurde.[3]

Berufliche Laufbahn bis 2005Bearbeiten

Von 1975 bis 1981 war Draghi als Dozent für Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Trient, Padua und Venedig tätig, ehe er 1981 auf eine Professur für Wirtschaftswissenschaften und Währungspolitik an der Universität Florenz berufen wurde.[1][2] Während seiner Florenzer Zeit war Draghi zwischen 1984 und 1990 auch italienischer Exekutivdirektor der Weltbank.[1][2] 1991 legte er seine Professur schließlich nieder und wechselte als Generaldirektor ins italienische Finanzministerium.[1][2]

Um die Jahrtausendwende warb die italienische Regierung dafür, Draghi in der Nachfolge von Michel Camdessus zum geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds zu berufen.[8] Die Personalie stieß jedoch bei einer Reihe anderer europäischer Regierungen auf Skepsis, vor allem weil mit Romano Prodi bereits ein anderer Italiener gerade erst die Präsidentschaft der Europäischen Kommission übernommen hatte.[9] Der Posten des IWF-Direktors ging schließlich an den Deutschen Horst Köhler.

Im Mai 2000 übernahm Draghi den Vorsitz des Wirtschafts- und Finanzausschusses der Europäischen Union.[10] In dieser Funktion sollte er jedoch nur kurze Zeit verbleiben: Ende 2001 trat er nach knapp zehnjähriger Amtszeit als Generaldirektor des Finanzministeriums zurück.[11] Während seiner Amtszeit war Draghi federführend für die Umsetzung des bis dato größten Privatisierungsprogramms in der Europäischen Union außerhalb Großbritanniens verantwortlich.[12][13] Mit ihm sollten – letztlich erfolgreich – die italienischen Staatsfinanzen in Form gebracht werden, damit das Land im Jahr 1999 die Umstellung auf den Euro vollziehen konnte.[14] Ein Ausschuss unter seiner Führung erneuerte überdies das italienische Gesetz für Übernahmen börsennotierter Gesellschaften (das neue Gesetz wird umgangssprachlich auch als „Legge Draghi“ bezeichnet).[15] Draghi erwarb sich in dieser Zeit weltweit beträchtliches Renommee.[12][14][15] Von verschiedenen Seiten erfuhr er jedoch auch Kritik für den Ablauf der Privatisierung der Telecom Italia.[11] Der Verkauf der rund 45-prozentigen staatlichen Beteiligung an dem Unternehmen – bis dato die größte einzelne je in Europa durchgeführte Privatisierung[16] – hatte in den Leitungsgremien des Hauses über viele Monate hinweg erhebliche Führungsquerelen nach sich gezogen, für die Kritiker vor allem Planungsfehler der Regierung verantwortlich machten.[11][17]

Nach seinem Abschied vom Finanzministerium wurde Draghi im Jahr 2002 Managing Director und Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs International in London.[1][18] Dort blieb er bis 2005.[1]

Gouverneur der italienischen Notenbank (2006–2011)Bearbeiten

Ernennung und ProgrammBearbeiten

Ende 2005 wurde Draghi als Nachfolger von Antonio Fazio zum künftigen Gouverneur der italienischen Notenbank (Banca d’Italia) ernannt.[15] Fazio hatte erst zehn Tage zuvor – nachdem er sich lange Zeit Rücktrittsforderungen widersetzt hatte – sein Amt niedergelegt. Gegen ihn war wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs und geheimer Absprachen mit inländischen Bietern bei mehreren Bankübernahmen staatsanwaltlich ermittelt worden; außerdem stand er im Verdacht, während seiner insgesamt zwölfjährigen Amtszeit kostspielige Geschenke von Bankhäusern angenommen zu haben.[15] Dies hatte das Ansehen der Notenbank in der Bevölkerung und in Investorenkreisen stark beschädigt.[15][19] Mit Draghi verband die Politik vor diesem Hintergrund die Hoffnung, das Image der Bank wieder aufzubessern. Seine Ernennung wurde sowohl von der Regierung als auch von der Opposition getragen – was wohl auch deshalb möglich war, weil sich Draghi zuvor nie parteipolitisch positioniert hatte.[19][20] Im Januar 2006 trat Draghi sein Amt an.[21] Für ihn galt als erstes die neue Amtszeitbegrenzung auf sechs Jahre (mit der Option auf einmalige Verlängerung um weitere sechs Jahre), die das Kabinett am Tag nach Fazios Ausscheiden verabschiedete.[22]

