Maria di Rohan

Oper von Gaetano Donizetti
Werkdaten
Titel: Maria di Rohan
Originaltitel: Maria di Rohan o Il Conte di Chalais
Finalszene (1845)

Finalszene (1845)

Form: Melodramma tragico in drei Akten
Originalsprache: Italienisch
Musik: Gaetano Donizetti
Libretto: Salvatore Cammarano
Literarische Vorlage: Un Duel sous le Cardinal de Richelieu, Drama von Lockroy (1832)
Uraufführung: 5. Juni 1843
Ort der Uraufführung: Theater am Kärntnertor, Wien
Spieldauer: ca. 2 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Paris um 1625
Personen
  • Riccardo, conte di Chalais (Tenor)
  • Enrico, duca di Chevreuse (Bariton)
  • Maria, contessa di Rohan (Sopran)
  • Il Visconte de Suze (Bass)
  • Armando di Gondì (Tenor/Alt)
  • De Fiesque (Bass)
  • Aubry, Sekretär von Chalais (Tenor)
  • Ein Vertrauter von Chevreuse (Bass)
  • Kavaliere und Damen, Soldaten, Pagen, Diener (Chor)

Maria di Rohan ist eine tragische Oper (Originalbezeichnung: „melodramma tragico“) in drei Akten von Gaetano Donizetti. Die Uraufführung fand am 5. Juni 1843 im Theater am Kärntnertor in Wien statt.

HandlungBearbeiten

Erster AktBearbeiten

Saal des Louvre

Paris, zur Zeit Ludwigs XIII.: Maria di Rohan, eine gefeierte Kurtisane, steht im Vorzimmer des Königs und bangt um das Leben ihres Gatten, des Herzogs von Chevreuse, der von Kardinal Richelieu wegen eines Duells – Duelle waren damals streng verboten – zum Tode verurteilt worden ist. Sie bittet ihren früheren Geliebten, den Grafen Chalais, der sie noch immer verehrt, bei König Ludwig XIII. die Begnadigung ihres Mannes zu erwirken, was diesem auch gelingt. Zuvor allerdings fordert er Armando di Gondì, einen jungen Kavalier, der sich über Marias erotische Vergangenheit mokiert hat, zum Duell. Chevreuse, auf Chalais' Fürsprache hin begnadigt, tritt auf und stellt sich sogleich seinem Retter als Sekundant zur Verfügung. Maria aber hat sich wieder in Chalais verliebt, und die beiden erneuern ihre Liebschaft.

Zweiter AktBearbeiten

Ein Zimmer im Palast von Chalais

Chalais erwartet in seinem Palais die Stunde des Duells und schreibt für den Fall seines Todes einen Abschiedsbrief an Maria, den er seinem Diener Aubry aushändigt. Seine Geliebte erscheint, um ihn vor Richelieu zu warnen, der ihn beseitigen wolle und das bevorstehende Duell sicher als Anlass dazu nutzen werde. Da tritt Chevreuse ein, und Maria muss sich vor ihrem Gatten verstecken. Dieser begibt sich zum Ort des Zweikampfes, während Chalais noch bei Maria verweilt, die ihn beschwört, von dem Duell abzusehen. Inzwischen, so erfahren die beiden, hat sich Chevreuse bereit erklärt, sich anstelle des verspäteten Chalais mit Gondì zu schlagen.

Dritter AktBearbeiten

Saal im Haus von Chevreuse

Das Duell hat stattgefunden. Chevreuse wurde dabei leicht verletzt. Maria und Chalais suchen ihn in seinem Palais auf, während die Leute Richelieus nach Letzterem suchen. Chevreuse empfängt die beiden, erkennt aber nicht, in welchem Verhältnis sie tatsächlich zueinander stehen, und will Chalais zur Flucht vor den Soldaten verhelfen. Chalais verschwindet, nicht ohne Maria zuzuflüstern, er würde sie in einer Stunde abholen. Doch während dieser Stunde erfährt Chevreuse, wie die Dinge eigentlich liegen: De Fiesque, ein Häscher Richelieus, hat Chalais' Abschiedsbrief in dessen Haus gefunden und bringt ihn dem Herzog; der erbricht ihn und entdeckt mit einem Schlag die Affäre seiner Frau mit seinem einstigen Lebensretter, für den er wiederum soeben im Duell sein Leben riskiert hat. Heftige Eifersucht ergreift ihn. Maria, von Chevreuse zur Rede gestellt, gesteht unumwunden.

Nach Ablauf der Stunde taucht Chalais wieder auf. Sofort fordert ihn Chevreuse zum Duell, abseits der Bühne kommt es zum Kampf. Zwei Schüsse fallen. Chevreuse taucht wieder auf und erklärt den Leuten Richelieus, Chalais habe seinem Leben selber ein Ende gemacht. Dann wirft er Maria vor, durch ihren amourösen Lebenswandel alles verschuldet zu haben. Maria fällt auf die Knie und lässt ihrer Verzweiflung und Bestürzung freien Lauf.

