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Marino Sanudo

italienischer Historiker, Politiker und Tagebuchschreiber

Marino Sanudo (auch Marin Sanudo (il Giovane) oder Sanuto, deutsch Marino Sanudo der Jüngere; * 22. Mai 1466 in Venedig; † 4. April 1536 ebenda) war ein italienischer Historiker, Schriftsteller und Tagebuchschreiber. Er wird als Sanudo der Jüngere bezeichnet zur Unterscheidung von dem gleichnamigen Reisenden und Schriftsteller des 14. Jahrhunderts Marino Sanudo dem Älteren (1260–1338), der die Idee der Kreuzzüge wiedererwecken wollte.

LebenBearbeiten

Marin Sanudo wurde 1466 in Venedig im Pfarrbezirk von San Giacomo dall’Orio geboren. Die Familie besaß einen Palast am Canal Grande, wo sich heute der Fontego dei Turchi befindet.

Marins Vater Leonardo Sanudo, Senator der Republik, verstarb, als Marin Sanudo erst zehn Jahre alt war. Der Junge wurde von seiner Mutter und seinen Onkeln erzogen, erhielt eine sorgfältige humanistische Ausbildung und trat nach Abschluss seiner Studien zunächst in den Dienst der Republik. 1483 begleitete der Achtzehnjährige seinen Vetter Mario, der als einer von drei Sindici inquisitori zu einer Mission auf die Terraferma geschickt worden war, nach Bergamo und nach Albona in Istrien. Bei dieser Gelegenheit begann er, ein Reisetagebuch zu führen, aus dem später sein Buch Itinerario per la terraferma veneziana entstand.

Am 23. Oktober 1484 wurde er zum Großen Rat zugelassen, hatte also das aktive Wahlrecht sowie das passive Wahlrecht für die Ämter, in die er nach den Alterslimiten gewählt werden konnte.

Sanudo war mit Aldo Manuzio befreundet und Mitglied der Accademia Aldina.

SchriftenBearbeiten

 
Handschrift Sanudos aus einem Manuskript von 1521

Bereits in jungen Jahren stellte sich seine außerordentliche Produktivität als Schriftsteller heraus. Er schrieb u. a. verschiedene geschichtliche Bücher, eines über die Metamorphosen des Ovid, ein Buch über das Leben der Päpste, und er übersetzte den Liber secretorum fidelium crucis seines gleichnamigen Vorfahren Marino Sanudo des Älteren. 1484 verfasste er eine Chronik des Krieges mit Ferrara unter dem Titel Commentari della guerra di Ferrara. Berühmt wurde seine venezianische Chronik Vite dei Dogi (1490–1494) von den Anfängen der venezianischen Republik unter dem legendären Dogen Paoluccio Anafesto bis in seine Zeit. Über den Feldzug Karls VIII. von Frankreich schrieb er 1495 La spedizione di Carlo VIII in Italia.

All diese Werke gelten jedoch nur als Vorarbeiten zu seinen monumentalen Tagebüchern, den Diarii, in denen er täglich die Ereignisse in Venedig vom Januar 1496 bis zum September 1533 festhielt. Seine Freimütigkeit als Chronist brachte ihn dabei um die Stelle des amtlichen Historikers der Republik. 1531 erhielt nicht er, sondern Pietro Bembo den Staatsauftrag zur Abfassung einer Geschichte Venedigs. Die Diarien wurden vom Rat der Zehn unter Verschluss genommen und waren bis zur Auffindung im Jahr 1784 verschollen. Auch von seinen anderen Werken konnte er zu Lebzeiten nicht ein einziges veröffentlichen.