Auf seinem neuen Posten positionierte sich Draghi früh zugunsten liberaler Reformen des italienischen Staates und der Wirtschaft. Anlässlich der ersten jährlichen Pressekonferenz der Notenbank unter seiner Ägide plädierte er gegen staatlichen Interventionismus und forderte eine Beseitigung von Wachstumshemmnissen, eine Reduktion der Neuverschuldung, einen Abbau von Bürokratie, eine Erhöhung des Pensionsalters sowie die Absenkung der Abgabenlast auf Lohneinkommen.[23] In Abgrenzung zu seinem Vorgänger, der die – in Italien mit weitgehenden regulatorischen Kompetenzen ausgestattete – Zentralbank bei Fusions- und Übernahmevorhaben im Bankensektor äußerst robust auftreten ließ, um insbesondere eine Einflussnahme aus dem Ausland zu verhindern, sah Draghi in einem zurückhaltenderen Vorgehen der Bank eine Chance, die im europäischen Vergleich niedrige Wettbewerbsfähigkeit der italienischen Bankenlandschaft zu verbessern.[24] Hierbei rief er die Geschäftsbanken auch explizit zur Offenheit gegenüber Zusammenschlüssen mit ausländischen Häusern auf.[25] Um die Konsolidierung des Bankensektors zu incentivieren, schaffte die Notenbank unter Draghi das Vetorecht, das sie sich bei Zusammenschlüssen im Finanzsektor bislang ausbedungen hatte, ab.[26] Bereits zum Ende von Draghis erstem Amtsjahr löste dies in Italien eine „Konsolidierungswelle“ (Neue Zürcher Zeitung) aus.[27] Einen Höhepunkt erfuhr der Konsolidierungsprozess mit dem Zusammenschluss zwischen Unicredit und Capitalia zu einem der zehn größten Finanzkonzerne weltweit.[28]

Innerhalb der Banca d’Italia selbst nahm sich Draghi vor, das bei Amtsübernahme weit verzweigte Filialnetz der Bank um die Hälfte auf rund 50 Niederlassungen auszudünnen und die verbliebenen Niederlassungen von Generaldienstleistern zu spezialisierten Außenstellen umzubauen.[29] Dies löste Widerstände bei Mitarbeitern, Gewerkschaften und in den betroffenen Regionen aus.[29]

FinanzstabilitätsratBearbeiten

Während seiner Amtszeit als italienischer Notenbankchef war Draghi auch Vorsitzender des Forum für Finanzstabilität sowie von dessen aufgewertetem Nachfolger, dem Finanzstabilitätsrat (FSB).[1] Aufgabe des Rates ist es, auf internationaler Ebene die Arbeit der nationalen Finanzaufsichtsbehörden sowie der Institutionen, die internationale Regulierungsstandards für das Finanzwesen setzen, zu koordinieren.[30] Gerade auch in dieser Funktion stand Draghi während der 2007 auf dem amerikanischen Subprime-Markt einsetzenden globalen Finanzkrise im Licht der Öffentlichkeit. Nachdem sich die geldpolitischen Transmissionskanäle der EZB im Laufe des Jahres 2008 als zunehmend dysfunktional erwiesen hatten, sprach sich Draghi im Oktober 2008 als eines der ersten Mitglieder im EZB-Direktorium öffentlich für die Pläne einiger europäischer Regierungen aus, der Rezession auch durch staatliche Mehrausgaben entgegenzuwirken.[31][32] Als FSB-Vorsitzender mahnte er Mitte 2009 an, dass die Bereinigung der Bankbilanzen zu Ende gebracht werden müsse. Das Reparieren des Bankensektors und eine nachhaltige Besserung der wirtschaftlichen Lage sah Draghi dabei als Voraussetzung für einen im Anschluss einzuleitenden restriveren geldpolitischen Kurs.[33] Im Herbst 2009 einigte sich der FSB unter Draghi darauf, die von Banken ausgezahlten Bonuszahlungen an ihre Beschäftigten zu beschränken, solange die Häuser nicht strengere Kapitalanforderungen erfüllen. Draghi bezeichnete die Maßnahme damals als das „wichtigste Projekt, das wir verfolgen“.[34]