GestaltungBearbeiten

InstrumentationBearbeiten

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[1]

MusikBearbeiten

Als eine seiner späten Opern gehört Donizettis Maria di Rohan zu seinen musikalisch reifsten Werken. Die schneidige Potpourri-Ouvertüre stellt die überaus eingängigen Hauptthemen vor, die nachher, teils variiert, in Soli und Tutti wiederkehren. Die Motivik changiert zwischen elegischem, nachdenklichem Narrativ und virtuoser, pathetischer Koloratur. Die Arien, unter ihnen viele prototypische Meisterstücke des Belcanto, glänzen durch flüssige Melodik und strahlende Virtuosität. Kontrastreiche Dynamik, elegante Themenführung und zügige Tempi zeichnen diese Oper aus und bringen den resoluten Charakter der Heroine, übrigens die einzige Frauenrolle – Armando wird seit der Pariser Erstaufführung im Herbst 1843 in vielen Aufnahmen von einem weiblichen Alt gesungen –, sowie den straffen, energischen Gestus der Handlung eindrucksvoll zur Geltung.

WerkgeschichteBearbeiten

Maria di Rohan ist Donizettis vierundsechzigste Oper. Erste Überlegungen Donizettis zu einer Oper über das Pariser Erfolgsstück von Lockroy, ein zeittypisches Melodram mit mehr oder weniger exaktem historischem Bezug, reichen bis ins Jahr 1837, als er den erprobten Librettisten Salvatore Cammarano um einen Text bat. Cammarano entwarf auch ein Libretto, das indessen zunächst von Giuseppe Lillo, allerdings mit geringem Erfolg, vertont wurde (Il conte di Chalais, 1839). Erst Anfang der 1840er Jahre griff Donizetti den Stoff auf und schrieb seine Oper Maria di Rohan.

Sie wurde am 5. Juni 1843 im Theater am Kärntnertor zu Wien uraufgeführt. Die Titelpartie sang Eugenia Tadolini, die beiden Protagonistenrollen Carlo Guasco (Riccardo) und Giorgio Ronconi (Enrico).[2] Weitere Mitwirkende waren Friedrich Becker (Visconte di Suze), Michele Novaro (Armando di Gondì), Gustav Hölzel (De Fiesque), Anton Müller (Aubry) und Friedrich Baldewern (Vertrauter).[3] Die Produktion wurde von der Wiener Kritik positiv aufgenommen.

In den folgenden zwanzig Jahren wurde die Oper in ganz Europa viel gespielt, bis der Stern Donizettis, wie der des Belcanto überhaupt, im Lichte Verdis, Wagners und Gounods verblasste. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts fand Maria di Rohan neues Interesse und wurde mehrmals eingespielt.

Historischer HintergrundBearbeiten

 
Marie de Rohan-Montbazon, das historische Vorbild der Heroine Donizettis

Marie de Rohan-Montbazon, duchesse de Chevreuse (1600–1679) war eine der berühmtesten, einflussreichsten und umstrittensten Kurtisanen ihrer Zeit. Auch der Herzog von Chevreuse (Claude de Lorraine aus dem Haus Guise) und der Graf Chalais (aus dem Haus Talleyrand-Périgord) sind historische Personen, wie auch über der ganzen Handlung der unsichtbare Schatten Richelieus und der Machtkämpfe am französischen Hof zur Zeit Ludwigs XIII. schwebt. Die politische Rahmenhandlung bildet der Konflikt zwischen dem allmächtigen Kardinal und der Hofpartei, der sich besonders in der Duellproblematik konkretisiert: Richelieu hatte, im Zeichen der strikt rationalistischen Lehre vom staatlichen Gewaltmonopol, die tief in die kriegerisch-feudalen Gewohnheitsrechte der Aristokratie einschnitt, den Austrag von Zweikämpfen unter Todesstrafe gestellt und ließ Übertretungen unnachsichtig verfolgen.

Ebendieses Verbot wird in der Oper verletzt, und zwar ausgerechnet um einer Frau willen, die in ihrer Person die ganze Opposition gegen das rigide frühabsolutistische Regiment des Premierministers symbolisiert: als Spross einer hochadeligen Familie mit starkem legitimistischem Selbstbewusstsein, als stolze Gattin eines entlassenen Ministers und leidenschaftliche Geliebte eines oppositionellen Kavaliers und nicht zuletzt als Frau, die selbstbewusst und ohne Scheu ein gefühlsbetontes, sexuell freizügiges Leben führt und sich dabei weder durch sittlich-klerikale Konventionen noch durch politische Macht in die Schranken weisen lässt.

Die Oper Maria di Rohan steht so auch in ihrer eigenen zeitgenössischen Tradition, die sich nach dem klassizistischen Empire-Stil wieder auf neuzeitliche Stoffe besann, aus welchen sie vor allem ein Themengespann immer wieder, in verschiedener Nuancierung, herausarbeitete: Ehre und Liebe. Beide Topoi stehen im Zentrum dieser schlanken, ungewöhnlich geradlinigen und pointierten Handlung, die die Auseinandersetzung mit dem Richelieu-Duell-Komplex etwa mit Victor Hugos Marion de Lorme (1829) gemeinsam hat.

AufnahmenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • William Ashbrook: Donizetti and his Operas. Cambridge 1982.
  • Robert Steiner-Isenmann: Gaetano Donizetti. Sein Leben und seine Opern. Bern 1982.
  • Guglielmo Barblan: Gaetano Donizetti. Bergamo 1983.

WeblinksBearbeiten

 Commons: Maria di Rohan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Norbert Miller: Maria di Rohan. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 2: Werke. Donizetti – Henze. Piper, München / Zürich 1987, ISBN 3-492-02412-2, S. 45.
  2. Michael Jahn: Wiener historischer Opernführer. Band 1. Der Apfel, Wien 2009, ISBN 978-3-85450-171-8.
  3. 5. Juni 1843: „Maria di Rohan“ im Almanacco von Gherardo Casaglia, abgerufen am 28. Juli 2019.