Die Vite dei Dogi waren dabei lange überhaupt nicht zugänglich. Sie galten bis 1843 als verschollen, als Girolamo Contarini di San Trovaso (auch Corfù oder degli Scrigni genannt) dem Staatsarchiv seine beachtliche Bibliothek vermachte. Allerdings tauchten von den drei Bänden, die Sanudo als „libri di la chronica“ in seinem Testament erwähnt, nur zwei wieder auf, nämlich der erste und der dritte Band.[1] Zudem gilt die von Muratori besorgte Edition als lückenhaft und unzuverlässig, da sie auf einer Handschrift aus dem 17. Jahrhundert basierte, die zu seiner Zeit als Original galt. Sie stammte aus Modena und weist erhebliche Mängel auf. Vom ersten Band ließ Francesco Donà eine Kopie anfertigen, die wiederum Emmanuele Antonio Cicogna von den Balbi-Erben erwarb. Um der leichteren Benutzbarkeit willen teilte er die Kopie in zwei Bände auf (mit der Signatur 1105 und 1106). Die Bände befinden sich heute im Museo Correr (mss. Cicogna 3768 und 3767). Inhaltlich reichen die beiden Bände bis ins Jahr 1474. Auf Anraten Cicognas wurde auch der zweite Modeneser Band 1840 kopiert. Der Glaube an ein Original zerstob drei Jahre später, als die beiden Autographe der Contarini auftauchten. Mit Hilfe des Cod. marciano It. VII. 125 (= 7460) ließen sich zudem die Teile des fehlenden zweiten Bandes für die Jahre 1423 bis 1482 ergänzen. Die Genauigkeit dieser Abschrift ließ sich durch Vergleich der überlieferten Teile Sanudos für die Jahre 1474 bis 1482 untersuchen, so dass diese Handschrift als äußerst zuverlässig gilt.[2] Schließlich wurden weitere Handschriften entdeckt, etwa in der Biblioteca Estense und in der British Library, aber auch in Venedig selbst. Sanudo wiederum standen zahlreiche Chroniken zur Verfügung, von denen Abschriften innerhalb der Adelsfamilien zirkulierten, und die er mitunter explizit als Quellenbasis nennt.

AusgabenBearbeiten

  • Rinaldo Fulin (Hrsg.): La spedizione di Carlo VIII in Italia, raccontata da Marin Sanudo. Venezia 1873.
  • Angela Caracciolo Aricò (Hrsg.): De origine, situ et magistratibus urbis Venetae, ovvero La Citta di Venezia (1493–1530). Istituto Cisalpino, La Goliardica 1980 (kritische Edition).
  • Diarii, hrsgg. von Fulin, Stefani, Barozzi, Berchet, Allegri, 56 Bände, Venedig 1879–1902; Auszug hrsg. von Paolo Margaroli, 1977.
  • Angela Caracciolo Aricò, Chiara Frison (Hrsg.): Marin Sanudo il Giovane: Le vite dei Dogi 1423–1474, 2 Bände, Venezia La Malcontenta, Venedig 1999–2004 (kritische Edition). (Digitalisat, Bd. 1)

LiteraturBearbeiten

  • Christiane Neerfeld: „Historia per forma di Diaria“. Venezianische Gegenwartschronistik um 1500. Diss. Bonn 2001, S. 27–43. Auch als „Historia per forma di diaria“. La cronachistica veneziana contemporanea a cavallo tra il Quattro e il Cinquecento (= Istituto veneto di scienze, lettere ed arti. Classe di scienze morali, lettere ed arti. Memorie, 114). Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, Venezia 2006, ISBN 88-88143-67-X
  • Marie Viallon-Schoneveld: Infortune et fortune d’un historiographe vénitien: Marin Sanudo. In: Marie Viallon-Schoneveld (Hrsg.): L’histoire et les historiens au XVIe siècle. Actes du VIIIe colloque du Puy-en-Velay. Publications de l’Université de Saint-Étienne, Saint-Étienne 2001, ISBN 2-86272-219-7, S. 27–41 (online; PDF; 198 KB).
  • Şerban Marin: Moldavia and Wallachia in Marino Sanudo’s Diaries (I: 1496-1500), in: Revista Arhivelor 2 (2010) 158–178.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Marino Sanudo d. J. – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Marin Sanudo – Quellen und Volltexte (italienisch)

AnmerkungenBearbeiten

  1. Angela Caraccolo Aricò (Hrsg.): Le Vite dei Doge. 1423–1474, Venedig 1999, S. VII–IX.
  2. Angela Caraccolo Aricò (Hrsg.): Le Vite dei Doge. 1423–1474, Venedig 1999, S. XV.