Zweite Hälfte der AmtszeitBearbeiten

Die italienische Volkswirtschaft durchlief 2009 eine Rezession; im Vergleich zum Vorjahr ging die Wirtschaftsleistung um rund 6 Prozent zurück.[35] Anfang 2009 sprach sich Draghi in dieser Situation scharf gegen ein Vorhaben des italienischen Finanzministeriums aus, Verwaltungsbeamten (Präfekten) in Krisenzeiten ein Mitspracherecht bei der Kreditvergabe privater Banken zu geben. Draghi kritisierte vor dem Parlament, durch einen solchen Schritt würden Kreditvergabeentscheidungen lokalpolitischen Erwägungen unterworfen und die Unabhängigkeit der Kreditvergabe unterminiert.[36] Zugleich rief er die Banken dazu auf, sich angesichts der angespannten Wirtschaftslage des Landes auf die Werte rückzubesinnen, die den Wirtschaftsboom der 1950er und 1960er Jahre ermöglicht hätten. So warb er insbesondere dafür, sich die Kreditpolitik der Banker von damals zum Vorbild zu nehmen und – angesichts der außergewöhnlichen aktuellen Wirtschaftslage – bei der Bestimmung der Kreditwürdigkeit mit „Weitsicht“ zu agieren, ohne jedoch auf essentielle Bonitätsprüfungen zu verzichten.[37] Damit suchte Draghi eine Brücke zwischen den Forderungen von Regierungsseite nach einer möglichst expansiven Kreditvergabe einerseits und Befürchtungen, die zu freigiebige Kreditgewährung in der Krise führe zu einer Aufblähung des Subprime-Segments und gefährde so das Bankensystem insgesamt, zu schlagen.[38] Anfang 2010 forderte er die italienischen Banken auf, sich in diesem Jahr (in dem sich eine Erholung der italienischen Wirtschaft abzeichnete) mit Dividendenausschüttungen zurückzuhalten und stattdessen ihre Eigenmittel zu erhöhen.[39]

Abseits der Finanzpolitik blieb Draghi über seine gesamte Amtszeit hinweg dabei, das Unterlassen von aus seiner Sicht erforderlichen Strukturreformen durch die Regierung zu monieren. Im Herbst 2009 bekräftigte er so etwa seine Forderung, das Pensionsalter substanziell heraufzusetzen und die Arbeitslosenversicherung, in der Millionen von Arbeitnehmern überhaupt nicht oder nur ungenügend erfasst seien, zu reformieren. Auch solle der Arbeitsmarkt endlich effizienter organisiert werden.[40] Die gerade einsetzende Griechische Staatsschuldenkrise nahm er Mitte 2010 zum Anlass, zu betonen, dass diese die Dringlichkeit von Strukturreformen in Italien noch erhöht habe.[35] In einem Gastbeitrag für die Financial Times resümierte Draghi im Herbst 2010 seine Lehren aus der globalen Finanzkrise:[41] Die Krise habe deutlich gemacht, dass Risiken unterschätzt und das Ausmaß der Risikostreuung überschätzt worden seien. Das Bail-out der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers werde das letzte seiner Art bleiben, da die Öffentlichkeit weitere staatliche Rettungsaktionen dieser Art „weder akzeptieren wird noch akzeptieren sollte“ – die Too-big-to-fail-Stellung einiger als systemrelevant eingeschätzter Institute in den Griff zu bekommen, sei daher der nächste zentrale Schritt bei der Reformierung des Finanzsystems. Die Verlustausgleichsfähigkeit systemrelevanter Häuser müsse deutlich strengeren Anforderungen genügen als die für alle Banken geltenden Minimalstandards es vorschreiben und es müsse ein globales Abwicklungsregime für systemrelevante Institutionen konzipiert werden. Zudem müsse die systemweite Aufsicht gestärkt werden, um Risiken wie dem der Aufsichtsarbitrage im Schattenbankensystem, die in der Finanzmarktkrise eine wichtige Rolle gespielt habe, frühzeitig zu erkennen.

Anfang 2011 rief Draghi die italienischen Banken eindringlich dazu auf, in Hinblick auf anstehende europaweite Stresstests des Bankensystems ihre Eigenmittel zu erhöhen.[42] In der Folgezeit nehmen eine Reihe von italienischen Banken teils erhebliche Summen an zusätzlichem Kapitel auf.[43]

EZB-Präsidentschaft (2011–)Bearbeiten

ErnennungBearbeiten

Die italienische Regierung brachte Draghi bereits früh – knapp zwei Jahre vor dem regulären Amtsende von Jean-Claude Trichet – öffentlich als dessen Nachfolger ins Spiel: Außenminister Frattini sprach im September 2009 von einer „Ehre“ für Italien, sollte Draghi die Nachfolge Trichets antreten.[44] Gleichzeitig regte sich auch auf deutscher Seite Interesse an der EZB-Präsidentschaft.[45][46] Schon bald wurde allgemein von einem Zweikampf zwischen Draghi und dem damaligen Chef der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, ausgegangen.[46][47][48] Als Anfang 2010 mit Vítor Constâncio ein anderer Südeuropäer Vizepräsident der EZB wurde, sahen Beobachter darin zunächst einen Dämpfer für Draghis Chancen auf den Spitzenposten.[49] Im Februar 2011 kündigte dann allerdings Weber überraschend seine vorzeitige Demission als Bundesbankpräsident an und bestätigte wenig später, auch für das Spitzenamt in der EZB nicht zur Verfügung zu stehen.[50][51] Daraufhin wurden Überlegungen laut, ob Deutschland einen anderen Kandidaten portieren sollte – gerade in der deutschen Bevölkerung bestanden gegen Draghi wegen seiner italienischen Herkunft Vorbehalte: Die historisch mit Abwertung und Inflation assoziierte Geldpolitik der italienischen Notenbank ließ einige mutmaßen, Draghi werde die EZB einem ähnlichen Kurs unterwerfen und so die deutsche Wirtschaft gefährden.[52][53] Nachdem der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble verlauten ließ, keinen neuen Kandidaten in Bereitschaft zu halten, stellte sich der französische Präsident Nicolas Sarkozy Ende April auch offiziell hinter eine Kandidatur Draghis.[54] Zwei Wochen später erklärte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die deutsche Seite eine Bewerbung Draghis ebenfalls unterstützen würde.[55]

Anfang Juni 2011 erklärten der EZB-Rat sowie der Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments ihre Unterstützung für Draghi.[56] Am 24. Juni 2011 beschloss der Europäische Rat seine Ernennung als EZB-Präsident für eine achtjährige Amtszeit.[57] Vorausgegangen war ein Streit zwischen der französischen und der italienischen Regierung. Der französische Präsident Sarkozy drohte bis zuletzt, Draghis Ernennung zu verzögern, da fortan zwei Italiener, aber kein Franzose mehr im EZB-Direktorium vertreten sein würden.[58] Offenbar war Sarkozys Unterstützung für Draghi an eine Zusage der italienischen Seite geknüpft, das italienische Direktoriumsmitglied Bini Smaghi zum Rücktritt zu bewegen.[58][59] Smaghi, dessen Amtszeit regulär erst 2013 geendet hätte, lehnte eine Amtsniederlegung jedoch wochenlang unter Hinweis auf die politische Unabhängigkeit der EZB ab.[58] Kurz vor dem EU-Gipfel erneuteren Sarkozy und Berlusconi auch öffentlich ihre Rücktrittsforderungen, woraufhin Smaghi schließlich einlenkte und in Aussicht stellte, zum Jahresende aus dem Gremium auszuscheiden.[58] Sein Nachfolger wurde später Benoît Cœuré.

Am 1. November 2011 trat Draghi die EZB-Präsidentschaft an.[60]

AmtszeitBearbeiten

Während der Eurokrise wankte das Bankensystem und die Renditeaufschläge, die einige krisengeschüttelte Euroländer auf ihre Bonds zahlen mussten, schossen in die Höhe; in der Öffentlichkeit ging die Angst vor einem Zusammenbruch der Europäischen Währungsunion um. Auf dem Höhepunkt der Krise sorgte Draghi für eine Kehrtwende, indem er am 26. Juli 2012 während einer Rede in London versicherte, „alles Notwendige“ zu tun, um den Euro zu erhalten, und im Notfall den Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB ankündigte. Diese Aussage, mittlerweile bekannt als Draghi-Effekt, gilt als Wendepunkt in der Krise, da sich die Finanzmärkte daraufhin beruhigten.[61] Allein die Ankündigung sorgte für eine Stabilisierung der Finanzmärkte. Die Frage, ob diese Outright Monetary Transactions (OMT) rechtlich zulässig und mit dem Mandat der EZB vereinbar sind, wurde in Deutschland kontrovers diskutiert. 2015 wurde sie vom Europäischen Gerichtshof bejaht,[62] 2016 daran anschließend vom Bundesverfassungsgericht bedingt bejaht.[63]

Unmittelbar vor der Parlamentswahl in Griechenland im Januar 2015 warnte Draghi die Regierungen der Eurozone, dass verschleppte Strukturreformen in diesem Mitgliedsland das Risiko seines Ausscheidens aus dem Euro erhöhten.[64]

Seine Amtszeit, die durch eine Niedrigzinspolitik der EZB gekennzeichnet ist, soll im Oktober 2019 enden.[65]

Persönliches und PrivatesBearbeiten

Mario Draghi wurde mit dem Großkreuz des italienischen Verdienstordens ausgezeichnet. Er nahm mehrmals an der Bilderberg-Konferenz teil.[66]

Draghi ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.[66]

KritikBearbeiten

Bereits während seiner Kandidatur zur EZB-Präsidentschaft im Jahr 2011 kamen kritische Stimmen auf, die Draghis Rolle bei der Verschleierung des krisenhaften Zustandes der griechischen Staatsfinanzen durch die griechische Regierung und Goldman Sachs mit Hilfe von off-market swaps hinterfragten. Draghi, der von 2002 bis 2005 für Goldman Sachs in London arbeitete, stritt im Juni 2011 jegliche Beteiligung ab und sagte, diese Dinge seien vor seiner Zeit geschehen.[67] 2012 kamen erneut Stimmen auf, die insbesondere Draghis vormalige Tätigkeit bei Goldman Sachs als Interessenkonflikt werteten sowie die Tätigkeit seines Sohnes Giacomo Draghi als Zinshändler bei Morgan Stanley in London.[68] Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 29. November 2012 verweigerte die EZB zu Recht die Veröffentlichung von Dokumenten, die Einzelheiten zu den Credit Swaps enthielten.[69][70]

Anfang 2013 geriet Draghi im Zuge der Skandale um die Bank Monte dei Paschi di Siena (MPS) in die Kritik:[71] Es wurde bekannt, dass noch unter der Führung Draghis als Gouverneur der italienischen Zentralbank die MPS äußerst riskante Geschäfte tätigte und die Zentralbank noch im Oktober 2011 der damals strauchelnden MPS einen wertpapierbesicherten Kredit in Höhe von 2 Milliarden Euro gab, aber weder Öffentlichkeit noch das italienische Parlament darüber informierte. Durch diese geheime Rettung der MPS landete zweifelhafter Wertpapierschrott bei der italienischen Zentralbank und die MPS erhielt dafür im Gegenzug Staatsanleihen, deren Zins- und Schuldendienst vom Steuerzahler getragen wird. Draghi wird vorgeworfen, damit den Grundstein für ein europäisches Schattenbankensystem unter Führung der nationalen Notenbanken gelegt zu haben – ein System, das hauptsächlich dafür geschaffen worden sei, Geschäftsbanken und ihre Eigentümer auf Kosten der Steuerzahler vor Insolvenz bzw. Verstaatlichung zu schützen.

Zu diesem Zeitpunkt stand die EZB kurz davor, die Bankenaufsicht in der Euro-Zone nach italienischem Vorbild zu übernehmen.[72]

Mitgliedschaft bei der Group of ThirtyBearbeiten

Die Mitgliedschaft des EZB Präsidenten Draghi bei der Group of Thirty (G30) wurde erstmals 2012 in einer Beschwerde der Brüsseler Anti-Lobby-Gruppe „Corporate Europe Observatory“ (CEO) kritisiert. CEO stellte einen klaren Interessenkonflikt zwischen dem Mandat und der Mitgliedschaft in einer privaten Lobbyorganisation der Finanzwirtschaft fest.[73] Der damalige Bürgerbeauftragten Diamandouros wies die Beschwerde mit dem Hinweis zurück, die G30 sei keine Lobbyorganisation.[74]

Mit Übernahme der Bankaufsicht durch die EZB im November 2014 sah CEO den Interessenkonflikt verschärft und reichte erneut eine Beschwerde ein. Im Januar 2017 ordnete die Bürgerrechtsbeauftragte O’Reilly eine Untersuchung an. Im Abschlussbericht bestätigte O’Reilly den Interessenkonflikt und sah die Unabhängigkeit der EZB kompromittiert. Außerdem entspräche die Mitgliedschaft Draghis in der G30 nicht der etablierten internationalen Praxis. Abschließend rügte sie die Weigerung der EZB, ihrer Empfehlung zu folgen und die Mitgliedschaft Draghis in der G30 zu beenden.[75]

WeblinksBearbeiten

  Commons: Mario Draghi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

AnmerkungenBearbeiten

  1. a b c d e f g h i EZB, Mario Draghi, abgerufen am 9. März 2018.
  2. a b c d e f Munzinger-Archiv/Internationales Biographisches Archiv, Mario Draghi, abgerufen am 9. März 2018 (nicht frei zugänglich).
  3. a b c d Guy Dinmore und Ralph Atkins, Man in the News: Mario Draghi, in: Financial Times (FT.com), 29. April 2011, abgerufen am 9. März 2018 (nicht frei zugänglich).
  4. Andrea Rexer und Markus Zydra, Der Jesuit, in: Süddeutsche Zeitung, 31. Juli 2013, S. 3.
  5. a b Landon Thomas Jr. und Jack Ewing, Can Super Mario Save the Day for Europe?, in: New York Times, 30. Oktober 2011, S. BU4 (auch online).
  6. Mario Draghi, Essays on Economic Theory and Applications, 1976 (Digitalisat via mit.edu; PDF, 4,4 MB), S. iii f.
  7. Mario Draghi, Essays on Economic Theory and Applications, 1976 (Digitalisat via mit.edu; PDF, 4,4 MB), S. ii f.
  8. Robert Graham, Stephen Fidler und Alan Beattie, Briton Seen as Contender for IMF Managing Director Job, in: Financial Times, 24. Dezember 1999, S. 5.
  9. Ed Crooks, Frontrunner for IMF Job Faces Powerful Opposition, in: Financial Times, 17. Januar 2000, S. 11.
  10. James Blitz, Draghi is New Finance Chief, in: Financial Times, 27. Mai 2000, S. 9.
  11. a b c James Blitz, Italian Treasury Chief Resigns, in: Financial Times, 8. September 2001, S. 8.
  12. a b Peter T. Larsen und James Blitz, Mario Draghi to Join Goldman Sachs, in: Financial Times, 28. Januar 2002, S. 8.
  13. Carlo A. Ciampi, Mario Draghi: The Driving Force behind Privatisation, in: Financial Times, 10. Dezember 1997, Beilage „Italy: Industry and Finance“, S. III.
  14. a b G. Thomas Simsdec, Former Chief of Treasury Will Oversee Bank of Italy, in: New York Times (nytimes.com), 30. Dezember 2005, abgerufen am 9. März 2018.
  15. a b c d e Mario Draghi führt die Banca d’Italia, in: Neue Zürcher Zeitung, 30. Dezember 2005, S. 17.
  16. James Blitz, Telecom Italia Retail Offer Four Times Subscribed, in: Financial Times, 27. Oktober 1997, S. 21.
  17. James Blitz, Tommasi Quits Telecom Italia after Board Battle, in: Financial Times, 20. Februar 1998, S. 23.
  18. Goldman Sachs, PROFESSOR MARIO DRAGHI JOINS GOLDMAN SACHS, 28. Januar 2002, abgerufen am 10. März 2018.
  19. a b Tony Barber, Italy Looks to Draghi to Lift Bank’s Image, in: Financial Times, 30. Dezember 2005, S. 6.
  20. Katharina Kort, Italien beendet Notenbank-Krise, in: Handelsblatt, 30. Dezember 2005, S. 33.
  21. Tony Barber, Draghi Takes over as Italy Bank Chief, in: Financial Times, 17. Januar 2006, S. 7.
  22. Nikos Tzermias, Begrenzte Amtszeit für Fazios Nachfolger, in: Neue Zürcher Zeitung, 21. Dezember 2005, S. 19.
  23. Nikos Tzermias, Reformappell der Banca d’Italia, in: Neue Zürcher Zeitung, 1. Juni 2006, S. 19.
  24. Vor einer Konsolidierung im italienischen Banksektor, in: Neue Zürcher Zeitung, 24. August 2006, S. 29.
  25. Tony Barber, Italian Bankers Urged to Embrace Mergers, in: Financial Times, 13. Juli 2006, S. 8.
  26. Adrian Michaels, Way Clear for Consolidation in Banking Sector, in: Financial Times, 1. Juni 2006, S. 8.
  27. Nikos Tzermias, Fusionsfieber im italienischen Bankensektor, in: Neue Zürcher Zeitung, 15. November 2006, S. 23.
  28. Nikos Tzermias, Übernahme von Capitalia durch Unicredit, in: Neue Zürcher Zeitung, 21. Mai 2007, S. 13.
  29. a b Katharina Kort, Revolte im Palazzo Koch, in: Handelsblatt, 1. Juni 2007, S. 34 (auch online).
  30. Deutsche Bundesbank, Glossar, abgerufen am 10. März 2018, Eintrag „Finanzstabilitätsrat“.
  31. Norbert Häring, Ökonomen für Zinssenkung, in: Handelsblatt, 3. November 2008, S. 22.
  32. Tony Barber, Fiscal rules reform allows budget deficits to rise, in: Financial Times, 4. November 2008, S. 8.
  33. Finanzsystem stabilisiert sich global, in: Handelsblatt, 26. Juni 2009, S. 22.
  34. Ben Hall, Banks face restrictions on bonuses, in: Financial Times (FT.com), 15. September 2009, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  35. a b Guy Dinmore und Giulia Segreti, Draghi urges Italy to accept reform, in: Financial Times (FT.com), 31. Mai 2010, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  36. Vincent Boland und Guy Dinmore, Bank of Italy hits out at monitoring plan, in: Financial Times (FT.com), 17. März 2009, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  37. Giulia Segreti, Bank of Italy chief urges ‘foresight’, in: Financial Times (FT.com), 29. Mai 2009, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  38. Vgl. Izabella Kaminska, Subprime Italy?, in: Financial Times Alphaville (FT.com), 22. Juli 2009, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  39. Vincent Boland, UniCredit chief sure of support for revamp, in: Financial Times (FT.com), 17. März 2010, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  40. Nikos Tzermias, Viel Wirbel – wenig Reformen, in: Neue Zürcher Zeitung, 15. Oktober 2009, S. 25.
  41. Mario Draghi, Next steps on the road to financial stability, in: Financial Times (FT.com), 16. September 2010, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  42. Rachel Sanderson, Draghi sounds warning to Italian banks, in: Financial Times (FT.com), 27. Februar 2011, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  43. Vgl. Rachel Sanderson, Monte dei Paschi to raise €2.5bn in fresh capital, in: Financial Times (FT.com), 12. April 2011, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich); Patrick Jenkins, Rachel Sanderson und James Wilson, Lenders pressed on capital raising, in: Financial Times (FT.com), 6. April 2011, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  44. Katharina Korte, Super-Mario für die EZB, in: Handelsblatt, 30. September 2009, S. 19. Tags darauf beeilte er sich wohl zu betonen, Draghi damit nicht für die Nachfolge Trichets vorgeschlagen zu haben. Vgl. Draghi ja, Draghi nein, in: Handelsblatt, 1. Oktober 2009, S. 22.
  45. Tony Barber, Germany covets ECB presidency, say diplomats, in: Financial Times (FT.com), 17. November 2009, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  46. a b Gerrit Wiesmann, Ben Hall und Tony Barber, Berlin pushes Weber for top job at ECB, in: Financial Times (FT.com), 21. Januar 2010, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  47. Zweikampf um EZB-Spitze, in: Handelsblatt, 30. September 2009, S. 1.
  48. Paul Taylor, A Choice Between Early Candidates for E.C.B. Chief, in: New York Times (nytimes.com), 5. Oktober 2009, abgerufen am 6. März 2019,
  49. Paul Betts, The German dilemma to secure the ECB presidency, in: Financial Times (FT.com), 17. Februar 2010, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  50. Claudia A. Szalay, Axel Weber tritt zurück, in: Neue Zürcher Zeitung, 12. Februar 2011, S. 29.
  51. Claudia A. Szalay, Axel Weber zu den Beweggründen seines Rücktritts, in: Neue Zürcher Zeitung, 14. Februar 2011, S. 21.
  52. Gideon Rachman, The euro crisis, Italy and its playful premier, in: Financial Times (FT.com), 11. April 2011, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  53. Gerrit Wiesmann, Germany signals Draghi for top ECB post, in: Financial Times (FT.com), 20. April 2011, abgerufen am 6. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  54. Claudia A. Szalay, Druck Frankreichs auf Deutschland bei der EZB-Wahl, in: Neue Zürcher Zeitung, 27. April 2011, S. 26.
  55. Matthias Benz, Merkel macht den Weg frei für Draghi, in: Neue Zürcher Zeitung, 12. Mai 2011, S. 27.
  56. Claudia A. Szalay, EU-Ausschuss empfiehlt Draghi, in: Neue Zürcher Zeitung, 16. Juni 2011, S. 28.
  57. René Höltschi, Draghi wird neuer EZB-Chef, in: Neue Zürcher Zeitung, 25. Juni 2011, S. 27.
  58. a b c d Peter Spiegel und Ralph Atkins, Draghi confirmed as next ECB chief, in: Financial Times (FT.com), 24. Juni 2011, abgerufen am 11. März 2019 (nicht frei zugänglich).
  59. Claudia A. Szalay, Die Unabhängigkeit mit Füssen getreten, in: Neue Zürcher Zeitung, 25. Juni 2011, S. 28.
  60. Elena Panagiotidis, Draghi übernimmt EZB-Führung, in: Neue Zürcher Zeitung, 1. November 2011, S. 1.
  61. Draghi ärgert sich über Kritik – „Um Gottes Willen, der Italiener zerstört Deutschland“. In: Handelsblatt, 29. Dezember 2013; Mark Dittli: 33 Wörter, die die Welt veränderten. In: Tagesanzeiger, 25. Juli 2014.
  62. ECLI:EU:C:2015:400. In: Website des EuGH. Abgerufen am 30. Juli 2019.
  63. 2. Senat Bundesverfassungsgericht: Bundesverfassungsgericht - Entscheidungen - Verfassungsbeschwerden und Organstreitverfahren gegen das OMT-Programm der Europäischen Zentralbank erfolglos. 21. Juni 2016, abgerufen am 30. Juli 2019.
  64. Gastbeitrag in Il Sole 24 Ore
  65. Philip Plickert, Marcus Theurer, London: Personalwechsel in der EZB: Die neue rechte Hand von Mario Draghi. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 18. Februar 2019]).
  66. a b Marc Kowalsky: Machtnetz von Mario Draghi: Der deutsche Italiener in: Bilanz 14/11 vom 5. August 2011
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  68. Gunnar Beck: Draghis dubiose Verbindung zu Morgan Stanley, handelsblatt.com vom 10. Juni 2013
  69. http://europa.eu/rapid/press-release_CJE-12-156_de.htm
  70. Günther Lachmann / welt.de 12. Dezember 2012: Wie die Griechen sich in den Euro schummelten
  71. Älteste Bank der Welt Monte dei Paschi: Affäre erreicht EZB-Chef Draghi - SPIEGEL ONLINE
  72. manager-magazin.de 10. Februar 2013: Monte dei Paschi - Skandalbank bekommt Milliardeninfusion
  73. ARD-Tagesschau: EU-Bürgerbeauftragter führt Untersuchung gegen EZB-Chef: „Group of Thirty“ – für Draghi ein Interessenskonflikt? (Memento vom 2. August 2012 im Internet Archive)
  74. Ombudsman: Mario Draghi's membership of Group of Thirty does not undermine ECB Independence (Memento vom 10. Juli 2018 im Internet Archive)
  75. Abschlussbericht der EU Bürgerbeauftragten (Case: 1697/2016/ANA) (Memento vom 10. Juli 2018 im Internet Archive)